Das Cafe Einstein auf dem Boulevard Unter den Linden ist ein Berliner Promi-Magnet. Hier treffen Polit-Größen auf Hollywoodstars und von hier sendet stern.de seit kurzem sein neues Web-TV-Angebot. Ein Besuch im halböffentlichen Wohnzimmer der Republik. Von Marcus Müller

Das Erfolgsrezept der Kaffehausbetreiber: "Man muss die Menschen lieben und ihnen das Gefühl geben, zu Hause zu sein"© stern.de
Es ist mal wieder die große Cafe-Einstein-Bühne, deren Vorhang sich an diesem frühen Morgen lüftet: Das große Geld sitzt da beim Frühstück, die Politiker fangen an sich warm zu reden, Journalisten blättern in den Zeitungen der Konkurrenz. Umsorgt werden sie von Kellnern in schwarzer Weste und mit Fliege, die in ihren langen weißen Schürzen über den glänzenden Marmorboden zu gleiten scheinen. Touristen und Normalberliner schauen sich das Schauspiel interessiert an - oder trinken einfach nur unaufgeregt einen Kaffee, der hier in 23 verschiedenen Zubereitungsarten zu haben ist.
Über der Szene liegt der klassische Kaffeehaus-Sound: Von der Bar in dunklem Nussholz weht das beständige Klappern der Teller und Tassen durch die in einer Flucht hintereinander liegenden drei Räume. Die Espressomaschine zischt schon jetzt als ginge es um ihr Leben, dabei wird sie die meisten der gut 1000 Tassen Melange noch brauen müssen, die hier, verziert mit Blume oder Herz im Schaum, täglich getrunken werden. Das gelegentlich scheppernde Besteck setzt einen metallischen Ausreißer-Ton in das vielmundige Gemurmel. Nach Kaffee riecht es sowieso.
Seit elf Jahren gibt es das Café Einstein am Berliner Prachtboulevard Unter den Linden und es hat sich in dieser Zeit einen soliden Ruf als In-Treff erworben. Bill Clinton war schon da und spielte Skat, Helmut Kohl aß Saftgulasch. Die Hollywood-Größen Dennis Hopper, Jodie Foster, Bruce Willis oder Richard Gere lobten den Kaffee, das Schnitzel oder beides. Joschka Fischer brachte zu seinen aktiven Zeiten einmal einen ganzen Schwung europäischer Außenminister mit. Gerhard Schröder kam nebst Familie schon, als er noch nicht Altkanzler war - und Angela Merkel bereits, als sie noch nicht die Republik regierte.
Die Liste der schon-da-gewesenen ist lang. Und als müsste dieser Ruf bestätigt werden, erklärt an diesem frühen Morgen ein Parlamentarischer Staatssekretär an einem der weiß gedeckten Tische des Cafés gerade die Politik seines Ministers. Die ersten Zeitungsschreiber füllen ihre Blöcke mit den Zitaten ihrer Gesprächspartner. Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann ist schon wieder weg, sagt in der hintersten Ecke des dritten Café-Raumes Gerald Uhlig-Romero.
Er ist der Besitzer dieses offenbar ganz besonders anziehenden Ortes und passend zum täglichen Schauspiel auf seinen 450 Quadratmetern Café-Bühne, nennt er sich "Kaffeehausintendant". Die Theatersprache wählt er nicht zufällig, denn der aus Heidelberg stammende Uhlig-Romero ist Absolvent des berühmten Max-Reinhardt-Seminars in Wien. "Ich habe damals schon mehr in den Cafés gesessen, als auf der Probebühne gestanden", sagt er über seine Zeit an der Schauspiel- und Regieschule. Doch bevor sich der heute 54-Jährige - dessen Vater viel Geld mit der Erfindung der nahtlose Damenstrumpfhose verdiente - den Traum des eigenen Cafés verwirklichte, stand er als Schauspieler auf vielen der ganz großen Bühnen Deutschlands, inszenierte mit der Hamburger Edelhure Domenica einen kleinen Theaterskandal und schrieb 60 eigene Stücke. Uhlig-Romero ist außerdem bildender Künstler, Radiomoderator, fotografiert, und hat zusammen mit John Lennons Witwe Yoko Ono das Musical "New York Story" auf die Beine gestellt.
Nach diesem schon recht bewegten Leben sollte das Café Einstein für Uhlig-Romero 1996 alles Vorherige vereinen. "Ich hatte von Anfang an die Idee eines begehbaren Kunstwerkes", sagt der schmale, dünne Mann mit dem schütteren grauen Haar. Er nennt sein Café - mit dem Künstler Joseph Beuys sprechend - eine "soziale Skulptur", in der die unterschiedlichsten Gruppen aufeinander treffen können. Ackermann eben, und die Touristen-Familie mit den drei Kindern am Nebentisch, aber auch die zwei Herren in feinem Zwirn, die sich Geschäftszahlen auf einem Laptop reinziehen, als seien die Zahlenkolonnen ein fesselndes Computerspiel.