In Deutschland denken Bürokraten unter dem Stichwort "Gender Mainstreaming" angestrengt über den kleinen Unterschied nach. Die Ergebnisse sind trivial und teuer.

Im Geschlechterkampf: NRW-Umweltministerin Bärbel Höhn mit falschem Schnurrbart - die Schnurrbärte verteilte sie zum Weltfrauentag am 8. März, um Gleichberechtigung in der Arbeitswelt einzufordern© Moritz Winde/DPA
Frauen und Männer haben unterschiedliche Fortpflanzungsorgane." Solche Erkenntnisse lässt das Bundesfamilienministerium via Internet verbreiten - kein "Gedöns", wie Gerhard Schröder frauenpolitische Themen früher abkanzlerte. Es geht um "Gender Mainstreaming im Alltag", und zwar in der "Reaktorsicherheit". Denn da tut "geschlechtsspezifischer Schutzbedarf" gegen Atomstrahlen Not.
"Gender was, bitte? Ist das eine Veranstaltung?" Das Bundespresseamt ist überfragt. Dabei hat Schröders Kabinett Gender Mainstreaming zur Staatsaufgabe erklärt. Für den sperrigen Begriff gibt es keine exakte Übersetzung. Selbst die Familienministerin tut sich schwer mit dem Wortungetüm. "Gender Mainstreaming bedeutet, bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt." Mit anderen Worten: Die Erkenntnis, dass sich Männlein und Weiblein unterscheiden, soll künftig in deutschen Parlamenten und Amtsstuben bei jedem Vorhaben - sei es der Bau eines Kinderspielplatzes oder die Wortwahl eines Behördenbriefes - berücksichtigt werden.
Gedöns, das nichts kostet? Mitnichten. Dafür gibt die Bundesregierung Millionen aus. Festgezurrt wurde die Idee 1995 auf der Weltfrauenkonferenz in Peking. 1999 verpflichteten sich dann alle EU-Mitgliedsstaaten im Amsterdamer Vertrag, künftig Geschlechtergerechtigkeit per Gender Mainstreaming walten zu lassen. Folgsam ließ der Kanzler, an sich bekennender Macho, die neue Geschlechterfühligkeit per Kabinettsbeschluss und Koalitionsvertrag besiegeln. Inzwischen ist die "Implementierungsphase" abgelaufen, in der die Bundesregierung in 33 Pilotprojekten geübt hat, wie das gehen soll - mit umwerfenden Ergebnissen. "Was da im Moment unter der Überschrift Gender Mainstreaming geschieht, ist eine peinliche Verschwendung von Steuergeldern", schimpft der FDP-Bundestagsabgeordnete Volker Wissing.
So hat das Bundesverwaltungsamt - zuständig für die Ausbildung von Beamten - ein 30-seitiges Merkblatt über die "sprachliche Gleichbehandlung von Frauen und Männern" entwickelt. "Besonders in der schriftlichen Kommunikation ist es wichtig, dass die Anrede höflich und freundlich ist", erkannten die Staatsdiener und arbeiteten einen wegweisenden Vorschlag aus: "Für maschinell geschriebene Schreiben empfiehlt sich die Anredeform: ,Sehr geehrte Damen und Herren"."
Auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend - federführend in Sachen "GM" - sorgt sich um die sprachliche Gleichberechtigung. Nach einer "Checkliste für Gender Mainstreaming bei Maßnahmen der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit" müssen Beamte künftig erst mal die Statistik wälzen, bevor sie einen Satz formulieren. "Sprayer und Scratcher" ist genderpolitisch korrekt. Denn dies ist "ein berechtigter ausschließlich männlicher Begriff", da Frauen und Mädchen "nach Datenlage eine deutliche Minderheit" sind. Doch Vorsicht bei Junkies: "Fixerinnen und Fixer bestimmen auf öffentlichen Plätzen das Bild", muss es heißen, weil "die Datenlage zeigt: Mädchen und Jungen fixen gleichermaßen".
Selbst im Kanzleramt wird gegendert. In der Abteilung für Personalentwicklung haben die Beamten gemeinsam mit dem Familienministerium "Memo-Punkte" zur Mitarbeiterführung erarbeitet. Vorgesetzte, so der Tipp der Bürokraten, müssten ihre Untergebenen öfter "ermutigen, aus traditionellem Rollenverhalten auszusteigen". Kanzlergattin Doris, die am heimischen Herd Kinder hütet und nebenbei Hundekörbchen entwirft, ist also unter genderpolitischen Gesichtspunkten kein gutes Vorbild.
Nicht nur Sprache und Personalführung müssen durch den Gender-Check - auch handfeste Vorhaben wie der Bau von Wohnungen. Denn: "Wohnen hat auch ein Geschlecht", fanden die Forscher des Gender-KompentenzZentrums an der Berliner Humboldt-Universität heraus. Die Einrichtung soll der Bundesregierung bei der Umsetzung von Gender Mainstreaming helfen. Die Gelehrten sind überzeugt: Schon ein Grundriss kann diskriminieren. "An Lage und Größe von Küche, Kinderzimmern und Waschräumen lässt sich der Stellenwert ablesen, …der Kindererziehung oder Pflege im Wohnraum zugemessen wurde." Deshalb ist "schon in der Vorplanungsphase die versteckte Abwertung von Hausarbeitsräumen zu vermeiden". Frauenfreundlichkeit misst sich somit an reichlich Bügelraum.
Auch der Städtebau ist keineswegs geschlechtsneutral. "Städte sind Räume für Menschen, die unterschiedliche Tätigkeiten verrichten", haben die Spezialisten vom Gender-Kompetenz-Zentrum ermittelt. Doch aufgepasst: "Öffentliche und private Räume werden von Frauen und Männern, Mädchen und Jungen unterschiedlich genutzt." 456 000 Euro haben die Genderologen in den vergangenen zwei Jahren für solche Erkenntnisse kassiert, die sie unter der Rubrik Gender Mainstreaming neben dem Briefkopf des Bundesfamilienministeriums ins Internet stellen dürfen.
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Ausgabe 12/2005