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Meinung

Warum ich zum ersten Mal gegen meine Überzeugung die CDU wählen muss

Die Angst vor Trumps Schnellschüssen und die aktuelle politische Lage in Deutschland stellen unsere Autorin vor eine Gewissensfrage: Wie taktisch muss sie ihre Kreuzchen setzen, damit sie vor Trump genauso sicher ist wie vor dem eigenen Gewissen?

Ich bin kein politischer Mensch. Ich weiß, dass man das so nicht behaupten kann, schließlich ist jeder Mensch politisch. Was ich also eigentlich sagen will, ist: Ich gehe wählen und das war's. Bei früheren Wahlen habe ich die stets meinem inneren Radar folgend gesetzt. Bei Landtagswahlen habe ich stärker auf einen persönlichen Bezug gesetzt, also möglichst große Zustimmung zum Wahlprogramm sowie idealerweise Sympathie für den Kandidaten. Meine Stimme bekamen die Grünen oder die Linke. Bei Bundestagswahlen hat die SPD das Kreuzchen bekommen, wenn es meiner Ansicht nach die politische Lage erforderte. Man will ja nichts verschenken. 

Nicht, dass ich jemals alle Wahlprogramme von A bis Z gelesen hätte. Aber der und ich waren uns immer einig. Das sind wir zwar auch in diesem Jahr, aber mich beschleicht dennoch das Gefühl, dass ich 2017 nicht darauf hören darf. Ich muss internationaler denken: Welcher Bundeskanzler kann es in den kommenden Jahren mit Donald Trump aufnehmen, Merkel oder Schulz? Einer von den beiden wird es zwangsläufig werden. Dieses Mal ist die Wahl wegen Trump für mich so stark personengebunden, dass ich bereit bin, meine politische Seele zu verkaufen.

SPD oder CDU?

Mit meinem Eindruck stehe ich nicht alleine da, denn immer wenn die Bundestagswahl Gesprächsthema wird, und das wird sie in meinem Freundeskreis beinahe täglich, enden die Unterhaltungen in großer Ratlosigkeit: Was soll man dieses Mal bloß wählen? 

Ich mag  ja irgendwie, sie hat nach all den Jahren mein Vertrauen. Ich liebe ihre spröde, trockene Art, die kurzen Seitenblicke, die sie ihren mansplaining-Kollegen zuwirft; sie soll auch einen super Humor haben. Sie bleibt äußerlich nüchtern, ungerührt und trägt ein professionelles Pokerface, das ihr selten entgleitet. Ihre Person ist mir sympathisch. Ihre Partei aber ganz und gar nicht. Sämtliche Werte, für die die CDU steht, widerstreben mir. 

Ich muss gegen meine Überzeugung wählen

Dennoch war ich mir Anfang des Jahres, relativ schnell nach Trumps Amtsantritt, ziemlich sicher: Dieses Mal wähle ich die CDU. Ein Mal. Wegen Trump. Der Mann mit der Neigung, schneller zu twittern als zu denken, machte mir Angst. Und Angela Merkel scheint er auf gewisse Weise zu respektieren. Ich glaube, dass sie es am ehesten mit ihm aufnehmen kann. Auch, weil er einfach nichts mit ihr anfangen kann. Eine blitzgescheite Frau, ein Mysterium in seiner Machowelt.

Dann kam allerdings die Landtagswahl in NRW. Schon am Abend des 14. Mai poppte direkt nach den Hochrechnungen der Wunsch der CDU auf, mit der FDP zu koalieren – denn die hatte zum ersten Mal seit Jahren wieder relevante 12,6 Prozent erreicht und war damit drittstärkste Partei. Mich durchfuhr es: Ich kann's doch nicht! Wenn so eine Koalition auf Bundesebene passiert, bin ich beteiligt, das geht nicht. Christian Lindner is not my boy, ich glaube ihm kein Wort. Trotz des lustigen Viralspots mit dem Chefredakteur des "Hamburger Abendblatts". 


Und nun?

Seit Mai ist dann aber wieder einiges passiert. Nordkorea dreht durch, Trump hat immer noch nicht gelernt, ein besonnener Präsident zu sein, und jüngst gab's das "TV-Duell" zwischen der Kanzlerin und Martin Schulz. Trotz aller Kritik – in den sozialen Medien ist das ironische "Danke Merkel" zum geflügelten Wort geworden – blieb Merkel dort ihrer Haltung zur Flüchtlingspolitik treu. Davor habe ich großen Respekt, meine Sympathie war wieder bei Angie.

Und jetzt lege ich mich fest. Ich werde eine Partei wählen, die mir nicht behagt, weil die andere große Partei keinen Kandidaten hat, an den ich glaube. Weil ich Angst habe, dass wie beim Brexit alle glauben, alles sei bereits geritzt – dann aber keiner zur Wahl geht und wir haben den Salat.

Die kruden Konsequenzen

Was kommt dann dabei heraus? GroKo braucht kein Mensch mehr, Schwarz-Rot-Rot wird es wohl nie geben, was ist mit den Grünen? Von Cem Özdemir habe ich dieses Jahr am allerwenigsten mitbekommen. Könnte ich mit einer Jamaika-Koalition aus Union, FDP und Grünen leben? Hm. Ist Schwarz-Grün zu schaffen? Das wäre großartig. 

Nicht zur Wahl zu gehen, kommt für mich genauso wenig infrage wie all die Jahre zuvor. Einen ungültigen Wahlzettel abzugeben, habe ich auch noch nie eingesehen. Würde ich Sahra Wagenknecht wählen, wäre das dieses Jahr verschenkt. Für die ganzen Neulinge, die Humanisten, V³ und wie sie alle heißen, ist mir die Weltlage zu Ernst. Ich stand noch nie so auf dem Schlauch, deswegen trete ich die Flucht ins andere Lager an.

Hauptsache wählen – reicht das wirklich?

Inzwischen haben sich einige Initiativen gebildet, die der diesjährigen Wahl ebenfalls größere Bedeutung beimessen als den vorherigen. "Mit mir 90 Prozent" zum Beispiel will vor allem eins, Freiheit und Demokratie stärken. Je größer die Wahlbeteiligung, desto kleiner bleibt die AfD, hab ich mal irgendwo gelesen. Ich will auch deshalb wieder zur Wahl gehen, aber ich will mehr. Ich will, dass Merkel bleibt. Nu isses raus.



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