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31. Juli 2008, 07:58 Uhr

"Die eigenen Leute tritt man nicht"

Sie sind die Davids, die einen Goliath anscheinend zu Fall gebracht haben: die Mitglieder des SPD-Ortsvereins Bochum-Hamme. Wie haben sie von der Ausschluss-Entscheidung gegen Wolfgang Clement erfahren? Sind sie stolz? Im stern.de-Interview schildert ihr Sprecher Martin Rockel die ersten Reaktionen der Bochumer Genossen.

Hochzufrieden mit dem bevorstehenden Rauswurf Wolfgang Clements aus der Partei: SPD-Sprecher Martin Rockel© Credit: Picture-Alliance

Es ist halb elf am Abend. Soeben hat das ZDF gemeldet, Ex-Ministerpräsident, Ex-Wirtschaftsminister und Ex-SPD-Vize Wolfgang Clement soll nach einer Entscheidung der Schiedskommission des nordrhein-westfälischen Landesverbandes der SPD aus der Partei ausgeschlossen werden. Der Grund: Clement hatte vor der Landtagswahl in Hessen in einem Zeitungsbeitrag vor der Wahl der hessischen SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti gewarnt. Clements heimatlicher SPD-Ortsverein Bochum-Hamme hatte den Ausschluss mit betrieben. Martin Rockel, Medienbeauftragter des Ortsvereins, geht ans Telefon.

Herr Rockel, knallen bei Ihnen schon die Sektkorken?

Nein. Überhaupt nicht. Ich habe von der Entscheidung auch aus dem Fernsehen erfahren. Ich hatte erst morgen mit dem Beschluss gerechnet. Jetzt klingelt seit einer halben Stunde ständig das Telefon.

Ihr Ortsverein hat maßgeblich dazu beigetragen, dass ein Ex-Ministerpräsident und Ex-Bundesminister aus der SPD geworfen wird. Sind sie stolz?

Stolz ist der falsche Begriff. Die Entscheidung war schlicht eine logische Konsequenz der Äußerungen Clements vor der hessischen Landtagswahl. Er hat der Partei gezielt geschadet. Das hat die Kommission offenbar gewürdigt - auch wenn ich die schriftliche Begründung noch nicht kenne. Die Botschaft der Entscheidung ist klar: In der SPD ist keiner gleicher als die anderen - auch wenn er einmal Minister war. Schon aus Selbstachtung mussten wir uns für den Ausschluss einsetzen.

Ist die SPD so intolerant, dass sie Widerspruch und Kritik aus den eigenen Reihen nicht verträgt?

Helmut Schmidt hat auch immer wieder Außenseiterpositionen vertreten. Aber im politischen Tagesgeschäft hat er die Grenzen nie so überschritten, wie Clement das getan hat. Er hat das Ziel verfolgt, der Partei zu schaden.

Ist der Rauswurf des Agenda-2010-Vertreters Clement auch ein Symbol für eine Richtungsentscheidung der Partei?

Den Jüngern der Agenda 2010 hat man damit auf jeden Fall die Gelbe Karte gezeigt. Damit hat die Partei bewiesen, dass sie nicht bereit ist, es hinzunehmen, wenn jemand die Beschlüsse eines Parteitags als Phrasendrescherei hinstellt. Genau das hat Clement nach dem Hamburger Parteitag mehr oder weniger getan. Es macht aber keinen Sinn, die Agenda wie eine Monstranz vor sich herzutragen. Die SPD steht für sozialpolitische Inhalte, die sich nicht wegdiskutieren lassen. Zudem redet Clement der Atomlobby das Wort.

Geht die SPD mit der innerparteilichen Entleibung Clements auch auf die Linkspartei zu?

Wir sind eine Partei, die im 21. Jahrhundert angekommen ist. Wir stehen etwa für eine moderne Bildungspolitik und wollen nicht schlicht zurück in die 70er Jahre. Aber eines ist klar: Sich zu politischen Traditionen zu bekennen, heißt nicht unbedingt, dass man auch altmodisch ist.

Ist der Rauswurf ein Erfolg der Basis gegenüber der Parteispitze in Berlin?

Die Entscheidung zeigt, dass man sich von unten gegen den Mainstream in Berlin durchsetzen kann.

Wie waren bisher die Reaktionen Bochumer Bürger auf Ihr Bestreben, Clement aus der Partei zu werfen?

Wir haben positive Rückmeldungen erhalten. Wolfgang Clement hat hier nicht viele Freunde. So wie er verhält man sich im Ruhrgebiet einfach nicht. Den eigenen Leuten tritt man nicht in den Hintern.

fgüs
 
 
KOMMENTARE (10 von 27)
 
Livia008 (31.07.2008, 17:09 Uhr)
Alternativen - @susanne_bonn
Ich sag's fast nie, aber das, was Du schreibst zeugt von totalem Unwissen.
- Atomenergie: bitte informier Dich mal zum Stichwort: Endlager.
- Windengenergie: "Energiespeicher" (Du meinst wahrscheinlich Akkus) sind längst ausreichend da. Nur: augenblicklich wird zu viel Energie über Wind erzeugt, als dass die verbraucht werden könnte (wir haben ja Atom-Energie). Vielleicht hast Du sie ja auch schon gesehen, die stillstehenden Windräder....
- Gezeiten- und Wellenkraftwerke: sind DIE Zukunft. Jedoch augenblicklich politisch (noch) nicht gewollt und gefordert.
- Solarenergie ("Photovoltaik"): die von Dir zitierte Zahl kommt aus einer (inzwischen mehrfach widersprochenen) Studie des RWI.
Die völlig unterschiedlichen Zahlen haben ihre Ursache in den vielen Annahmen über die Zukunft, die den Berechnungen notwendigerweise zugrunde liegen. So spielen der erwartete Zubau an Photovoltaik-Leistung und die in den einzelnen Start-Jahren gültige Einspeisevergütung ebenso eine Rolle wie die Inflationsrate und die Preisentwicklung bei konventionellem Strom, der durch Solarstrom eingespart wird.
Und natürlich auch die Höhe der Einspeisevergütung, die laut der Novelle des EEG, über die am 6. Juni im Bundestag debattiert wird, künftig schneller sinken soll.
---
Es ist hier nicht der Raum vorhanden, um Dir im einzelnen zu zeigen, dass man sich in die Materie wirklich einarbeiten muss, wenn man mitreden will (das soll jetzt bitte nicht arrogant klingen) - es gälte ja noch die vielen Energieeinsparmöglichkeiten zu erörtern....
---
Dass Herr Clement als Vertreter der RWE für AKWs eintritt, ist zu verstehen. Dass er aber gegen seine eigenen Parteiprogramme verstößt, im Landtagswahlkampf Schaden anrichtet etc., das ist nicht zu verstehen!
susanne_bonn (31.07.2008, 13:21 Uhr)
@nightmare_online.. es ist ein Albtraum
Der Ausstieg ist auch seit 1998 ein totaler Irrweg.
Hat sich jemand Gedanken gemacht, was passiert wenn man die nun KKW's abstellt?
Wo ist die Kurzfristalternative.
1. Wind?? --> Vielleicht, braucht aber zeit und mehr Energiespeicher. Die BNA arbeitet aber kontraproduktiv.
2. Photovoltaik --> NEIN. Wissen Sie, dass jeder Arbeitsplatz in der Branche mit 1,5 Milionen Teuros subventioniert ist? Wissen Sie, dass das teuere Unterfangen, was 42% unserer Stromrechnung ausmacht nur 0,7% zur Stromproduktion ausmacht.
3. Biomasse?? Gute Idee aber was sollen die Menschen essen. Man sollte vielleicht die verhungernden (Afrikanischen)Menschen ebenfalls CO2 neutral zu biogas umwandeln :)
Die jetzige Alternative zu KKW wäre GuD's bauen ohne ende. Das gut Gas verbrennen und sich total abhängig machen.
Clemens hat recht!!! Der Strom kommt halt nicht nur aus der Seckdose?
Filapensill (31.07.2008, 13:08 Uhr)
Querdenker?
Politiker wie Oswald Metzger, Roger Kusch oder jetzt Clement werden oft fälschlich als "Querdenker" bezeichnet. Sie sind und waren jedoch immer nur machtorientierte Opportunisten, deren Überzeugungen immer eng mit ihren Karriereplänen gekoppelt sind. So wie der Ex-Christdemokrat Kusch plötzlich zum Sterbehelfer wird und sein "christliches" Verständnis konterkariert - er aber an die Kontinuität seines Denkens glaubt, so glaubt auch der Ex-Grüne Oswald Metzger nun, die CDU ist die Partei der "Schöpfung", also grün...und Hartz 4 Empfänger sind eigentlich gescheiterte Resultate von Charles Darwins "Survival of the Fittest"...
Ein Querdenker ist aber jemand, der seine Gedanken nicht unmittelbar für seine Karriere kompatibel macht, sondern sich auch für Themen engagiert, die unzeitgemäß oder gerade nicht populär sind oder für Menschen, die ihn nicht karrieremäßig unbedingt "weiterbringen". Also zb. Blüm, der sich im Gegensatz zu FJ Strauss mit Pinochet nicht trifft und ihn als guten Freund bezeichnet, sondern ihn einen schlimmen Menschenrechtsverletzer nennt - damals. Das war nicht unbedingt CDU/CSU Mainstream. Und das war damals durchaus beeindruckend. Solche Leute gibt es in allen Parteien. Aber einen glatten Typen wie Clement, der nun für die Atomlobby arbeitet als "Querdenker" zu adeln, geht doch zu weit.
nightmare_online (31.07.2008, 13:08 Uhr)
@susanne_bonn
Ich weiss ja nicht wo Sie die letzten 10 Jahre verbracht haben, aber der Atomausstieg ist seit 1998 Position der SPD.
susanne_bonn (31.07.2008, 13:06 Uhr)
SPD ist UNWÄHLBAR sofort austreten
Dies ist wieder ein Beispiel, dass diese Patei Leuten mit einer eigenen Meinung sofort mundtot macht.
Echt krass, der Mann hat doch recht. Die SPD ist mit einer solchen Kernkraftfeindlichen Einstellung undwählbar. in Hessen und überall woanders auch.
Er hat seine Meinung gesagt.
Wenn er geht, dann gehe ich auch aus der SPD
susanne
hevosenkuva (31.07.2008, 13:06 Uhr)
@susanne_bonn
Also eine noch gequirltere Meinung hab ich noch selten gehört. Da ist ja alles verdreht. Meine Empfehlung: FDP wählen.
hevosenkuva (31.07.2008, 13:05 Uhr)
Ein Stück Glaubwürdigkeit zurückerobert
Vielleicht sollte die SPD noch ein paar hohe Tiere mehr rausschmeißen, die sich mehr um die Kumpanei als um ihre Partei, deren Mitglieder und das Volk bemühen.
nightmare_online (31.07.2008, 13:03 Uhr)
@heartlander98
Wenn während der Zeit als Clement Minister während der Gerd-Show war, jemand in der Öffentlichkeit mehrfach dazu aufgerufen hätte die SPD z.B. bei der Bundestagswahl 2005 nicht zu wählen, hätte Clement SELBSTREDEND ein Parteiausschlussverfahren initiiert, was denn wohl sonst. Das Problem ist das Leute wie Clement meinen das die Satzung der SPD für ihn nicht gilt.
Die Leute die hier die SPD wegen der aktuellen Entscheidung kritisieren haben dafür doch ohnehin nur 2 mögliche Gründe: Entweder sie sind CDU-Fuzzis (oder stehen noch weiter rechts), oder aber sie haben keine Ahnung worum es geht.
susanne_bonn (31.07.2008, 12:52 Uhr)
SPD ist UNWÄHLBAR sofort austreten
Dies ist wieder ein Beispiel, dass diese Patei Leuten mit einer eigenen Meinung sofort mundtot macht.
Echt krass, der Mann hat doch recht. Die SPD ist mit einer solchen Kernkraftfeindlichen Einstellung undwählbar. in Hessen und überall woanders auch.
susanne
Livia008 (31.07.2008, 12:20 Uhr)
Ein Parteiausschluss ist ein völlig legitimes Verfahren
und hat nichts, aber auch gar nichts mit stalinistischer Säuberung o.ä. verloren! Dieses Verfahren wird von allen bundesdeutschen Parteien praktiziert.
Das Verwerfliche an Clements Äußerungen ist ja nicht nur, dass er sie während der heißen Phase des hessiche Wahlkampfs mehrfach (ohne Not) wiederholt hat, sondern vor allem, dass er das als Lobbiist der RWE getan hat. Er hat also ausschließlich an seinen eigenen Geldbeutel gedacht.
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