Kleiner Verein, große Bühne: Der SPD-Ortsverein Bochum-Hamme kam ganz groß raus. Hier nahm das Parteiausschlussverfahren gegen Wolfgang Clement nach der Hessen-Wahl seinen Anfang. Kein Wunder, dass der Verein und sein Vorsitzender von den Medien schier überrannt wurden. Nach Feiern zumute war den Genossen aber nicht. Von Frank Gerstenberg, Bochum

Wolfgang Clement ist in der SPD nicht mehr gewollt - seine Bochumer Parteibasis ist stinksauer auf ihn© Johannes Eisele/DDP
Rudolf Malzahn muss sich umziehen. In kurzer Hose und T-Shirt könne er nicht vor die Presse treten, meint seine Frau. Und das mit der Gartenarbeit wird heute sowieso nichts mehr. Denn der Garten in seinem Mehrfamilienhaus an der Wanner Straße 21-23 wird an diesem Donnerstagmorgen zur Parteizentrale des SPD-Ortsvereins Bochum-Hamme, der möglicherweise Parteigeschichte schreibt. Am Abend zuvor war durchgesickert, was im Laufe des Morgens von der Landesschiedskommission der SPD bestätigt wird: Mit Wolfgang Clement wird zum ersten Mal ein prominenter Politiker aus der SPD ausgeschlossen. Der 154 Mitglieder starke Ortsverein Bochum-Hamme hatte dies nach der Hessen-Wahl im Januar gefordert; zwölf weitere Ortsvereine und Unterbezirke in der gesamten Bundesrepublik schlossen sich an. Der Vorwurf: parteischädigendes Verhalten.
Anstatt die Rosen oder den wilden Wein zu schneiden oder den Teich von Algen zu reinigen, muss der Ortsvereinsvorsitzende Malzahn jetzt einen Interview-Marathon hinter sich bringen. Sat.1, ZDF, ARD, N24, die Fernsehanstalten bauen nacheinander im lauschigen Garten an der Wanner Straße 21-23 ihre Kameras auf und wollen wissen, ob unter den 20 Meter hohen Bäumen nun die Sektkorken knallen. Und der 65-Jährige, der seit 44 Jahren SPD- und seit 50 Jahren Gewerkschaftsmitglied ist, macht vor der Kamera eine gute Figur. Er gibt pointierte, druck- und sendereife Antworten, hat zwischendurch Zeit für ein Späßchen und bietet höflich Mineralwasser an. Eins nach dem anderen. Einer, mit dem man sich gerne unterhält, der zuhört, sich nicht zu wichtig nimmt, ausreden lässt, diskutieren kann, engagiert, aber nicht verbissen wirkt.
Wolfgang Clement kennt diesen Mann persönlich nicht, der mit seinem Ortsverein zum Bochumer Wahlkreis des ehemaligen Bundeswirtschaftsministers und Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen gehört. Spätestens jetzt weiß er aber, dass Rudolf Malzahn kämpfen kann und er das gleiche Recht in Anspruch nimmt wie Clement selbst: Er lässt sich nicht den "Mund verbieten", sondern sagt seine Meinung. Und Malzahns Meinung lautet: "Wolfgang Clement hat sich im Hessen-Wahlkampf charakterlos und unsolidarisch verhalten." Indem er in einem Zeitungsinterview indirekt dazu aufgerufen hat, die hessische SPD-Kandidatin Andrea Ypsilanti nicht zu wählen, habe er der SPD "massiv geschadet". Malzahn: "Mit diesem Mann ist keine Zusammenarbeit möglich."
Mehrfach hätten sie es in den 38 Jahren, in denen Clement SPD-Mitglied in Bochum ist, versucht. 2004, als der Opel-Standort Bochum auf der Kippe stand, hat Rudolf Malzahn, der bis zu seiner Pensionierung als Betriebstechniker für TKS (die früheren Bochumer Stahlwerke) arbeitete, seinen Parteifreund Wolfgang Clement angeschrieben und um Hilfe gebeten. Der damalige "Superminister" der Regierung Schröder möge doch bitte in Detroit verhandeln. Clement ließ laut Malzahn ausrichten: Der Streik bringe nichts, die Leute sollten arbeiten gehen. Im Übrigen brauche er keine "Lehrmeister", er wisse selbst, was Solidarität ist. "Dabei hatten wir uns jahrelang im Wahlkampf den Arsch für ihn aufgerissen, und als er nach Berlin ging, hatten wir gehofft, dass er etwas für uns tun kann", sagt Werner Heiter, der Kassierer des Ortsvereins Bochum-Hamme enttäuscht. Die Bochumer streikten trotzdem und "siehe da, Opel gibt es heute noch", sagt Malzahn.
Bei der Nokia-Pleite im vorigen Jahr hatte er den prominenten Parteifreund wieder gebeten zu helfen, sich zumindest zu zeigen. Die Antwort aus dessen Büro: Clement könne nicht kommen, weil er sich um die Arbeitsplätze bei Nokia kümmern müsse. Damals war Clement schon aus der aktiven Politik ausgeschieden und saß im Aufsichtsrat von RWE. Rudolf Malzahn erkundigte sich daraufhin bei der Ersten Bevollmächtigten der IG Metall, ob sich Clement eingeschaltet habe. Die ironische Antwort der Gewerkschafterin: "Es könnte möglicherweise sein, dass er in einer Unterschriften-Liste eine Solidaritätsbekundung unterschrieben hat. Mehr ist mir nicht bekannt."
Das Fass zum Überlaufen brachte Clements Kommentar in der "Welt am Sonntag" eine Woche vor der Landtagswahl in Hessen am 27. Januar: "Deshalb wäge und wähle genau, wer Verantwortung für das Land zu vergeben hat, wem er sie anvertrauen kann und wem nicht", war da zu lesen. "Das kostete uns die 3.500 Stimmen, mit der die SPD vor der CDU gewesen wäre", ist der Bochumer Ortsvereins-Kassierer Werner Heiter überzeugt. Seitdem hat Rudolf Malzahn die "Schnauze voll von Wolfgang Clement und seinem selbstherrlichen und egoistischen Verhalten". Auch ein früherer Bundesminister habe sich an die Regularien zu halten und die lauten: den eigenen Parteifreunden im Wahlkampf nicht zu schaden. Mit "Kritikverbot" habe dies nichts zu tun. "Man darf eine Woche vor einer Wahl nicht dazu aufrufen, die eigene Kandidatin nicht zu wählen." Es könne nicht sein, dass "er Fensterscheiben einschmeißt, und wir an der Basis stehen dabei und applaudieren", sagt Malzahn. "Einen Promi-Bonus gibt es bei uns nicht."