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3. Dezember 2007, 15:08 Uhr

Atomausstieg wird für SPD zum Flop

Die Energiekonzerne in Deutschland können frohlocken: Selbst die SPD hat eingesehen, dass in dieser Legislaturperiode entgegen der Planung kein Kernkraftwerk abgeschaltet wird. Die Union bringt sich für den Ausstieg vom Ausstieg in Stellung. Von Marcus Gatzke

Das Vattenfall-Kraftwerk Brunsbüttel© Fabian Bimmer/AP

Gut genutzt hat Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) die Störfälle in den Kernkraftwerken (KKW) Brunsbüttel und Krümmel, um gegen diese Form der Energieerzeugung in Deutschland Stimmung zu machen. Seine Strategie, die Betreiber als unsichere Gesellen in der Öffentlichkeit zu brandmarken, könnte sich jedoch als Bumerang erweisen.

Brunsbüttel liegt nach den Vorfällen und der heftigen öffentlichen Debatte seit Monaten still – und damit auch die Restlaufzeit für das Kraftwerk. Dem Atomkonsens zufolge sollte es ursprünglich Anfang 2009 komplett vom Netz gehen. Durch die technischen Pannen kann Brunsbüttel - auch wenn es in Kürze wieder ans Netz gehen sollte, was nicht wahrscheinlich ist - mindestens bis Oktober 2009 laufen.

"Tür steht weiter auf"

Betreiber Vattenfall kann damit getrost den Ausgang der kommenden Bundestagwahl abwarten und auf andere Mehrheiten im Bundestag hoffen. Der Antrag und die prompte erfolgte Ablehnung des Umweltministeriums, Reststrommengen von Mülheim-Kärlich auf Brunsbüttel zu übertragen, um das Kraftwerk über die Legislaturperiode hinaus zu retten, ist zumindest bis zur nächsten Wahl obsolet.

Vattenfall gibt sich trotz der positiven Entwicklung zurückhaltend. "Die Tür steht einen Spalt weiter auf als bisher", sagte Konzern-Sprecher Ivo Banik. Die Argumente würden "anders gewichtet und die CO2-freie Atomkraft bekommt angesichts der Klimadebatte mehr Raum". Trotzdem will das Unternehmen an seinen Anträgen zur Umverteilung der Reststrommengen festhalten: "Wir machen unseren Anspruch weiter geltend."

Ähnlich ist die Situation beim RWE-Reaktor Biblis A in Hessen, der ebenfalls seit Monaten still liegt und als einer der ersten vom Netz gehen sollte. Die Blöcke A und B in Biblis waren im Herbst 2006 wegen tausender falsch montierter Spezialdübel heruntergefahren worden. Während Block B seit dem Wochenende wieder läuft, ist eine Genehmigung für den älteren Block A nicht in Sicht.

"Wir können den Reaktor in Biblis so lange fahren, dass wir mit den Restlaufzeiten über die nächste Bundestagswahl kommen", sagt RWE-Chef Jürgen Großmann dem "Spiegel". "Und dann gibt es vielleicht ein anderes Denken in Bevölkerung und Regierung." Bislang sind nur die Anlagen Stade (November 2003) und Obrigheim (Mai 2005) vom Netz gegangen.

"Sicherheit vor Betrieb"

Das Umweltministerium ist sich der Entwicklung bewusst, kann aber nicht wirklich etwas unternehmen. "Dass in dieser Legislaturperiode kein Krenkraftwerk abgeschaltet wird, ist nicht ausgeschlossen", sagte der parlamentarischer Staatssekretär Michael Müller (SPD). Biblis A und Brunsbüttel seien "an der Grenze". Er sei deshalb auch enttäuscht: "Es wäre ein wichtiges Signal gewesen", sagte Müller. "Aber letztlich geht Sicherheit vor Betrieb."

In der Union reiben sich die Befürworter der Kernkraft schon die Hände: "Der Ausstieg aus der Kernenergie findet in dieser Legislaturperiode nicht mehr statt", sagte Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Dietrich Austermann (CDU). "Gabriel wird es nicht schaffen, ein KKW abzuschalten - für die Umwelt ist dies im Hinblick auf den damit eingesparten CO2-Ausstoß auch gut so."

Warten auf den Wechsel

Sollte es 2009 zu einem Regierungswechsel kommen, werde über die Anträge zur Verlängerung der Laufzeiten "komplett neu entschieden", sagte Austermann. "Ich bin klar dafür, sie zu verlängern." Der CDU-Politiker kündigte an, dass "die Betriebserlaubnis für Brunsbüttel in den kommenden Wochen erteilt wird". Es könne nicht sein, dass "funktionierende Kernkraftwerke abgeschaltet werden". Brunsbrüttel ist für Austermann "ein funktionierendes Kraftwerk".

Staatssekretär Müller warnte im Gegenzug vor einer Debatte über den Ausstieg vom Ausstieg. "Dann haben wir wieder innenpolitischen Krieg, die alten Fronten werden wieder aufgemacht." Der SPD-Politiker übte auch Kritik am Verhalten der Energiekonzerne: Sie hätten den Atomkonsens nicht aus Überzeugung unterzeichnet, sondern allein aufgrund von politischem Druck. "Sie stehen nicht dazu", sagte er. "Das zeigt, dass mit man mit den Unternehmen nur begrenzt Verträge abschließen kann."

Von Marcus Gatzke
 
 
KOMMENTARE (10 von 10)
 
RomanTicker (04.12.2007, 08:03 Uhr)
Atomkraft
Die derzeitigen Atomkraftwerke sind ein Sicherheitsrisiko und produzieren Atommüll, der noch lange ein Problem darstellen wird. Hinzu kommt, dass moderne, wirklich umweltfreundliche Technologien wie z.B. Erdwärme nicht ordentlich erforscht und vorangetrieben werden. Nur wenn man den Energieversorgern die schädlichen Möglichkeiten nach und nach verbietet, wird in Alternativen investiert.
gmathol (04.12.2007, 00:28 Uhr)
Technologie-Loesungen.
Hausbesitzer koennen heute schon auf Photovoltaik und Brennstoffzelle umsteigen, die Technologie gibt und ist bezahlbar allerdings sind Investitionen in Hoehe von 65-80 Euro erforderlich, um vom Stromlieferanten unabhaengig zu werden. So nebenbei wird es im naechsten Jahr auch ein Brennstoffzellenfahrzeug (japanisch) geben, waere es nicht schoen seine eigene Tankstelle zu betreiben?
Statt lamentieren ist Handeln gefragt.
gmathol (04.12.2007, 00:24 Uhr)
Atomausstieg hat sich erledigt.
Selbst die Gruenen stehen nicht mehr dahinter.
Die Probleme bleiben allerdings: Endlagerung und auch die Bereitstellung von Nuklear-Material ist wegen knapper Resourcen nur durch den Einstieg in die Plutonium-Wirtschaft klar.
Hier wuerde nur eine namentliche Abstimmung in der deutschen Bevoelkerung Klarheit schaffen. Man muss allerdings dann auch Konsequenzen aus der Entscheidung dann akzeptieren.
ganzbaf (04.12.2007, 00:00 Uhr)
Wir müssen raus aus der Wirtschaftswachstumsfalle...
...und uns gesundschrumpfen! Dann brauchen wir auch weniger Energie.
Ewiges Wachstum ist "milchmädchen" und so bösartig, wie eine Geschwulst. Nur der real existierende Räuberkapitaismus mit seiner maßlosen Zinseszinswirtschaft braucht diesen selbstzersörerischen Wahnsinn. Wir benötigen ein ganz neues Wirtschaftsmodell, das vor allem eins sein muß,
NACHHALTIG.
trumpettobi (03.12.2007, 23:38 Uhr)
Wer sucht denn da schon wieder Wählerstimmen?
Da wird doch nur ein Riesentamtam um Nichts gemacht. Um die Umwelt gehts im Atomenergieausstieg ganz sicher nicht. Bei der Kohle wird CO2 ohne Ende rausgeschleudert und das interessiert niemand. Wieso will keiner einen Ausstieg aus dieser umweltschädlichen Energiegewinnung? Arbeitsplätze-Wählerstimmen.... es geht doch in der Politik immer ums gleiche, wann gewinnt wer die nächste Wahl...traurig
mojo.man (03.12.2007, 22:55 Uhr)
Ausstieg ist ja ...
... schön und gut. Aber welche Alternativen haben wir um unseren Energiebedarf zu decken? Die fossilen Brennstoffe sind es sicher nicht. Die regenrativen Energiequellen können noch nicht effizient genug genutzt werden und die Anlagen fehlen.
So traurig wie es ist aber Atomenergie ist derzeit das Beste was wir zu bieten haben.
R0Li84 (03.12.2007, 19:03 Uhr)
Ausstieg sinnlos!
Ein Ausstieg aus der Atomenergie ist momentan ähnlich sinnlos, als wenn man sich ein paar Sandalen kauft und damit auf den Weihnachtsmarkt geht.
Die einzige wirkliche Alternative, die eine zuverlässige Energieversorgung (Strom) darstellen würde ist die Energiegewinnung aus fossilen Brenstoffen und diese ist definitiv nicht sauberer als Atomkraft, zweitens sind dafür meiner meiner Meinung nach die eh schon begrenzten Brennstoffe zu schade.
Sobald ein gutes, funktionierendes und rechnerisch durchdachtes Modell vorliegt, wie der derzeitige Energiebedarf ohne Atomkraft gedeckt werden kann, darf gerne wieder über einen Ausstieg diskutiert werden.
Bis dahin sollte man diese Idee lieber verwerfen und die Laufzeiten für die Atomkraftwerke auf unbestimmte Zeit zu verlängern.
bR4iNST0RM (03.12.2007, 17:37 Uhr)
Ein Hoch auf unsere Kapitalisten!
Was interessiert die CDU Nachhaltigkeit? Die fetten Gewinne sind zu reizend, für solch altersschwache Politbonzen. Abgesehen davon ist das, mal wieder, ein schöner Schlag ins Gesicht der Wähler. Das freut den Abgeordneten und sorgt für gute Laune im Bundestag. Und darum geht es der Merkel: Spiel, Spaß und Spannung für „unseren“ Kinderbundestag. Bei solchen Aussichten fängt selbst der knurrige Beck an zu strahlen wie ein Honigkuchenpferd!
erichmonika (03.12.2007, 17:04 Uhr)
Gewinne, Gewinne, Gewinne

Der Ausstieg aus der Atomenergieerzeugung ist solange fällig, bis die Endlagerung des radioaktiven Mülls geklärt ist. ich sehe da keine Möglichkeit und wollen wir wirklich den Nachfolgenden diese Bürde auferlegen und Generationen mit dem strahlenden Schrott belasten?
Die CDU handelt nachhalteig schädlich, wenn sie diesen Irrsinn mitmacht.
ganzbaf (03.12.2007, 17:03 Uhr)
Atomkraftwerke müssen sofort alle abgeschaltet werden!
Die verseuchen die Umwelt und vergiften die Menschen. Soll man halt den nutzlosen Exportweltmeistertitel Deutschlands opfern: Wirtschaft minus 50% = 50% weniger Energiebedarf = 50% weniger CO² und 50% weniger Arbeitslose!(*:
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