Drucken | Fenster schließen    

Warum Pirat Lauer Twitter verlässt

20. Februar 2013, 19:11 Uhr

Selbstoptimierung 2.0: Pirat Lauer stellt mit großem Tamtam die Twitterei ein. Weil ihn die Dauerdebatte nervt. Er will mehr One-Way-Kommunikation. Von Lutz Kinkel

Christopher, Lauer, Twitter, FAZ, Piraten, Skipper, Tweets, Kommunikation, Basisdemokratie

Ran an die Druckmaschinen! Pirat Christopher Lauer©

Die krautigen Piraten und die bildungsbürgerliche "Frankfurter Allgemeine Zeitung" - das ist schon eine kuriose, mindestens schillernde Allianz. Wer hatte nicht gestaunt, als der Politische Geschäftsführer Johannes Ponader ausgerechnet in der "FAZ" seinen Abschied von der Stütze ankündigte? Nun zieht sein Parteifeind Christopher Lauer nach und verkündet in dem Blatt ebenfalls einen Abschied - von Twitter. Künftig will Lauer, einer der bekanntesten Köpfe der Tekkie-Basisdemokratie-Transparenz-Bewegung namens Piraten, in der stillen Schreibstube Kolumnen verfassen und sie ganz "old school" zum Druck einreichen. Aha. Wenn sich Querköpfe verbürgerlichen, dann offenbar gerne mit "FAZ"-Siegel. Gerade noch Pirat, jetzt schon Skipper.

Bemerkenswert ist Lauers Artikel nicht nur aufgrund des Publikationsortes, sondern auch, weil er Verrat an einem geheiligten Prinzip der Piraten übt: der direkten Kommunikation. Lauer argumentiert, kurz gefasst: Twitter nervt. Jeder könne ihn erreichen und seine Tweets kommentieren. Er habe aber keine Lust mehr, jeden Tag "mindestens einen doofen Kommentar, eine Beleidigung" zu lesen. Mehr als 500 Personen habe er bereits geblockt, sie können nicht mehr mit ihm kommunizieren. Allein diese Notwehrmaßnahmen aber verursachten "sozialen Stress". Jo mei, möchte man dazwischen rufen: Sind die Piraten nicht angetreten, sich genau dem auszusetzen? Gehört die mühselige, basisdemokratische Meinungsfindung nicht zu ihrem Markenkern? Wie hält Lauer eigentlich einen Piraten-Parteitag durch? Oder genauer: Was will er da eigentlich?

Optimierung des Selbstmarketings

Skipper Lauer hat offenkundig einen Prozess durchgemacht, der sich als politische Professionalisierung, aber auch als schnöde Anpassung beschreiben lässt. Nicht er verändert das System, das System hat ihn verändert. Lauer rechnet in seinem Artikel durch, in welchem Medium er politische Botschaften einem möglichst breiten Publikum eintrichtern kann. Und er kommt zu dem wenig überraschenden Schluss: In einer Tageszeitung oder im Fernsehen hat er weit bessere Chancen als auf Twitter. Das lässt nur einen Schluss zu: Der Mann will raus aus der Debatte. Er will eine One-Way-Kommunikationsmaschine werden wie so viele etablierte Politiker auch. Das passt auch besser zu seinem Typus. Nicht nur stern.de hat ihn schon vor Monaten als größten Ego-Shooter seiner Partei beschrieben. Nun steht eine weitere Optimierung des Selbstmarketings an.

Wer Lauers Account auf Twitter abonniert hatte, hatte oft das Gefühl: Der Mann tweetet sich einen Wolf. Seine Finger müssen Hornhäute dick wie eine "FAZ"-Ausgabe haben. Und längst nicht alles war politisch oder hilfreich oder originell. "Tadä", "#Massiv", "Der Abend ist gerettet" (alle vom 2. Februar) sind Kann- aber wahrlich keine Muss-Botschaften. Das ist in Ordnung, wenn sich ein Politiker auch als soziales Wesen widerspiegeln will. Unverständlich ist hingegen, dass nun ausgerechnet Lauer mehr Kommunikationsdisziplin bestellt. "Ist es zu viel verlangt", schreibt er in der "FAZ", "dass sich alle, egal, in welcher Kommunikationsform, vorher folgende drei Fragen stellen: Muss es gesagt werden? Muss es jetzt gesagt werden? Muss es jetzt von mir gesagt werden? Und: Welcher Mehrwert entsteht denn durch diese permanente Nabelschau auf Twitter konkret und für wen?" Tja. Go ask yourself.

Aktenstudium, Besonnenheit

Dass Lauer, der schon mal, und das ist nur ein willkürlich gegriffenes Beispiel, 35 Tweets und Retweets am Tag absetzte (2. Frebruar), irgendwann das Gefühl hat, er ersäuft im kommunikativen Klein-Klein, ist wenig erstaunlich. Das ist aber eben nicht ein "Kollateralschaden" (Lauer), der notwendig aus der technischen Konstruktion des Kurznachrichtendienstes resultiert, sondern ein Zustand, der Lauers ureigener Mitteilungsmanie zu verdanken ist. Es wäre auch im Sinne des Steuerzahlers, wenn er diese etwas zügeln würde. Politik soll ja, hört man zumindest, auch so etwas wie Aktenstudium, Nachdenklichkeit und Besonnenheit erfordern.

Natürlich hat Lauter seinen Abschied von Twitter auch auf Twitter verkündet. Das hat viele sarkastische Kommentare provoziert. Nur zwei seien hier genannt. "Lauer weiß ja selbst am besten, dass man mit SMS viel effektiver Menschen erreicht" (eine Anspielung auf seine Rücktrittsforderung an Ponader, die er per SMS verschickte). Und: "Würde mich nicht wundern, wenn er bald die Partei wechselt."

© 2014 stern.de GmbH