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Eine Geschichtsstunde bei Joschka Fischer

Rot-Grün unter Schröder, der Beginn des Afghanistankrieges, das Nein zum Irakkrieg: Joschka Fischer hat viel erlebt. In seinem neuen Buch erzählt der ehemalige Außenminister davon. An politischem Know-How hat der Diplomat nichts eingebüßt - er will noch immer viel bewegen.

Von David Bedürftig, Berlin

Die linke Hand stemmt er auf den Tisch. Die rechte gestikuliert wild. Joschka Fischer, die Miene ernst, beugt sich vor - hält sich zurück, nicht zu schreien. Energisch redet er auf die Zuhörer ein: "Saddam Hussein ist ein furchtbarer Diktator." Aber, er wechselt gekonnt ins Englische, "excuse me, I am not convinced" - ich bin nicht überzeugt.

Nein, Fischer spricht nicht zu den Journalisten auf seiner Buchvorstellung in Berlin. Als Noch-Außenminister wendet er sich 2003 mit diesen Worten an die Experten auf der Münchner Sicherheitskonferenz - unter ihnen der US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Ihn adressiert Fischer besonders. Denn seine Gründe für den Irakkrieg sind es, die den damaligen Vize-Kanzler "nicht überzeugen". Joschka Fischer sagt Nein zum Angriff auf das Regime aus Bagdad - Worte, die heute noch dröhnen, wenn Politiker vom Widerstand des good old Europe gegen den Irakkrieg sprechen. Nun zieren sie auch den Titel Joschka Fischers neuen Buches: "'I am not convinced'". Es ist das zweite in seiner Memoirenreihe nach dem Erstling "Die rot-grünen Jahre. Deutsche Außenpolitik - vom Kosovo bis zum 11. September".

"Colin Powell ist mein Freund geworden"

Die Präsentation von Fischers Werk verläuft weitaus ruhiger als die politische Abreibung von 2003. Gemütlich schlürft der Autor im zweiten Stock der Berliner Akademie der Künste einen Kaffee - in der Ferne sieht man den Bundestag. Die Fahnen wehen im Wind, doch beim einstigen Staatsmann scheint keine Nostalgie aufzukommen. Locker tratscht er ein bisschen mit den Veranstaltern, dann geht es rein in einen geräumigen Glaskasten, der für die nächste Stunde als Klassenraum dient. Der Geschichtsprofessor heißt heute Joschka Fischer und der hat viel zu erzählen - den Oberlehrer mimt er dabei glücklicherweise nicht. Braucht er auch gar nicht: Als ehemaliger Politiker könne man Inneres ungeniert nach Außen tragen, sagt Fischer verschmitzt. Er ist entspannt, macht Witze. Zu Beginn seiner Buchvorstellung stellt er gleich klar: "Ich habe das selbst gemacht, keine Hilfe." Der Seitenhieb auf Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg kommt gut an bei den ihm aufmerksam lauschenden Besuchern. "Auf Fußnoten habe ich verzichtet." Lacher. Doch der einstige Diplomat von Weltformat ist nicht gekommen, um Spaß zu haben - und steigt zügig ein in die Geschichtsstunde. Das Lehrbuch: "'I am not convinced' - Der Irak-Krieg und die rot-grünen Jahre".

"Nein", die Memoiren von George W. Bush und Donald Rumsfeld habe "ich nicht gelesen, weil ich die Lügen satt bin". "Die Verdrehungen von Tatsachen" rückt Fischer in seinem Buch gerade. Im Vorfeld des Irakkrieges habe die rot-grüne Regierung arg an dem Informanten "Curveball" gezweifelt. Dieser hatte dem Bundesnachrichtendienst und der US-Regierung Auskünfte über die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak zugespielt - Aussagen, die "Curveball" selbst an diesem Mittwoch als Lügen enttarnte.

Der Autor beschreibt in seinem Buch das sich auf diesen Informationen aufbauende Dilemma ausführlich - fast zwei Drittel der 372 Seiten widmet er dem Kapitel Irak und deutsch-amerikanisches Zerwürfnis. "Curveball" hätte recht haben können, oder nicht: "Wir wussten es nicht", sagt Fischer heute. Drei voneinander unabhängige Aussagen hätte es gebraucht, um das Vorhandensein von Massenvernichtungswaffen zu beweisen. Die USA waren offensichtlich anderer Meinung.

"Ich war nicht schlecht erstaunt, als ich Colin Powell im Sicherheitsrat hörte", erinnert sich der frühere Grünen-Chef. Der amerikanische Außenminister hatte wie von Geisterhand aus der alles andere als lupenreinen Zeugenaussage eine Lage der harten Fakten geformt. Das war im Januar 2003 - es begann die "heißeste Phase des Irakkriegs". Im Februar auf der Münchner Sicherheitskonferenz ist Joschka Fischer "not convinced" und das fröstelnde deutsch-amerikanische Verhältnis friert gänzlich ein. Den Irakkrieg kann aber auch der einstige Bundesaußenminister nicht verhindern. Heute sagt er, es war "ein gewollter Krieg" der USA. Dennoch sei Colin Powell ein großartiger Mensch: "Wir sind Freunde geworden."

Ein Privileg, mit Gerhard Schröder zu arbeiten

Mit Gerhard Schröder, eine der Hauptpersonen in "Der Irak-Krieg und die rot-grünen Jahre", rasselte Fischer damals das erste Mal so richtig aneinander. Der Ex-Kanzler hatte im niedersächsischen Wahlkampf getönt, man werde niemals an einem Irakkrieg teilnehmen. Diplomat Fischer biss sich ob der daraus folgenden Handlungsstarre nicht nur einmal auf die Zunge. Die Angst, im Sicherheitsrat als Kriegsgegner allein dazustehen, war groß: "Was wenn Frankreich und die anderen doch zustimmen?", ruft er sich die damaligen Befürchtungen vor Augen. "Das waren heftige Zeiten zwischen Kanzler und Vize-Kanzler."

Trotzdem war es, so Fischer, ein Privileg mit Schröder nah zusammen zu arbeiten. Und überhaupt: "Rot-Grün hat vieles geleistet". Auch innenpolitisch geht es in seinem Buch zu. Mit Schritten in Richtung der Arbeitsmarktreform, der gleichgeschlechtlichen Ehe und der Neuaufstellung der Energie habe man "Weichenstellungen vorgenommen, die über den Tag hinaus gelten". Dieses Denken will Joschka Fischer der heutigen Regierung, und auch der Opposition, nicht attestieren. Mit trauriger Stimme und leidenden Augen erkennt der frühere Spitzenpolitiker in beiden Lagern "mangelndes Interesse", weitsichtige strategische Ziele zu verfolgen.

Natürlich seien die Herausforderungen heute andere, "viel hat sich seit 2005 verändert" - Fischer lenkt die Geschichtsstunde auf aktuelle Geschehnisse. Der Aufstieg der großen Schwellenländer, besonders Chinas , sei ein "Epochenvorgang", der die "europäisch-amerikanische Dominanz in unseren Tagen" beenden würde. "G 8 ist out - G 20 zählt heute": aus den Autor-Augen blitzt nun wieder der Top-Diplomat - der Europäer. Viele Anglizismen mischen sich in seine Sätze, während er für ein starkes Europa eintritt. "Wo wollen wir hin?", fragt Fischer. Pause. Um nicht als "Spielball der großen Interessen" zu enden, müsse die europäische Gemeinschaft vehement gefördert werden.

Die Jüngeren übernehmen

Schließlich endet die Geschichtsstunde mit einem väterlichen Rat - und einem Seitenhieb auf Schwarz-Gelb: "Man ist an der Regierung, um zu führen." Seine Zeit sei vorbei, sagt der Ex-Politiker bedächtig, nun "machen das die Jüngeren. Sie werden Fehler machen, aber auch vieles richtig." Wohin jetzt also, Deutschland? Erstmal raus auf den Schulhof - in Joschka Fischers politischen Erzählungen schmökern und daraus lernen.

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