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20. August 2007, 11:47 Uhr

Die Super-Nanny der Linken

Sie hat das Parteibuch der Linken, aber Ansichten wie eine CSU-Politikerin: Christa Müller, Ehefrau von Linksparteichef Oskar Lafontaine, sorgt mit ihren konservativen Thesen für große Empörung unter den Parteifreunden. Ein Porträt der "Eva Hermann der Linken". Von Sebastian Christ

Christa Müller, Ehefrau von Oskar Lafontaine, sorgt für Wirbel in der Linkspartei© Karlheinz Schindler/DPA

"Die schon wieder", werden sich einige Genossen in Berlin gedacht haben. Frau Lafontaine. Christa Müller. Die Ehefrau des linken Protestpop-Patriarchen. Ausgerechnet die! Doch Frau Müller erlaubt sich immer wieder, eine eigene Meinung zu haben. Im Streitgespräch mit Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, das der "Spiegel" kürzlich druckte, wurde eigentlich nur aus den Bildunterschriften ersichtlich, wer hier nicht im Auftrag christlich-konservativer Familiensache politisieren möchte.

Da zitiert Christa Müller Umfragen: "Kinder fühlen sich in den Familien am besten aufgehoben, in denen Vater und Mutter Teilzeit arbeiten oder die Mutter Hausfrau ist." Und mäht en passant über die Schnittkanten des Politspektrums hinweg: "Aus der Intelligenz- und Bindungsforschung weiß man aber auch, dass für die intellektuelle Entwicklung des Kindes die Bindung an eine feste Bezugsperson ganz entscheidend ist. Das ist normalerweise die Mutter, aber nicht wechselndes Personal in Kinderkrippen." Sie sagt: "Man ist ja nicht in allen Fragen in Übereinstimmung mit jedem Parteimitglied. Letztendlich kommt es auf die Mehrheiten an."

Mit diesen Ansichten bringt sie viele Parteifreunde in Rage: Vizeparteichefin Katina Schubert sagte meinte, "die Auffassungen von Christa Müller passen zur katholischen Kirche aber nicht zur Linken". Einige Genossen würden wohl am liebsten Oskar empfehlen, seiner Frau den Mund zu verbieten. Doch der spielt da nicht mit. Und nicht nur er. Besonders in ihrem saarländischen Landesverband hat sie viele Unterstützer.

SPD-Parteimitglied seit 1979

Christa Müller, eine Frau geht ihren Weg. Selbst, wenn der nicht an jeder Kreuzung nach links führt. Die 51-Jährige ist eine der schillerndsten Figuren der westdeutschen Linken - wo die Errungenschaften der sozialistischen Emanzipation eigentlich genauso halsstarrig verteidigt werden wie das traditionelle Volkstanzgut im oberbayerischen Voralpenland. Krippen stehen im linken Ideenuniversum für selbständige, freie Mütterbiografien. Hausfrauen dagegen müffeln nach Saumagen und Küchendunst. Da ist es leicht, sich Feinde zu machen. Selbst wenn Frau Müller eigentlich nie etwas anderes wollte, als Wahlfreiheit in Erziehungsfragen. Nicht mehr, nicht weniger.

Manche reden von Christa Müller bereits von einer "Eva Herman der Linken". Doch während viele westdeutsche Linke - gerade an der Basis - mit antiautoritären Ideologiemustern sozialisiert wurden, verhält es sich bei ihr anders.

Christa Müller ist im sozialdemokratischen Milieu groß geworden, wo "Linkssein" eben nicht immer mit Progressivität einhergeht. Müller wurde als Tochter eines katholischen Hoteliers in Frankfurt geboren. Nach dem Abitur studierte sie Volkswirtschaft. Mit 23, im Jahr 1979, trat sie der SPD bei, und blieb der Partei 26 Jahre lang treu. Sie galt als eine hoffnungsvolle Nachwuchspolitikerin, intelligent und eloquent. Nach ihrem Studium arbeitete sie unter anderem in der damals noch roten Hessischen Staatskanzlei und in der Bonner SPD-Zentrale.

Dann lernte sie 1987 Oskar Lafontaine kennen, bald darauf wurden sie ein Paar. Ihre eigene politische Laufbahn aber bekam in der Folge eine schwere Delle: In der Öffentlichkeit wurde sie zu allererst als Frau an der Seite des Spitzenpolitikers und Kanzlerkandidaten wahrgenommen, nicht als junge Politikerin mit eigenen Ideen. In den 90er Jahren arbeitete sie bei der Friedrich-Ebert-Stiftung. Also dort, wo politische Karrieren eher zu Ende gehen als beginnen. Nebenher engagierte sie sich als Vorsitzende des Vereins "Intact", der sich gegen Beschneidungen von Mädchen in Afrika einsetzt.

Comeback in der WASG

Im Jahr 1997 kam Sohn Carl Maurice zur Welt, und Christa Müller entschied, sich fortan als Hausfrau um ihre Familie zu kümmern. Dass sie bei aller Fürsorge ihre politischen Ambitionen nie ganz aufgegeben hatte, bewies sie 1998. In einer Talkshow forderte sie die stärkere Kontrolle von Banken. Das war damals wenigstens einen kurzen Aufreger wert, und man nannte die selbstbewusste Frau in Anlehnung an Hillary Clinton "Müllery". Als ihr Mann im Frühjahr 1999 mit Carl Maurice auf den Schultern dem rot-grünen Projekt Lebewohl sagte, wurde es still um sie, während Lafontaine zum quälenden Stachel im sozialdemokratischen Fleisch avancierte.

Die Chance zum Comeback kam, als in der Spätphase der Schröder-Ära die Zahl der Unzufriedenen innerhalb der SPD immer größer wurde. Oskar Lafontaine erklärte seinen Parteiaustritt, Christa Müller auch. Beide fanden 2005 in der WASG eine neue politische Heimat.

Seitdem fällt sie immer wieder mit vermeintlich unlinke Thesen auf. Als im vergangenen Oktober nach einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung über Armut und die "gesellschaftliche Unterschicht" diskutiert wurde, forderte sie als familienpolitische Sprecherin der saarländischen WASG ein Frühwarnsystem gegen Kindesmisshandlung. So solle die "Reproduktion des asozialen Milieus" begrenzt werden. Später präzisierte sie, sie habe damit zum Ausdruck bringen wollen, dass erlittene Gewalt im Jugendalter Gewalttäter im Erwachsenenalter heranbildet. Trotzdem hatte der saarländische SPD-Chef Heiko Maas reichlich Gelegenheit, öffentlich an ihrem Menschenbild zu zweifeln.

Im Frühjahr erarbeitete sie dann zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft Familienpolitik der saarländischen WASG einen Vorschlag für ein "Erziehungsgehalt". Wenn es nach Christa Müller geht, sollen Mütter im ersten Erziehungsjahr 1560 Euro brutto pro Monat und Kind bekommen. Egal, ob berufstätig oder nicht. Viele verstanden diese finanzielle Vergütung der Kindererziehung als Anreiz für Mütter, den Job zugunsten der Familie ruhen zu lassen. Da klatschte auch die katholische Kirche im Saarland Applaus. Anders die "Linke Sozialistische Arbeitsgemeinschaft"(LISA) der Frauen in der Linkspartei. Christa Müller stehe für "die drei Ks" in der Familienpolitik: "Kinder, Küche und Kontrolle." Und die LISA keifte weiter: "Dieses Konzept ist obrigkeitsstaatlich, nicht emanzipatorisch. Es bedient Rollenklischees aus der Mottenkiste, die alle fesseln: Kinder, Mütter und Väter."

Die richtige Frau am richtigen Ort

Im Saarland kann man das gelassen sehen: alles Gedröhne aus der Bundespartei. Denn die Linke ist in Deutschlands kleinstem Flächenland auf dem besten Weg, eine feste politische Größe zu werden. Mittlerweile hat der Landesverband nach eigenen Angaben bereits 1650 Mitglieder. Anders gesagt: Fast 0,2 Prozent der saarländischen Bevölkerung haben ein dunkelrotes Parteibuch. Grüne und Liberale stehen weit weniger gut da. Auch bei der Landtagswahl im Jahr 2009 werden der Linken hervorragende Chancen auf den Einzug in den Landtag eingeräumt, unter Umständen sogar auf ein zweistelliges Ergebnis. Es wäre ein Fanal. Doch im strukturkonservativen Saarland lässt es sich schwer mit Marx und Gysi punkten. Mit bodenständigen Ansichten zur Kindeserziehung schon eher. Vielleicht ist es ja so: Christa Müller ist die richtige Frau am richtigen Ort. Nur in ihrer eigenen Partei hat es bisher kaum jemand gemerkt.

Von Sebastian Christ
 
 
KOMMENTARE (10 von 15)
 
schachspieler (24.08.2007, 02:20 Uhr)
Das Krippenspiel. Am besten nur zu Weihnachten...
Ich möchte nur noch einmal daran erinnern, dass ein Heinrich Böll schon in den siebziger Jahren die Familie als letzte Keimzelle für die Entwicklung und Entfaltung des Individuums bezeichnet hat. Und diese Institution gilt es zu bewahren und zu fördern. Denn nicht umsonst stehen Ehe und Familie gemäß Art. 6 Abs. 1 GG unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes. Von der Notwendigkeit des Ausbaus einer staatssozialistischen Kinderbetreuungsmaschinerie ist im Grundgesetz allerdings nirgendwo die Rede. Und das aus gutem Grund. Was eine solche Ansicht allerdings mit „Ewig Gestrigen“ zu tun haben soll, bleibt mir ein Rätsel. Es sei denn, der ausgewiesene Humanist Heinrich Böll war ein „Ewig Gestriger“. Dann aber wundert mich gar nichts mehr.
exkeks (22.08.2007, 13:02 Uhr)
@Ewig Gestrige
Kindererziehung zu Hause als Luxus? Die "durchgeknallte Gesellschaft" als Analogon zur Kinderbetreuung in Kitas? Bleiben Sie auf dem Teppich! Warum wird in dieser Debatte soviel polemisiert? Warum meinen alle die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben? Weder macht staatliche Betreuung Kinder zu Sozialzombies, noch sind Mütter, die nach dem Babyjahr wieder arbeiten wollen, Egozicken. Und wieso eigentlich immer die Mütter? Auch Väter könnten nach der Stillzeit zu Hause bleiben. Es drängt sich der Eindruck auf, dass hier eben doch überkommene Rollenbilder verteidigt werden. Gern wird dazu dann auch eine "unersetzbare Mutterbindung" aus angeblich wissenschaftlichen Erkenntnissen herbeiphantasiert. Natürlich braucht ein Kind feste Bezugspersonen, aber dass das den ganzen Tag die Mutter sein muss, ist völlliger Unsinn.
schachspieler (22.08.2007, 09:43 Uhr)
Spiel nicht mit den Krippenkindern!?
Was soll denn daran linksemanzipatorisch sein, die eigenen Kinder in den ersten Lebensjahren in Krippen erziehen zu lassen? Das Problem ist doch, dass viele Eltern wegen den Anforderungen des Erwerbslebens gezwungen sind, ihre Kinder ausser Haus zu geben. Heutzutage reicht eben ein Einkommen zur Existenzsicherung meist nicht mehr aus. Wer es sich aber leisten kann, erzieht seine Kinder doch lieber Zuhause. Und darin liegt das eigentliche Problem: Immer weniger können sich den Luxus der eigenen Kindererziehung finanziell leisten. Und Alleinerziehende schon mal gar nicht. Wer wäre denn sonst so verrückt, dieser durchgeknallten Gesellschaft noch freiwillig irgendetwas anzuvertrauen? Und dann auch noch die Erziehung der eigenen Kinder in den ersten Lebensjahren? Ich jedenfalls nicht, zumindest solange ich es mir noch leisten kann. Das ist nämlich Ausdruck meiner Sozialisationserfahrungen. Und die können nicht so ganz falsch gewesen sein...


exkeks (22.08.2007, 00:15 Uhr)
Von KitaKZs und selbsternannten Pädagogen
Mir scheint bei einigen Kommentatoren die Vorstellung zu herrschen in Kitas würden 1-Euro-Jobber morgens die Tür zu- und abends wieder aufmachen und das wars. Das dies nicht der Fall ist, sondern Kindererzieher ein Beruf ist, der eine Ausbildung mit weitreichenden pädagogischen, psychologischen und sozialen Kompetenzen abverlangt, scheint bei einigen noch nicht angekommen zu sein. Ist ja auch viel einfacher, Versatzstücke ehemaliger Feindbilder zu repetieren. Manch einer war wohl noch nie in einer Kita, hält sich aber dennoch für einen Experten.
Die beweisartig heranzitierte Verrohung der Gesellschaft scheint mir eher von überforderten Prekariatseltern entscheidend mitverursacht zu sein. Und wenn man wie Frau Müller wähnt, sich auf unverrückbare wissenschaftliche Erkenntnisse berufen zu können, dann hat man offenbar keinen Schimmer von der Halbwertzeit ebendieser. Nun ja, dass Eltern gern bei ihren Kindern sind, ist ja zu verstehen, aber das pädadogische Kompetenzen von Hausmüttern gern überschätzt werden, ist noch nicht überall angekommen.
tagora-sagittara (21.08.2007, 23:35 Uhr)
@mikefox7
nein, nein,...bin einfaches Fußvolk, aber nicht mehr bereit die "Dauervolksverarsche" hinzunehmen.
Habe zwei Kinder Auto, Bike und keinen Hund...und werde so alles klappt in 4 Jahren für Deutschland Geschichte sein. Die eine Hälft meines Lebens habe ich der "Demokratielüge Deutschland" gewidmet, die zweite Hälfte gehört mir.
mikefox7 (21.08.2007, 23:30 Uhr)
Erstmal vor der eigenen Nase kehren!
Der User "tagora-sagittara" zählt sich wohl selber zur Elite?!
Jemand, der zu einer vermeintlichen Elite zählt, lässt aber nicht solche diffamierenden Sprüche wie er ab.
Das ist meine kurze Stellungnahme und eigene Meinung - Punkt!
tagora-sagittara (21.08.2007, 22:57 Uhr)
@Gernspieler
hat die CSU nicht,...das ist purer Selbsterhaltungstrieb.
Die 68er haben die Emanzipation völlig falsch verstanden. Das Ergebniss sind 2 vernachlässigte Generationen Nachwuchs die gegen das eigene Volk kämpfen.
Und dieses Gesocks nannte sich die Elite Deutschlands,...das ich nicht lache...alles links angehauchte Weicheier, der Rest ist schwul und weis nicht was er will...Hauptsache keine Verantwortung. Nun heulen sie in die Jahre gekommen ob dem rechten Drall der in die Asozialität gedrängten Mehrheit des Volkes. Von mir aus können die alle zum Teufel gehen...das sind die Scharfrichter der deutschen Demokratie...alles Betrüger...
Optimist60 (21.08.2007, 22:47 Uhr)
Teufelkres brechen
Die meisten "unterschicht" Familien könnnen einfach ihre Kinder nicht richtig fördern. Und nicht allleine aus dem Geldmangel. Der anderen Weg wäre, das kostenlose Angebot an Sport und Musikuntericht, Theater und Museumbesuch für die Kinder aus armen Familien einzuführen.Was meine Kinder am wenigstens brauchen, sind vom Staat bezahlten Aufpasser.
Gernspieler (21.08.2007, 22:30 Uhr)
Frau Müller hat recht!
Als Alt-68er bedauere ich, dass auch die Linke sich noch nicht dazu durchgerungen hat, der Arbeit von Hausfrau und Mutter volle gesellschaftliche Anerkennung zukommen zu lassen und als Erwerbstätigkeit entsprechend vom Staat honorieren zu lassen.
Warum Kinder in eine Krippe geben, wenn Eltern das zu Huase viel besser leisten können?
Christa Müller hat da vollkommen recht, und ich verstehe nicht, dass man über sie herzieht. Ist ja interessant, dass selbst die CSU mal einen richtigen familienpolitischen Ansatz hat.
Sabine.Koernig (21.08.2007, 22:09 Uhr)
LISA ist nicht mehr zeitgemäß
Durch mich als weibliches Mitglied der Partei Die Linke. findet derzeit ein Vorstoß statt, LISA in Pension zu schicken. Natürlich vertritt Frau Müller gesunde Standpunkte. Es gibt genauso sehr gute Gründe für mehr Kitas. Keinen einzigen jedoch für LISA. Ich möchte die Frauenpolitik über die Partei Die Linke und Abschaffung von LISA so reformieren, dass ein paritätisches Gendergremium von Männern und Frauen für mehr Gendergerechtigkeit für Männer und Frauen in Deutschland agiert. Geschlechterungerechtigkeiten finden sich bei Männern und Frauen überflüssigerweise nach wie vor.
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