Er schimpft über die Urteile gegen Grenzsoldaten und hält die DDR für einen Staat des Friedens: Egon Krenz hat sein neues Buch vorgestellt - vor einem sehr dankbaren Publikum. Bei dieser Gelegenheit erklärte er auch, warum der 9. November 1989 für ihn kein Tag zum Feiern war. Von Sebastian Christ

Egon Krenz, der letzte SED-Chef, stellt in Berlin sein Buch "Gefängnis-Notizen" vor© Michael Kappeler/ddp
Das Verlagshaus des Neuen Deutschlands ähnelt einem gigantischen Aktenschrank, der von Gott aus lauter Zorn auf eine Wiese in der Nähe des Berliner Ostbahnhofs geschleudert wurde. Es gibt keine Balkone, keine Zierelemente an den Fassaden, dafür Kassettenfenster und Stahlrippenstrukturen. Vor dem Gebäude steht ein weit hervor hängendes Vordach aus Beton, das wie eine stillgelegte Ordnerrutsche aussieht. Und ringsum recken sich Hochhäuser, deren erleuchtete Fenster abends mehr Farbe verstrahlen als alles andere in dieser Gegend. An kaum einen Ort in der Hauptstadt ist die alte, verstorbene DDR noch derart real zementiert wie am Franz-Mehring-Platz. Genau hier stellt Egon Krenz am Mittwochabend sein neues Buch vor: "Gefängnis-Notizen".
Der Münzenbergsaal im Verlagsgebäude ist bis auf den letzten Platz belegt. Jemand hat einen Schriftzug an den Zwischentür geklebt: "Ausverkauft!!!" Die letzten Karten sind eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn weggegangen. Manche müssen stehen, einige Medienvertreter nehmen auf den Fensterbänken Platz. Krenz sitzt an einem Linoleum-Tisch auf einem Stahlrohrstuhl, er wird vorgestellt. Dann legt der ehemalige DDR-Spitzenfunktionär los. Zuerst lästert er über Angela Merkel, kommt aber schon Sekunden später ohne Umschweife zum Kernsatz des Abends: "Was ist denn das für eine Gesprächskultur am Anfang eines solchen Jahres? Ganze Gruppen werden ausgegrenzt, weil sie sich anders erinnern."
Im Saal ist es still. Hier lauscht heute ein Paralleldeutschland, das sich meistens versteckt hält. Ein stetig alterndes Land, das vor 20 Jahren die Luft angehalten hat. Dessen Nationalfarbe Steingrau ist. Grau wie die Haare der meisten Gäste, grau wie die Jackets, grau wie die Pullover, grau wie das Gebäude des Neuen Deutschlands. Wenn es im Raum Farben gibt, dann sind sie gedeckt: Zartblau, Blassgrün, Anthrazit. Von hinten sieht man Haarkränze, auch kreisrunden oder gar totalen Haarausfall. Viele der Damen haben Fönfrisuren, so wie sie in den 80er Jahren modern waren. Die meisten Gäste im Saal haben in der DDR ein halbes Erwachsenenleben verbracht. In welchem Beruf? Darüber reden viele nicht so gerne. Was ihnen jedoch wichtig ist: Niemand hat das Recht, ihnen dieses halbe Leben zu stehlen.
Von Egon Krenz weiß man, was er in der DDR gemacht hat: Chef der Jugendorganisation FDJ, Politbüromitglied und im Jahr 1989 für wenige Wochen Staatsratsvorsitzender der DDR. Er braucht sich mit seiner Biografie nicht zu verstecken, es hätte keinen Sinn. Sein Gesicht ist bekannt, er war am 9. November 1989 Staatschef der Deutschen Demokratischen Republik. Wenn einer die Interessen des steingrauen Paralleldeutschlands vertreten kann, dann der "Genosse Egon".
Seine Einführungsrede gleicht einer Predigt. Er spielt mit seiner goldumrandeten Brille. "Welche Rolle spielt denn heute noch das Volk? Noch nicht einmal das Versprechen wurde eingelöst, dass nach 1990 über ein neues Grundgesetz beraten würde." Krenz lässt sich selbst kaum Zeit, um Luft zu holen. "Die 68er-Verfassung der DDR war die einzige, die vom Volk beraten wurde und die letztlich in einer Volksabstimmung angenommen wurde." Das Publikum klatscht. "Ich brauchte nicht erst Herrn Kinkel um zu wissen, was mit mir passiert, wenn die Bundesrepublik Zugriff auf die DDR bekommt. Ich habe auch im Gefängnis nach dem Motto gelebt: Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt."
Im Saal sieht man immer wieder nickende Köpfe. Krenz ist heute Abend derjenige, der sich das auszusprechen traut, was viele denken. Egal, ob das richtig oder falsch ist. Krenz arbeitet nicht auf, sondern sich selbst ab. An seinen großen und kleinen Gegnern, an der Bundesrepublik, an allen, die ihn und seine Leute in den vergangenen Jahren wegen der Verbrechen in der DDR abgeklagt haben. Es ist fast unheimlich: Jeder fühlt sich in diesem Saal im Recht. Als ob nichts gewesen sei. Kein Wort über die Mauertoten, kein Wort zur Stasi, kein Wort zur Beschneidung der Menschenrechte.
Als er einige Minuten später Bundespräsident Horst Köhler kritisiert, ist dutzendfach ein leises, kehliges Lachen zu hören. Laut genug, um als Zustimmungsgeste wahrgenommen zu werden und leise genug, um den Vortrag nicht zu stören. "Wenn schon die DDR-Geschichte nicht verklärt werden darf", sagt Krenz, "warum schließt Köhler dann nicht auch die Geschichte der alten und der neuen Bundesrepublik mit ein?" Seine Frage ist rhetorisch gemeint. Die Antwort gibt er selbst: "Mein Vorschlag für dieses Jahr: Machen wir die DDR nicht schlechter, als sie war, und die Bundesrepublik nicht besser, als sie ist." Sein Urteil über die Deutsche Demokratische Republik: "Ein Staat, der nie Krieg auf deutschem Boden geführt hat, der hat es verdient, besser behandelt zu werden."
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