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17. März 2008, 19:00 Uhr

"Helfen - Vermitteln - Kämpfen"

Es kann eine bisweilen heikle Aufgabe werden: Im Sommer soll die Panzerbrigade 21 der Bundeswehr als schnelle Eingreiftruppe der Nato nach Afghanistan entsandt werden. Am Montag haben die deutschen Streitkräfte die Einheit das erste Mal der Öffentlichkeit vorsgestellt. Von Tim Farin, Bergen

Mitglieder der deutschen "Quick Reaction Force" in Augustdorf© Johannes Eisele/Reuters

Der Infanterist der Zukunft steht in der Lüneburger Heide und überlegt. Er sucht nach Worten, es hagelt und ist bitterkalt, die Pupillen hinter dem leicht verschmierten Glas der Schutzmaske wandern umher, jetzt hat er seine Antwort: Freuen, nein, das könne man nicht sagen - er freue sich nicht auf Afghanistan, das wäre übertrieben. "Aber ich denke, wenn man seinen Job ordentlich machen will, dann gehört auch so etwas dazu."

Der stattliche Mann mit der schwarz geschminkten Gesichtshaut, dessen Namen die Öffentlichkeit auf Wunsch der Bundeswehr nicht erfahren darf, ist eine der insgesamt 200 Personen starken Kerntruppe, die ab Juli in Afghanistans Norden als Quick Reaction Force (QRF) bereitstehen wird - eine schnelle Eingreiftruppe, die bislang von Norwegen gestellt wird. Sie dient dem Regionalkommandeur im Norden des schroffen Lands am Hindukusch als wichtiges Mittel, um Hilfs-Konvois zu begleiten, Razzien zu sichern und auch Aufständische effektiv zu konfrontieren. Jetzt übernimmt die Bundeswehr diesen Job - doch Brigadegeneral Jürgen Weigt, der das Kommando hat, sieht darin keinen Meilenstein: "Das hat keine neue Qualität", findet Weigt, alles bewege sich in gesetzten politischen Rahmen und habe auch längst, wenn auch unter anderer Leitung, existiert.

Einsätze sind nicht risikolos

Natürlich ist der Einsatz dennoch eine heikle Sache in der für Kampfeinsätze immer noch sehr sensiblen Bundesrepublik Deutschland. Schon die bisherigen Einsätze haben ja über 20 Todesopfer gefordert, auch darauf weist der General hin - man könne also in der Debatte kaum von risikolosen Einsätzen sprechen. Somit gibt sich das Heer an diesem Montag redlich Mühe, Vertrauen zu schaffen für die Erweiterung seiner Aktivitäten am Hindukusch. Mehr als zwei Busladungen Medienvertreter sind an den gigantischen Truppenübungsplatz Bergen im feuchtkühlen Niemandsland zwischen Hamburg, Bremen und Hannover angereist, die Streitmacht hat eine ganze Maschine voller "Hauptstadtjournalisten" eingeflogen, es gibt Käse- und Lachsbrötchen im Truppenlager - ein Offizier lobt seine Jungs, weil sie das mit dem Kaffee und dem Anrichten so schön hinbekommen haben. Schließlich ist die kritische Öffentlichkeit zu Gast, da sollten solche Eindrücke schon stimmen.

Inhaltlicher Kern des Medientags ist die Vorstellung der QRF durch ihren General. Weigt, ein sportlicher 50-Jähriger, umreißt die Mission seiner QRF mit vier Stichworten: "Schützen - Helfen - Vermitteln - Kämpfen". Ab Juli müssen sich der Kommandeur und seine Kräfte darin beweisen. Die QRF soll nicht als rabiate Elite-Einheit verstanden werden, und so machte Weigt sich denn auch Mühe, auf die Einbindung ihrer Tätigkeiten im bestehenden ISAF-Mandat sowie in den existierenden Kampfregeln hinzuweisen. Die QRF hat viele Verwendungen: Patrouillen, Aufklärungseinsätze, die Sicherung von brisanten Veranstaltungen und den Schutz von Konvois beispielsweise, aber eben auch die Attacke, um alliierte oder eigene Kräfte in Sicherheit zu bringen. Je nachdem, was ansteht, können auch zusätzliche Soldaten und ihr Equipment einspringen, sagt General Jürgen Weigt, getreu dem amerikanischen Slogan "Tailor to the mission", also: auf die Mission zu schneidern. Ziel sei es stets, dass afghanische Sicherheitskräfte die Lage steuern und dass der afghanische Staat stabil bleibt. Aber es bestehe, sagt der General, dessen Stirn sich beim Reden in Falten legt, immer auch die Möglichkeit zum offensiven Einsatz.

Bis Ende Mai trainieren die Einsatzkräfte noch

"Ich bin kein Afghanistan-Experte", berichtet der General über sich, was ihn wohl auch zu seiner besonders gewissenhaften Vorbereitung anspornt. Weigt, der an der Hochschule der Bundeswehr in Hamburg Pädagogik studierte, spricht von "Ausbildungsfürsorge". Die 200 Kameraden und Kameradinnen aus dem Kern der QRF, die seiner Panzerbrigade 21 aus Augustdorf entstammen, sollen bestens vorbereitet sein für den Hindukusch. "Mein größtes Augenmerk liegt selbstverständlich auf der Ausbildung", sagt der General. Bis Ende Mai trainieren die Einsatzkräfte noch ihre Auslandsmission, dann sieht Weigts Kalender das "Schließen von Ausbildungslücken" vor, und dann setzt sich die QRF in Marsch Richtung Masar-i-Scharif.

Nach den einleitenden Worten des Brigadegenerals, der bei den englischen Fachtermini hin und wieder ein Zischeln unter die Vokabeln mischt, ging es raus aufs Feld: Die Bundeswehr demonstrierte an einer theaterhaften Übung, wie die QRF in Asien Wirkung zeigen soll. Im Übungsdorf des Manöverplatzes hatten sich einige Statisten in blaue Umhänge geworfen und mimten die - in Backsteinhäuschen lebende - Bevölkerung eines darbenden afghanischen Dorfs, die deutschen QRF-Kräfte eskortieren einen Hilfskonvoi in dieses Dorf - und geraten unter Beschuss von Aufständischen. Dann zeigt die Panzerbrigade 21, wie es im Idealfall läuft: Die Infanteristen sichern das Dorf, ordern die Unterstützung ihrer vier Marder-Schützenpanzer. Und schon verstummen die Schüsse vom Hügel ein paar Hundert Meter entfernt.

Freude will auch die High-Tech nicht bringen

Die Bundeswehr will auch technische Stärke zeigen. Zu viel wird in den Medien über mangelhafte Ausrüstung berichtet. Da präsentieren die Soldaten moderne Funktechnik, Schützenpanzer Marder, den Transporter Dingo (mit Klimaanlage und Standheizung) und den besagten Infanteristen der Zukunft. In seiner Ausrüstung hat der einen PDA mit Navigationskarten, er verfügt über eine Wärmekamera, um Feinde auch unter schwierigen Sichtverhältnissen zu orten, und er hat gleich drei Waffen bei sich. Ein Soldat hat sich die volle Montur geworfen, und er steht den Journalisten geduldig Rede und Antwort. Bei seinem letzten Afghanistan-Einsatz hatte er die moderne Technik noch nicht am Leib. Was sie ändern wird, wagt er noch nicht zu vermuten. Sie sei jedenfalls schön leicht. Aber Freude - Freude will auch die High-Tech nicht bringen.

Von den Soldaten, die sich hier auf ihren Dienst in der QRF vorbereiten, waren viele schon in Afghanistan. "Man kann viel trainieren, aber ob das etwas für einen ist, das weiß man immer erst da unten", sagt einer, der nun zum dritten Mal ins Ausland geht. Aber weil es eben auch tödlich zugehen kann, besitzt nicht nur die taktische und körperliche Vorbereitung Priorität. General Weigt, verheirateter Vater zweier Kinder, weiß, wie wichtig dies ist. Um Todesopfer und über Verwundung gehe es in den Lehrgängen auch, aber natürlich komme es darauf an, dass diese Gedanken gerade und vor allem in den Familien besprochen werden. "Es muss sich jeder persönlich darüber klar werden", sagt der General.

Von Tim Farin, Bergen
 
 
KOMMENTARE (10 von 23)
 
Zen0n (18.03.2008, 11:23 Uhr)
das freut mich :)
Also ich stimme Ihnen ja auch zu, so ist es ja nicht.
Ob Gesetze rechtens sind oder nicht wurde ja leider entschieden und wenn sie es bis zum Mandat bringen ist es leider "Regelkomform".
Ob man es nun gut heißt oder nicht ist Jedem selbst überlassen, zählt dann aber zur eigenen Meinung :)
Ich bin auch kein Befürworter und Gott weiß ich bin ich auch Niemand der die USA vergöttert oder meint Sie sind unser großes Vorbild ich wollte einfach nur dieses sinnlose Geschwafel von einigen Kommentatoren kommentieren (seltsame Vormulierung), die nur Antiamerikanismus im Kopf haben und bei denen jenes der einzige Gegenstand der Argumentation ist.
Ich denke auch das der Einsatz in Afghanistan Verfassungswidrig ist, und solange man noch die kleinen Lücken des Systems nutzt, werden trotzalledem Truppen entsendet.
Ich bin auch dafür das wir unsere Jungs Stück für Stück nach Hause schicken, aber solange das Land so zerrüttet und destabilisiert ist, wird es leider nicht ohne Einsatz von Truppen möglich sein.
vonSelbenstein (18.03.2008, 11:13 Uhr)
Keine Sorge Zen0n....
... angegriffen fühle ich mich überhaut nicht. D müssen schon stärkere Geschütze kommen. Auch wenn alles Mögliche oder Unmögliche mittlerweile mandatiert wird, ist es aus meiner Sicht noch lange nicht rechtens. Der Krieg in Afghanistan ist, aus meiner Sicht nicht verfassungskonform und auch nicht gewinnbar. Das habe schon Briten und Sowjets bitter erfahren müssen. Ich plädiere vehement dafür den Afghanistaneinsatz abzuschließen und in einem vernünftigen Zeitrahmen unsere Truppen ab zu ziehen.
Zen0n (18.03.2008, 11:07 Uhr)
@vonSelbenstein
Sie brauchen sich ja nicht angegriffen fühlen :)
..mag sein.....ist nur eine Formulierung, darauf bezogen möchte ich Sie nicht kritisieren oder Ihre Angaben in Frage stellen. Das einmal vorweg.
Gut zu den damaligen Verhältnissen kann ich nicht viel sagen und wenn sie wirklich nicht gefragt wurden ist es wieder nur ein Beispiel das viel in der Bundeswehr falsch gelaufen ist und falsch läuft..Egal...
Ich bin froh da Sie es überlebt haben, allein damit diese Diskussion einen vernünftigen Nährboden hat.
Aber selbst humanitäre Einsätze brauchen den Schutz, in Regionen wie Afghanistan, oder geben Sie mir da nicht Recht?
Ohne "Kampftruppen" sind in Krisengebieten doch gar keine humanitären Aktionen möglich.
Sie wären ständig die Ziele von Angriffen und Attentaten.
Und nein nach den neuen Mandaten ist Anti-Terror auch Aufgabe der Bundeswehr. Die entsprechenden Gesetze sind noch garnicht so alt.
vonSelbenstein (18.03.2008, 10:54 Uhr)
Paradigmenwechsel...
hat stattgefunden, ohne dass wir "alten Soldaten" gefragt wurden.
Ich bin ganz genau 1984 in die Bundeswehr eingetreten. Da war von Antiterror (übrigens polizeiliche Aufgabe) gar keine Rede. Humanitäre Einsätze? Auch dafür ist eine Armee nicht da. Das sind Aufgaben von z.B. DRK, THW und so genannten NGO ´s.
Ich jedenfalls bin nicht explizit gefragt worden, ob ich solche Einsätze wie in Afghanistan möchte oder nicht, schon garnicht 1984.
Un im Übrigen, es mag nicht nur sein, ich war tatsächlich in Afghanistan zen0n und habe einen Raketenanschlag überlebt. Ich weiß also, wovon ich rede.
Zen0n (18.03.2008, 10:40 Uhr)
@vonSelbenstein
also ich war auch soldat und ich weiß zwar nicht wann sie genau in die Bundeswehr eingetreten sind, aber mir wurde expleziet die Frage gestellt ob ich bereit bin an Auslandseinsätzen teilzunehmen!!! Sie etwa nicht?
Ich glaube beim Eintreten in die Bundeswehr bzw bei der Musterung z.B.
Zum anderen gibt es allein schon die neue Ausbildungsverordnung an:
Nicht mehr wie Sie "Vaterländischer Krieg" diese Ausbildung unter diesem Oberbegriff ist veraltet und wird Stück für Stück abgeschaftt, sie macht nur noch einen kleinen Teil der Ausbildung!
Heute sind es: Antiterror und Präventionsmaßnahmen die zum Alttag gehören.
Diese Ausbildung findet selbst bei Grundwehrdienstleistenden statt.
Mag sein das Sie in Afghanistan waren und den Auftrag in Frage stellen, das ist auch ihr gutes Recht aber der Globalisierung und unseren Partner kann man sich nicht geberell verweigern.
Ich persönlich bin auch für rein humanitäre Einsätze aber allein dafür werden auch "aktive Truppenverbände benötigt" zumindest für den Schutz der "passiven Kräfte" oder irre ich mich da???
vonSelbenstein (18.03.2008, 10:26 Uhr)
@ zen0n
Kein Soldat wird gegen seinen Willen in den Einsatz geschickt?
Dann bin ich wohl Angehöriger einer anderen Bundeswehr. Von Freiwilligkeit kann ja wohl keine Rede sein.
Ich bin in den frühen 80ern des letzten Jahrhunderts angetreten, die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen, mach ich auch heute noch mit Überzeugung, aber nicht am Hindukusch und schon lange nicht für die imperialen Interessen der USA!
vonSelbenstein (18.03.2008, 10:22 Uhr)
@ wintersaint....
... sind Sie schon mal in Afghanistan gewesen?
Wenn nicht, dann sind Sie genau der, der vom Schaukelstuhl aus argumentiert.
Ich gehe aber mal davon aus, dass Sie Afghanistan-Veteran sind. Dennoch, es ist sowohl moralisch als auch emotional ein ganz deutlicher Unterschied, ob ein Mensch schicksalhaft von einem Auto überfahren wird, oder von seinen Politikern in ein Land wie Afghanistan geschickt wird, dass tausende Kilometer entfernt ist, uns nicht bedroht und kulturell sowie weltanschaulich so unterschiedlich ist um sein Leben zu riskieren.
Ich bin übrigens Afghanistan-Veteran und frage mich auch 3 Jahre nach meinem Einsatz immer noch, wozu und mit welchem wirklich nachhaltigem Erfolg das Ganze stattfindet!
ganzbaf (18.03.2008, 10:17 Uhr)
Twipsy "LoL* ...
(-;
ganzbaf (18.03.2008, 10:16 Uhr)
Wer es gut meint, mit dem "besseren Amerika"...

der ist jetzt Antiamerikaner.
;-P
Zen0n (18.03.2008, 10:15 Uhr)
Leute Leute
Ich möchte zu allererst meinem Vorredner recht geben! Zwar nicht in allen Punkten, aber Meinungen sind verschieden.
1. Jeder Soldat ist sich dem Risiko bewusst und kein Soldat wird gegen seinen Willen in Auslandseinsätze geschickt, mit einer bestimmten Gefahrenstufe.....
2. Teilweise muss ich dem CONTRA recht, ich kann euren Unmut verstehen, denn eins ist ganz klar, die USA haben sich verschätzt und "Mist gebaut" und versuchen sich, wegen der Front in Ihrem Land, sich zurück zu ziehen.
Das die USA nun verlangen das die Uno und andere sich einbinden müssen (vor allem auch im Süden) finde ich auch ungerecht, aber wir sind eine Gemeinschaft und müssen zusammen halten.
3. Denkt Ihr, die ihr absolut gegen den Einsatz seit 1x mal an die afghanische Bevölkerung?????
Die zum Großteil alles befürworten?
Wenn wir nun alle Kräfte abziehen (ich meine alle Staaten) dann versinkt das Land in einen totalen Bürgerkrieg.
Also ich bitte euch mit etwas Feingefühl an die Sache heran zu gehen und nicht nur mit diesem Antiamerikanismus!
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