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Millionen teures Gähn-TV für die Front

Mehr als 50 Millionen Euro hat sich die Bundeswehr ihren eigenen Fernsehkanal bislang kosten lassen. Die Qualität ist schlecht und die Zuschauerzahlen verschwindend gering. Aber innerhalb der Bundeswehr setzt sich diese Erkenntnis nur langsam durch.

Von Hans Peter Schütz

Die Kampfschwimmer planschen im Meerwasser. Doch als sie sich aus ihren Kampfanzügen schälen, sehen sie ziemlich altmodisch aus. Lange Haare, Koteletten runter bis zum Unterkiefer. So schmückten sich junge Männer zu Beginn der siebziger Jahre.

Der Fernsehfilm, der diese Woche beim weithin unbekannten TV-Sender bwtv lief, ist in der Tat vor 35 Jahren gedreht worden. Das Kürzel bwtv steht für Bundeswehr-Fernsehen. Es steht auch für einen TV-Kanal, den nur wenige kennen und ein ziemlich antiquiertes Programm für viel Geld macht.

Sein Nachrichtensprecher Konrad Pohl trägt eine abschreckend blaue Krawatte zum grellroten Hemd und verkündet mit leichtem Sprechfehler, dass die Wehrtechnische Studiensammlung (WTS) der Bundeswehr weiterhin in Koblenz bleibt. Diese Fernsehnachricht mit beschränktem Info-Wert ist zwei Tage alt als sie gesendet wird.

Alte Filme ohne Wert

Die Wehrmacht im Jahr 1944 kämpft. Nicht nur an der Ostfront gegen die übermächtigen Sowjets. "Überall bei den deutschen Soldaten", rühmt der TV-Film, seien zu dieser Zeit schon "Widerstandsgruppen gegen Hitler" aktiv gewesen. Der vor wenigen Tagen gesendete Film, gedreht im Jahr 1964, als die Bundeswehr noch mächtig Werbung für sich machen musste, präsentiert eine historisch völlig unhaltbare Behauptung. Die Wehrmacht marschierte damals immer noch voll für Hitler.

Wer das Bundeswehr-Fernsehen bwtv guckt, darf an die Glotze keine höheren Ansprüchen bezüglich Unterhaltung, Information und Wissenschaftlichkeit mitbringen. Dabei wurde das bwtv 2002 vom damaligen Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) mit großen Erwartungen ins Leben gerufen. Sein Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan, bis heute im Amt, durfte ankündigen: "Ein wichtiges Medium, um die Soldatinnen und Soldaten im Einsatz bedarfs- und situationsgerecht zu informieren und zu unterhalten." Informieren? Als Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) jüngst die Erhöhung der deutschen Truppen in Afghanistan bekannt gab und begründete, waren alle deutschen TV-Sender mit Kamera vor Ort. Nur bwtv fehlte.

Unterhalten? Als Showmaster Stefan Raab sich dieser Tage beim Musikkorps der Bundeswehr als Tubist versuchte, ließ sich die gesamte TV-Szene die Show nicht entgehen. Nur ein bwtv-Team fehlte. Die TV-Show fand am Wochenende statt - und am Wochenende arbeitet das Bundeswehr-Fernsehen nicht. Die Veranstalter teilten dem Berliner Pressestab nicht ohne Süffisanz mit: "Beim Privatfernsehen ist es nun mal wie im Auslandseinsatz: auf Wochentage kann keine Rücksicht genommen werden."

Seit sechs Jahren läuft das bwtv inzwischen als "Pilotversuch." Betrieben wird es von 120 Mitarbeitern im nahe Bonn gelegenen St. Augustin, die auch über Studios und eine komplette TV-Technik verfügen. "Ein verknöcherter, verstaubter Laden", knurren dennoch Beobachter der Programmarbeit in der Berliner Bundeswehr-Zentrale.

Dort kann man nicht mehr sehen, was da über den Bildschirm flimmert. An zehn Tagen lief zum Beispiel ein Filmchen über den ABC-Spürpanzer Fuchs. "Das einzig Gute daran ist die Musik," lästern mediale Beobachter. Täglich schwimmt auch eine Fregatte der Sachsen-Klasse 124 über den Schirm. Das Schiff dient als Lückenfüller. Eine Meldung, um welche konkrete Summe der Verteidigungsetat soeben erhöht worden ist, brachte die Redaktion jedoch nicht zustande.

Teures Projekt

Einst schwebte der Bundeswehr-Führung ein Medium vor, mit dem man vor allem die Soldaten auf Auslandseinsätzen direkt erreichen kann. Daraus ist so gut wie nichts geworden. In Deutschland kann bwtv nur an der Küste im Wehrbereich I empfangen werden und in 63 Bundeswehrdienststellen. Dort allerdings in aller Regel nur von den Vorgesetzten, denn die einfachen Soldaten haben keine TV-Geräte in ihren Buden. Bei den Soldaten auf dem Balkan läuft es oft auch nicht, weil die Decoder nicht funktionieren. Die Truppe dort schaut ohnehin lieber deutsche Profi-Sender, die wie RTL oder Sat.1 jederzeit zu empfangen sind. Bei den Soldaten am Horn von Afrika kommt nichts an. Kein Satellitenkontakt. In Afghanistan finden nur uralte James-Bond-Filme Zuschauer oder aber Sportsendungen. Die mitgeplante politische Information der Truppe findet nicht statt. Auf den Schiffen im Mittelmeer vor der libanesischen Küste kann auch nichts gesehen werden.

Zum TV-Kanal, den so gut wie keiner sieht, passt die unübersichtliche Organisationsstruktur. Disziplinarrechtlich unterstehen die Mitarbeiter dem Streitkräfteamt in Köln und damit Generalinspekteur Schneiderhan. Der will bwtv um jeden Preis behalten, weil er es ganz toll findet. Beim Profi-Presseteam in Berlin liegt zwar die journalistische Oberaufsicht, doch hat es dem Chef von bwtv nichts zu sagen. Was vielleicht ganz gut ist, denn am Ende könnte eine Klage wegen Beleidigung stehen.

Teuer ist das schlechte Bundeswehr-TV. Pro Jahr kostet es 8,9 Millionen Euro und insgesamt seit 2002 rund 55 Millionen Euro. Das sind rund 40 Prozent aller Medienausgaben der Bundeswehr, die zum Beispiel auch ein gerne gehörtes Rundfunkprogramm unterhält. "Ein vergleichsweise teures Medium" stellt ein internes Prüfungsgutachten unmissverständlich fest. Erst jetzt ist den Chefs klar geworden, dass die tägliche Arbeit der Soldaten nicht TV-geeignet ist. "Fernsehen scheidet aus," steht in dem Gutachten, "mit Ausnahme einiger weniger Stellen in höheren Kommandostäben." Ansonsten seien die Kasernen nach Dienstschluss bekanntlich leer. Eine Studie des sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr kam zu dem Ergebnis, dass gerade mal 36 Prozent der Soldaten gelegentlich mal reinschauen.

Vor diesem Hintergrund läuft derzeit eine Prüfung der Wirtschaftlichkeit durch den Bundesrechnungshof. Darzulegen ist dabei gegenüber den Prüfern, ob der "Einsatz eines bundeswehreigenen Fernsehens wirklich notwendig ist." Kommentar eines Berliner Medienmanns bei der Bundeswehr: "Den alten Käse brauchen wir wirklich nicht."

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