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Kommentar

Wähler, hört auf zu klagen! Warum die Entscheidung selten so einfach war

Langweilig, schwierig, quälend – so werden mir zurzeit die Ohren vollgeheult, wenn die Rede auf die Bundestagswahl am 24. September kommt. Alles Quatsch! Selten war die Entscheidung so einfach.

Wahlplakate und Stimmzettel für die Bundestagswahl

Was soll ich bloß wählen? Vielen fällt die Entscheidung bei dieser Bundestagswahl besonders schwer.

Ja, Angela Merkel bleibt Bundeskanzlerin. Dieses Ergebnis der Bundestagswahl steht wohl fest. Aber die Frage, welche Politik wir in den nächsten vier Jahren bekommen, ist völlig offen. Und das macht die Entscheidung am 24. September so wichtig und spannend.

Ob in der Kantine, am Kaffeetisch oder in der Kneipe – überall wo zurzeit mal das Gespräch auf die Bundestagswahl kommt, sehe ich viele verzweifelte Gesichter. Der Wahlkampf sei so langweilig, die Meinungsbildung so quälend. Klar, solle ruhig Kanzlerin bleiben, aber deswegen könne man doch nicht CDU wählen. Oder: Das SPD-Programm sei ja richtig, nur müsse sich die Partei bitte mal in der Opposition erholen. Dazu beginnt eine verrückte Debatte um die Wahltaktik: Grüne oder FDP – für welche Partei müsse man denn nun stimmen, damit es eine Jamaika-Koalition geben kann?

Noch alles möglich bei der Bundestagswahl

Da kann ich nur sagen: Alles Quatsch! Man muss die Umfragen schon richtig lesen. Davon gibt es zurzeit jede Menge. Auch hier veröffentlichen wir jede Woche die neuesten Ergebnisse des stern-RTL-Wahltrends, den das Institut Forsa für uns erhebt. Klar ist es spannend, welche Partei einen Prozentpunkt gewonnen oder verloren hat. Für die taktische Wahlentscheidung muss man aber schon das lesen, was am Ende jeder Wahltrend-Meldung steht: Fehlertoleranz plus/minus 2,5 Prozentpunkte.

So betrachtet ist es jenseits der Kanzlerfrage ziemlich unklar, was im nächsten los sein wird. Das wird nachvollziehbar, wenn man die Fehlertoleranz auf die aktuellen Werte des stern-RTL-Wahltrends anwendet.

Zum Beispiel 37 Prozent für die CDU/CSU: 34,5 Prozent wären ein sehr maues Ergebnis für die Union, Merkel weitgehend entzaubert. 39,5 Prozent dagegen würden als riesiger Vertrauensbeweis gefeiert.

Oder: 23 Prozent für die . Bei einem Rekordtief von 20,5 Prozent würde die Parteiführung hinweggefegt, bei 25,5 Prozent wäre wieder das Ergebnis von Peer Steinbrück von 2013 erreicht.

Ebenso spannend die , laut Wahltrend bei 9 Prozent. Mit 11,5 Prozent wäre die Partei auf einen Schlag womöglich die stärkste Oppositionskraft im Bundestag; bei 6,5 Prozent würden sich die Kommentatoren schnell einig, dass die Protestpartei ihren Höhepunkt nun endgültig überschritten habe.

Und auch bei FDP, Grünen und Linke ist die Bandbreite des Wahlausgangs groß: ein knappes Überspringen der Fünf-Prozent-Hürde oder der Triumph der Zweistelligkeit. Alles ist möglich.


Keine taktischen Spielchen, sondern nach Inhalten wählen

Taktische Wähler können deswegen in diesem Jahr böse Überraschungen erleben. Wer Jamaika will, wacht am Ende vielleicht mit Schwarz-Gelb auf. Wer Angela Merkel als Kanzlerin einer Großen Koalition stützen möchte, legt am Ende womöglich die SPD in Trümmer. Die Dynamik am Abend des 24. Septembers kann gewaltig sein. Wer am Ende mit wem paktiert, genauer: paktieren kann, ist überhaupt nicht ausgemacht.  

Deswegen mein Rat: Vergesst die taktischen Spielchen! Und was folgt daraus? Ganz altmodisch: nach Inhalten wählen. Wer – im positiven Sinne - ein Weiter-So will, wählt Union. Wer Weiter-So mit etwas mehr Gerechtigkeit möchte, stimmt für die SPD. Wem Umverteilung besonders wichtig ist, kann die Linke stärken. Für wen Ökologie entscheidend ist, der macht sein Kreuz bei den Grünen. Wer eine Prise mehr "Leistung muss sich aber lohnen" will, hat die FDP. Und wem die bisherige Flüchtlingspolitik überhaupt nicht passt und für wen das allen Ernstes die entscheidende Frage für die Zukunft Deutschlands ist, dem bleibt wohl nur die AfD.

Angebote wie www.wahlnavi.de oder der Wahl-O-Mat sind eine gewisse Hilfe. Aber oft reicht es, in sich hineinzuhören, das eigenen Gewissen zu befragen, um herauszufinden, welche Grundüberzeugungen einem besonders wichtig sind. Also, liebe Wähler, klagt nicht, sondern macht Euch an die Arbeit.


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