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Mit Sneakers und Perlenkette - Der Kampf der AfD um Platz drei

Die Aufgabenteilung zwischen den Spitzenkandidaten der AfD funktioniert gut. Gauland bedient die Rechtsnationalen. Weidel umgarnt Liberal-Konservative, denen Rechtsausleger wie Höcke & Co. suspekt sind.

Jung, weiblich, eloquent: AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel

Jung, weiblich, eloquent: AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel 

Wer die schon abgeschrieben hatte, reibt sich jetzt erstaunt die Augen. Die Umfragewerte für die Populisten sind zwar lange nicht so gut wie Ende 2016. Doch die Kurve zeigt wieder nach oben. Woran das liegt? Eine Antwort auf diese Frage heißt: Alice Weidel. Mit ruhiger Stimme, dunklen Sneakers und Perlenkette tourt die ehemalige Unternehmensberaterin durch die Talkshows.

Sie fordert "kostenlose Kita-Plätze" und hat auf jede Moderatoren-Frage eine Antwort parat, manchmal auch Zahlen. Ihre anfängliche Scheu im Umgang mit der medialen Öffentlichkeit hat überwunden. Gekonnt pariert sie inzwischen selbst unbequeme Fragen. Etwa warum sie als homosexuelle Frau, die in einer Partnerschaft mit Kindern lebt, ausgerechnet bei der erzkonservativen AfD angedockt habe.

Und sie versteht, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Nach einem verbalen Schlagabtausch mit Justizminister Heiko Maas (SPD) und CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer verlässt Weidel am Dienstagabend verärgert die laufende ZDF-Wahlsendung "Wie geht's, Deutschland?". Und attackiert anschließend Marietta Slomka, der sie eine parteiliche Moderation vorwirft.

"Handfeste Halbnazis" auf den AfD-Kandidatenlisten

Ins Schwimmen gekommen ist Weidel am Vorabend in der ARD, als die Spitzenkandidatin der Linken, Sahra Wagenknecht, sie fragt, ob es ihr nichts ausmache, dass neben Konservativen auch "handfeste Halbnazis" auf den AfD-Kandidatenlisten für die Bundestagswahl gelandet seien. Weidel weicht da aus, verweist auf die hohe Akademikerquote unter den Kandidaten. Als Scheuer dann am Abend darauf den Rechtsausleger Björn Höcke einen Rechtsradikalen nennt und sie auffordert, sich vom ihm zu distanzieren, geht sie.

Dabei wird die Frage, ob sich einige der unbekannteren Kandidaten womöglich nach der Wahl als Belastung entpuppen könnten, in der Partei intern durchaus diskutiert. Anlass über solche "Tretminen" zu sprechen, bot der Fall von Holger Arppe. Der Landtagsabgeordnete aus Mecklenburg-Vorpommern hat vergangene Woche Fraktion und Partei verlassen, nachdem NDR und "taz" über Chatprotokolle mit Gewaltäußerungen und kinderpornografischen Sexualfantasien berichtet hatten.

Weidels Rolle im AfD- ist es wohl, liberal-konservative Wähler zurück zu gewinnen, die Äußerungen wie "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" (Thüringens AfD-Fraktionschef Björn Höcke) oder "Wucherungen am deutschen Volkskörper" (Sachsen-Anhalts AfD-Fraktionschef André Poggenburg) verschreckt haben.

Alice Weidel auf den Spuren Frauke Petrys

Jung, weiblich, eloquent, soll Weidel nach dem Willen der Parteistrategen auf einem Feld spielen, für das bislang Parteichefin Frauke Petry zuständig war. Wobei Petry noch lange nicht abtreten will. Zwar ist die Parteichefin seit ihrem Verzicht auf die Spitzenkandidatur im Fernsehen nicht mehr so präsent. Mit ihrem Säugling auf dem Arm eilt Petry in diesen Wochen aber trotzdem von einem Wahlkampf-Termin zum nächsten.

Den Grünen hält man in diesem Wahlkampf vor, ihre beiden Spitzenkandidaten seien einander zu ähnlich. Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt, zwei Realos um die 50, die beide grundsolide und manchmal etwas bieder wirken. Ganz anders bei der AfD.


Alice Weidel und der zweite AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland , könnten unterschiedlicher nicht sein. Nicht nur weil Gauland mit seinen 76 Jahren doppelt so alt ist wie Weidel. Der ehemalige CDU-Staatssekretär und die Ökonomin kommen zwar gut miteinander aus, pflegen aber durchaus ein unterschiedliches Profil.

Gauland gibt den harten Knochen, der die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, in Anatolien "entsorgen" wil. Er klagt: "Man will uns dieses Deutschland wegnehmen." "Deutschland", das ist für ihn eine Heimat, die er möglichst frei von fremden kulturellen Einflüssen halten will. Rechtsaußen Höcke ist für Gauland ein "Nationalromantiker" und "Teil der Seele der AfD".

Das Ziel heißt "Platz drei"

Weidel ist zwar auch gegen offene Grenzen. Angst um die deutsche Identität treibt sie dabei aber weniger. Weidel war beruflich viel in China unterwegs. Sie mag Kontrolle. Dazu gehört für die 38-Jährige, dass ein Staat selbst entscheidet, wer kommen darf und wer nicht.

Weidel hat für Höckes Ausschluss aus der Partei gestimmt. Wenn Gauland bei gemeinsamen Pressekonferenzen Höcke lobt, verzieht sie entnervt das Gesicht. Im Wahlkampf ist die Spitzenkandidatin Höcke aus dem Weg gegangen.

"Platz drei", ist das Ziel, das die AfD für diese Bundestagswahl ausgegeben hat. Momentan scheint es zum Greifen nahe. Die jüngsten Wählerumfragen von Infratest dimap und Insa sehen die rechte Partei aktuell zwischen zehn und elf Prozent und damit auf Platz drei hinter Union und SPD.

Bei der Forschungsgruppe Wahlen lag zuletzt die FDP auf dem dritten Platz. Matthias Jung ist Vorstandsmitglied des Meinungsforschungsinstituts aus Mannheim. Er meint, Gaulands Verbalattacke auf die SPD-Politikerin Özoguz habe in den vergangenen Tagen mehr Aufsehen erregt als die betont seriösen Auftritte von Weidel. Jung glaubt, mit seinen Sprüchen könne Gauland zwar "den harten Kern der AfD bei Laune halten, für den Zugewinn neuer Wählerschichten ist das eher ungeeignet". Aber nun hat ja auch Weidel für einen kleinen Eklat gesorgt. 

fin/Anne-Beatrice Clasmann/DPA

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