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20. März 2007, 14:30 Uhr

Schimmel in der Stube, Löcher im Mobiliar

Marode Kasernen, schlechte ärztliche Versorgung, geringer Sold - Reinhold Robbe, Wehrbeauftragter des Bundestages, dokumentiert in seinem Jahresbericht die teilweise skandalösen Arbeitsbedingungen für Soldaten in Deutschland.

Wehrbeauftragte Robbe: "Riesige Bugwelle" an Investitionen nötig© Joerg Sarbach/AP

Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Reinhold Robbe, hat mit drastischen Worten marode Kasernen in Westdeutschland, mangelnde Ausstattung der Soldaten und unzureichende ärztliche Versorgung kritisiert. Bei der Vorstellung seines Jahresberichtes sagte Robbe heute in Berlin, der Frust der Soldaten liege zum Teil auch darin begründet, dass viele Mängel seit Jahren bekannt seien. Die Bundeswehr schiebe eine "riesige Bugwelle" von Investitionen vor sich her, deren Höhe noch niemand genau ermittelt habe.

Robbe berichtete, wie er bei einem unangemeldeten Besuch in einer Kaserne in Norddeutschland marode Dächer, Schimmel in den Stuben, Schadstofffreisetzung durch sich lösendes Parkett, einsturzgefährdete Decken und nur mit Gummistiefeln betretbare Sanitärräume zu sehen bekam. Und dies sei kein Einzelfall. Da seit Anfang der 90er Jahre vorzugsweise in ostdeutsche Kasernen investiert worden sei, müssten die Soldaten in Westdeutschland "heute in Unterkünften leben, die ich als untragbar und teilweise sogar skandalös bezeichnen muss". Bei einem zweiten Besuch in einer ostdeutschen Kaserne sei das Problem die sanitätsärztliche Versorgung gewesen: ständig wechselnde Ärzte, mangelnde Eignung ziviler Vertragsärzte und tagelange Wartezeiten für eine Behandlung.

Robbe will Erhöhung des Soldes

Beim Besuch einer Unterstützungseinheit der Streitkräftebasis schließlich hätten Soldaten beklagt, dass dringend benötigtes Material und Gerät nur zu 20 bis 30 Prozent bereit stehe. 80 Prozent der Feldwebel-Dienstgrade seien nicht bedarfsgerecht ausgebildet, weil es an entsprechenden Plätzen in den Schulen fehle. Der Wehrbeauftragte beklagte die wachsende Schere zwischen Aufgaben und Finanzmittel. "Natürlich brauchen wir für die Bundeswehr mehr Geld", betonte Robbe, räumte allerdings die angespannte Haushaltslage der Bundesregierung ein.

Robbe sprach sich außerdem für eine Erhöhung des Wehrsoldes aus. Dieser betrage beispielsweise für Wehrpflichtige rund 240 Euro und sei seit 1999 nicht erhöht worden. Er wies darauf hin, dass die Bundeswehr angesichts der bevorstehenden geburtenschwachen Jahrgänge etwa ab 2008 zunehmend mit der Wirtschaft um qualifizierte Arbeitskräfte konkurrieren werden müsse und dies nur mit angemessenem Sold und akzeptablen Arbeitsbedingungen tun könne. 2006 richteten die Soldaten - wie auch schon in den Jahren zuvor - rund 6.000 Beschwerden an den Wehrbeauftragten. Gemessen an der abnehmenden Zahl der Soldaten bedeute dies eine Erhöhung, sagte Robbe.

AP
 
 
KOMMENTARE (2 von 2)
 
Lothar45 (23.03.2007, 12:18 Uhr)
Am Geld liegt es nicht
Desolate Kasernen die einem abbruchreifen Auffanglager gleichen ist schon ein starkes Stück.
Wo liegen jedoch die Ursachen für diese Missstände? Ich war 12 Jahre Soldat und bin in dieser Zeit (1983 – 1995) viel rumgekommen und habe min. 15 Kasernen von innen gesehen. Die jetzt beschriebenen Zustände habe ich jedoch nie erlebt.
Seit 1995 verhält sich die Bundeswehr (oder besser deren Führer) entgegengesetzt eines Heuschreckenschwarms. Dieser hinterläst bekanntlich karges Land und zieht dann weiter. Anders bei der Bundeswehr. Die löst hervorragende Standorte auf, verlegt die dort untergebrachten Truppenteile in abrissreife Kasernen, steckt anschließend Millionen in deren halbherzige Renovierung um kurz vor Abschuss aller Arbeiten diesen Standort auch wieder aufzulösen.
Ein Beispiel: Die Prinz Eugen-Kaserne in Mengeringhausen (Bad Arolsen). Hier war ich den überwiegenden Teil meiner Dienstzeit stationiert. Gebaut in den 60er Jahren, bis 1990 für die Aufnahme eines Fugabwehr Battalion erweitert, Umbau des Kesselhauses, Sanierung der Wasserver- und entsorgung usw. . Unterm Strich, von der Bausubstanz und der Infrastruktur eine hervorragende Kaserne. Nach der Teilauflösung des Standortes (die Herrn der Luftwaffe blieben noch mit ca 300 Mann in einer Kaserne für 1500) wurde das dort stationierte Artilleriebattalion umbenannt und nach Hessisch Lichtenau in eine Kaserne verlegt, die noch nicht einmal zum üben des Orts- und Häuserkampfs zu gebrauchen war. Das Artilleriebattalion war auch der alleinige Nutzer !!!! Nun begann eine ware Sanierungsorgie, die ich jedoch nicht selber miterlebt habe. Der Standort ist bzw. wird aufgelöst.
Beispiel Wolfhagen: Die Pommern-Kaserne erleidet das gleiche Schicksal und ist Baulich ebenfalls als Gut zu bewerten.
Von diesen Geldvernichtungsprogrammen kann jeder Langgediente berichten. Die Palette reicht bis zum Beginn und Abschluss des Baus einer Panzerwaschanlage, obwohl weit vor Baubeginn die Standortauflösung unter Fach und Fach war.
In diesem Verlegungs- und Auflösungswahn kann weder ich noch viele langgediente Kameraden irgendeinen taktischen oder strategischen Sinn erkennen.
Wenn also jetzt solche durch den Wehrbeauftragten aufgezeigten Mängel vorliegen und gleichzeitig mehr Geld gefordert wird, dann sollten zu erst einmal die Verantwortlichen überbezahlten und inkompetenten Planer ihrer Posten enthoben und zur persönlichen Haftung heran gezogen werden. Zu “meiner Zeit“ hatte die Bundeswehr 495.000 Mann (Aufwuchsfähigkeit in drei Tagen auf 1.200.000 Mann) und ca. 200.000 Zivilbeschäftigte, heute ist die Bundeswehr bei höheren Ausgaben nur noch halb so groß, verfügt nur noch über ca. 400 Kampfpanzer (von 6500) usw..
Desweiteren sind nach der Wiedervereinigung und dem Abzug der alliierten Truppenteile viele der bis dahin geleisteten finanziellen Verpflichtungen (Stationierungskosten, Manöverschäden auch der Alliierten begleichen, Bau von Kasernen und Einrichtungen für die Alliierten, Kosten für Zivilschutz usw.) min. 2 Milliarden € an Einsparungspotenzial entstanden.
Am Geldmangel kann es nicht liegen. Im verantwortungsbewussten Umgang mit den Steuergeldern durch die verantwortlichen Stellen ist das Übel zu suchen.
Ähnlich wie in der Gesamtstärke der Bundeswehr verhält sich auch die Anzahl der Wehrpflichtigen. Heute leisten noch gerade einmal 37.300 Grundwehrdienstleistende ihren Dienst bei der Bundeswehr ab (jeder Sechste, es lebe die Wehrgerechtigkeit). Das heißt für mich 6 * 250 € Sold oder mindestens Mindestlohn (5€/Std)
hammerwerfer (20.03.2007, 18:45 Uhr)
Desolate Kasernen im Westen
Ich kann dem Wehrbeauftragten nur zustimmen, die Zustände sind teilweise katastrophal. Wenn ich in dem Videobeitrag die "Statements" der Politiker sehe und höre, muss ich an den alten Spruch denken: Ich höre es, allein mir fehlt der Glaube" In meinen Augen nur blinder Aktionismus, um irgendetwas zu sagen. Sie sollen Gelder locker machen, um die Sanierung in den westlichen Standorten voranzutreiben. Aber wahrscheinlich alles nur wieder Lippenbekenntnisse.
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