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Falscher Mann am falschen Platz

Was darf ein Politiker und was nicht? Die Maßstäbe dafür hat Christian Wulff vor zwölf Jahren selbst gesetzt. Nähme er sie ernst, müsste er gehen.

Ein Kommentar von Andreas Hoidn-Borchers

  Die Hülle: Christian Wulff als Bundespräsident bei der "Zeit"-Matinee in Berlin

Die Hülle: Christian Wulff als Bundespräsident bei der "Zeit"-Matinee in Berlin

Es ist ein großes Elend um diesen Mann. Einen "Karnevalspräsidenten" nennen ihn manche im Regierungslager; eine Lachnummer, nicht mehr ernst zu nehmen. "Wulff ist ein Lügner", sagt Stefan Wenzel, Fraktionschef der Grünen im niedersächsischen Landtag. "Er sollte seinen Hut nehmen, bevor er Recht und Gesetz und Anstand noch mehr in den Dreck zieht."

Karnevalspräsident, Lügner - so hätte früher keiner gewagt, über das Staatsoberhaupt herzuziehen.

Die Wahrheit aber ist: Deutschland hat derzeit gar keinen Bundespräsidenten. Es hat nur eine Hülle. Einen Darsteller. Es gibt kein Staatsoberhaupt. Es gibt nur Christian Wulff.

Das ist der Preis, den das Land zahlt für die Lächerlichkeit, der sich Wulff preisgegeben hat.

Der Soundtrack im Kopf

Am Freitag hat der Mann, der das Amt des Bundespräsidenten besetzt hält, im Haus der Wannseekonferenz eine Rede gehalten. Es war eine Wulff-Rede. Nichts Bemerkenswertes, aber auch nicht schlimm. Irgendwo in der Mitte zwischen Richard von Weizsäcker und Karl Carstens. Man hätte sich als Deutscher nicht dafür schämen müssen. Das Problem ist: Man kann Wulff nicht mehr unbefangen zuhören. Kaum beginnt er zu reden, fängt es im Kopf an zu rumoren: Zentis, Bobbycar, Manfred Schmidt…

Das ist der Soundtrack, der künftig bei jedem Auftritt, jeder Rede im Hintergrund laufen wird. Das ist das Niveau, auf das Christian Wulff gesunken ist, das er kaum noch verlassen kann. Dreieinhalb lange Jahre noch.

Präsident Bobbycar. So weit ist es gekommen.

Noch hält die Kanzlerin an ihm fest. Ihr bleibt nichts anderes übrig. Geht Wulff, ist das Amt für die Union verloren. Und sie muss sich vorwerfen lassen, dass sie nach Horst Köhler den zweiten falschen Kandidaten durchgepaukt hat. Also steht sie notgedrungen noch zu ihm - aus schierem Eigeninteresse. Nicht aus Sympathie für oder aus Mitleid mit Wulff.

Ein versierter Fassadenbauer

Angela Merkel war immer klar, was sie an Wulff hat: einen Mann, auf den sie sich im Zweifel nicht verlassen kann. Sie ist ja nicht blöd. Oder blind. Natürlich hat sie immer gewusst, dass er in vertraulichen Gesprächen oder in SMS über sie lästerte; dass sein Schwiegersohn-Image nur eine schöne Fassade war. Deshalb schätzt sie Roland Koch. Der galt in der Öffentlichkeit als böser Bube und Politschurke, dem alles zuzutrauen ist. Aber wenn es darauf ankam, konnte sie auf ihn zählen. Bei Wulff war es eher umgekehrt.

Wulff ist ein versierter Fassadenbauer. Immer haarscharf an der Wahrheit vorbei schrammen, nie wirklich – um ein mittlerweile geflügeltes Wulff-Wort zu nutzen – "geradlinig". In "Reichweite der Wahrheit bleiben", nannte das sein Ex-Sprecher Olaf Glaeseker. Für das geschmeidige politische Vorgehen des Ministerpräsidenten Wulff hat der niedersächsische SPD-Fraktionschef Stefan Schostok schon vor einiger Zeit den schönen Satz geprägt: "Immer dann, wenn ihm die Realität entgegen rauschte, hat er nachreguliert."

Vorbildhaft bereuen

Das könnte nun auch als Überschrift über das Verhalten des Bundespräsidenten Wulff in Zeiten der Affären herhalten.

Das Muster war bereits vor zwei Jahren klar zu erkennen. Damals waren die Wulffs mit zwei Kindern nach Miami in Weihnachtsurlaub geflogen. Gebucht war Economy. Air Berlin spendierte ein Upgrade in die Business Class. Geldwert: gut 3000 Euro. Für den Ministerpräsidenten war das ganz normal, bis der "Spiegel" darüber berichtete. Sofort zahlte er nach und zerknirschte sich flugs: "Ich habe einen Fehler gemacht. Ich hätte entweder den Betrag sofort bezahlen oder aber darauf verzichten müssen."

Wulff wäre aber nicht Wulff, wenn er nicht kurz darauf auch noch jenen bemerkenswerten Satz geäußert hätte: "Ich hoffe sehr, dass man gerade durch das Umgehen mit einem Fehler sich Vorbildhaftigkeit erhält. Die braucht Politik nämlich."

Keiner bereut so schön vorbildhaftig wie Wulff. Und keiner lobt sich selbst so sehr dafür. Unter Christenmenschen gibt es dafür einen bezeichnenden Ausdruck: bigott.

Wulffs eigener Kodex

Als "Bußprediger" charakterisierte ihn einmal sein Hausblatt, die "Hannoversche Allgemeine". Wulff misst gerne mit zweierlei Maß. Die Maßstäbe, die er an andere anlegt, gelten nicht für ihn. Es lohnt sich deshalb, gerade unter dem Eindruck der immer zahlreicher auffliegenden kleineren und größeren Verfehlungen, noch einmal ausführlich zu zitieren, was Wulff, damals noch Oppositionsführer in Niedersachsen, am 26. November 1999 im Deutschlandfunk über die gesponserte Hochzeit und spendierten Reisen des damaligen Ministerpräsidenten Gerhard Glogowski (SPD) zum Besten gab:

"Es darf nicht der Eindruck entstehen und bleiben, eine Hand wische die andere und es sei alles miteinander verwoben zum jeweiligen Vorteil des Ministerpräsidenten. Schließlich muss die Bevölkerung das Grundvertrauen haben in die Unabhängigkeit einer Landesregierung und integres Handeln."

"Es ist die völlig fehlende Distanz zu Sachen, zu Personen, zu Dingen, die man in der Politik braucht, also eine Grundsensibilität, dass man Dienstliches und Privates relativ strikt trennt, dass man fließende Übergänge mit äußerster Vorsicht behandelt. … Es darf gar nicht erst zur Korruption kommen, es muss der Anschein von Korrumpierbarkeit, von Abhängigkeiten, von Sponsoring von Politik und Politikern vermieden werden."

"Sie müssen ja die Beamtenfamilie sehen, die mit zweieinhalb Tausend Mark als Familie durchkommen muss und sich auch überlegen muss, wie finanzieren wir denn die Hochzeit und die Reisen unserer Kinder und die eigenen. Wenn dann andere Einkommen wie in der Politik vorliegen, …, dann müssen sie diese dann schon nutzen, um ihre privaten Dinge selber zu bezahlen."

"Deswegen fehlen ihm (Glogowski) letztlich auch die Voraussetzungen für die Würde des Amtes des Ministerpräsidenten. Er ist der falsche Mann am falschen Platz."

Damit hat Christian Wulff vor zwölf Jahren und zwei Monaten eigentlich schon alles gesagt, was zum aktuellen Fall Christian Wulff zu sagen ist.

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