Ermittlungen gegen zwei Totenschänder

25. Oktober 2006, 06:35 Uhr

Nach der Totenschändung durch deutsche Soldaten in Afghanistan gibt es zwei Verdächtige. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Bundeskanzlerin Merkel hat mit Abscheu auf die Fotos reagiert.

Deutsche Soldaten der Isaf-Truppe sollen einen Toten geschändet haben©

Nach der Totenschändung durch deutsche Soldaten in Afghanistan hat die Bundeswehr zwei konkreten Verdachtsfällen nach. Bei einem soll es sich um einen Stabsoberhauptgefreiten der Reserve, bei dem anderen um einen Stabsunteroffizier handeln. "Beide werden im Moment verhört", sagte der Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan. Das Verteidigungsministerium hatte zunächst keine Originalfotos zur Hand, wurde aber laut Schneiderhan von einem Soldaten informiert. Ein "Dienstgrad", der zu der Zeit der mutmaßlichen Totenschändung im Jahr 2003 im Einsatz gewesen sei, habe sich bei der Bundeswehr gemeldet.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Die Ermittlungen laufen nach Angaben von Verteidigungsminister Franz Josef Jung auf Hochtouren. Ein solches Verhalten deutscher Soldaten dürfe unter keinen Umständen geduldet werden. "Die Bilder erzeugen, wie ich finde, Abscheu und Entsetzen." Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, würden dienstrechtliche, disziplinarrechtliche und gegebenenfalls auch strafrechtliche Konsequenzen gezogen.

Die Staatsanwaltschaft Potsdam leitete auf Grund der Fotos ein Ermittlungsverfahren ein. "Wir ermitteln gegen unbekannte Bedienstete der Bundeswehr wegen Störung der Totenruhe", sagte Sprecher Wilfried Lehmann. Die deutschen Soldaten in Afghanistan werden vom Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Geltow bei Potsdam aus befehligt.

Deutsche Soldaten in Afghanistan sollen nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung auf skandalöse Weise die Totenruhe eines Unbekannten gestört haben. Die Zeitung berichtete, sie habe Fotos erhalten, auf denen ein Bundeswehrsoldat einen Totenschädel hochhalte. Auf anderen Fotos sei ein Schädel auf einem Panzer des Typs "Wiesel" und in Zusammenhang mit einem Geländewagen zu sehen. Ein weiteres Foto zeigt zufolge einen Soldaten mit entblößtem Penis und Totenschädel. Die fünf veröffentlichten Aufnahmen zeigen deutsche Soldaten der Afghanistan- Schutztruppe (Isaf) in Tarnanzügen auf einer Patrouillenfahrt unter dem Kommando eines Feldwebels in der Umgebung der Hauptstadt Kabul. Auch zwei Stabsunteroffiziere seien beteiligt gewesen.

Bild: Echtheit ist überprüft worden

Der Zeitung zufolge entstanden die Fotos nach Aussage eines Bundeswehr-Angehörigen im Frühjahr 2003. Der gezeigte Schädel könne aus einem mutmaßlichen Massengrab in der Nähe von Kabul stammen. Unklar sei, ob es sich bei dem Totenschädel um sterbliche Überreste eines Afghanen oder eines russischen Soldaten handele, der während der sowjetischen Besatzungszeit 1979-1989 gefallen sein könnte. Die Echtheit der Bilder ist nach Angaben der "Bild"-Chefredaktion mit allen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten geprüft worden. Eine Störung der Totenruhe kann mit einer Haftstrafe von bis zu drei Jahren geahndet werden.

Merkel ist schockiert

Bundesregierung, Politiker aller Parteien im Bundestag und der Bundeswehrverband zeigten sich entsetzt und forderten harte Konsequenzen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die mutmaßliche Totenschändung durch deutsche Soldaten in Afghanistan scharf verurteilt und ein hartes Durchgreifen gefordert. Merkel habe die Fotos als "schockierend und abscheulich" bezeichnet, sagte Vize- Regierungssprecher Thomas Steg am Mittwoch in Berlin. Das Verhalten sei durch nichts zu entschuldigen. Nun müsse "mit aller Härte und allen Konsequenzen" durchgegriffen werden. Ein solches Verhalten schade der Bundeswehr und "dem Ansehen unseres Landes".

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sprach von "abscheulichen Bildern" und verurteilte die mutmaßliche Schändung. "Ihr unverantwortliches und unentschuldbares Verhalten schadet dem Ansehen der Bundeswehr und unserem Land", sagte er. Auch andere Politiker von SPD, Union, FDP, Grünen und Linkspartei zeigten sich entsetzt. Der SPD-Obmann im Verteidigungsausschuss, Rainer Arnold, nannte den Vorfall inakzeptabel und forderte harte Konsequenzen.

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz (CDU), verlangte schnelle Aufklärung. Dies sei im Interesse der Bundeswehr, die in Afghanistan einen guten Ruf habe, sagte er im RBB. FDP-Chef Guido Westerwelle forderte disziplinarische Maßnahmen, warnte aber vor einer Verallgemeinerung der Vorgänge. Die Grünen- Fraktionsvorsitzende Renate Künast sagte: "So etwas darf bei der Bundeswehr nicht passieren." Der Grünen-Obmann im Verteidigungsausschuss, Winfried Nachtwei, nannte die Bilder "eine Schande". Da das Ministerium glaubwürdig eine Aufklärung zugesichert habe, sei der Vorfall noch kein Thema für einen Untersuchungsausschuss. Die Linkspartei-Abgeordnete Petra Pau zeigte sich "schockiert" von den Bildern.

Robbe fordert Aufklärung

Der Generalinspekteur sprach von einem nicht akzeptablen Verhalten, warnte aber vor einem "Pauschalangriff" gegen die innere Führung. "Wir sind nicht davor gefeit, dass Einzelne trotzdem sich in ganz besonderen Situationen fehl verhalten." Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Bernhard Gertz, nannte die Fotos im ZDF "absolut abstoßend und Ekel erregend". Man müsse prüfen, wie "trotz guter Ausbildung und trotz guter Dienstaufsicht solche Entartungen und Entgleisungen" vorkommen könnten. Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Reinhold Robbe (SPD), sagte der "Bild"-Zeitung: "Es kann darauf nur eine Reaktion geben: sofortige und schonungslose Aufklärung."

"Störung der Totenruhe" Die veröffentlichten Bilder der Bundeswehrsoldaten mit dem Totenschädel könnten den Verdacht einer Straftat begründen. Die Störung der Totenruhe ist ein Delikt, das nach dem Strafgesetzbuch (StGB) mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe geahndet werden kann. Die Vorschrift (Paragraf 168 StGB) lautet: "Wer unbefugt aus dem Gewahrsam des Berechtigten eine Leiche, Leichenteile, eine tote Leibesfrucht, Teile einer solchen oder die Asche eines Verstorbenen wegnimmt, wer daran oder an einer Beisetzungsstätte beschimpfenden Unfug verübt oder wer eine Beisetzungsstätte zerstört oder beschädigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft."

Angesichts der Bilder könnten die Bundeswehrsoldaten vor allem den Tatbestand des "beschimpfenden Unfugs an einem Leichenteil" erfüllt haben. Unter beschimpfenden Unfug versteht die Rechtsprechung eine "grob ungehörige, rohe Gesinnung zeigende Haltung, mit dem dem Verstorbenen ein Schimpf angetan wird", wie es in einem Standardkommentar zum Strafgesetzbuch heißt. Allerdings müssen natürlich die näheren Tatumstände geklärt werden. Handelt es sich tatsächlich um ein "echtes" Gebein? Sind die Männer auf dem Bild wirklich Soldaten?

Prinzipiell können auch Auslandsstraftaten von Deutschen durch die deutsche Justiz verfolgt werden.

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KOMMENTARE (10 von 22)
 
Adelheid74 (26.10.2006, 17:26 Uhr)
BILD dir deine Meinung...
Natürlich ist das, was die Soldaten (vom Stabsoberhauptgefreiten habe ich allerdings auch noch nie gehört) dort getan haben und egal ob muslimisch, jüdisch oder christlich, Totenschändung ist wohl in jeder Kultur tabu - dafür muss niemand separat ausgebildet werden!
Was ich viel schlimmer finde ist, dass die Zeitung mit dem hohen BILDungsniveau hier mal eben so einen Skandal auslöst, der übelste Folgen haben kann. Nicht nur, dass das Ansehen der Deutschen im Allgemeinen oder der Bundeswehr im Speziellen in den Dreck gezogen wird, hier werden mal wieder religiöse Gefühle verletzt. Angesichts der Aufregung um die Äußerungen des Papstes oder um Karrikaturen, die weltweit als Anlass für Ausschreitungen genutzt wurden, kann ich nicht verstehen, wie ein verantwortlicher Redakteur so wenig Verantwortungsgefühl zeigen kann und diese Bilder ohne Rücksprache mit Politik oder Bundeswehr veröffentlicht. Hier geht es doch wieder nur um Auflage und somit um Geld. Verantwortungsvoll wäre in meinen Augen gewesen, die Bilder der Staatsanwaltschaft zu übergeben, ohne damit Weltpolitik zu machen!
Credo (26.10.2006, 10:03 Uhr)
Schade...
Ja, es ist wirklich schade, was sich im Moment abspielt. Nach Irak-Kontroverse, Mohammed-Bilder und jüngste Nahost-Konflikte einschließlich der daraus resultierenden mitunter fanatischen Protestwellen der arabischen und islamischen Welt jetzt die reißerischen Fotos der posierenden Soldaten... Ich verharmlose nicht, was diese Menschen, die sich zu einer kulturell "erwachsenen" Gesellschaft zählen in welcher Situation auch immer getan haben. Aber was ist mit den Medien, respektive der "Bild"-Zeitung, die nach erhalt dieser Fotos nichts eiligeres zu tun hat, als sie zu veröffentlichen? Oder wollen sich die Chefredakteure der Brisanz eines solchen Themas nicht bewusst gewesen sein? Wenn das Verantwortungsbewusstsein für die Folgen von Presseveröffentlichungen so gering gehalten wird, kommt schnell die Frage auf, was letztendlich höher zu bewerten ist: Die Privatsphäre von irgendwelchen mehr oder weniger namhaften Prominenten oder die Sicherheit unserer Soldaten im Ausland geschweige denn der Ruf einer ganzen Nation? Auch die Presse sollte von den Vorfällen um die Mohammed-Karrikaturen gelernt haben...oder brauchen wir auch dafür erst wieder ein Gesetz wider die Veröffentlichung "abscheulicher" Bilder? Unsere Politiker waren sich ja vor der Kamera in diesem Punkt mal wieder einig. Ach ja, wann war das noch mal vorgefallen - vor 3 Jahren?
Alle tun so, als wäre es gestern gewesen....
Cizme (26.10.2006, 00:41 Uhr)
oh jeeee...
da versteh einer die deutschen politiker.im krieg gegen serbien haben sie streu- und kasettenbomben u.a. auch über zivile gegenden geworfen und dabei wissentlich zivilisten verstümmelt und getötet. und jetzt regen sie sich auf, weil sich ein paar dt.soldaten mit schädeln haben fotografieren lassen die am strassenrand rumlagen.geht es noch erbärmlicher???!!!!???
Henrike (25.10.2006, 22:43 Uhr)
und dank solcher Pappnasen..
die sich dem Dienst fürs Vaterland verpflichtet haben, und so die Bundeswehr als Gesamtheit in Verruf bringen, erreicht unser Land wiederholt den Status Quo des "bösen Deutschen"..
Henrike (25.10.2006, 22:11 Uhr)
Nichts gelernt..
vor 60 Jahren sind Dinge geschehen, die uns Deutschen bis heute insofern gebrandmarkt haben, das alle Gewalt und Demütigung an Menschen während des 2ten Weltkrieges bis in alle Ewigkeit in Geschichtsbüchern abgedruckt wird. Wieso
so entsetzliche Taten..Immer noch und immer wieder..Sogar bei der Bundeswehr gehen die Werte,Respekt und Achtung vor einem jeden Menschen, tot oder lebendig, verloren. Wie sollen unsere Kinder gute Menschen werden, wenn nicht wir als Erwachsene + verantwortungsbewusste Menschen ein
entsprechendes Vorbild abgeben. Einfach entsetzlich, was aus unserer Gesellschaft geworden ist und zu werden droht.
Fiasc0 (25.10.2006, 21:48 Uhr)
So isses
Zitat:
"
Slave (25.10.2006, 18:38 Uhr)
nicht übertreiben
kommt alle runter. es ist eigentlich gar nichts passiert. sie haben niemanden getötet, vergewaltigt....
was soll das ganze. im vergleich mit muslimen sind diese jungs nur große unschuldige, bisschen blöde kinder"
Genauso ist es, aber die dt. Presse scheint sich solche Schlagzeilen geradezu zu wünschen.
martinegg (25.10.2006, 21:28 Uhr)
stabsoberhauptgefreiter?
wie zuverlässig sollen quellen sein, die von solchen dienstgraden sprechen?
ich diene seit über 4 jahren unserer "armee" und dieser dienstgrad ist mir noch nie unter gekommen.
Slave (25.10.2006, 18:38 Uhr)
nicht übertreiben
kommt alle runter. es ist eigentlich gar nichts passiert. sie haben niemanden getötet, vergewaltigt....
was soll das ganze. im vergleich mit muslimen sind diese jungs nur große unschuldige, bisschen blöde kinder
jeanpierre_hintze (25.10.2006, 18:26 Uhr)
Zweierlei Mass
Während der Irak-Offensive; man sollte sich daran erinnern; wurden zwei verunglückte (tote) US-Helikopterpiloten von einem johlenden Mob durch die City Bagdads geschleift, an die Lampenpfähle einer Brücke aufknüpft und verbrannt. Da gab es nicht andeutungsweise solche Empörung wie jetzt, nachdem nun ein paar Jungs in Afghanistan am Wegesrand einen versteinerten Schädel fanden und ihre Reisesouvenirs inszenierten. Der eigentliche Skandal ist das Verhalten des "Verteidigungsministers", der nun fleissig dizipliniert, verhaftet und verhört. Vielleicht sollte er künftig überzeugte Islamisten für seine Armee rekrutieren. Als Deutscher, der häufig mit US-Bürgern zusammenarbeitet, kann man sich nicht genug schämen...
Tucek (25.10.2006, 18:06 Uhr)
keine hehren Motive
Wer die Unterschicht totschweigt, verhält sich nicht besser, zumal das in Deutschland Tradition hat. Es ist auffallend, dass unseren Politikern bei Problemen im Ausland Bestürzung leichter fällt als im Inland.
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