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2. Dezember 2008, 17:42 Uhr
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Rote Socken trugen auch die Schwarzen

Die CDU beschäftigt sich mit ihrer Vergangenheit. Die Partei habe in der DDR "im totalitären System der SED-Diktatur mitgewirkt", heißt es in einem Beschluss des Bundesparteitages. Sanfter kann man die Rolle der CDU im DDR-Regime nicht beschreiben. Dabei gäbe es viel mehr aufzuarbeiten. Von Hans Peter Schütz

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Angela Merkel und Stanislaw Tillich auf dem Parteitag© Ralph Orlowski/Getty Images

Wer außerhalb von Sachsen kannte schon noch vor wenigen Tagen Stanislaw Tillich? Ist das dort nicht der neue Ministerpräsident, rätselten manche. Selbst für Polit-Kenner in der Republik war der erste Sachse auf dem Stuhl des Regierungspräsidenten des Freistaats weithin ein Unbekannter. Jetzt hat er bundesweit ein Gesicht. Das einer "Blockflöte". Tillich kann sich heute nur noch mühsam daran erinnern, dass er offenbar über seine Mitgliedschaft in der Ost-CDU ungleich stärker ins politische System der DDR eingebunden gewesen war, als er bisher zugegeben hat.

So ließ er sich 1989 als "Reservekader" an der "Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft" fortbilden, um dann als stellvertretender Vorsitzender des Rates des Kreises Kamenz, zuständig für Handel und Versorgung, zu arbeiten. Zuvor soll er eine CDU-Parteischule besucht haben. Beides lässt eine enge Blockflöten-Nähe zum DDR-System vermuten. Eine Nähe, die Tillich offenbar nach der Wiedervereinigung nie eindeutig offen gelegt hat.

Tillich verteidigte seine eigene Biografie Ende November in einer Erklärung: "Ich stehe zu jedem Punkt meiner Biografie und habe immer offen gesagt, wann ich was in meiner beruflichen Laufbahn getan habe." Zu seiner Funktion im Rat des Kreises Kamenz sagt er: "Heute würde ich mich anders entscheiden."

Tillich stört den Wahlkampf

Der Fall Tillich passt damit so ganz und gar nicht in den Bundestagswahlkampf seiner Partei. In der CDU-Zentrale wollen sie, mal wieder, kräftig einprügeln auf die Linkspartei. Bei der operierten, so tönt es dort lautstark, doch die Erben der DDR-Diktatur. Nichts hätte die Linke aus der Geschichte gelernt. Diese Linke, so steht es aggressiv in dem Antrag, den die Parteiführung jetzt auf dem CDU-Parteitag in Stuttgart hat beschließen lassen, sei "die direkte Nachfolgerin der für Unterdrückung und Bespitzelung verantwortlichen SED." Und der SPD wird vorgeworfen, sie habe einst mit dem SED-Regime gemeinsame Wertvorstellungen entwickelt. 20 Jahre nach dem Ende der DDR dürfe es jedoch kein "Vergessen und Verdrängen" geben.

Gibt es doch. Bei der CDU. Ihre Führung will nicht zugeben, dass die Ost-CDU gewichtiger Teil und starke Stütze des SED-Systems gewesen ist. Kein kritischer Satz zu dieser Rolle stand zunächst im Entwurf des Bundesvorstands, der unter dem Titel "Geteilt.Vereint.Gemeinsam." politische Perspektiven für die neuen Länder präsentiert. Erst nach heftiger Kritik an der Verniedlichung der Rolle der Ost-CDU als "Blockflöten"-Partei, vorgetragen vor allem durch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer, empfahl die Antragskommission laue Selbstkritik.

Nun wird in der jetzt vom Parteitag beschlossenen Fassung zunächst der Beitrag der Ost-CDU zur "friedlichen Revolution" gelobt. Dann folgt der leicht selbstkritische Satz: "Gleichwohl hat die CDU in der DDR im totalitären System der SED-Diktatur mitgewirkt." Sanfter kann man die Rolle der CDU im Osten im DDR-Regime nicht beschreiben. Denn unbestreitbar ist: Auch die Schwarzen haben einst in der DDR rote Socken getragen. Grellrote Socken.

Geschlossen für den Sozialismus

Der ganzen Wahrheit stellt sich CDU mit ihrem Parteitagsbeschluß nicht, auch wenn CDU-Generalsekretär Pofalla dies selbstbewusst behauptet. Richtig ist, dass die SED "ein ganz anderes Kaliber" war als die Ost-CDU, wie Tillich sich verteidigt. Aber sie war in den Jahren zwischen 1950 und 1989 eine absolut linientreue prokommunistische zentralistische Kaderpartei. Anders als Angela Merkel und Pofalla war dies dem Einheits-Kanzler Helmut Kohl stets bewusst. Zunächst weigerte er sich sogar, Lothar de Maiziére, dem ersten Chef der Ost-CDU nach der Wende, auch nur die Hand zu geben. Für Kohl war die Ost-CDU ein ausgemachter Handlanger der SED gewesen. Die Vereinigung der CDU-West mit der CDU-Ost lehnte er ab. Die Ost-Landesverbände mussten um Beitritt bitten.

Die Ost-CDU hat unbestreitbar einen wichtigen Beitrag zur Etablierung der SED-Diktatur geleistet. Wenn sie heute gerne so tut, als ob sie die Köpfe der ostdeutschen Bürgerrechtsbewegung 1989 gestellt hätte, so klittert sie ihre Geschichte massiv. Von Anfang der 50er Jahre an operierte die Ost-CDU intensiv gegen die Bundesrepublik, versuchte die Regierung Adenauer und die Westpolitik des ersten Kanzlers zu unterminieren.

Schnell bekannte sich die Partei zur "sozialistischen Erneuerung der Gesellschaft." Der Sozialismus des Karl Marx war ihr mindestens so wichtig wie die Lehre des Christentums. Geschlossen stand die Partei-Führung, zumindest mit Worten, hinter dem niedergeschlagenen Volksaufstand vom 17. Juni 1953 und hinter dem Mauerbau von 1961. Später befürwortete die DDR-Christenpartei sogar die atheistische Jugendweihe, die von der katholischen wie der evangelischen Kirche in der DDR abgelehnt wurde. Ihre Parteischreiben beendete sie stets mit einem markigen "sozialistischen Gruß!"

Strikt staatskonform

Was die Ost-CDU attraktiv machte: Mit ihrem Parteibuch in der Tasche konnte man sogar in der DDR eine Karriere machen, nicht in allerhöchste Kreise, aber immerhin in Berufe wie etwa Lehrer. Die Partei-Führung der "Blockflöten", zuletzt etwa 140.000, fiel nur selten durch Widerspruch gegen Staatssicherheit und SED auf, aber verhielt sich stets strikt staatskonform. Ihre Abgeordneten, Minister und Staatssekretäre waren absolut verlässliche Systemstützen, die in der Volkskammer jedes Gesetz mit trugen.

Mut eines klaren Bekenntnisses zur Rolle der Ost-CDU hatte auf dem CDU-Parteitag nur der Kreisverband Halle. Der bekannte in seinem abgelehnten Änderungsantrag: Wir "kennen die schuldhafte Mitverantwortung der Führung der CDU in der DDR an den Verfehlungen und Verbrechen einer Diktatur unter der führenden Rolle der SED." Die Blockpartei CDU sei eine Stütze des SED-Regimes gewesen. Man habe eben mitgemacht und damit das System stabilisiert.

So eindeutig mochte die CDU ihre Rolle als Blockpartei im DDR-Regime nicht beschreiben. Der aufrichtige Umgang mit der Vergangenheit schien ihr doch zu riskant zu sein mit Blick auf ihre Wahlchancen in den neuen Ländern. Wenigstens sollte sie dann aber nicht so lasch mit der herben historischen Wahrheit umgehen, wie dies der Unionsfraktionsvorsitzende Volker Kauder getan hat. Der hat lediglich eingeräumt, mit der Ost-CDU in der DDR sei "nicht immer alles in Ordnung gewesen."

Von Hans Peter Schütz
KOMMENTARE (10 von 29)
 
Marsmann (03.12.2008, 20:54 Uhr)
Politik - dreckiges Geschäft!
Ich will ja nicht Richter spielen, aber das Problem der CDU und der anderen DDR- Hofschranzenvereine ist doch nicht, dass es bei ihnen Mitglieder gab, die sich unter den Sowjet- Besatzungsbedingungen irgendwie positiv engagieren wollten; das Problem ist, dass sie es bei denen als Verhängnis sehen, die sich heute mehr als früher für zwischenstaatliche Gewaltlosigkeit und Verteilungsgerechtigkeit engagieren. Ich als Christ würde mir das echt von der CDU wünschen.
DasBertl (03.12.2008, 14:12 Uhr)
@nightmare_online
Ich wäre da auch gern so optimistisch, aber in 2 Wochen wird man darüber höchstens noch etwas bei Wikipedia lesen können...
nightmare_online (03.12.2008, 11:28 Uhr)
Wie viele Mitglieder mit Blut an den Händen hat die CDU?
Die Ost-CDU war mitverantwortlich für den Schiessbefehl, die Einkerkerung politscher Gefangener, die Niederschlagung des Volksaufstandes des 17. Juni, etc. pp.
Der Versuch der erneuten Geschichtsklitterung durch die CDU wird scheitern, genauso wie die Verklärung des Alt-Nazis Filbinger zum Nazi-Gegner durch die CDU gwcheitert ist.
n8g8 (02.12.2008, 23:11 Uhr)
@cinderella: Ost-West-Konflikt
Ich (Wessi, 74er Jahrgang) bestreite nicht, dass es sinnvolle Aktionen gab, aber die DDR will hier SO niemand zurück. Auch nicht Die.Linke, ich als ihr Wähler weiss das. Denn in einer ECHTEN "sozialen Marktwirtschaft" profitiert die Masse NICHT NUR von Gedankenfreiheit und von den von der Staatsmacht gnädigst zuerkannten BONI für einzelne Lebensbereiche wie Sie es schildern.
Jedenfalls habe ich dies so erlebt. Freiheit, Karriere zu machen, seine Meinung zu äußern und zu studieren, was man will, egal, wer die Eltern sind: DAS war super und AUCH, dass man HIER solidarisch von den anderen aufgefangen wird, wenn man in Not gerät!
Das ist alles nicht mehr so, wie es einmal war: Es reden heute (AUCH Ossi-)Politiker von sozialer Marktwirtschaft, die eben die im Westen "damals" vorhandene SOZIALE Teilhabe alein aus reiner Profitgier EISKALT ABGESCHAFFT haben.
Necro (02.12.2008, 22:43 Uhr)
Na U(ltra)R(echter), da kann ich ja froh sein,
das ich nen OSsi bin :)
Cindarella (02.12.2008, 22:38 Uhr)
DDR Vergangenheit
Hier bekommt man nur das Grausen.Da wird doch mächtig gewaltig mit zweierlei Maß gemessen. Auf dem Einen wird andauernd rumgehackt und vom Anderen kein Piep gesagt. Vom Einen meine ich Herrn Gysi und vom Anderen meine ich Frau Merkel.Frau Merkel war auch nicht untätig.Meine Eltern nannten das-Das Mäntelchen in den Wind hängen-Ich wäre in diesem Deutschland mit meinen 4 Kindern in große Not geraten.Aber zu DDR-Zeiten ging es mir gut.Ich war zufrieden.1.Die Kinder bekamen in der Schule Mittag.2.-sie bekamen ihre Milch.3.-sie hatten regelmäßige Freizeitbeschäftigung nach der Schule.4.-Sport gehörte wie selbstverständlich zum Stundenplan.In der Wäscherei wurde meine Wäsche kostenlos gewaschen als die Kinder klein waren.6.-im Jahr bekamen wir einmal 500.-Mark zum beliebigen Einsatz.Bestimmt habe ich noch was vergessen. Meine Güte,besser kann es doch gar nicht sein!Es ist unfassbar und nicht zuverstehen das Familien mit Kindern in die Hart(z)4schiene überhaupt drin sind. Das ist total KINDERFEINDLICH unüberlegt. Da ist kein bisschen Hirn drin.Derweil sich der Schröder mit dem Hartz das ausklamüsert hat,hat der Hartz an seine Geldernte gearbeitet.Alle die betrügen,müssen unbedingt mit ihrem Privatkonto geradestehen.
n8g8 (02.12.2008, 21:38 Uhr)
@Medienbeobachter
Ich frage mich auch, warum die Medien für teures Geld Fotos von Paparazzis für Brad Pitt und andere Stars kaufen und dann danach Schadensersatzklagen an den Hals bekommen ...
Vielleicht liegt bei Merkel-Fotos einfach der Schadensersatz "im Auge des Betrachters"? :-)))
Medienbeobachter (02.12.2008, 21:26 Uhr)
Vertuscht Birthler-Behörde
Dazu Radio Utopie: Vertuschte Birthler-Behörde Bespitzelung von Havemann durch Merkel?
Die Affäre um eine mutmassliche Stasi-Tätigkeit von Gregor Gysi erhält eine unerwartete Wendung
Ein Bericht des "Schweiz Magazin" erregt Aufsehen. Ausgerechnet ein Magazin unserer Nachbarn grub die in bester Bonner Tradition in Deutschland vertuschte WDR-Dokumentation "Im Auge der Macht - die Bilder der Stasi" aus dem Jahre 2005 wieder aus.
Bei den Recherchen zu dieser Doku waren Journalisten auf ein altes Passfoto der heutigen deutschen Kanzlerin Angela Merkel gestoßen.
Die Journalisten fragten - seltsam genug - bei Merkel um eine "Freigabe" des Fotos.
Ihr Büro antwortete: aus "Gründen des Schutzes ihrer Privatsphäre", aber auch im Hinblick auf die "Gleichbehandlung bei vergleichbaren Anfragen" gebe man kein Einverständnis zur Verwendung dieses Fotos.
Ebenfalls unglaublich, was dann noch geschah: Die Behörde von Marianne Birthler, zur Zeit mit nichts anderem als der politischer Beseitigung des Fraktionschefs der nur numerisch relevanten "Linken" im Bundestag beschäftigt, gab dieses Foto nur unkenntlich heraus.
n8g8 (02.12.2008, 21:08 Uhr)
Stasi, SED, Blockflöten und andere alte Besenreitzer
Feger-Verfranzt, Sie können gerne noch soviel Ausreden und Rechtfertigungen erfinden. Trotzdem stand es `90 SO: 35 zu 11 (!für die verniebelten FDP-"Fackelträger"), zu 11 (Aufgearbeitet?!? Da geht noch was!), zu 2.
Klar, Sie hätten gerne, dass die Blockflöten Opfer sind und verunglimpfen so all die Opfer, die an der Mauer durch eine Dikatur ermordet wurden sowie die unzähligen Insassen von Bauzen und wie der Rest, der systematisch im Alltag gegängelt wurde inklusive Aufstiegschancen für den Nachwuchs. Aber zumindest Letzteres gilt heute auch für einkommensschwache Schichten. DER Unterschied: Von Diktatur schreibt heute fast keiner. Ein "kapitaler" Gesellschafts-Fehler, der sich in Zukunft richtig böse rächen wird.
UR63 (02.12.2008, 21:00 Uhr)
Schön das hier wieder..
Leute über Dinge reden,die sie nicht verstehen!
Wer in der DDR gelebt hat,weiß warum Leute in die CDU gegangen sind!
Wessis sollten sich da raus halten!
Die FDJ-lerin wäre heute in der DDR Staatratvorsitzende!
Die hat erst nach der Wende zur CDU gefunden!
@Medienbeobachter
Richtig!
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