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6. November 2010, 11:39 Uhr

Renate Künast will es jetzt endlich wissen

Monatelang hat sie den entscheidenden Satz nicht gesagt, nun ist er gefallen: Renate Künast tritt gegen Klaus Wowereit an. Und verteilt schon mal munter Bonbons an die Wähler. Von Lutz Kinkel, Berlin

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Möchte eine "Verheißung" sein: Renate Künast, grüne Kandidatin für Berlin© Clemens Bilan/dapd

Um 19.19 Uhr und 30 Sekunden sagt Renate Künast endlich diesen einen Satz:

"Ich bin bereit, ich kandidiere für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin von Berlin".

Tosender Applaus im überfüllten Berliner Museum für Kommunikation, leuchtende Gesichter bei den Mitgliedern des Landesverbandes. Auf bis zu 30 Prozent kommen die Berliner Grünen in den Umfragen. Hält sich das Hoch bis zur Wahl im September 2011, könnte Künast den Amtsinhaber Klaus Wowereit (SPD) ablösen und ein kleines grünes Jobwunder bewirken - es wären reichlich Posten in der Landesregierung zu besetzen. Das ist, aus Sicht der Partei, natürlich eine elektrisierende Perspektive.

Ein paar Minuten später steht der grüne Landeschef Stefan Gelbhaar, 34, noch ganz beseelt vor der Rednertribüne. Wann hat er das letzte Mal Angst gehabt, dass Künast doch nicht in Berlin antritt? Gelbhaar überlegt. Und sagt lachend: "Im Sommer". Dirk Jordan, 66, grünes Urgestein und ehemaliger Stadtrat in Kreuzberg, ist ganz zufrieden darüber, dass sich das Gemunkel um Künasts Kandidatur so lange hinzog. "So oft waren wir noch nie in der Zeitung", sagt er stern.de.

Wahlgeschenke, schon ein paar

Künast also. "Für Berlin", wie die Stellwand hinter dem Rednerpult in Riesenlettern verkündet. Knapp eine Stunde redet sie, es ist keine leichte Rede, weil sie beweisen muss, dass sie das kleine Karo der Landespolitik ins große Karo ihrer Kandidatur stellen kann. "Aufbruch" und "Verheißung" sind ihre wichtigsten Vokabeln, sie sollen die grünen Hoffnungen zum Flirren bringen und mit ihrer Person verknüpfen - und einen Gegensatz zu Klaus Wowereit aufbauen. "Jetzt ist es wieder an der Zeit aufzubrechen, weil Berlin mehr verdient hat als lustloses Regieren", sagt Künast und bekommt großen Applaus. Mit exakt demselben Vorwurf operiert auch die Berliner CDU.

Wie sie sich das grüne Regieren vorstellt, charakterisiert Künast zumindest in Ansätzen. Wohl wissend, dass die dramatisch verschuldete Stadt keinen Cent übrig hat, sagt sie: "Es gibt keine Wahlgeschenke - für niemanden". Und nennt später doch einige Projekte, die ohne Geld kaum machbar sind. So soll jedes Kind mit Migrationshintergrund künftig noch vor der Einschulung ausreichende Deutschkenntnisse erwerben. Bei den Lehrern, die derzeit in Berlin nur Angestelltenstatus haben und deswegen deutlich weniger verdienen als in anderen Bundesländern, wäre zu überlegen, ob sie nicht wieder verbeamtet werden müssten. Die Zahl der Jobs in der Berliner Umweltwirtschaft will Künast "mindestens verdoppeln". Auf dem Gelände des Flughafens Tegel, der geschlossen werden wird, soll ein Innovationspark für junge Unternehmen entstehen. Ach ja: Und bei den 24.000 städtischen Mitarbeitern in den Bezirken sei das Sparpotenzial ausgeschöpft. Keine Stellenstreichungen also.

Wowi-Bashing und Obama-Effekt

Das klingt nicht nach Bescheidenheit, eher als ein Angebot an die bürgerlichen Wählerschichten. Die braucht Künast für ihren Erfolg. Die grüne Stammwählerschaft verortet sich eher links, aber die Grünen benötigten auch die "Verzweiflungswähler", sagt Forsa-Chef Manfred Güllner - also jene aus der politischen Mitte, die sich enttäuscht von Union und FDP abgewendet haben. Güllner hält dieses Unterfangen für schwierig, aber auch machbar. Altgedienten Grünen wie Dirk Jordan ist durchaus bewusst, was für einen Ritt Künast noch vor sich hat. Er hält seine Partei für etwas zu euphorisch. Und er hat auch im Blick, was passieren könnte, würde Künast tatsächlich als Erste ins Ziel kommt. "Ich würde so einen Obama-Effekt vermeiden wollen", sagt er stern.de. Heißt: Lieber keine allzu großen Erwartungen schüren.

Allein eine mögliche Regierungsbildung wird ein Drahtseilakt werden. Den Berliner Grünen steckt noch in den Knochen, wie sie in den kurzen Phasen der rot-grünen Landesregierungen von der SPD behandelt worden sind. Und dass Wowereit 2006 nicht mit ihnen, sondern mit der damaligen PDS koalierte. Das Koch-Kellner-Modell, die Grünen als Aushilfskraft der Sozialdemokraten, soll nun endgültig der Vergangenheit angehören. Deswegen brandet der Applaus immer mächtig auf, wenn Künast in ihrer Rede gegen Wowereit stichelt. "Berlin ist eine Verheißung, aber die Regierung ist eine Zumutung", lautet so ein Satz. Oder auch: "Wir können uns eine Menge vorstellen, was wir uns nicht vorstellen können ist, nichts zu tun." Und damit es auch jeder kapiert, attackiert sie ein berühmtes Bonmot Wowereits. "Ich treffe viele Menschen, die über den Satz 'Berlin ist arm aber sexy' nicht lachen können."

Startschuss zum Marathon

Mehr als 30 Jahre lebt Künast, die in Recklinghausen als Tochter eines Chauffeurs geboren wurde, nun schon in der Hauptstadt. Sie fing in der Landespolitik an, damals noch in Jeans und Lederjacke. Gerhard Schröder machte sie zur Bundesverbraucherministerin, nun trägt sie einen gepflegten schwarzen Hosenanzug und weiße Bluse. Auch Künast ist ein Sinnbild für die Verbürgerlichung der Grünen, aber sie ist rotzig genug, um sich gefahrlos in einen Pulk Demonstranten mischen zu können. Sie hat eine gewisse "street credibility", die allerdings auch daher rührt, dass die Opposition das Opponieren leicht macht. Regieren ist ungleich schwerer. Und an die Regierung zu kommen erst recht. Dieser Mitgliederabend im Museum für Kommunikation war nur der Startschuss. Nun beginnt der Marathon.

Von Lutz Kinkel, Berlin
 
 
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