Macht, Macht, Macht - und immer neue Slogans: Fünf Jahre war Gerhard Schröder Vorsitzender der SPD. Und die rote Welt brennt: Mitglieder laufen davon, Wähler wenden sich ab. Nun übernimmt Franz Müntefering die Führung. Des Kanzlers Abstieg hat begonnen.

Angeschlagen: Kanzler Gerhard Schröder auf der Bundespressekonferenz kurz nach der Ankündigung, dass er als SPD-Vorsitzender zurücktreten wird© Alexander Rüsche/DPA
"Kanzler sein, das ist schon was. Aber Parteivorsitzender - das ist was Heiliges" Gerhard Schröder im Juni 2000
Nein, man hat kein gutes Gefühl, wenn man in diesen Tagen das neue Tandem an der Spitze der SPD sieht. Diesen Kanzler, so blass, so müde, so abgekämpft. Daneben, seltsam aufgeräumt, Franz Müntefering, der wie gedopt von Ferdinand Lassalle redet, vom "Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein" und vom Unterhaken der Genossen in schwieriger Zeit. Nein, man hat kein gutes Gefühl dabei. Man spürt, das hier etwas zu Ende geht.
Politik kann so enervierend langsam sein - und dann wieder, als würden die Ereignisse einem geheimen Regieplan folgen, so rasend schnell. Gerade mal eine Woche ist es her, dass Gerhard Schröder als Vorsitzender der SPD abgedankt hat - und schon wirkt der Mann wie eine randständige Figur. Er ist ja immer noch Bundeskanzler. Aber mit dem Erscheinen von Franz Müntefering ganz vorne auf der Bühne scheint sich Schröder politisch gleichsam zu verflüchtigen. Alle reden jetzt nur noch von dem Mann mit dem roten Schal. Und dabei stirbt ein Traum: der Traum des Gerhard Schröder, diese stolze, alte Partei führen zu können, die Partei von August Bebel und Willy Brandt. Der Traum, etwas wirklich Großes zu vollbringen.
Es ist ja nicht wahr, dass Schröder nur widerwillig Parteivorsitzender gewesen wäre. Das Amt hat er vielleicht noch angetreten, weil es nach Oskars Flucht nicht anders ging. Aber dann hat der Niedersachse schon Maß genommen an der historischen Größe, die das von einem verlangt - Vorsitzender der deutschen Sozialdemokratie zu sein, "einer Partei, für die Menschen gestorben sind, von den Faschisten verfolgt". Immer und immer wieder hat er sich ablichten lassen vor der schrumpeligen Willy-Brandt-Skulptur in der Berliner Parteizentrale.
Aber die rote Welt brennt - lichterloh. Gerade noch 26 Prozent der Deutschen würden den Sozialdemokraten heute ihre Stimme geben - bayerische Verhältnisse, bundesweit. Eine ganze Politikergeneration droht bei der Wahlserie in diesem Jahr von der Schröder-Depression in den Abgrund gezogen zu werden.
Wie einen bösen Dämon hat der Organismus SPD seinen Parteivorsitzenden ausgespuckt. Und, das muss Schröder wehtun: überall Erleichterung und Erlösung. "Neuen Mut und neue Zuversicht" schöpft jetzt der Hamburger Spitzenkandidat Thomas Mirow. Schon dringen die ersten Bezirks- und Landesfürsten auf Korrekturen bei der Agenda 2010, mit der Schröder sein Schicksal verbunden hat. Praxisgebühr und Rentenkürzungen sollen fallen. Und nicht nur ganz links träumen sie wieder von Ausbildungsplatzabgaben und höheren Erbschaftsteuern.
Schröder wird künftig neben und unter dem mächtigen Partei- und Fraktionschef Müntefering regieren müssen - oder er wird gar nicht mehr regieren. "Die Partei gibt die Richtung an", sagt Müntefering. Alles läuft auf eine Tragödie zu. Entweder der Kanzler unterwirft sich. Oder das Publikum erlebt: die endgültige Austreibung des Gerhard Schröder aus dem Schoß der Sozialdemokratie.
Welch eine Wende. Gemocht haben sie ihn ja nie, den wendigen Aufsteiger aus Niedersachsen. "Der ist in der SPD von links unten nach rechts oben gefahren, ständig auf der Überholspur und mit der Lichthupe drängelnd", bemerkte vor Jahren Erhard Eppler, der große alte Linke der SPD. Aber irgendwie eingeschüchtert und fasziniert waren sie schon von ihm, der sie nach 16 elend langen Kohl-Jahren wieder an die Macht gewuchtet hatte.

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Er war so neu, so anders, so unsozialdemokratisch. Unvergessen ist das Spektakel, mit dem er sich 1998 in der Leipziger Messehalle zum Spitzenkandidaten küren ließ. Mit Musik, Scheinwerferkegeln und modernistischem Himmelblau diente sich da ein Politiker neuen Typs an, der all die Umständlichkeiten und abgestandenen Rituale der alten Tante SPD hinwegfegte. Mit ihm, so schien es, kam die neue Zeit. "Wir sind alle nur stolze Statisten", entfuhr es SPD-Vize Wolfgang Thierse.
Gut fünf Regierungsjahre später teilen Schröder und die SPD eine Geschichte wechselseitiger Demütigungen. Obszön mutete für gestandene Sozialdemokraten die Pose des "Genossen der Bosse" an, der vor Fotografen in feinem Tuch mit Cohiba-Zigarre posierte. Er ist seit 1963 Mitglied der Partei, war sogar Chef der Jusos - aber Zugang zum Gefühlsleben der Genossen hat er nie gefunden, ihr Bedürfnis nach Dialog und Sinnstiftung immer als Zumutung empfunden. Anders als sein Vorgänger Helmut Kohl, der als Gremienpolitiker alten Schlags noch tief in seiner Partei verwurzelt war, hat Schröder seine SPD links liegen gelassen. Es gibt Landeschefs, mit denen der Noch-Parteivorsitzende seit über einem Jahr außerhalb der offiziellen Sitzungen kein einziges Wort gesprochen hat.
Erst jetzt zeigt sich, dass es ohne so etwas Altmodisches wie eine Partei doch nicht geht. Mühsam tastend machen sich die Genossen auf die Suche nach der verlorenen Idee von Sozialdemokratie. Die SPD will endlich wieder wissen, warum sie so heißt und wofür sie auf der Welt ist. "Wir sind unter Schröder heimatlos geworden", klagt ein SPD-Mitglied auf einer Parteiveranstaltung in Bad Cannstatt.