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Kein Wetter für die Revolution

Sie wird global gefeiert als Postergirl des Kommunismus, am Ende ihrer Deutschlandreise besuchte Camila Vallejo Berlin. Eine Begegnung.

Von Gloria Veeser und Lutz Kinkel

  So sieht Kommunismus heute aus: Camila Vallejo

So sieht Kommunismus heute aus: Camila Vallejo

Ein Gespenst geht um im klirrend kalten Berlin, das Gespenst des Kommunismus. Es trägt den Namen Camila Vallejo und bahnt sich am Mittwochabend den Weg ins Audimax der Humboldt-Universität, Unter den Linden 6. Seit einer halben Stunde warten dort rund 700 Afficionados, das Haus ist voll, und als das Gespenst im Türrahmen hervorlugt, brandet Applaus auf. Endlich ist sie da, die "Jeanne d'Arc der Anden", das "Gesicht der Revolution", "Commandante Camila", die "Person des Jahres 2011", zu der sie der britische "Guardian" erkor. Manchmal ginge den Journalisten die Fantasie durch, hat Camila in einem Interview zu diesen Etiketten gesagt. Sie wolle kein Messias sein. Genau das hat einst auch Che Guevara vor sich behauptet.

Lässig läuft sie zur Bühne, schält sich auf dem Weg aus der Daunenjacke, legt Mütze und Handschuh ab, nimmt Platz in Jeans und Ringelpulli. Ein ordnender Griff in das ungestüme, dunkle Haar, dann wandern ihre grünen Augen über das andächtige Publikum. Es ist dieser Blick, der Stolz und Souveränität abstrahlt, Tausende kennen ihn aus den Youtube-Videos ihrer Reden, nun ist sie hier, live, in Berlin. Camila zieht ihre Armbanduhr ab, legt sie neben sich auf den Tisch, rückt ihre Notizen zurecht, und sagt: "Gracias". Die Stimme des Aufstands spricht spanisch.

Gekommen um zu kämpfen

Camila Vallejo ist auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Gewerkschaft Wissenschaft und Bildung in Deutschland, zwei Wochen lang hat sie Produktionsstätten, Gewerkschaften und Hörsäle besucht, es ist für sie eine Art Bildungs- und Informationsreise, um Kontakte zu knüpfen, politische Allianzen zu schmieden und die Weltrevolution voranzutreiben. "Mein Name ist Camila Antonia Amaranta Vallejo Dowling… und ich komme, um zu kämpfen", heißen die ersten Sätze ihres Essaybands. Er trägt den Titel: "Wir können die Welt verändern." Das klingt pathetisch, aber es ist ihr bitterernst damit.

Zwei Stunden lang berichten Camila und ihre beiden Mitstreiter im Audimax von den Zuständen in ihrer Heimat Chile, von der Korruption, vom Neoliberalismus, von den horrenden Studiengebühren. 60.000 Dollar muss sie für ihr Geologiestudium verauslagen, sagt sie, und das habe ihren Widerstandsgeist geweckt. So stieß sie zur chilenischen Studentenbewegung, befeuerte die Massen mit ihrer Schönheit und Eloquenz, bald gingen Zigtausende auf die Straße, und bald ging es nicht mehr nur um Bildungspolitik, sondern um das soziale Leid an sich. In Chile brachte Camila Vallejo 2011 die Verhältnisse zum Tanzen, aber nun sind in Chile Sommerferien, ein guter Zeitpunkt, um sich mit den Genossen in aller Welt zu besprechen, auch in Berlin. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die ihre Reise organisiert hat, steht der Linkspartei nahe.

Mehr Kommunismus wagen

Deren Bundestagsfraktion hat die Rebellin am Donnerstag in ihren Sitzungsraum in den Reichstag eingeladen, es gibt Kaffee und Kuchen. Gesine Lötzsch, die mit ihrem Aufsatz über "Wege zum Kommunismus" einen PR-Gau produziert hatte, ist unter den ersten Gästen. Auch Camila redet abermals über die gemeinsame Sache, den Kommunismus, aber wovon sie eigentlich spricht, ist Chile. Sie ist erschöpft von der Reise durch Deutschland, der Funke will nicht so recht überspringen. Zwar fragt Lötsch zu Beginn, warum nicht mehr Menschen die Welt verändern wollen, einstweilen aber ist ihre Partei mit der Welt beschäftigt, wie sie sich Kanzlerin Angela Merkel vorstellt. Eine Bundestagsdebatte über den europäischen Fiskalpakt steht an, Lötzsch stiehlt sich schon nach einer halben Stunde wieder aus dem Raum. Der Ausgangspunkt der Revolution muss irgendwo anders liegen, jedenfalls nicht auf der Fraktionsebene des Bundestages, dritter Stock, Besprechungsraum der Linksfraktion.

In Chile hat Camila Vallejo Personenschutz, sie hat Morddrohungen erhalten. Manche trauen ihr zu, bei den Wahlen in zwei Jahren gegen den milliardenschweren Präsidenten Sebastián Piñera anzutreten. Ihre Anhänger tätowieren sich ihr Gesicht auf den Körper, seine Anhänger stoßen üble Flüche aus. Sie sei "vom Teufel besessen", warnte ein chilenischer Politiker, ein ranghohe Beamte twitterte, die Studentin sei eine Hündin, die man nur zu töten brauche, um die Meute zu beruhigen. Das mobilisiert ihre Anhänger erst recht, und manchmal ist das der Frau in der Mitte zuviel. "Die Leute glauben, dass ich auf alles eine Antwort habe, dass ich Chile verändern kann, ganz allein", sagte sie in einem Interview. "Aber die Verantwortung liegt doch bei allen, verdammt, ich bin doch nur eine 23-jährige Studentin."

Deutschland wird sie nicht so sehr verändern, wie es sich mancher verspricht. "Die Probleme sind andere als in Chile", sagt Camila Vallejo nach dem Termin mit der Linksfraktion zu stern.de. "Aber auch hier trägt das System die Laster des Neoliberalismus." Es ist eine Standardantwort aus dem linken Politikbaukasten, mehr ist an diesem Donnerstagmittag nicht mehr drin. Zumindest nicht für hier. Als Camila auf den Fluren des Reichstags den Sekretär des kubanischen Botschafters entdeckt, umarmt sie ihn herzlich. In Lateinamerika ist es derzeit 40 Grad wärmer als in Berlin. Nicht nur meteorologisch.

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Von:

und Gloria Veeser