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Politik am Rande des Nervenzusammenbruchs

Stürzt Wulff, stürzt Merkel? Marschieren SPD, Grüne und Linke plötzlich gemeinsam? Die Wahl des Bundespräsidenten war ein politischer Krimi vom Allerfeinsten. Vorhang auf.

Von Lutz Kinkel

Wichtig ist, was hinten rauskommt, wichtig ist, was hinten rauskommt, wichtig ist …. Unentwegt trägt Angela Merkel diese Formel vor. Natürlich in etwas eleganteren Worten. Und mit einem Lächeln, das so lange angeknipst bleibt, wie die Kameras vor dem Plenarsaal Foyer des Bundestages laufen. Christian Wulff ist Bundespräsident. Gewählt mit absoluter Mehrheit im dritten Wahlgang. Und hatte sie nicht bereits erwähnt, wie schön das wäre, wenn ein Kinderlachen in den klassizistischen Salons von Schloss Bellevue erklänge? Was für prächtige Fotomotive. Der kleine Linus Florian mit seinen großen blauen Kulleraugen spielt unter dem schweren Holzschreibtisch. Bettina, die strahlend schöne Mutter, hat die Arme auf die Schultern ihres Mannes gelegt. Und Christian Wulff blickt voller Zuversicht in die Welt.

JFK. Die deutsche Fassung.

Schwitzige Hände. Das ist es, was Beobachtern am Dienstagabend an Christian Wulff auffällt. Der Kandidat ist hochnervös. Die Union feiert im Berliner Hotel Martim ein Fest für die Wahlfrauen und -männer, die tags darauf in der Bundesversammlung sitzen werden. Risiko? "Die wollen doch alle im Bundestag bleiben", spottet Fraktionschef Volker Kauder. Soll heißen: Fällt Wulff durch, ließen sich Neuwahlen vielleicht nicht vermeiden. Diese Aussicht - bei Umfragewerten um die 30 Prozent - werde die eigenen Leute schon disziplinieren. Kauder sollte Recht behalten.

Abspann von Schwarz-Gelb?

Aber das weiß Wulff am Mittwochmittag noch nicht. Als er im Bundestag Platz nimmt, vorderste Sitzreihe der Unionsfraktion, links Angela Merkel, rechts CSU-Chef Horst Seehofer, geht es mit den Händen wieder los. Wulff faltet sie, wie zum Gebet, presst die Daumen aneinander. Stellt die Zeigefinger nach vorne, presst auch diese aneinander. Die Anspannung, der Druck ist übermächtig. Oben, auf der Besuchertribüne, steht seine Ehefrau Bettina im engen schwarzen Sommerkleid, neben ihr Wulffs Tochter Annalena aus erster Ehe. Joachim Gauck, Kandidat von SPD und Grünen, ist ebenfalls auf der Tribüne. Er mag nicht unten im Saal sitzen, will sich keiner Partei zuordnen. Er bevorzugt die Vogelperspektive. Pech für ihn, dass Bettina Wulff auf gleicher Höhe steht. Was tun? Sie begrüßen? Small-Talk halten? Geht das überhaupt an einem solchen Tag? Gauck versteinert zum Denkmal. Bettina Wulff geht fröhlich auf ihn zu und drückt ihm die Hand. Entspannung im Adlerhorst.

Unten, im Saal, entfaltet sich unterdessen ein Prozess, der noch die kühnsten Hoffnungen von Krimiliebhabern übertreffen soll. Verräter wird es geben, Feiglinge, Aussichten auf neue politische Zukünfte und Einpeitscher, die dafür sorgen werden, dass alles schließlich doch ins kleine parteipolitische Karo passt. Der Ausgang des ersten Wahlganges, schlägt ein wie ein Blitz: 600 Stimmen für Wulff, 499 für Gauck, 126 für die Kandidatin der Linken, Lukrezia Jochimsen. Also gibt es im schwarz-gelben Lager so viele Abweichler, dass Gauck die absolute Mehrheit bekommen hätte, wenn sich die Linke auf seine Seite geschlagen hätte. Eine theoretische Variante. Aber was für ein Donnerschlag wäre das gewesen: Merkel, Wulff, Seehofer, Guido Westerwelle, noch vor 13 Uhr erledigt. Die Republik wäre einen andere.

Schwenk auf die Linke

Ernste Gesichter bei der internen Besprechung der Union zwischen dem ersten und zweiten Wahlgang. Seehofer mahnt, das Regierungslager dürfe sich keinesfalls in wechselseitigen Schuldzuweisungen ergehen. Merkel sagt, sie sei dankbar, dass sich Wulff einem zweiten Wahlgang stelle. Spielte Wulff tatsächlich mit dem Gedanken aufzugeben? Es ist wohl nur eine trickreiche Warnung. Doch sie verflüchtigt sich. Wulff fällt im zweiten Wahlgang noch mal durch, trotz der großen Mehrheit, die FDP und Union in der Bundesversammlung haben. Jetzt redet niemand mehr von einem Denkzettel. Sondern von einer Klatsche. Einem Desaster. Und augenblicklich dreht sich die Aufmerksamkeit. Weg von Wulff. Hin zu Gauck. Zu SPD, Grünen und Linkspartei.

Die Fraktionsebene des Bundestages liegt direkt unter dem Dach, in der Mitte ragt die gläserne Kuppel empor, es ist ein weitläufiges und licht durchflutetes Stockwerk, in den Ecktürmen haben die Fraktionen ihre Sitzungssäle. Auf den Fluren, die eben noch vor sich hindämmerten, ist plötzlich hektische Bewegung. Ein rot-rot-grüner Gipfel, der erste seiner Art, tritt zusammen: SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, Parteichef Sigmar Gabriel, Renate Künast und Jürgen Trittin, die Fraktionsspitzen der Grünen, Gesine Lötzsch, Klaus Ernst, Oskar Lafontaine und Gregor Gysi von den Linken. Was nun? Gibt es eine Chance, Gauck im dritten Wahlgang, bei dem nur eine einfache Mehrheit nötig ist, durchzusetzen? Was bieten SPD und Grüne den Linken an, damit sie umschwenken?

Nebenhandlung Töpfer

Lafontaine bietet etwas an. Eine Idee, die so kühn ist, dass sie schon ins Absurde greift: SPD und Grüne sollen, mitten im Spiel, ihren Kandidaten auswechseln. Joachim Gauck wieder auf die Reservebank setzen und stattdessen Klaus Töpfer, CDU, auflaufen lassen. Das Problem: Töpfer hatte schon vor Wochen gesagt, dass er nicht antreten werde. Die Lösung Töpfer ist keine Lösung, und sie wäre nur um den Preis zu haben, Gauck öffentlich zu demütigen, aus parteitaktischen Gründen. SPD und Grüne verweigern die Debatte um Gauck. Dafür zeigen sie, wie mit einem Laserpointer, auf die politische Zukunft: Sechs Landtagswahlen 2011, Bundestagswahlen 2013 - wäre es nicht genau jetzt an der Zeit, mit der rot-rot-grünen Zusammenarbeit anzufangen? Ein Signal zu setzen?

Die Linken ringen nach dem Gipfel auf einer internen Sitzung mit sich. Vor der Tür ein Wald aus Menschen, Kameras und Mikrophone. Der dritte Wahlgang ist eigentlich für 18.45 Uhr angesetzt, aber dieser Zeitpunkt ist längst überschritten. Endlich kommt Gregor Gysi, sein Gesicht ist ungesund gerötet, und stellt sich ans Rednerpult vor dem Sitzungsraum. Jochimsen habe ihre Kandidatur aufgegeben, sagt er. Die Wahl sei nun frei, aber für die Linke sei keiner "der beiden konservativen Kandidaten" wählbar. Deswegen würden sich die Wahlfrauen und -männer seiner Partei enthalten. In diesem Moment explodiert Werner Schulz, Europaparlamentarier der Grünen, der sich unter die Zuhörer gemischt hat. "Das ist ein Versagen der Linken", brüllt er Gysi an. "Ihr hättet über Euren SED-Schatten springen können mit einer symbolischen Handlung."

Zoom auf Wulff

Es ist Roland Koch, der scheidende Ministerpräsident, der in Hessen die ruchlosesten Kampagnen gefahren hat, der zeitgleich die Union auf Linie bringt. Man müsse das Große und Ganze sehen, sagt Koch. Die Anwesenden sollten sich ausmalen, was es bedeuten würde, käme Wulff nicht durch. Die Stimmung ist gereizt und kämpferisch. Auch Merkel spricht noch mal. Der dritte Wahlgang ist entscheidend, an Wulff hängt auch ihr Schicksal, der Kollateralschaden ist schon jetzt gewaltig. Diesmal werden die Warnungen ohne Tarnkappe ausgereicht. Und sie werden erhört. 625 Stimmen für Wulff. Absolute Mehrheit. Schreie der Freude und Erleichterung in den Reihen von FDP und Union, als Bundestagspräsident Norbert Lammert das Ergebnis verliest. Standing Ovations.

Wulff, der inzwischen wirkt, als habe er die letzten Stunden im Schleuderprogramm einer Waschmaschine verbracht, geht ans Rednerpult. Er bedankt sich für das Vertrauen, das ihm entgegen gebracht worden sei. Die Wahlleute von SPD und Grünen können ihr Lachen kaum unterdrücken. Wulffs Stimme, die ohnehin klingt, als habe sich ein Frosch in seinem Hals eingenistet, kippt zeitweise ins Unverständliche. Seine Hände umfassen links und rechts das Pult, die Füße hat er leicht nach außen gedreht, um einen festeren Stand zu haben. Er sagt: "Deutschland hat eine Zukunft, die uns aufgegeben ist." Ein kleiner Vorgeschmack auf die Reden, die er noch halten wird.

Vorhang zu

Gesine Lange, 42, eins von vier Kindern Joachim Gaucks, von Beruf Kinderdiakonin, eine Ausbildung, die es nur in der DDR gab, hatte schon am Nachmittag auf dem Flur gesagt, sie sei sehr stolz auf ihren Vater. Allein die Kampagne sei ein Gewinn gewesen. So nimmt es auch Gauck selbst, der nach dem dritten Wahlgang vor die Presse tritt. Er schwärmt von den Menschen, die ihn unterstützt haben, von ihrer Bereitschaft, sich einzumischen, mitzumachen, die Politik zu verändern. "Bleiben Sie dran", sagt Gauck. "Geben Sie unserem Land weiter Ihre Aufmerksamkeit."

Es ist schon tiefe Nacht, als sich der Reichstag langsam leert.

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