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30. Oktober 2008, 16:40 Uhr

Der neue Friedrich Merz

Oettinger, Wulff, Koch - sie alle würden gerne das wirtschaftspolitische Profil der Union prägen. Aber die Kanzlerin hat sich einen anderen ausgeguckt. Er tritt jetzt in Talkshows auf, gibt ganzseitige Interviews und macht seine Sache exzellent. Wird Norbert Röttgen der neue Friedrich Merz der CDU? Von Hans Peter Schütz

Norbert Röttgen, Wirtschaftspolitik, CDU, Finanzkrise, Union

Präpariert sich für den Wahlkampf: Norbert Röttgen, CDU© Marcel Mettelsiefen/DPA

Als jüngst die Bundestagsdebatte über die Regierungserklärung Angela Merkels zur Finanzkrise vorbei war, atmeten viele CDU/CSU-Abgeordnete hörbar erleichtert auf. Die Kanzlerin war schwach, die CSU fast lächerlich realitätsfremd. Nur Röttgen war gut. Der Beste auf Unionsseite. Und der Einzige, der neben dem neuen SPD-Superminister Peer Steinbrück achtungsvoll zur Kenntnis genommen wurde in dieser Krise. "Das ist unser neuer Friedrich Merz", freuten sich manche. Und der Fraktionschef Volker Kauder war ein wenig stolz auf sich: Er hatte in der Fraktion verfügt, Röttgen müsse bei diesem Thema reden.

Neue Gesichter fürs Thema Wirtschaft gesucht

Röttgens Auftritt war kein zufälliges Ereignis. Eher ein Test. Die Kanzlerin denkt intensiv darüber nach, wie die CDU in einen Wahlkampf gehen soll, in dem die wirtschaftspolitische Kompetenz über Sieg und Niederlage entscheiden dürfte. "Wir brauchen eine neue wirtschaftliche Aufstellung", heißt es im Kanzleramt wie in der CDU-Zentrale mit Blick auf den schwachen Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU). Christian Wulff hat sich angeboten, aber die Kanzlerin zögert. "Der ist ja kein Alphatier", höhnt ein hoher CDU-Mann. Dass Roland Koch, sollte er stürzen, bundespolitisch sofort einsetzbar wäre, glaubt Angela Merkel nicht. Günther Oettinger? Ist ihr zu labil. Sie sucht nach neuen Gesichtern fürs Thema Wirtschaft.

Röttgen hat die Chance erkannt - und tritt nun intensiv als Merkels Mann für Wirtschaftsfragen auf. Gibt ganzseitige Interviews in der überregionalen Presse. Lässt sich in Talkshows einladen. Und sagt bedeutungsschwere Sätze: "Der Markt ist keine moralfreie Zone, in der die Akteure ohne ethische Verpflichtung handeln." Oder: "Soziale Marktwirtschaft ist für uns ein Wertesystem, ein Ordnungssystem und kein ungezügelter Elitewettbewerb." Kürzer gesagt: Der Markt bedarf der sittlichen und staatlichen Ordnung. Das ist die generelle Definition der sozialen Marktwirtschaft seit Ludwig Erhard. Dieser staatliche Ordnungsrahmen soll gefestigt werden.

Die Krise als Chance sehen

Für Röttgen zählt jetzt zunächst einmal die Praxis. Da liegt er ganz auf der Linie Kauders. "Das Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft", sagt der, "muss in konkrete politische Angebote umgesetzt werden. Nur dann begreift der Einzelne, was er davon hat." Das ist die Chance, die auch Röttgen sieht. Noch wisse man nicht definitiv, ob die Krise der Union nütze oder schade. Aber sie könne der CDU helfen, "dass wir wieder stärker als Volkspartei angesehen werden". Es mache seine Partei authentischer, wenn sie wieder darüber reden könne, dass der sichere Arbeitsplatz wichtiger sei als der Mindestlohn. Die Krise als Chance, um endlich wieder einen Originalton CDU anzubieten. Das heißt wohl auch: Die Krise ist keine Chance für einen Glos. "Angela Merkel weiß, dass die Krise nicht sein Thema ist", sagt einer ihrer Vertrauten. Sondern eben Röttgens Thema.

Der bisherige politische Einsatz Röttgens als Parlamentarischer Geschäftsführer hatte stets ein wenig an Michael Schumacher auf der väterlichen Gokart-Bahn erinnert. Der kann doch mehr, lautete der Kommentar, der ihn begleitete. Und die Kanzlerin mag ihn, schätzt seine vielfältigen Talente. Mit dem konnte sich die CDU sehen lassen, kaum dass er 1994 im Bundestag saß, 29 Jahre jung noch. Der brachte Flair ins konservative Lager, plauderte locker mit den Grünen in der Bonner "Pizza-Connection" beim Italiener. Und wurde nach der letzten Bundestagswahl als Kandidat für den Job des Kanzleramtministers gehandelt.

Röttgens Karriereumschwung

Bis heute schweigt er sich darüber aus, weshalb er schon bald nach dem Start der Großen Koalition raus aus dem Job wollte, um Hauptgeschäftsführer beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zu werden. Nagte der Frust über den nicht erfolgten weiteren politischen Aufstieg an ihm? War er die Pendelei zwischen Bundestag und der Familie im Rheinland leid, weil er seine drei Kinder zu selten sah? Der familiäre Preis für Politik sei hoch, klagte er schon zuweilen. Oder war das gar ein gesenkter Daumen in Richtung Kanzlerin?

Der Wechsel zum BDI ist dann geplatzt, weil Röttgen sein Bundestagsmandat erst zum Ende der Legislaturperiode niederlegen wollte, was vom früheren BDI-Präsidenten Hans-Olaf Henkel und aktuellen Präsidenten Jürgen Thumann genutzt wurde, um Röttgen als geldgierigen Karrieristen öffentlich zu befehden.

Der Ausstiegsversuch blieb erstaunlich folgenlos für den Politiker Röttgen. Kauder war glücklich, dass ihm sein wichtigster Mitarbeiter erhalten blieb. Er hatte lange vor anderen die Talente Röttgens erkannt und den gelernten Juristen schon früher gegen lautes Protestgeschrei als rechtspolitischen Sprecher der Fraktion installiert. Auch Merkel war glücklich, dass der Mann ihr blieb, der viele Passagen ihres Wahlprogramms geschrieben sowie am Koalitionsvertrag mitgefeilt hatte.

Großer Andrang von Journalisten

In jeder parlamentarischen Woche drängt sich bei Röttgen eine gute halbe Hundertschaft Journalisten, weil sie seine Analysen des politischen Geschehens schätzt. Dass das Verhältnis zwischen Politik und Wirtschaft stärker gestört sei, als beim Blick aufs Gemeinwohl erlaubt, trug er dort schon vor, als globale Finanzkrise und Rezession der Realwirtschaft nicht mal am Horizont erkennbar waren. Die Politik müsse lernen, welche Auswirkungen ihre Gesetze auf die Wirtschaft haben, sagte er. Und umgekehrt müssten die Bosse in der Konzernzentrale endlich begreifen, dass die Politik nicht einfach per "ordre de mufti" operieren kann.

Wer Inhalte vermitteln will, sagt auch der neue CSU-Chef Horst Seehofer, "braucht dazu neue Gesichter". Mit Merkel liegt er da auf einer Linie. Sie plant, weil sie eingesehen hat, dass sie allein mit dem Thema überfordert ist, für den Wahlkampf ein Marktwirtschafts-Team. Der Mannschaftsführer soll Norbert Röttgen heißen.

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
Aaron71 (31.10.2008, 16:23 Uhr)
Röttgen kommt gut rüber
...aber ob das gegen einen skrupellosen Hassprediger wie Lafontaine reichen wird, das wirtschaftspolitische Profil der Union darzustellen? Ein Merz wäre mir im Wahljahr 2009 doch lieber
nun_denn (31.10.2008, 16:10 Uhr)
Wie dieser Mann....
sein Umfeld wahr nimmt, ist schon bei diversen Talkshow´s aufgefallen. Er selbst redet immer und stört andere beim aussprechen der ihrer Argumente. So ist es richtig, immer erst die Lichter aus und dann das Geld aus der Tasche ziehen.
Prato61 (31.10.2008, 16:03 Uhr)
total egal.....
... ob Herr Röttgen über die eine oder andere politische Kompetenz verfügt. In erster Linie muss er Merkel-kompatibel sein.
Das ist der einzige Punkt der zählt.
Salzsteuer (31.10.2008, 13:55 Uhr)
Röttgen,
der frißt doch Kreide und badet in Lenor.
Erstrecht (31.10.2008, 13:33 Uhr)
Wolf im Schafspelz
Röttgen wirkt ja wie "Muttis Liebling", so sanft und großherzig. Dabei ist Röttgen der Merz Nachfolger und zwar ein ganz klarer Neoliberaler ohne soziales Bewusstsein. Seine "schwüre" auf die "soziale Marktwirtschaft" sind reine Heuchelei. Da ist er mit Westerwelle auf Augenhöhe. Diese Lobbyisten der Wirtschaft und der Finanzbranche haben mit Ethik und sozialen Werten, sowie Allgemeinwohl so viel am Hut, wie Lafontaine mit Schröder.
Röttgen wird bestimmt gut ankommen bei den Unions Muttis. Aber er ist eine gefährliche Mogelpackung, die einer wirklichen Veränderung der bestehenden Systemimanenten Probleme der radikalen Marktwirtschaft im Weg steht
schmider15 (31.10.2008, 13:01 Uhr)
verliebter CDU Qualitätsjournalismus
Röttgen macht wie viele in der CDU die Wende vom Neoliberalen zum Teilzeit Sozialdemokraten und der Stern begleitet das, wie alles was von der CDU kommt, extrem positiv.
Toll
Sternchen2020 (31.10.2008, 12:12 Uhr)
Eigenartige Politik-Verständnis
Zitat. "muss in konkrete politische Angebote umgesetzt werden. Nur dann begreift der Einzelne, was er davon hat."
Es gibt noch andere befremdliche CDU-Zitate, wie etwas jenes, man müsse "die Menschen mitnehmen", gerade so, als handele es sich um einen Schulausflug oder Nachhilfeunterricht.
Befremdlich deshalb, weil Bürger so hingestellt werden, als wären sie begriffsstutzig. Die Soziale Marktkwirtschaft wurde gerade von jenen ausgehebelt, die sich so altklug präsentieren. Jene (die Bürger), die Jahrzehnte um eine soziale Marktwirtschaft gerungen haben, wissen, um was es geht. Sie wissen auch, was in den vergangenen fahrlässig verspielt wurde. Röttgers Auftritte machen das nicht besser, mag er auch noch so sympathisch wirken.
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