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Ex-Präsident auf Reha

Zum ersten Mal seit seinem Rücktritt als Bundespräsident hält Christian Wulff wieder eine Rede in der Heimat. Ein Ortstermin.

Von Jan Rosenkranz, Heidelberg

  Sprach mit neuer, alter randloser Brille am Mittwochabend in der Heidelberger Universität: Ex-Bundespräsident Christian Wulff

Sprach mit neuer, alter randloser Brille am Mittwochabend in der Heidelberger Universität: Ex-Bundespräsident Christian Wulff

So ist es ja meistens: Das Interessanteste kommt zum Schluss. Christian Wulff hat fertig gesprochen, es gibt noch ein paar Minuten Zeit für Fragen. Stille. Niemand rührt sich. Als erstes versucht es eine Frau in Reihe zwei. Wenn Sprache das Tor zur Bildung sei, wie der Herr Bundespräsident a.D. eben gesagt habe, wirke dann das Betreuungsgeld nicht kontraproduktiv, weil es doch gerade die von der Kita fernhalte, die Kita nötig hätten?

Da lächelt der Herr Bundespräsident milde, wiegt den Kopf und sagt dann: "Da führen Sie mich aber auf das absolute Glatteis der aktuellen Tagespolitik, der ich auf absehbare Zeit entsagt habe." Als relativ junger Alt-Präsident befinde er sich noch in der Lernphase. Erst kürzlich habe er lange darüber mit Jimmy Carter gesprochen, wie man das mache. Der ehemalige US-Präsident sei ja schon mit 56 aus dem Amt geschieden. "Danach hat er tolle 32 Jahre hingelegt", sagt Wulff. "Ich könnte also, wenn ich 88 würde, noch 35 tolle Jahre verleben."

Und so geht es dann am Schluss dieses Abends in der ehrwürdigen Aula der Alten Universität zu Heidelberg ganz um ihn: Christian Wulff, 53, ehemaliger Ministerpräsident des Landes Niedersachsen, ehemaliger Präsident der Bundesrepublik Deutschland, zurzeit ohne Verwendung.

Randlos-Brille statt Woody-Allen-Modell

Neun Monate nach seinem Rücktritt im Februar spricht Wulff zum ersten Mal wieder in der Heimat. Er hält eine Rede auf Einladung der Heidelberger Hochschule für jüdische Studien zum Thema "Gesellschaft im Wandel". Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland und Vorsitzender des Kuratoriums der Hochschule, hatte ihn vor einem Jahr schon eingeladen - und nun auch in den Saal geführt, den auch das Motto der Universität schmückt: Semper apertus - stets geöffnet.

"Eine einmal ausgesprochene Einladung gilt", erklärt der Prorektor der Hochschule, Professor Johannes Heil, in seinen einleitenden Worten. Zudem sei die Einladung nicht an das Amt des Bundespräsidenten gebunden, sondern gelte der Person Christian Wulff. Mehr noch: "Sie galt und gilt insbesondere dem Leo-Baeck-Preisträger des Jahres 2011." Dafür gebe es im Übrigen kein Honorar, betont der Prorektor. "Wir sind ja nicht ja bei den Stadtwerken Bochum."

Und so ist dieser Auftritt auch eine Art öffentliche Reha-Maßnahme, die nicht unpassend am Abend des Buß- und Bettages stattfindet. Die reichverzierte Aula ist mit knapp 200 geladenen Gästen gefüllt, im Publikum vor allem Studenten und Senioren - die meisten wohlgesonnen. Dazu zwei Dutzend Journalisten, sechs TV-Teams und diverse Fotografen, denen Wulff ein Lächeln schenkt, mit dem er sich an keiner Schauspielschule zu bewerben braucht. Langsam, leicht gebeugt betritt er den Saal, mit randloser Brille (statt Woody-Allen-Modell, mit dem er zuletzt gesichtet wurde) mit grauem Anzug (mit Ärmelflicken am Jackett) und ergrautem Haar. Ja, er ist gealtert, schmaler geworden, aber er sieht nicht mehr ganz so gotterbärmlich aus wie im Juli, als er auf der Gedenkveranstaltung für die Hitler-Attentäter im Berliner Bendlerblock auftauchte - klapprig, fahl und mit eingefallenen Gesichtszügen.

Hüftsteif. Präsidial. Geknödelt

Eine gute Stunde dauert sein Auftritt. Er spricht - natürlich - über Integration, das ist sein Thema, der Schwerpunkt, wenn man so will, seiner nur 598 Tage währenden Präsidentschaft, von der im öffentlichen Bewusstsein neben Klinkerhäuschen und Bobbycar doch zumindest ein Satz erhalten blieb: "Der Islam gehört zu Deutschland."

Natürlich hält Wulff wie immer eine sehr präsidiale Rede, geknödelt wie immer, anfangs noch arg hüftsteif wie immer, später folgen sogar Gesten. Es ist eine Rede, die wie so oft mit der Fußballnationalmannschaft beginnt und endet, diesem Musterbeispiel gelungener Integration, dieser Elf, in der 1990 noch drei Andreas, zwei Jürgen und ein Rudi spielte und heute wie selbstverständlich ein Jerome, Sami, Miroslav und Mesut. Doch er spricht auch von der NSU-Mordserie, davon, dass sie ihn so entsetzt hat, wie nur ganz wenig. "Als ich später mit den Angehörigen zusammentraf, fühlte ich mich zutiefst beschämt", sagt Wulff. Sein Land hatte Taten weder verhindern, noch aufklären können, stattdessen waren die Opfer und Hinterbliebenen in dubioses Licht gestellt worden.

Er spricht über Parallelgesellschaften, in denen nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund leben. Er spricht über Sprache, die nichts verschweigen, aber auch nicht verletzen dürfe. Er spricht davon, dass Zuwanderung auch Zumutungen mit sich bringe, dass es nur eben für eine offene Gesellschaft keine Alternative gebe.

Am Anfang eines neuen Lebens

"Man hat den jungen Elder Statesman gehört" schwärmt Prorektor Heil am Ende von Wulffs Ausführungen. Und doch schwebt über dem Abend vor allem diese eine Frage: Wie um Himmels Willen integrieren wir, die Deutschen, diesen vor neun Monaten so krachend gescheiterten Christian Wulff wieder in unsere Gesellschaft? Oder wie er es selbst formulieren würde in "unser deutsches Wir"?

Die selbstverordnete und -verschuldete Zwangspause scheint Wulff jedenfalls langsam beenden zu wollen. Sie gilt zumindest noch so lange, bis dieses vermaledeite Ermittlungsverfahren eingestellt worden ist, dessentwegen er schließlich zurückgetreten war. Das mag vielleicht keine hinreichende, aber zumindest doch notwendige Bedingung für einen Neustart zu sein.

Strafrechtlich scheinen die Hannoveraner Staatsanwälte das meiste ad acta gelegt zu haben - nicht justiziabel. Übrig geblieben sind nur noch die Sylt-Sausen von 2007 und 2008, deren Kosten sein Filmfreund David Groenewold lediglich vorgestreckt haben will, und die Wulffs später bar erstattet haben wollen. Es geht um 2250 Euro.

Natürlich hat er nicht die ganze Zeit geschwiegen. Er hat in Südkorea auf einer Konferenz über die deutsche Wettbewerbsfähigkeit gesprochen, hat mit dem Emir von Katar parliert, am Comer See in der Villa der Konrad-Adenauer-Stiftung geredet und kürzlich erst in Bochum eine Konferenz besucht, die den schönen Titel trug: "Herausforderung Zukunft". Herausforderung Zukunft - genau dieser Aufgabe sieht sich Christian Wulff nun gegenüber. Er ist jetzt 53 Jahre alt. Er steht ganz am Anfang eines neuen Lebens.

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