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12. Februar 2009, 10:20 Uhr

Egon Krenz und sein Paralleldeutschland

Er schimpft über die Urteile gegen Grenzsoldaten und hält die DDR für einen Staat des Friedens: Egon Krenz hat sein neues Buch vorgestellt - vor einem sehr dankbaren Publikum. Bei dieser Gelegenheit erklärte er auch, warum der 9. November 1989 für ihn kein Tag zum Feiern war. Von Sebastian Christ

Egon Krenz, Gefängnis-Notizen, Buchvorstellung, DDR, Stasi, Mauertote, Unrecht, Kommunismus, 1989

Egon Krenz, der letzte SED-Chef, stellt in Berlin sein Buch "Gefängnis-Notizen" vor© Michael Kappeler/ddp

Das Verlagshaus des Neuen Deutschlands ähnelt einem gigantischen Aktenschrank, der von Gott aus lauter Zorn auf eine Wiese in der Nähe des Berliner Ostbahnhofs geschleudert wurde. Es gibt keine Balkone, keine Zierelemente an den Fassaden, dafür Kassettenfenster und Stahlrippenstrukturen. Vor dem Gebäude steht ein weit hervor hängendes Vordach aus Beton, das wie eine stillgelegte Ordnerrutsche aussieht. Und ringsum recken sich Hochhäuser, deren erleuchtete Fenster abends mehr Farbe verstrahlen als alles andere in dieser Gegend. An kaum einen Ort in der Hauptstadt ist die alte, verstorbene DDR noch derart real zementiert wie am Franz-Mehring-Platz. Genau hier stellt Egon Krenz am Mittwochabend sein neues Buch vor: "Gefängnis-Notizen".

Der Münzenbergsaal im Verlagsgebäude ist bis auf den letzten Platz belegt. Jemand hat einen Schriftzug an den Zwischentür geklebt: "Ausverkauft!!!" Die letzten Karten sind eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn weggegangen. Manche müssen stehen, einige Medienvertreter nehmen auf den Fensterbänken Platz. Krenz sitzt an einem Linoleum-Tisch auf einem Stahlrohrstuhl, er wird vorgestellt. Dann legt der ehemalige DDR-Spitzenfunktionär los. Zuerst lästert er über Angela Merkel, kommt aber schon Sekunden später ohne Umschweife zum Kernsatz des Abends: "Was ist denn das für eine Gesprächskultur am Anfang eines solchen Jahres? Ganze Gruppen werden ausgegrenzt, weil sie sich anders erinnern."

Haarausfall und Fönfrisur

Im Saal ist es still. Hier lauscht heute ein Paralleldeutschland, das sich meistens versteckt hält. Ein stetig alterndes Land, das vor 20 Jahren die Luft angehalten hat. Dessen Nationalfarbe Steingrau ist. Grau wie die Haare der meisten Gäste, grau wie die Jackets, grau wie die Pullover, grau wie das Gebäude des Neuen Deutschlands. Wenn es im Raum Farben gibt, dann sind sie gedeckt: Zartblau, Blassgrün, Anthrazit. Von hinten sieht man Haarkränze, auch kreisrunden oder gar totalen Haarausfall. Viele der Damen haben Fönfrisuren, so wie sie in den 80er Jahren modern waren. Die meisten Gäste im Saal haben in der DDR ein halbes Erwachsenenleben verbracht. In welchem Beruf? Darüber reden viele nicht so gerne. Was ihnen jedoch wichtig ist: Niemand hat das Recht, ihnen dieses halbe Leben zu stehlen.

Von Egon Krenz weiß man, was er in der DDR gemacht hat: Chef der Jugendorganisation FDJ, Politbüromitglied und im Jahr 1989 für wenige Wochen Staatsratsvorsitzender der DDR. Er braucht sich mit seiner Biografie nicht zu verstecken, es hätte keinen Sinn. Sein Gesicht ist bekannt, er war am 9. November 1989 Staatschef der Deutschen Demokratischen Republik. Wenn einer die Interessen des steingrauen Paralleldeutschlands vertreten kann, dann der "Genosse Egon".

Seine Einführungsrede gleicht einer Predigt. Er spielt mit seiner goldumrandeten Brille. "Welche Rolle spielt denn heute noch das Volk? Noch nicht einmal das Versprechen wurde eingelöst, dass nach 1990 über ein neues Grundgesetz beraten würde." Krenz lässt sich selbst kaum Zeit, um Luft zu holen. "Die 68er-Verfassung der DDR war die einzige, die vom Volk beraten wurde und die letztlich in einer Volksabstimmung angenommen wurde." Das Publikum klatscht. "Ich brauchte nicht erst Herrn Kinkel um zu wissen, was mit mir passiert, wenn die Bundesrepublik Zugriff auf die DDR bekommt. Ich habe auch im Gefängnis nach dem Motto gelebt: Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt."

Kein Wort über Mauertote

Im Saal sieht man immer wieder nickende Köpfe. Krenz ist heute Abend derjenige, der sich das auszusprechen traut, was viele denken. Egal, ob das richtig oder falsch ist. Krenz arbeitet nicht auf, sondern sich selbst ab. An seinen großen und kleinen Gegnern, an der Bundesrepublik, an allen, die ihn und seine Leute in den vergangenen Jahren wegen der Verbrechen in der DDR abgeklagt haben. Es ist fast unheimlich: Jeder fühlt sich in diesem Saal im Recht. Als ob nichts gewesen sei. Kein Wort über die Mauertoten, kein Wort zur Stasi, kein Wort zur Beschneidung der Menschenrechte.

Als er einige Minuten später Bundespräsident Horst Köhler kritisiert, ist dutzendfach ein leises, kehliges Lachen zu hören. Laut genug, um als Zustimmungsgeste wahrgenommen zu werden und leise genug, um den Vortrag nicht zu stören. "Wenn schon die DDR-Geschichte nicht verklärt werden darf", sagt Krenz, "warum schließt Köhler dann nicht auch die Geschichte der alten und der neuen Bundesrepublik mit ein?" Seine Frage ist rhetorisch gemeint. Die Antwort gibt er selbst: "Mein Vorschlag für dieses Jahr: Machen wir die DDR nicht schlechter, als sie war, und die Bundesrepublik nicht besser, als sie ist." Sein Urteil über die Deutsche Demokratische Republik: "Ein Staat, der nie Krieg auf deutschem Boden geführt hat, der hat es verdient, besser behandelt zu werden."

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum für Krenz die Wende kein Grund zum Feiern war

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KOMMENTARE (10 von 56)
 
Grebin (13.02.2009, 05:45 Uhr)
Warum vergißt man den Beitrag?
Natürlich hebt sich mein Beitrag von den im MAINSTREAM liegenden Kommentare der WESSIS (um mal ärgerlich diesen Begriff zu gebrauchen) ab. Ein ALTER hat seine Meinung zum Ausdruck gebracht, der wohl nicht auf der Linie liegt, die SIE, liebe Redakteure, veröffentlichen dürfen - ja dürfen. Sachliche, ehrverletzende Gründe liegen doch wohl nicht vor - vielleicht aber haben sie ihn einfach übersehen??? Kein Problem für mich, ich schicke ihn noch einmal.
>2009-02-12 gegen 17:00 Uhr <
"Wenn man die meisten Beiträge liest, kann einem Angst werden um die Zukunft unseres Landes, in dem die aus dem O s t e n und die aus dem W e s t e n - Norden und Süden - miteinander leben müssen. Alle, ob im W e s t e n oder die im W e s t e n, haben ein gemeinsames "Erlebnis
K R I E G und Kriegsende und NEUANFANG vor 64 Jahren gehabt. Sie gehörten einer Generation an, die das Schlimmste was DEUTSCHE anderen Völkern angetan haben, zu verantworten hatten - ob wissend oder unwissend, ob beteiligt oder nicht beteiligt!!!! Ich kann nur für mich sprechen, der im Osten des niedergerungenen NAZI - DEUSTCHLANDS gelebt hat - 13 Jahre war ich alt und ich wollte leben und ein anderes Deutschland – ein BESSERES, nachdem unsere Familie, wie unzählige andere auch das Liebste verloren hatte, unseren Vater, der nicht für Deutschland fallen wollte - der auch leben wollte. Unser Gedanke war damals, nie wieder Krieg, nie wieder andere Völker unterdrücken! Die Schuldigen an diesem Krieg haben es in einem Teil Deutschlands damals geschafft, größtenteils ungestraft davon zu kommen. Im Osten wurden harte Lehren gezogen, ja sicher wurden auch durch diese Härte, die die Lage mit sich brachte, manche Unschuldige nicht immer sanft behandelt. Doch die verantwortlichen ANTIFASCHISTEN mußten um zu verhindern, daß alte Kräfte uns wieder beherrschen, zu Mitteln der Härte greifen. Ich habe m i r versprochen, mitzuhelfen, ein neues anderes besseres Leben aufzubauen. Und es ging voran auch ohne Gutsbesitzer, Kriegsgewinnler, Alt - Nazis, ehemalige Nazi - Richter, Nazi - Lehrer u. a. - Schritt für Schritt haben wir uns im Osten aus der Not gezogen, wir hatten scheinbar immer weniger, als d i e im Westen. Manche Mitmenschen, die sich immer nur selbst sehen und sahen, wollten d i e s e Welt auch und sofort haben. Doch man kann nicht alles zur gleichen Zeit haben. Dafür habe ich mit abertausenden Altersgefährten Bildung, Arbeit, Familie, Sicherheit und Zukunft erfahren und nach der Wende eine scheinbare, glitzernde, hohle Gesellschaft, die so wie sie sich jetzt entwickelt keine Zukunft haben kann. Menschen müssen für ein lebenswertes und lohnendes Ziel gemeinsam arbeiten. Kann und will diese Gesellschaft der angeblichen FREIHEIT das jemals schaffen? Die DDR kann ich nicht zurückhaben. Ich wünsche mir aber für unsere Enkel und deren Kinder eine andere bessere Welt – in Frieden und Menschlichkeit."
n8g8 (12.02.2009, 23:39 Uhr)
Mumifiziert
Wenn sich das Anschie als FDJ-Sekretöse für Agitation und Propagande ebenso schnell mumifizieren würde wie dieser Egon, würde sie als "Dienerin" und wandelnde Knopfleiste der Bevölkerung einen ECHTEN Dienst erweisen.
Die Leute wissen selbst, WO ihnen ein Knopf fehlt - und an welcher Stelle sie intellektuell eine Lücke im Bücherregal aushalten können.
utospatz (12.02.2009, 18:51 Uhr)
Ist doch genau wie bei den Nazi's,
hat irgendein Afterlecker jemals dessen Konten christlich & sozial überprüft?
Nachdem der IQ Deutschlands dermaßen abgesenkt, lebt ganz Berlin so ungehemmt!(Dank politischer Treuhand)
Wie viele parteipolitische Arschlöcher waren da wohl involviert?
STR_EDDS (12.02.2009, 15:20 Uhr)
@x-cube
Nunja. Ich zahle keine Sozialabgaben. Vom Soli mal abgesehen. Und es war meine freie Entscheidung. Nur: es ist nicht zielführend, es jedem Menschen zu überlassen, wieviel er an eine Gesellschaft abgibt. Sie ahnen, wohin das führen würde? Der Mensch neigt eben dazu (insbes. der Deutsche) immer dann laut nach dem Staat zu krakehlen, wenn es ihm schlecht geht. Geht es ihm gut (was bei einem Deutschen im Leben NIE vorkommen dürfte), will er vom Vater Staat auch nichts wissen. Also ist "das System" für Alle besser als Anarchie für Wenige. Kinder wollen auch immer gegen die Eltern rebellieren, wenn diese die Schokolade wegschliessen... :-)
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Unabhängig davon: wir haben eine Niederlassung in DD. Und die Jungs dort sind mindestens genauso tüchtig und betriebswirtschaftlich bewnadert wie hier in Stuttgart. In den unteren Bildungsschichten wird es immer Spinner geben. Und diese werden auch nicht müde werden, in einer verklärten Vergangenheit das eigene Wohl sehen zu wollen. Aber das heisst ja nun nicht, dass man auf solche Leute hören muss.
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Das mit dem "dunkelrot" war eine versuchsweise abgefeuerte Nebelkerze. :-)
FleurdeLis (12.02.2009, 15:18 Uhr)
@bodhi-patrick
Bingo, endlich sind Sie drauf gekommen. Aber Ihr Ton schon wieder - "falls Sie tatsächlich differenzieren können..". Echt ätzend. In der Tat richtet sich mein Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden, an die "ewig Gestrigen". Leider wird ihnen in den Medien viel zu viel Präsenz zugestanden, so dass man meinen könnte, das wäre die Mehrheit. Abgesehen davon hat man im Westen auch niemanden gefragt, ob die Wiedervereinigung gewollt wird. Jetzt ist es so und wir sollten uns freuen, dass wir wieder ein Land und tausende Familien nicht mehr getrennt sind. Der Westen war nicht aus Gold, aber der Osten halt auch nicht. Das perfekte "System" scheint es nicht zu geben, sonst hätte irgendein intelligenter Mensch es bestimmt schon gefunden, also müssen wir das beste aus dem machen, was wir haben. Und dabei hilft es einfach nicht, wenn man an der Vergangenheit hängt und nicht bereit ist, sich zu bemühen, sich im hier und jetzt zurechtzufinden.
bodhi-patrick (12.02.2009, 14:54 Uhr)
@FleurdeLis
Ihr Zitat: "Ich erwarte keine Dankbarkeit, das ist auch nicht angebracht. Aber ich möchte endlich mal in Ruhe gelassen werden." Genau diese Aussage gab den Anstoß für meine Kritik! --- Von wem wollen sie denn in Ruhe gelassen werden? Fall sie tatsächlich differenzieren können, müssten wir ja einer Meinung sein, dass tatsächlich nur noch wenige Ex-DDR-Bürger sich über den Westen beschweren! Also ist ihr an die Masse gerichteter Kommentar, dass "endlich mal in Ruhe gelassen werden wollen" eigentlich nur an die wenigen "ewig Gestrigen" gerichtet, oder wie? Na diese Masse an Menschen muss sie in ihrem Alltag ja nerven... (Ich gehöre der Spezies der Norddeutschen an - regional definiert, nicht politisch)
FleurdeLis (12.02.2009, 14:42 Uhr)
@bodhi-patrick
Sie können einfach nicht anders, oder? Lesen Sie doch mal alle Beiträge, z.B. den von 13.38 Uhr. Ich sage ja ganz klar, dass es eine Minderheit ist und differenziere sehr wohl.
Welcher seltsamen Spezis Sie angehören, will ich lieber gar nicht wissen.
bodhi-patrick (12.02.2009, 14:35 Uhr)
@FleurdeLis
Es ist sehr schön für sie, dass sie schon einmal mit der seltsamen Spezies "Ossi" gesprochen haben!!! Danke dafür...
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Aber das Wort "wieviel" macht den Unterschied... Es ist mir weiterhin egal mit WIEVIELEN "Ossis" sie gesprochen haben, solange sie nicht differenzieren können.
bodhi-patrick (12.02.2009, 14:27 Uhr)
@ endbenutzer
aha... also schließen sie aus unserem Unwissen heraus, welchen Beruf die "meisten Gäste" damals hatten sofort, es müssen SED-Kader gewesen sein! Gab es denn den Beruf "SED-Kader-Mitglied" in der DDR oder konnte man auch als Florist in der Partei sein??? Unwissen führt auch heute noch zu Vorurteilen! Die Dame mit der Wortmeldung kann vom Alter her jedenfalls kein SED-Kadermitglied gewesen sein! --- Mit Sicherheit waren viele SED-Ehemalige dort dabei... Aber deswegen muss man doch nicht gleich alle Anwesenden über einen Kamm scheren... Auch der Nette Herr der diesen Artikel geschrieben hat gibt nur "seine" Perpektive des Geschehenen wieder!!!
FleurdeLis (12.02.2009, 14:25 Uhr)
@bodhi-patrick
Na prima, dass Sie wissen, was ich meine. Erst werfen Sie mir vor, ich hätte noch mit keinem "Ossi" gesprochen, dann widerlege ich das und dann heißt es "es ist mir egal, mit wievielen Sie gesprochen haben". Und das ist für Sie dann wahrscheinlich eine sachliche Diskussion. Wenn hier jemand destruktiv ist, dann sind das ja wohl Sie. Aber macht nichts, Hauptsache, Sie fühlen sich im Recht.
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