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Der Fall Büdingen zeigt, was Protestwähler tun, wenn die AfD nicht antritt

Büdingen, wie konnte es so weit kommen? Die AfD trat nicht an und zahlreiche Wähler machten ihr Kreuzchen noch weiter rechts. Alexandra Kraft aus dem US-Büro des stern ist erschüttert über ihre alte Heimat.

Ein Wahlplakat der NPD in Büdingen

Die rechtsextreme NPD kam in Büdingen bei den Kommunalwahlen auf 14 Prozent

Als wir vor fast drei Jahren in die USA zogen, verließen wir ein Deutschland, das weltoffen schien und in fast aller Welt beliebt war. Auch wir glaubten daran. Als die Fußballnationalmannschaft dann noch Weltmeister wurde, gratulierten uns die Amerikaner zu dieser tollen Elf. Unser Nachbar Chris freute sich aufrichtig mit uns und sagte: "Was für ein tolles Multikulti-Team." Angela Merkel fanden die Amerikaner ohnehin alle große Klasse. Unzählige Male wurde uns freudig auf die Schulter geklopft und immer wieder "Angie" gelobt. "Sie ist großartig", sagten so viele.

Das waren die Momente, in denen ich froh war, aus einem solchen Land zu kommen. Ein Land, das so viel erreicht hat, sich so sehr gewandelt hat und in dem es den Menschen im Grunde sehr gut geht. Seit diesem Wochenende fürchte ich mich allerdings vor meinem Heimatland. Ich bin in der Nähe von Büdingen aufgewachsen, einer Kleinstadt im Nordosten von Frankfurt. 21.000 Menschen leben hier - und 14 Prozent der Wähler gaben der NPD ihre Stimme. In manchen der umliegenden Dörfer - wo nicht ein Flüchtling untergebracht ist - erreichte die rechte Partei ganze 30 Prozent - und ist damit sogar die stärkste politische Kraft. Jeder Dritte dort gab seine Stimme den Nazis. Für "Spiegel Online" ist Büdingen ein "brauner Fleck".

Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch Freunde und Bekannte von mir so gewählt haben. Schon in den letzten Wochen hatte ich gespürt, wie sich auf Facebook die Stimmung gedreht hatte. Plötzlich viele, die ich sehr mochte und mit denen ich aufgewachsen bin, darüber schimpften, dass das mit den Flüchtlingen so nicht weiter gehen könne. Dass man doch mal an die Folgen denken müsse. Manche schrieben, "Deutsche zuerst" oder "Macht die Grenzen endlich dicht." Ich hielt dann immer dagegen. Schrieb an unzählige Pinnwände, dass Deutschland doch ein reiches Land sei. Dass es sicher schwierig sei, aber man es doch irgendwie gemeinsam schaffen müsse. Manche entfreundeten sich dann. Das war ein Schock.


Mein Opa lehrte uns Weltoffenheit

Kürzlich schrieb mir eine Verwandte, deren Mutter in den 50er Jahren in die USA ausgewandert war, eine besorgte Mail. Sie fragte, wann wir denn wieder zurück müssten nach Deutschland? Und dass das ja wohl eine schreckliche Perspektive sei, in ein solches Land zurückzukehren, in dem Frauen vergewaltigt werden, Städte verdrecken und sich niemand mehr auf die Straße traue. Und ob wir nicht Angst um unser Kind hätten?

Mein Großvater kam aus Schlesien. Ein Flüchtling, aber nicht so einer wie Erika Steinbach. Denn er hatte seinen Frieden gemacht. Statt seine Kinder und Enkel mit Verbitterung über die verlorene Heimat zu erziehen, war er jeden Tag froh über den Ort an dem er war. "Das ist mein Leben. Was früher war, war früher, da muss ich nicht mehr hin", sagte er immer. Über die, die Jahrzehnte später der alten Heimat nachweinten, schüttelte er immer den Kopf. Er lehrte uns alle Weltoffenheit. Nach den Ausfällen von Erika Steinbach in den vergangenen Tagen auf Twitter bin ich meinem Großvater dankbarer denn je.

Ich bin nicht naiv, ich weiß auch, dass die Situation nicht einfach ist. Besonders in Büdingen. Dort wurde vor einigen Monaten in einer ehemaligen amerikanischen Kaserne eine Unterkunft für 500 bis 700 Flüchtlinge eingerichtet. Das ist eine große Aufgabe für die kleine Stadt. Und die NPD nutzte das von Anfang an, um Ängste zu schüren. Vor einigen Wochen marschierte die NPD durch Büdingen. Am 30. Januar, dem Tag der Machtergreifung Adolf Hitlers. Es waren düstere Bilder. Organisiert wurde die Demo übrigens von einer Frau, die 100 Kilometer weit weg von Büdingen wohnt. Als Gerichte per Eilverfahren den Neonazis verboten, mit Fackeln zu marschieren, informierte sie den Bürgermeister darüber, dass sie so lange Anträge stellen werde, bis die Fackeln erlaubt würden. Das ist kein Protest, das gleicht einer Belagerung.

Protestwähler machen die NPD gesellschaftsfähig

Damals stellten sich hunderte Büdinger dem braunen Block entgegen. Zeigten Gesicht und bewiesen Mut. Und alle hofften, so die braunen Gespenster zu vertreiben. Alle feierten den Erfolg des Widerststands. Nun bei der geheimen Wahl war aber alles anders. Unter dem Deckmantel "Prostestwähler" scheint längst jede Hemmung gefallen zu sein. Dabei sollte doch jedem klar sein, was er anrichtet. Wie er das Land verändert. Das ist kein Protest. Das macht die NPD gesellschaftsfähig.
Ich fürchte mich vor meiner Heimat. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass sich ein Land in so kurzer Zeit so radikalisiert. Wie weit kann das noch gehen? Wo ist die Grenze?

14 Prozent - nicht im Osten. Nein, mitten im Westen. Seit die Flüchtlinge in die Stadt zogen, ist die Zahl der Überfälle, Einbrüche, Diebstähle oder andere Kriminalität nicht gestiegen. Alle Feindbilder, die die NPD schürt, sind falsch.

Trotzdem sitzt die rechte Partei jetzt im Stadtparlament. Wie sehr sich Büdingen dadurch verändern wird, wird sich zeigen müssen. In fünf Jahren sind die nächsten Wahlen. Das ist verdammt lange für eine Protestwahl. Ob die, die ihr Kreuzchen bei den Rechten gemacht haben, darüber nachgedacht haben?

Derzeit läuft ein Verbotsverfahren gegen die NPD vor dem Bundesverfassungsgericht. Die mündliche Verhandlung hat gerade begonnen. Viele hoffen nun, dass sich das Büdinger Problem auf diese Weise lösen lässt. Das ist eine falsche Hoffnung. Ich glaube, die NPD zu verbieten, bringt gar nichts. Vielleicht richtet es sogar mehr Schaden an. Dann meinen doch alle wieder: "Man darf es ja nicht sagen." Vielleicht ist es an der Zeit, sich an den USA ein Beispiel zu nehmen. Hier gilt im Grunde eine absolute Meinungsfreiheit. Das schmerzt zwar manchmal. Aber jeder weiß, welches Gedankengut unterwegs ist. Alle können diskutieren und sich in aller Öffentlichkeit damit auseinander setzen. Den Schutz der Anonymität gibt es so nicht. Und am Ende kann auch niemand sagen: "Ich habe nichts davon gewusst."

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