Er tut harmlos und sanft. Aber sein Ziel verfolgt er knallhart. Christian Wulff will in Niedersachsen wieder gewinnen und so zu Merkels Kronprinzen aufsteigen. Von Beate Flemming

Eintracht Braunschweig? Angela Merkel und Christian Wulff beim Wahlkampf in der Volkswagenhalle. Er ist ihr Stellvertreter in der Bundes-CDU - aber nicht immer ihre größte Stütze© Markus Vogel
Was auch passiert, die Maschine braucht maximal 30 Sekunden, um sich über Nacht auszuschalten. Exakt 28 Minuten dauert es morgens, bis sie startklar ist. Ideen generiert sie unter der Dusche. Sie kann einen fingerdicken Stapel mit kopierten Zeitungsartikeln über Struck, Koch und den ganzen Irrsinn in 30 Sekunden durchsehen. Sehr sparsam ist sie: Sie trinkt keinen Alkohol, raucht nicht und redet nicht über ihr Privatleben, außer wenn es gerade ins Programm passt. Sie funktioniert fast perfekt. Nur Entscheidungen zögert sie hinaus, manchmal bis zum Haareraufen der Mitarbeiter.

Ministerpräsident im Wahlkampf-Dauereinsatz: Christian Wulff im Stahlwerk in Georgsmarienhütte ...© Markus Vogel
Rund 90 Stunden pro Woche ist die Maschine im Einsatz, von montags bis sonntags. 10 bis 15 Termine am Tag. Immer spuckt sie dabei was Passendes aus, im Altersheim ("Wir diskutieren die Alten zu sehr als Last") oder im Dorf an der holländischen Grenze ("Im ländlichen Raum liegt die Dynamik, die wir brauchen"). Dazwischen gibt sie immer mal wieder den aktuellen Stand durch: noch 90, noch 74, noch 70 Termine bis zum 27. Januar! Dann wird gewählt in Niedersachsen. Ja, auch in Niedersachsen, obwohl alle nur nach Hessen gucken auf Roland Koch und seinen Kampf um die "schweigende Mehrheit".
Laut Umfragen sieht es sehr gut aus für Christian Wulff und die niedersächsische CDU, doch die Maschine stellt nüchtern fest: "Stimmungen sind ja schön, aber noch keine Stimmen." Zweimal hatte Wulff in den 90er Jahren verloren, gegen "die härteste Nuss, die die Sozialdemokraten zu vergeben haben", wie er seinen damaligen Gegner Gerhard Schröder preist. Das hat ihm Respekt eingeflößt. Auch vor den niedersächsischen Wechselwählern. Es hat ihn knallhart gemacht. Wer so brutal verloren hat, der hat keine Angst mehr. Außer vor dem Tod. Dem politischen.
Christian Wulff will am 27. Januar nicht nur die Wahlen in Niedersachsen gewinnen, sondern auch Roland Koch aus Hessen besiegen, den anderen Wahlkämpfer aus der CDU, den inoffiziellen Merkel-Ersatz- Kanzler. Die Rolle will Wulff mit sich besetzen. Dafür muss er a) besser abschneiden als Haudrauf Koch. Und b) besser rüberkommen. Viel besser. Deshalb die 2,5 Millionen Euro für eine Image-Kampagne. Deshalb noch mehr Termine als sonst, denn was zählt, ist "die unmittelbare Begegnung. Wenn beim Kaffeekränzchen alle über die Politiker herziehen, dann sagt vielleicht eine Dame: 'Moment mal, da habe ich doch einen gesehen, der ist anders.'"
Dieses Anderssein zelebriert Christian Wulff, 48, wie kein anderer. Der nette Herr Wulff. Zufällig auch noch Politiker. Und Machtmensch. Was vor der Paracelsus-Klinik in Osnabrück aus dem A8 springt, sieht viel zu gut aus für einen Politiker. Dunkler Anzug, blaue Augen, Randlos-Brille. Unter dem Blitzlichtgewitter der Fotografen sieht er aus wie ein Schauspieler, der einen Politiker spielt. Genau das hat er ja auch schon, in Dieter Wedels Fernsehfilm "Mein alter Freund Fritz". In dem hat er ein Krankenhaus eröffnet, so wie an diesem Vormittag. Darin hat er schon einen kleinen Eröffnungsgag für seine Rede. Er sagt: "Das war nicht schwer. Ich habe mich selbst gespielt." Und weil das niemand so gut kann wie er, habe er sogar seinen Drehbuchtext umgeschrieben.
Klar war das nicht schwer. Wulff macht seit Jahren nichts anderes. Vier Bücher mit und über Wulff gibt es. Das aktuellste heißt "Besser die Wahrheit". Zumindest ist es eine, die er signiert.

... und im Altenpflegeheim Wallenhorst© Markus Vogel
Man weiß ja einiges über Wulff. Aber nur das, was er einen wissen lassen will. Dass er Anzüge von der Stange trägt, Größe 52, dass er italienische Pasta mag. Sogar dass er sich nach fast 20 Jahren Ehe scheiden lässt und mit der deutlich jüngeren Bettina Körner, 34, PR-Frau bei Continental und Mutter eines vierjährigen Sohnes, ein Kind erwartet. Aber das weiß man nur, weil er das private Drama mitsamt schönen Bildern professionell für die Öffentlichkeit inszeniert hat. Wulff: "Ich habe sehr viele, sehr glückliche und wichtige Jahre mit meiner Frau verlebt … So wie wir uns gemeinsam getrennt haben, werden wir auch gemeinsam unsere Scheidung einvernehmlich …" und so weiter.
Nachfragen verboten. "Ich opfere alles für die Politik, nur nicht mein Privatleben", sagt Wulff. Nicht noch mal. 1998 hatte er in Richtung Scheidungs-Multi Schröder gestänkert: "Meine Ehe hält schon zehn Jahre." Heute beteuert er: "Ich habe nie etwas gesagt." 2003, beim dritten Wahlanlauf, mussten Frau Christiane und Tochter Annalena mit in den Wahlprospekt.
"Das hat er hingekriegt", sagt einer aus dem Maschinenraum der CDU. "Aber er wird den Preis für dieses Spiel eines Tages bezahlen." Oder auch nicht. Image ist alles in der Medienrepublik Deutschland, und niemand lenkt so gekonnt ab von dem, was dahintersteckt, wie Christian Wulff. Nicht mal, dass er gerade zweieinhalb Kilo zugenommen hat, soll man schreiben. "Gesendet, verendet", sagt Wulff, "wer schreibt, bleibt". Lange Pausen macht er, bevor er auf Fragen antwortet. Oder schweigt. Bis zu den Wahlen möchte er nicht sagen, worin sich Angela Merkels Führungsstil von seinem eigenen unterscheidet, denn "die Antwort würde eine Kritik einhalten". Nur so viel: "Manchmal wünschte ich mir in Berlin etwas mehr Gelassenheit."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 04/2008