12. September 2012, 10:35 Uhr

Das sagt Lafontaine über Schäuble

Politisch sind sie harte Gegner, menschlich sind sie sich ungewöhnlich nahe: Oskar Lafontaine sprach in Berlin über Wolfgang Schäuble - und über die Attentate, die beide nur mit Glück überlebten. Von Martin Jäschke

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Man erfährt, wie verletzlich man ist": Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und Oskar Lafontaine (Linke)©

Wenige Minuten, bevor ihm ein psychisch gestörter Mann eine Revolverkugel in den Hals und eine ins Rückenmark jagt, sagt Wolfgang Schäuble, warum der damalige SPD-Spitzenkandidat Oskar Lafontaine die Wahl nicht gewinnen sollte. "Wenn einer Kanzler werden will, der beim Deutschlandlied die Lippen nicht einen Millimeter auseinanderbringt, dann ist er vielleicht doch nicht der richtige Kandidat für diese Zeit." Es ist der 12. Oktober 1990, wenige Tage nach dem Festakt zur Einheit Deutschlands. Bei der abendlichen Zeremonie waren vor dem Reichstag Fackelträger aufmarschiert und Lafontaine derart beklommen, dass ihm nicht nach Mitsingen zumute war.

Nur wenige Wochen darauf steht Lafontaine vor Schäubles Krankenbett. Auch er war Opfer eines Attentats geworden, wenige Monate zuvor, eine psychisch kranke Frau hatte ihn mit einem Messer nahe der Halsschlagader schwer verletzt. Aber Lafontaine hatte wohl damals einfach ein Quäntchen mehr Glück. Als er sich im November 1990 an Schäubles Bett setzt, liegt dieser dort in der Gewissheit, dass er nie wieder laufen wird.

Ein Zeichen der Zuwendung

"Das war bei mir auch ein Teil von Selbstverarbeitung", sagt Lafontaine heute. Eine spontane Entscheidung. "Ich wollte ihm einfach ein Signal der Zuwendung geben." Kurz vor der Bundestagswahl war das. Schäuble habe ausrichten lassen, Lafontaine dürfe auf keinen Fall Presse mitbringen. Lafontaine: "Das wäre mir nicht im Entferntesten in den Sinn gekommen! Dann wäre das ja völlig entwertet und eine blöde Show, praktisch ein Missbrauch eines Unglücks gewesen." Es war Wahlkampf, und Lafontaine hatte Mühe, sich von den Journalisten um ihn herum loszueisen. "Das war die eindrucksvollste Begegnung, die wir hatten. Eine seltene Form von Nähe, die dann nachher, als wir im Bundestag wieder aufeinander trafen, natürlich nicht mehr da war."

Politisch sind Schäuble und Lafontaine heute so weit voneinander entfernt wie damals – menschlich haben die unberechenbaren Schicksalsschläge die Kontrahenten einander ungewöhnlich nahe gebracht. Ihr Verhältnis ist geprägt von einem hohen persönlichen Respekt gegenüber dem jeweils anderen, von Verständnis. Und so erklärt es sich, warum es der einstige Spitzenpolitiker Lafontaine ist, der auf dem Podium über den aktuellen Spitzenpolitiker Wolfgang Schäuble spricht und über das Buch, das gerade über den Finanzminister erschien: "Wolfgang Schäuble: Zwei Leben" wurde am Dienstagabend in Berlin vorgestellt, kurz vor Schäubles 70. Geburtstag am 18. September.

Das Politikerleben danach

Neben Lafontaine sitzt der Autor, Hans Peter Schütz, stern-Redakteur und jahrzehntelanger Schäuble-Begleiter. Das Buch sei keine klassische Biografie, sagt er, sondern ein Porträt: "Ich wollte ein Buch schreiben, das anhand bestimmter Szenen zeigt, welchen Charakter, welches Wesen dieser Schäuble in sich birgt." Auch Schäubles Gefühle habe er zeigen wollen. Der Titel und das Klappenfoto, das den Politiker und seinen Rollstuhl im Profil zeigt, machen deutlich: Das Attentat ist eine Zäsur in Schäubles Leben, die so markant ist, dass sie ihn verändert haben muss.

War es so? Er könne sich nicht vorstellen, dass es anders wäre, sagt Lafontaine. Schäubles Lähmung bezeichnet er als gewaltige Veränderung, einen großen Schnitt in die Psyche, in das ganze Leben. "Selbst in meiner Situation, die damit ja nicht vergleichbar ist, war ich dankbar, als ich wieder auf die Beine kam. Es ist immer blöd, wenn man sich selbst analysiert oder selbst auf die Couch legt - aber man erfährt eben doch, wie verletzlich man ist. Und das verändert einen." Lafontaine bleibt an diesem Abend zurückhaltend, unaufgeregt, es wirkt nahezu gütig, wie er über seinen politischen Gegner urteilt. Es ist zu spüren: Auch Lafontaine wird im kommenden Jahr 70 Jahre alt.

Schäuble und Merkel

An einer Stelle nimmt Lafontaine Schäuble sogar in Schutz. Wie Hans Peter Schütz in seinem Buch über Schäubles verlorenen Machtkampf um die Kanzlerkandidatur gegen Angela Merkel urteilt, sei ungerecht. Bedingungslose Loyalität sei eine Form der Feigheit, schreibt Schütz. Ein Aufstand gegen einen Machtmenschen wie Angela Merkel sei aus der Position im Rollstuhl einfach nicht möglich, sagt Lafontaine.

Kritik äußert Lafontaine auch an der Nähe, die Schütz Schäuble gegenüber über die Jahre aufgebaut habe und die man dem Buch auch anmerke. Er räumt aber ein: Wer sich einem Politiker nähern wolle, komme "an einer Empathie oder sogar Sympathie überhaupt nicht vorbei". Schütz habe sich dennoch sehr um ein distanziertes Bild bemüht. Und: "Ohne dass man sich selbst darauf einlässt, wäre das ja auch nur ein distanziertes Bla-bla."

Stilfragen des Umgangs

Eine berechtigte Frage aus dem Publikum blieb hingegen weitgehend unbeantwortet: Sowohl Schäubles als auch Lafontaines Karrieren waren selbst nach den Attentaten nicht durch Feingefühl, sondern durch knallharten Machtkampf geprägt. Einer der Zuhörer will wissen: "Was hindert Sie mit Ihrer Nahtod-Erfahrung, einen anderen Stil in die Politik zu bringen?" Lafontaines Antwort: "Es ist etwas komplizierter." Ein gedeihliches Miteinander in der Politik setze Wahrhaftigkeit und Offenheit voraus. "Auf der anderen Seite ist man eben auch bestimmten Zwängen ausgesetzt und ganze Interpretationswellen rollen auf einen zu, die oft zu einer falschen Wahrnehmung führen." Schäuble sei in einer ungeheuer schwierigen Lebenssituation und müsse entsprechende Abwehr- und Verdrängungsmechanismen entwickeln. Über ihn persönlich und seine Fehler, sagt Lafontaine, sollten besser andere urteilen.

 
 
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