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Horst Köhler und die Ausbeuter

Vor kurzem lobte Bundespräsident Horst Köhler ausdrücklich die Mitbestimmung von Arbeitnehmern. Nun besuchte er eine sächsische Firma, die ihre Mitarbeiter ausbeutet und einen Betriebsrat verhindert.

Von Axel Hildebrand und Doris Schneyink

Als die ehemalige Mitarbeiterin vor ein paar Tagen ihre Lokalzeitung aufschlägt, denkt sie an einen schlechten Scherz. Bundespräsident Horst Köhler wird ins sächsische Vogtland reisen und den Bass- und Gittarrenhersteller Warwick besuchen.

Ausgerechnet Warwick. Ausgerechnet Köhler. Erst am Montag hatte der Bundespräsident anlässlich des 60. Geburtstages des Deutschen Gewerkschaftsbundes die Mitbestimmung als "Innovationsfaktor ersten Ranges" bezeichnet.

Dabei gibt es in der hippen Gitarrenschmiede weder einen Betriebsrat noch Mitbestimmung - und die Arbeitsbedingungen sind selbst für den ostdeutschen Musikinstrumentenbau, wo traditionell wenig gezahlt wird, hart.

"Wer dort zusagt ist selber schuld."

Der Berliner Arbeitsrechtler Ulf Weigelt bewertet die Bedingungen bei dem Unternehmen kritisch. "Wird zweimal im Monat samstags gearbeitet, handelt es sich um eine Sechs-Tage-Woche - die Mitarbeiter hätten Anspruch auf 24 Tage Urlaub." Bei Warwick, dem durch den Bundespräsidentenbesuch geadelten Gitarrenbauer, sind es 20.

stern.de konfrontierte das Unternehmen mit den Vorwürfen. Es wollte dazu jedoch keine Stellung beziehen. Auch das Bundespräsidialamt wollte sich zur Auswahl der Firma nicht äußern.

Die Gitarrenschmiede ist kein Unbekannter. In einem Internetforum wird über den Fall eines IT-Bachelors diskutiert, der sich ebenfalls bei Warwick beworben hatte. Auch ihm bot die Firma 20 Tage Urlaub an. Allerdings würden viele Mitarbeiter nicht alle Tage nehmen, sondern maximal 10 bis 15, so die Personalabteilung. Der Rest würde ausbezahlt - oder gleich dem Unternehmen überlassen. "Die sind doch bekloppt" kommentiert ein User. Ein anderer: "Wer dort zusagt ist selber schuld."

"Grenzt an Sklavenarbeit"

Auch die IG Metall in Zwickau hat unangenehme Erfahrungen gemacht: "Warwick hat verhindert, dass wir dort einen Betriebsrat gründen", berichtet der Erste Bevollmächtigte Stefan Kademann. "Das ging sogar so weit, dass die ihre Mitarbeiter nicht rausgelassen haben, als wir vor dem Werkstor Flugblätter verteilt haben." Kademann ist überzeugt: "Die wollten einfach nicht, dass ihre Mitarbeiter Kontakt zu Gewerkschaften bekommen." Die insgesamt schlechten Arbeitsbedingungen sind ihm bekannt. "Aus unserer Sicht grenzt das an Sklavenarbeit."

Dass Horst Köhler gerade solch ein Unternehmen besucht, steht im merkwürdigen Kontrast zu seinen jüngsten Lobeshymnen auf die Gewerkschaften: "Sie werden gebraucht", sagte Köhler beim DGB-Geburtstag. "Bleiben Sie stark, bleiben Sie streitbar."

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Doris Schneyink und Axel Hildebrand