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21. Mai 2008, 01:11 Uhr

Wie Gesine Schwan die Linken bezirzt

Offiziell gibt es keine Entscheidung, inoffiziell hat sich die SPD geeinigt, dass Gesine Schwan für das Amt des Bundespräsidenten kandidieren soll. Will sie gewählt werden, braucht sie die Stimmen der Linkspartei – bei der sie just live auftrat und vor dem Kapitalismus warnte. Ein Ortstermin. Von Lutz Kinkel, Frankfurt (Oder)

Die drei im Theaterkeller: Gesine Schwan (SPD), Roland Claus und Lothar Bisky von der Linkspartei© Sven Kaestner/AP

Es hilft nichts. Das Drücken und Drängen, das Locken und Fragen. Gesine Schwan sagt, man müsse es halten wie bei der Kindeserziehung und konsequent sein. Also nichts sagen. Ob ihr zumindest der Medienauflauf schmeichele? "Ich liebe Schmeicheleien", sagt sie und lacht fröhlich. "Deswegen verlängere ich diesen Zustand." Es mag also noch dauern, bevor sie öffentlich erklärt, ob sie als SPD-Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten antritt.

Den ganzen Tag schon purzelten die Tickermeldungen herein, die anderes nahelegten. Angeblich hat sich Schwan intern bereits für eine Kandidatur entschieden, angeblich steht die SPD-Spitze hinter ihr. "Schwan gegen Köhler. Das Duell um Bellevue", so soll das Stück im Mai kommenden Jahres heißen. Weil das nicht unwahrscheinlich ist, sind sie alle gekommen: ARD, ZDF, RTL, die Tagespresse und viele mehr. Zu einem Diskussionsabend der Linkspartei mit Lothar Bisky, Roland Claus und der Sozialdemokratin Gesine Schwan. Im Theaterkeller "Oderhähne" am Rathaus von Frankfurt/Oder, nur einen Steinwurf weit entfernt von der Viadrina-Universität, die sie leitet.

Unter dem Logo der Linken

Das Bild, das sich im Theaterkeller bietet, ist nicht ohne Pikanterie. Schwan nimmt unter einem großen, roten Plakat der Linkspartei Platz. "Konsequent für eine neue soziale Idee" heißt der Slogan. Neben ihr sitzt Roland Claus, ehemals Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit, jetzt Abgeordneter der Linkspartei. Einen Stuhl weiter Lothar Bisky, Vorsitzender der Linkspartei. 2007 bezweifelte Bisky öffentlich, dass es einen Schießbefehl an der DDR-Grenze gegeben habe, nun ist er Herausgeber des "Neuen Deutschland". Die Stühle, auf denen die Diskutanten sitzen, sind feuerrot bezogen. Das Szenario deutet auf ein politisches Experiment hin, das SPD-Chef Kurt Beck bislang für einen Albtraum gehalten hat. Eigentlich wollte er keine eigene Kandidatin präsentieren, weil sie mit den Stimmen der Linkspartei gewählt werden müsste. Und nun absolviert die So-gut-wie-Kandidatin, die als strikte Antikommunistin gilt, ihren ersten öffentlichen Auftritt nach den Tickermeldungen unter dem Logo der Linken. Die Fernsehbilder werden der SPD nachhängen.

Das Thema des Abends ist die Wende, die unterschiedlichen Kulturen in Ost und West, die Suche nach einer gemeinsamen Identität. Im Publikum sitzen fast nur ältere Semester, Männer und Frauen, die in der DDR aufgewachsen sind und es satt haben, sich dafür zu entschuldigen. Gesine Schwan, im schlichten hellen Blazer, aber mit dem bekannten exzentrischen Lockenturban auf dem Kopf, fängt die Leidenden mit ihrem Charme locker ein. Sie freue sich immer, wenn die Leute, die sie neu kennenlerne, rätselten: Kommt sie nun aus dem Osten? Oder kommt sie aus dem Westen? Ich bin ein bisschen wie ihr, soll das heißen; geboren wurde Gesine Schwan in Westberlin.

Schwans Kapitalismuskritik

Auch die sorgsam eingestreuten Äußerungen zur aktuellen Politik kommen gut an. Ein wenig Schelte an die Adresse von Hessens Ministerpräsident Roland Koch – er habe in seinem Wahlkampf Ressentiments geschürt. Ein wenig Kritik an Kanzlerin Angela Merkel – "Mir ist nicht so ganz klar, an welchen Positionen sie hängt". Richtig Stimmung kommt auf, als Schwan zur Gesellschaftsanalyse schreitet. Eine politische Machtkonzentration sei in der Demokratie kaum zu fürchten, sagt sie. "Die eigentliche Herausforderung ist jetzt die Machtkonzentration in der kapitalistischen Ökonomie." Das ist ein Satz, den viele Zuhörer so ähnlich wohl schon in der Schule gehört haben. Spontaner Applaus. Horst Köhler hatte seine Kapitalismuskritik kurz zuvor im stern abgeliefert.

Bisky und Claus haben es schwer, neben der wortgewandten und hoch gebildeten Schwan zu glänzen. Claus, der die Runde moderiert, spricht Schwan mit "Frau Präsidentin" an; er meint ihre Position an der Universität, aber heute Abend klingt es anders. Bisky versucht, mit Ostalgie zu punkten, kommt aber nicht gegen Schwan an. Rasch verpufft eine Stunde in zielloser Debatte. "Es steht schon in allen Zeitungen", hebt Roland Claus zum Schlusswort an, mit der Erwartung des Publikums spielend, er werde Schwan nun endlich die Gretchenfrage nach ihrer Kandidatur stellen. "Sie feiern übermorgen ihren 65. Geburtstag." Claus legt eine kleine Kunstpause ein. "Rechnen Sie damit, dass Horst Köhler anruft?" Gelächter im Saal. "Darüber muss ich ganz lange nachdenken", zieht sich die überraschte Schwan aus der Affäre. "Das wird heute nichts mehr."

Claus zögert - zu lange

Wenige Minuten später, die Runde hat sich bereits aufgelöst, gönnt sich Gesine Schwan ein Glas Rotwein und spricht über die Schmeichelei, als Kandidatin gehandelt zu werden. "Wen würden Sie denn wählen?", fragt sie in die Runde. Ein Journalist nimmt den Ball auf und fragt Roland Claus, ob die Linkspartei für Gesine Schwan stimmen würde. Claus zögert ein kurzen Moment zu lang, Schwan lacht laut auf. "Die wollen sich auch nicht so einfach kaufen lassen", sagt sie. Eine kleine Anzahlung hat sie mit diesem Abend bereits geleistet.

Von Lutz Kinkel, Frankfurt (Oder)
 
 
KOMMENTARE (10 von 21)
 
nightmare_online (21.05.2008, 15:22 Uhr)
@manesse
Müntefering?
Sind Sie (sorry!) nicht bei Trost? Der Mann hat doch wohl genug Mumpitz verzapft. Im Vergleich zu Müntefering wäre z.B. ein wesentlich geeingterer Kandidat - in jeder Beziehung - Jürgen Drews!
Müntefering ... was denn noch alles ...
Achja: Und Frau Schwan steht dieses Mal genauso für die Zusammenarbeit / Koalition der SPD mit der Linkspartei, wie das letzte Mal, als sie gegen Köhler angetreten ist. Und wir haben ja bekanntlich eine Rot-Rot-Grüne Koaltion im Bund.
Gute Güte, was sich hier so zusammenfabuliert wird, da kann einem Angst und Bange werden. Offensichtlich stehen wir in D kurz vor einem kommunistischen Putsch.
manesse (21.05.2008, 14:31 Uhr)
Es ist doch völlig
in Ordnung, dass die Sozis einen Kandidaten/eine Kanidatin gegen Köhler aufstellen. Die Demokratie lebt eben auch vom personellen Wettbewerb, und Köhler ist durchaus keine große Leuchte, die sich durch besondere Verdienste ein Recht auf Wiederwahl erworben hätte.
Ob Frau Schwan freilich eine geeignete Kandidatin ist, das ist doch sehr die Frage. Hätte die SPD einen auch in die CDU/CSU hinein wählbaren Kandidaten aufgestellt, bspw. Müntefering, wäre Köhler sicher nicht mehr zur Wahl angetreten. Frau Schwan freilich ist die Kandidatin der Linken in der SPD. Deswegen würde ihre Kandidatur, vor allem aber ihre Wahl, selbstverständlich vom Wähler als ein Hinweis begriffen, dass die SPD nach Bundestagswahlen eine Koalition mit der ehemaligen SED, sprich: der Linkspartei, anstrebt. Insofern wäre die Kandidatur der Frau Schwan die beste Methode, um ein Wiedererstarken der SPD zu verhindern.
nightmare_online (21.05.2008, 11:47 Uhr)
@chrgue
Danke das Sie den geneigten Leser darauf hinweisen: Das wichtigste an einem Politiker ist - soviel ist mal sicher - das Aussehen! Zumindest wenn es sich um eine Frau handelt.
Was - logischerweise - erklärt, warum Merkel so eine erfolgreiche und großartige Bundeskanzlerin ist.
Achja, und bei der Gelegenheit: Was eigentlich "qualifiziert" Köhler als
Bundespräsident? Achja richtig, seine Zeit beim IWF, seine Unterstützung der Agenda 2010 und seine Forderung nach weiteren "Reformen" dieser Art. Ja na dann ... viel Spass weiterhin mit dem "Goldenen Blatt"!
chrgue (21.05.2008, 11:28 Uhr)
Schwan ist gut?
Woher Robespierre die Erekenntnis hat, dass Frau Schwan eine gute Präsident wäre, vermag wohl nur er selbst zu wissen. Sie mag einen guten Job als Rektorin wahrnehmen, doch was prädestiniert sie als Bundespräsidentin? Das doch mehr als gewöhnungsbedürftige optische Erscheinungsbild der Dame kann es ja wohl kaum sein.
UR63 (21.05.2008, 11:26 Uhr)
Mein lieber Schwan...
mit wem die sich alles trifft!
Nachzulesen Spiegel Online!
Stasi- Akten bringen Gysi in Bedrängnis
Linken-Fraktionschef Gysi in Erklärungsnot: Die Stasi-Unterlagenbehörde hat Papiere herausgegeben, die den Schluss nahe legen, er habe als Inoffizieller Mitarbeiter gearbeitet.
Trifft die sich jetzt auch noch mit der NPD???
rued (21.05.2008, 10:49 Uhr)
bla
Die gute Frau heisst Michaela Schaffrath und hat maßgeblichen Einfluss auf meine sexuelle erziehung genossen, also ein bischen mehr Respekt bitte... .
Mal Spaß bei Seite.
Ich hab da mal ne Frage, warum sind generell alle Politiker die auch nur geringfügige Einschnitte in eure Geldbörse vornehmen gleich gegen die Bürger? Wenn ich mir die Forderungen eurer Linken ansehe, die alle Sozialleistungen maßgeblich erhöhen und ungefähr halb deutschland Steuererleichterung verschaffen wollen, ziehe ich unwillkürlich einen geistigen Vergleich mit dem Wahrheitsgehalt der Leugnung des Schiessbefehls. Will der Herr Lafontaine das etwa aus seine Privatkasse zahlen? Ich glaube ja nicht daran.
Die Linke ist in ihrer derartigen Form eben doch nur ein Verein von Lügnern und Verbrechern, die sich unter dem Deckmantel der sozialen Gerechtigkeit verstecken. Als die SPD bei der letzten Wahl gesehen hat, wie gut das funktioniert, haben die doch auch gleich mal ihre chance ergriffen.
knilch_59 (21.05.2008, 10:47 Uhr)
Plädoyer für Schwan
Frau Schwan ist eine beeindruckende Persönlichkeit, gebildet, weltgewandt und – im Gegensatz zu unserem amtierenden Bundespräsidenten – sogar noch charmant. Sie sollte kandidieren – eine Wahlmöglichkeit in der Bundesversammlung verleiht dem höchsten Staatsamt mehr Glanz als vorab im Hinterzimmer geklüngelte Pseudo-Einigkeit. Ihr unverkrampftes Zugehen auf die Linkspartei erscheint mir demokratischer als alles, was Beck, Merkel, Westerwelle und Bütikofer zu Stande bringen – Pluralismus bedeutet mit allen reden, auch wenn man in der Sache nicht übereinstimmt.
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Die CDU sollte sich fragen, ob tatsächlich der neoliberale Weltbankfunktionär Horst Köhler noch ihr Kandidat sein kann – zumindest für die CDU Landesbezirke Saarland und NRW. Mittlerweile machen sich auch die West-Parteien zunehmend Forderungen zu Eigen, die zunächst von der Linkspartei formuliert worden waren.
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Man wird die Linkspartei nicht durch Ignorieren bekämpfen können, dazu ist sie im Osten zu stark verankert und hat auch im Westen zu viele Sympathisanten. SPD und Grüne werden über kurz oder lang nicht umhin kommen ihr Verhältnis zur Linkspartei neu zu definieren: Im Osten könnte sie bald zur stärksten politischen Kraft werden, im Westen kann sie mit FDP und Grünen gleichziehen. Von daher ist es vielleicht sogar allmählich an der Zeit aktiv nach Gemeinsamkeiten zu suchen – eine Bundespräsidentenwahl könnte eine Brücke schlagen.
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Das Argument mit den Stasispitzeln nervt. Das ist jetzt 18 Jahre her, selbst zu „Lebenslänglich“ Verurteilte wären mittlerweile in aller Regel aus der Haft entlassen. Im Westen hat man es 60 Jahren versäumt, die CDU als NSDAP-Nachfolgepartei zu bezeichnen, obwohl die Geschichte beweist, dass viele Nazis dort ihre neue ideologische Heimat gefunden haben. Wessis werden die 40 Jahre real existierenden Sozialismus auf deutschem Boden sowieso nie verstehen und die Ossis haben damit anscheinend weniger Probleme. Das zeigen die besser werdenden Wahlergebnisse der „SED-Nachfolgepartei“. Wessis sollten sich nicht künstlich über Probleme aufregen, die für die betroffenen Ossis keine mehr zu sein scheinen – so etwas nennt man Toleranz.
testsieger2006 (21.05.2008, 10:24 Uhr)
die gute SPD...
ist eine Partei VON und FÜR Schwachmaten, die anderer Leute Geld ausgeben wollen. Ob nun Gesine Schwan oder Manuela Schaffrath von denen aufgestellt wird ist doch völlig egal, wobei Gina noch soviel Hirn hätte nicht mit den Linksnazis zu paktieren.
Robbespierre (21.05.2008, 09:57 Uhr)
Schwan ist gut
Gesine Schwan wird andere Akzente setzen, andere Gesetze nicht unterschreiben als Köhler. Zur Erinnerung: köhler war gegen die Bürger, als er die Vorratsdatenspeicherung unterschrieb, Köhler war gegen die Bürger in Fragen der Studiengebühren + Mindestlohn und Köhler ist gegen die Bürger (und für das Kapital) wenn er noch mehr Reformen (sprich: Einschüchterungsmaßnahmen für Arbeitnehmer)a la Agenda 2010fordert. Köhler ist ein Mann der Wirtschaft und des Kapitals, Gesine Schwan eine Frau des Geistes. Es wäre schön, sie zur Präsidentin zu haben.
kaisergarten (21.05.2008, 09:55 Uhr)
@Bakker
der erste Teil Ihres Kommentars ist natürlich ziemlicher Blödsinn, der zweite allerdings - als Teil Ihrer persönlichen Selbstwahrnehmmung - ein erster Schritt zur Besserung.
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