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"Wir bleiben friedlich"

Es hat die halbe Nacht gedauert: Die Polizei hat die große Blockade bei Harlingen geräumt. Tausende Castorgegner wurden von den Gleisen geholt. Und einige sind darüber sogar ganz froh.

Von Manuela Pfohl, Harlingen

Die Räumung der Schienenblockade von etwa 3.000 Castorgegnern in Harlingen nahe Hitzacker im Wendland ist beendet. Die Polizei hat die letzten Demonstranten um kurz vor 7 Uhr weggetragen. Etwa eineinhalb Stunden nach dem Ende der Blockade setzte sich der Zug in Dahlenburg in Bewegung und erreichte gegen 10 Uhr die Umladestation Dannenberg.

Der Einsatzbefehl war irgendwann nach Mitternacht gekommen: Räumung der Blockade an Kilometer 188 bei Harlingen. Seit fast 18 Stunden saßen hier die Castorgegner auf den Schienen. Friedlicher Protest gegen den Atommülltransport nach Gorleben. Bis zu 5000 Menschen waren es am Sonntagnachmittag. Ein Riesenerfolg für die Aktivisten, den sie mit guter Laune bis nach Mitternacht feiern. Als Jens Magerl von der Initiative "Widersetzen" frühmorgens gegen 1 Uhr mit seinem Megafon an den Schienen entlangläuft und den Demonstranten sagen muss, dass es nun vorbei ist, sind es noch immer mehr als 3000, die bei eisiger Kälte die Gleise auf einer Länge von mehr als einem Kilometer besetzen. Magerl ist einer der Organisatoren der Blockade. Als die Polizei erklärt, dass sie mit der Räumung beginnt, ist für ihn, wie für die anderen Aktivisten klar: "Wir bleiben friedlich."

Gegen 3 Uhr morgens sind die ersten Blockierer schon von den Beamten in einen sogenannten Polizeikessel am Rand des Waldes auf einen Acker gebracht worden. Eine Art Wagenburg aus Polizeifahrzeugen. Weiter hinten auf den Gleisen haben andere davon noch gar nichts mitbekommen und schlafen noch. Die meisten Blockierer sind inzwischen hundemüde. Die Reaktion auf die Räumung ist entsprechend verhalten.

Überall an den Gleisen brennen kleine Feuerchen, um gegen die eisigen Nachttemperaturen anzukämpfen. Die Bauern aus den Dörfern haben am Abend zwar Decken gebracht und warmen Tee. Doch inzwischen ist der eine oder andere Blockierer ganz froh, dass es nun vorbei ist. Es war ein langer aufregender Tag.

Rückblende:

Am Sonntag ist Blockadetag. Morgens um 4.45 Uhr geht es los. In den Camps machen sich die Castorgegner auf zum Ausschwärmen Richtung Bahnstrecke. Das Ziel: Der Transport des Atommülls soll verhindert werden. Ein Teil der Aktivisten landet nach Sonnenaufgang an Bahnkilometer 188 irgendwo zwischen den Wenland-Örtchen Tollendorf, Harlingen und dem Nichts. Bis zum Abend wird hier die größte Blockade sein - und sie wird den Castor stoppen. Schon mittags sitzen ungefähr 2000 Leute auf den Schienen, links und rechts stehen Polizeiketten.

Am frühen Nachmittag ist die Stimmung ist gut, die Musik aus den Lautsprechern eines Demo-Bullies auch. Die Sonne scheint. Wo der Castor jetzt gerade ist, weiß hier auf den Schienen niemand so genau. Es heißt aber, er sei gestoppt, irgendwo weit weg. Alle machen sich für einen langen Blockadetag bereit.

Eigentlich hätte der Castor um acht Uhr morgens schon in Lüneburg sein sollen, jetzt hat er einige Stunden Verspätung, was die Demonstranten als Erfolg feiern. Über den Gleisen kreisen Hubschrauber, aber die Piloten sehen auf eine friedliche Menge herab. Auch die Polizisten geben sich entspannt. Es ist eine friedliche Koexistenz, hier in diesem Waldstück, zwischen denen auf den Schienen und denen davor. Typisch Wendland: Ganze Familien sitzen auf den Gleisen. Eine Frau bietet den Polizisten Nüsse an, eine andere Schokolade. Alle warten auf den großen Augenblick, den Moment, in dem der Castor dieses Stück Schiene passieren muss.

Dann die Nachricht: Kurz nach 16 Uhr meldet der Lautsprecherwagen, dass der Castor in Lüneburg eingetroffen ist. Nun beginnt das, worauf sich die meisten Atommüllgegener monatelang vorbereitet haben: Der Ernstfall naht, der konkrete Widerstand gegen den Zug. Schluss mit Lustig. In Tollendorf hat die Polizei Wasserwerfer und Räumpanzer aufgefahren, aber auch die Castor-Gegner rüsten ihr Equipment auf. Mit Stroh vollgepackte Kartoffelnetze werden organisiert, als Sitzgelegenheiten, Sanitäter verteilen Rettungsdecken, die gegen die Kälte schützen sollen und gegen Wasserwerfer. Dazu gibt es Durchhalteparolen, die Mut machen sollen. Eine davon heißt: "Wir sind mehr als Ihr", das bedeutet: Die Polizei hat keine Chance.

Die Polizisten werden es nicht so sehen. Auch sie, vor einer Stunde noch entspannt, werden langsam nervös. Keiner weiß, wann der Castor wirklich an Kilometer 188 ankommt. Aber die Blockierer sind sich einig: Sie werden in jedem Fall bis dahin sitzen bleiben.

Es wird geräumt

Woanders aber war es schon am Morgen ungemütlich. Es krachte, es gab Verletzte: Bei Leitstade nahe Hitzacker kam es zu teils heftigen Auseinandersetzungen mit Polizisten. Die Polizei sagt, einige der Demonstranten hätten Beamte provoziert und mit Stöcken und Strohsäcken nach ihnen geworfen. Die Demonstranten ihrerseits behaupten, von der Polizei angegriffen worden zu sein. Es habe bis zu hundert Verletzte gegeben mit kleineren Knochenbrüchen, Prellungen und Augenreizungen durch Pfefferspray.

Unterdessen versuchen immer wieder Demonstranten an verschiedenen Stellen entlang der Strecke, zu den Schienen zu gelangen, um zu "Schottern", sprich: Steine aus dem Gleisbett zu entfernen. Die Polizei antwortet mit Schlagstöcken und Pfefferspray. Die Proteste nehmen an Schärfe zu, Polizeigewerkschafter Konrad Freiberg spricht gar von einer "neuen Stufe der Gewalt", nachdem ein Räumfahrzeug angezündet wurde.

Mischa Aschmoneit von der Initiative "Castor schottern" sieht das anders. Bei einer Pressekonferenz am Abend berichtet er: "Nur durch einen unverhältnismäßigen Gewalteinsatz konnte die Polizei uns nach dem ersten Schottern wieder zurückdrängen. Der Wald ist voller Tränengas. Trotz der Polizeigewalt steigen unsere Aktivisten nicht auf die Polizei-Eskalation ein." Was nicht heißt, dass das "Schottern" nun abgeblasen wird. "Es gibt immer noch eine große Entschlossenheit, den weiteren Tag zum Schottern zu nutzen und sich nicht einschüchtern zu lassen."

Wird es friedlich bleiben?

Tatsächlich entern im Laufe des Tages immer mehr Atomgegner die Schienen. Etwa 5000, weit mehr als die Polizei erwartet hatte. Gegen 23 Uhr ist klar, dass an Kilometer 188 vorerst nicht geräumt wird. Die Atomkraftgegner bereiten sich auf eine lange kalte Nacht auf den Gleisen vor. Die Beamten auch. Einige von ihnen seien seit mehr als 24 Stunden im Einsatz, erzählen sie den Demonstranten. Auch sie haben keine Lust mehr auf Auseinandersetzungen.

Bei Dahlenburg, rund 25 Kilometer vor dem Ziel, wurde der Castor erstmal gestoppt. Für die Blockierer ein Fest, das sie feiern. Erst am Montagmorgen soll es weitergehen, wenn die Gleise geräumt sind. "Wir haben der Polizei gesagt, dass wir keinen Widerstand leisten werden", sagt Jens Magerl. Dass die Blockierer selbstständig die Gleise verlassen werden, heißt das allerdings nicht. Die meisten müssen von den Beamten aus dem Schienenbereich getragen werden. Eine mühselige Angelegenheit. Denn links und rechts von Kilometer 188 sind steile Böschungen. Es gibt Gerüchte, dass da, wo die Gleise blockiert wurden, auch "geschottert" worden sei. Für die Polizei ist das eine Straftat. Erste Ingewahrsamnahmen werden gemeldet. Wie viele Leute genau von den Beamten festgehalten werden, ist zunächst unklar. Die Sorge wächst, dass es am Ende doch noch Ärger geben könnte.

Gegen 5 Uhr am Montagmorgen ist ungefähr die Hälfte der Demonstranten von den Schienen geräumt worden. "Es geht voran, aber mühsam", sagt ein Sprecher der Bund-Länder-Polizeipressestelle in Lüneburg. Die Protestinitiative "Widersetzen" kritisiert das Vorgehen der Beamten. Die Polizei halte sich nicht an die getroffene Absprache, dass die Protestteilnehmer "ordnungsgemäß weggetragen" werden müssten, moniert ein Sprecher. "Statt dessen werden sie heruntergezerrt." Die Einsatzkräfte sprechen dagegen von einer "sehr friedlichen" Räumung. Die Demonstranten stünden in der Regel auf, wenn sie dazu aufgefordert würden.

Um kurz vor 7 Uhr schließlich die Erfolgsmeldung der Polizei: Die Schienenblockade ist geräumt. Die Gleisstrecke nach Dannenberg ist für den Castortransport frei. Doch dann kommt noch die Straße nach Gorleben ...

Was im Wendland aktuell passiert, erfahren Sie im stern.de-Liveticker zum Castortransport.

mit Agenturen

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