Mission weltweit

16. Oktober 2003, 10:57 Uhr

In Särgen kehren sie erst heim, seit der Kalte Krieg zu Ende ist: Deutsche Soldaten lebten nie so gefährlich wie heute. Immer mehr sollen ins Ausland abkommandiert werden. Aber die Truppe ist dafür nicht gerüstet.

Der Einsatz wird ausgeweitet: Ein Bundeswehr-Soldat steht an einem Straßen-Kontrollposten bei Paghman in der Nähe von Kabul©

Schwer verletzt kann alles heißen. Kann heißen Bein ab, Arm ab, im Koma oder dass er es gar nicht überlebt. Was also heißt schwer verletzt? Bis eben hatte sie gehofft, es stünde nicht zu schlimm um ihren Sohn. Und nun? Neben ihr im Krankenhaus steht ein Seelsorger. Sie denkt, Trost brauche ich jetzt nicht. Sie muss stark sein, nur Mutter sein, den Jungen beschützen, der schon lange nicht mehr beschützt werden wollte, ein 25-jähriger Riesenkerl, 1,92 Meter groß und 127 Kilo schwer, als sie ihn zuletzt sah.

Anderthalb Tage Ungewissheit

Es ist Sonntag, der 8. Juni, gut 35 Stunden nach dem Sprengstoffanschlag auf einen Bus voll deutscher Soldaten in Kabul. Ludmila Schmidt ist im Bundeswehrkrankenhaus in Koblenz angelangt, endlich, nach anderthalb Tagen der Ungewissheit. Sie hatte vom Anschlag im Radio gehört. Und dann nur noch telefoniert, ohne Pause, mühsam die spärlichen Erkenntnisse erhascht. Sie flog von Berlin nach Frankfurt, holte ihren Ex-Mann ab, den Vater des Sohnes. Jetzt Koblenz, die Gedanken jagen. Wie sieht Aleksej aus? Ihr Sohn liegt verwundet hinter einer der Türen, aber sie darf noch nicht hinein. Sie soll vorbereitet werden von den Ärzten, "auf den Anblick". Für die Mutter zählt: Einer der vier Toten ist Aleksej nicht.

Der Tod in der Fremde. Seit dem Zweiten Weltkrieg kein Thema mehr für deutsche Soldaten. Die Abschreckung mit dem atomaren Overkill funktionierte so furchtbar gut, dass Frieden in die Kasernen einzog. Särge kommen erst nach Hause, seitdem der Kalte Krieg aus ist. 53 Männer haben im Einsatz ihr Leben verloren, seit 1993 in Kambodscha ein 26-jähriger Sanitätsfeldwebel erschossen worden ist.

Einsätze kann man befehlen. Aber nicht, wie mit Angst vorm Sterben umzugehen ist. Man versucht es zu üben. Im Arbeitspapier "Umgang mit Verwundung und Tod im Einsatz" zitiert das Zentrum für Innere Führung in Koblenz aus dem Buch "Wir zogen ins Feld" Berichte von Wehrmachtssoldaten. Von aufgerissenen Brustkörben geht die Rede oder dem Gesichtsausdruck eines Gefallenen an der Ostfront. Lange her, dass es ernst war. "Nicht verdrängen!", wird im Koblenzer Kursus darum beschworen. Es könne, steht im Papier, "sogar drillmäßig eingeübt werden, ...Gefühle erleben zu lassen". Der deutsche Soldat 2003 hat zu weinen, wenn ihm danach ist. Auch das Überbringen von Todesnachrichten bei Angehörigen wird gelehrt: "Manche lächeln unbewusst? Das unterläuft Ihnen nicht, wenn sie sich dessen bewusst sind."

In die afghanischen Berge

Sie haben Mandate des Bundestages für Einsätze, die "Kfor", "Sfor", "Isaf" heißen, oder immer währende Freiheit, "Enduring Freedom". Man schickt ABC-Spürtrupps in die Wüste Kuwaits und den geheim operierenden KSK-Trupp in die afghanischen Berge auf Jagd nach Osama bin Laden. "Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt." Das sagt der sozialdemokratische Bundesverteidigungsminister Peter Struck.

Hätte Hardliner Franz Josef Strauß in den fünfziger Jahren den Satz in den Mund genommen, er wäre wohl für verrückt erklärt worden. Noch unter dem CDU-Minister Volker Rühe wäre ein Aufschrei durch das Land gegangen. Jetzt gibt es keinen Widerspruch mehr, wenn Struck in seinen "Verteidigungspolitischen Richtlinien" verkündet: "Verteidigung lässt sich geografisch nicht mehr begrenzen."

Immer weiter, immer schneller. Bisher musste der ganze Bundestag über einen Auslandseinsatz abstimmen. Nun hätte Struck gern einen eigenen Ausschuss, der im Eilverfahren darüber entscheiden kann.

Gestalten in der Dämmerung

Angst, sagt Aleksej Schmidt, habe er in Kabul nicht gehabt, nein, na ja: Einmal, da sahen sie in der Dämmerung Gestalten am Ende eines Weges. Die kamen näher, wurden schneller, man konnte nichts genau erkennen. Der Trupp kletterte eilig auf die Wagen zurück, nervös, angespannt. Dann begriffen sie: Es waren bloß Hunde, streunende, große, schwarze.

Aleksej hat nur seine Erinnerung an das Vierteljahr in Kabul. Die Fotos waren alle auf seinem Notebook gespeichert, das beim Anschlag zerstört wurde. Fast scheint ihn das mehr zu kümmern als das andere. Dass er dabei sein rechtes Auge verloren hat.

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