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Feuern und "Motherfucker" brüllen

Er solle beim Feuern an Afroamerikaner denken und "Motherfucker" rufen. Das sind die Befehle eines Ausbilders der Bundeswehr an einen Soldaten. stern.de hat das Beweis-Video im Internet entdeckt. Der Ausbilder wurde wegen des Vorfalls versetzt.

Von Malte Arnsperger

Zwei Männer im Bundeswehr-Tarnanzug stehen nebeneinander, halb verdeckt von Büschen und Ästen, mitten im Wald. Einer der Männer hat sich hinter einem Maschinengewehr postiert. Sein Begleiter, offenbar sein Vorgesetzter, sagt dem Mann, er solle sich vorstellen, er sei gerade als Sicherungssoldat auf dem Flugplatz eingesetzt. Terroristen würden nun versuchen, das Flugzeug zu kapern. "Handeln Sie!", befiehlt der Vorgesetze mit scharfer Stimme. Zweimal rattert das Gewehr. Der Vorgesetze : "Sichern. Gut, Funker. Terroristen sind tot." Nun der nächste Befehl: "So, sie sind jetzte in 'ner Bronx. Ein schwarzer Van hält vor Ihnen. Drei Afroamerikaner steigen aus und beleidigen ihre Mutter aufs Gröbste." Der Funker kichert hörbar. Der Vorgesetzte fährt fort: "Vor jedem Feuerstoß will ich ein lautes 'Motherfucker' hören." Der Funker kichert wieder. "Handeln sie!" - "Jawohl". Der Soldat feuert mehrfach und brüllt wie befohlen "Motherfucker, Motherfucker". Anscheinend nicht mit genug Leidenschaft. Der Vorgesetzte schreit: "Weiter, lauter!" Wieder folgen Feuerstöße, begleitet von "Motherfucker, Motherfucker".

Kaserne gibt Vorfall zu

Diese Szene ist kein Spiel, sondern bittere Realität. Und diese Realität wurde auf Video festgehalten. Gedreht wurde das Filmchen in der Feldwebel-Schmid-Kaserne im schleswig-holsteinischen Rendsburg. Aufgetaucht ist es nun im Internet auf dem Videoportal "myvideo.de". Titel: "Bundeswehr Motherfucker". Beschreibung: "Funker M. in shooting action". Als Datum wird der Juli 2006 angegeben. stern.de hat das Video im Internet entdeckt.

Das zuständige Fernmeldebataillon in der Nachbarkaserne in Rendsburg gibt den Vorfall gegenüber stern.de zu: "Ja, dieses Ereignis hat tatsächlich so bei uns stattgefunden", sagte der Presseoffizier der Einheit, Hauptmann Andreas Handschack. Allerdings habe man erst im Januar davon erfahren. Das Video sei zufällig aufgetaucht. Soldaten hätten private Videos untereinander ausgetauscht, darunter auch das "Motherfucker"-Filmchen. Einer der beteiligten Soldaten habe das Ereignis der Kasernenführung gemeldet. Sofort habe man Meldung an die übergeordnete Dienststelle, die 14. Panzergrenadierdivision in Neubrandenburg, gemacht. Der dortige diensthabende Offizier sagte zu stern.de, er wisse nichts von dem Vorfall. Vom Verteidigungsministerium gab es bislang keine Stellungnahme.

Der verantwortliche Ausbilder ist nach Angaben des Presseoffiziers in Rendsburg wegen des Vorfalls mittlerweile versetzt worden, disziplinarische Ermittlungen seien eingeleitet worden. "Die Verfehlungen dieses Soldaten sind der Bundeswehr auf keinen Fall zuträglich", sagt Hauptmann Andreas Handschack. Es handele sich aber um einen Einzelfall, sagt Handschack.

Das sieht Jürgen Rose anders. Er ist Oberstleutnant und Vorstandsmitglied des Darmstädter Signals, einer Vereinigung kritischer Soldaten. Er erhebt schwere Vorwürfe: "Diese Skandale sind keine Einzelfälle. Sie passieren in der Bundeswehr zwar nicht alltäglich, aber zumindest alljährlich. Man denke nur an die Totenkopf-Fotos in Afghanistan, den Folterskandal in Coesfeld oder die wehende Naziflagge in einer Kaserne in Dresden", sagte Rose zu stern.de Schuld daran sei der "Kämpferkult" innerhalb der Streitkräfte. Seit Anfang der 90er Jahre sei die Kriegstüchtigkeit der Soldaten das Maß aller Dinge, so Rose. Er sehe eine zunehmende Tendenz, dass die jungen Rekruten in der Grundausbildung für den "archaischen" Kampf ausgebildet werden. "Mit solchen Befehlen wie in dem Video soll die Tötungshemmung überwunden werden, die Soldaten konditioniert werden", sagt Rose.

Begünstigt wird diese Entwicklung nach Roses Ansicht vor allem durch die zunehmenden Auslandseinsätze der Bundeswehr. Zudem müsste die politische Bildung bei den Streitkräften verbessert werden. Rose: "Den jungen Soldaten wird beigebracht, wie man kämpft, aber nicht, wofür sie kämpfen."

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