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Weselsky, Gysi - und die ewigen Hitler-Vokabeln

Manchmal streikt auch der Verstand - dann ist man fix bei Nazi-Begriffen. Von weinerlichen Gewerkschaftern und sektiererischen Israel-Kritikern – Beobachtung aus der Republik der Knalltüten.

Von Axel Vornbäumen

GDL-Chef Claus Weselsky sieht "Progromstimmung" gegen seine Gewerkschaft. Gregor Gysi soll Israel-Kritiker als Antisemiten bezeichnet haben.

GDL-Chef Claus Weselsky sieht "Progromstimmung" gegen seine Gewerkschaft. Gregor Gysi soll Israel-Kritiker als Antisemiten bezeichnet haben.

GDL-Chef Claus Weselsky hat "Pogromstimmung" gegen sich und seine Lokführergewerkschaft ausgemacht. Man muss schon arg bescheuert, sehr realitätsfern oder noch geschichtsferner sein, wenn man in diesem Land zwei Tage nach dem 9. November diesen Begriff in eigner Sache verwendet. Bei allen Restsympathien, die man für diesen wackeren Kämpfer an der Arbeitnehmerfront womöglich noch gehabt haben mag – er hat sich damit als lamoryanter Wichtigtuer entlarvt. Ein Wicht, bestens geeignet für einen Spitzenplatz in der Fettnapfwertung des Jahres 2014. Unfähig offenbar, echtes Leid mit der eigenen, ganz sicher unkomfortablen Situation als Reizfigur für Hundertausende, in Korrelation zu setzen. Auch mutwillig? Eher nicht.

Der schiefe Nazi-Vergleich – oder alles, was im weitesten Sinne damit zusammenhängt – ist ja ein probates Mittel, in diesem Land Aufmerksamkeit zu erregen. Wer moralinsauer genug veranlagt ist, wird jetzt den Zeigefinger heben und mahnen. Eigentlich ist das übertrieben. Bis die große Korrekturtaste gedrückt ist und nach einer guten Woche sich dann alles als nicht so gemeint herausstellt, werden viele Worthülsen sehr weit geworfen sein. Dann die Erkenntnis: Der Führer, der uns das ja alles eingebrockt hat? Immer noch tot, Gott sei Dank. Der Lokführer? Zerknirscht. Geläutert. Nach außen hin allemal.

Von Weselsky zur Linken

Pause. Bis demnächst alles wieder von vorne beginnt. Wenn die Episode vom weinerlichen Weselsky eines lehrt, dann das: Viele in diesem Land tun sich immer noch schwer, in ihrem Alltagshandeln die gebotene Sensibilität der deutschen Geschichte gegenüber einzubauen. Jetzt sind wir bei der Linken angelangt, jedenfalls bei ihrem sektiererischen Teil.

Weselskys Weinerlichkeit war noch nicht publiziert, da wurde der Chef der Linksfraktion Gregor Gysi am Montag dieser Woche von einem durchgeknallten Amerikaner und einem durchgeknallten Kanadier bis auf eine Toilette im Reichstag verfolgt. Wer das Video sieht, bekommt einen Begriff vom fanatischen Sendungsbewusstsein der beiden, als scharfe Israel-Kritiker bekannten, Männer. Die beiden waren von zwei Abgeordneten der Linken zu einem Kongress nach Berlin eingeladen worden. Ursprünglich sollte ausgerechnet am 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, in der Berliner "Volksbühne" eine Veranstaltung über die "Kriegsverbrechen Israels" stattfinden. Dies war dann nach Protesten abgesagt worden. Gysi hatte danach untersagt, den Fraktionssaal seiner Partei für eine weitere Veranstaltung mit den beiden zu nutzen. Aus Furcht vor offenem Antisemitismus.

Auch hier wird es in den nächsten Tagen Aufregung geben. Der Unterschied zu Weselsky: Mit Worthülsen sollte es hier nicht getan sein.

Axel Vornbäumen weiß: Hitler in der Schlagzeile geht eigentlich immer. Dem Autor kann man auf Twitter unter @avornbaeumen folgen.

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