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23. November 2011, 13:00 Uhr

Widerstandsparty im Wendland

Es ist wieder soweit. Der Castor will ins Wendland. Die Castorgegner wollen das nicht. Und mittendrin die Polizei. Klingt ungemütlich, ist es aber nicht. Denn Gorleben lädt zum Happening des Jahres. Von Manuela Pfohl

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Der Protest gegen den Atommüll hat im Wendland Tradition. Das gelbe X steht für den Widerstand© DPA

Das Alusitzkissen beim Internetversand kostet nur 3,95 Euro und ist bis spätestens Mittwoch da. Die beiden Mädchen aus Hamburg sind beruhigt. Soll ja kalt werden am Wochenende im niedersächsischen Wendland. Da werden warme Socken und eben auch die isolierende Aluunterlage dringend gebraucht. Die Studentinnen sind im Widerstand gegen den Castortransport, der in ein paar Tagen in Gorleben ankommen soll. Und das heißt Sitzen gegen Atomkraft. Stundenlang. Irgendwo im Wald.

Und trotzdem: Die Aktionen gegen den Castortransport wollen sie auf keinen Fall verpassen. Schließlich ist es DAS Happening des Jahres. Mehr als 50.000 Aktivisten waren im vergangenen Jahr gekommen, um zu protestieren, zu blockieren und natürlich auch, um gemeinsam den Widerstand gegen die Atomkraft und das befürchtete Endlager in Gorleben zu feiern. So viel wie nie zuvor in der Geschichte der deutschen Atommülltransporte. Der Grund war klar: Die schwarzgelbe Regierung unter Angela Merkel hatte gerade eine Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke beschlossen - und den AKW-Gegnern damit quasi den Krieg erklärt. Nun, ein Jahr später hat die schwarzgelbe Regierung unter Angela Merkel die Abschaffung der Atomkraft in Deutschland beschlossen und eine bundesweite Endlagersuche angekündigt - als Friedensangebot. Ändert das etwas?

Nein, sagen die Gorlebenkritiker. Solange der Salzstock Gorleben an der ehemaligen innerdeutschen Grenze weiter als mögliche Entsorgungsstätte erkundet wird, werde man dagegen auf die Straße gehen. Schließlich steige das Risiko für eine Gefährdung der Bewohner des Wendlandes mit jedem neuen Transport. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) hat es in der Region bisher nicht geschafft, das in 30 Jahren entstandene Misstrauen abzubauen. Die Atomkraftgegner glauben seinen Aussagen nicht, dass es für den Neustart der Endlager-Suche eine "weiße Landkarte" geben soll. Sie fordern, die schon weit fortgeschrittenen Arbeiten im Salzstock Gorleben sofort zu stoppen.

Gorleben ist ein anderer Schnack

"Könnte trotzdem sein, dass nicht ganz so viele Leute kommen, wie 2010", vermuten die Organisatoren von "ausgestrahlt", einem Netzwerk verschiedener Anti-AKW-Initiativen. Schon die groß angekündigte Blockade des AKW Brokdorf im Frühjahr des Jahres hatte im eher familiären Rahmen mit knapp 200 Leutchen stattgefunden. Gorleben allerdings ist noch mal ein ganz anderer Schnack. "Hier muss man einfach dabei sein, das ist doch Kult", meinen die Hamburger Mädels, die seit drei Jahren in der Anti-AKW-Bewegung sind. Nirgendwo sonst spüre man die Kraft einer gemeinsamen Sache so sehr, wie zwischen Metzingen und Gedelitz.

Offenbar finden das auch viele andere Aktivisten. Bislang seien schon mehr als 100 Busse aus dem gesamten Bundesgebiet für die große Demo am Samstag angekündigt worden, heißt es bei den Castorgegnern. Auch die Grünen-Europapolitikerin Rebecca Harms, eine der Symbolfiguren der Anti-Atom-Bewegung im Wendland, macht Mut: "Es wird wieder eine große Demonstration werden."

Tatsächlich hat der Widerstand im Wendland Tradition. Man erkennt ihn an den großen gelben X, die überall aufgestellt sind, an den brennenden Barrikaden an strategisch wichtigen Kreuzungen und natürlich an den Riesentreckern, die immer dann mitten auf der Straße den Geist aufgeben, wenn ein Konvoi aus Polizeifahrzeugen es eilig hat. Die Bauern bieten das logistische Hinterland der Anti AKW-Bewegung, die in aller Regel mit Isomatte und Schlafsack, aber ohne Geld zum Protest anreist. Die Frauen aus der Region schütteln das Heu in der Scheune für die Schlafgäste auf, kochen die Suppe für die Blockierer und weisen die Schleichwege, die man braucht, um sich an Polizeisperren vorbei durchs Gelände zu bewegen. Und: Die traditionelle Großdemo vor Dannenberg ist jedes Mal ein Volksfest, gegen das - behaupten die regelmäßigen Besucher - keine Kirmes im Umkreis von 100 Kilometern ankommt.

Ein Skandal. Einer, der auch radikalisiert?

Jenseits der Folklore kommt in diesem Jahr allerdings noch ein entscheidender Faktor hinzu: Seit durch Greenpeace bekannt wurde, dass die maximal zulässige Strahlungsbelastung im Zwischenlager Gorleben mit dem aktuellen Transport von elf Castorbehältern überschritten werden könnte, kocht die Atommüllgegnerseele. Denn trotz der Warnungen, die selbst der Wissenschaftliche Dienst der Bundesregierung ausgesprochen hat, hat das niedersächsische Umweltministerium dem Transport zugestimmt. Ein Skandal. Einer, der auch radikalisiert?

In der Einsatzstelle der Castor-Polizei Lüneburg sind die Kollegen noch ganz entspannt. "Wir rechnen derzeit nicht mit einem besonderen Gewaltpotential", winkt einer der Sprecher ab. 19.000 Beamte sind im Einsatz, um den Transport des Atommüllzuges durch Deutschland bis nach Gorleben abzusichern. So viel wie im vergangenen Jahr und da lief der Protest auch weitgehend friedlich ab. Nur die "Schotterer", die sich wie die Maulwürfe unters Gleisbett der Schienen gegraben hatten, über die der Castor rollen sollte, machten damals ein bisschen Ärger. Deshalb wurde in diesem Jahr auch kurzerhand ihr Camp in Dumsdorf verboten. Offiziell. "Aber natürlich wissen wir, dass wir damit nicht verhindern, dass die Schotterer trotzdem kommen", räumt ein Castorpolizist ein. In den anderen Camps rücken die Zelte dann einfach ein bisschen mehr zusammen.

Von Manuela Pfohl
 
 
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