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31. Juli 2008, 16:37 Uhr

"Er war nie ein Sozialdemokrat"

Kleiner Verein, große Bühne: Der SPD-Ortsverein Bochum-Hamme kam ganz groß raus. Hier nahm das Parteiausschlussverfahren gegen Wolfgang Clement nach der Hessen-Wahl seinen Anfang. Kein Wunder, dass der Verein und sein Vorsitzender von den Medien schier überrannt wurden. Nach Feiern zumute war den Genossen aber nicht. Von Frank Gerstenberg, Bochum

Wolfgang Clement ist in der SPD nicht mehr gewollt - seine Bochumer Parteibasis ist stinksauer auf ihn© Johannes Eisele/DDP

Rudolf Malzahn muss sich umziehen. In kurzer Hose und T-Shirt könne er nicht vor die Presse treten, meint seine Frau. Und das mit der Gartenarbeit wird heute sowieso nichts mehr. Denn der Garten in seinem Mehrfamilienhaus an der Wanner Straße 21-23 wird an diesem Donnerstagmorgen zur Parteizentrale des SPD-Ortsvereins Bochum-Hamme, der möglicherweise Parteigeschichte schreibt. Am Abend zuvor war durchgesickert, was im Laufe des Morgens von der Landesschiedskommission der SPD bestätigt wird: Mit Wolfgang Clement wird zum ersten Mal ein prominenter Politiker aus der SPD ausgeschlossen. Der 154 Mitglieder starke Ortsverein Bochum-Hamme hatte dies nach der Hessen-Wahl im Januar gefordert; zwölf weitere Ortsvereine und Unterbezirke in der gesamten Bundesrepublik schlossen sich an. Der Vorwurf: parteischädigendes Verhalten.

Anstatt die Rosen oder den wilden Wein zu schneiden oder den Teich von Algen zu reinigen, muss der Ortsvereinsvorsitzende Malzahn jetzt einen Interview-Marathon hinter sich bringen. Sat.1, ZDF, ARD, N24, die Fernsehanstalten bauen nacheinander im lauschigen Garten an der Wanner Straße 21-23 ihre Kameras auf und wollen wissen, ob unter den 20 Meter hohen Bäumen nun die Sektkorken knallen. Und der 65-Jährige, der seit 44 Jahren SPD- und seit 50 Jahren Gewerkschaftsmitglied ist, macht vor der Kamera eine gute Figur. Er gibt pointierte, druck- und sendereife Antworten, hat zwischendurch Zeit für ein Späßchen und bietet höflich Mineralwasser an. Eins nach dem anderen. Einer, mit dem man sich gerne unterhält, der zuhört, sich nicht zu wichtig nimmt, ausreden lässt, diskutieren kann, engagiert, aber nicht verbissen wirkt.

"Keine Zusammenarbeit mit Clement möglich"

Wolfgang Clement kennt diesen Mann persönlich nicht, der mit seinem Ortsverein zum Bochumer Wahlkreis des ehemaligen Bundeswirtschaftsministers und Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen gehört. Spätestens jetzt weiß er aber, dass Rudolf Malzahn kämpfen kann und er das gleiche Recht in Anspruch nimmt wie Clement selbst: Er lässt sich nicht den "Mund verbieten", sondern sagt seine Meinung. Und Malzahns Meinung lautet: "Wolfgang Clement hat sich im Hessen-Wahlkampf charakterlos und unsolidarisch verhalten." Indem er in einem Zeitungsinterview indirekt dazu aufgerufen hat, die hessische SPD-Kandidatin Andrea Ypsilanti nicht zu wählen, habe er der SPD "massiv geschadet". Malzahn: "Mit diesem Mann ist keine Zusammenarbeit möglich."

Mehrfach hätten sie es in den 38 Jahren, in denen Clement SPD-Mitglied in Bochum ist, versucht. 2004, als der Opel-Standort Bochum auf der Kippe stand, hat Rudolf Malzahn, der bis zu seiner Pensionierung als Betriebstechniker für TKS (die früheren Bochumer Stahlwerke) arbeitete, seinen Parteifreund Wolfgang Clement angeschrieben und um Hilfe gebeten. Der damalige "Superminister" der Regierung Schröder möge doch bitte in Detroit verhandeln. Clement ließ laut Malzahn ausrichten: Der Streik bringe nichts, die Leute sollten arbeiten gehen. Im Übrigen brauche er keine "Lehrmeister", er wisse selbst, was Solidarität ist. "Dabei hatten wir uns jahrelang im Wahlkampf den Arsch für ihn aufgerissen, und als er nach Berlin ging, hatten wir gehofft, dass er etwas für uns tun kann", sagt Werner Heiter, der Kassierer des Ortsvereins Bochum-Hamme enttäuscht. Die Bochumer streikten trotzdem und "siehe da, Opel gibt es heute noch", sagt Malzahn.

"Schnauze voll von Wolfgang Clement"

Bei der Nokia-Pleite im vorigen Jahr hatte er den prominenten Parteifreund wieder gebeten zu helfen, sich zumindest zu zeigen. Die Antwort aus dessen Büro: Clement könne nicht kommen, weil er sich um die Arbeitsplätze bei Nokia kümmern müsse. Damals war Clement schon aus der aktiven Politik ausgeschieden und saß im Aufsichtsrat von RWE. Rudolf Malzahn erkundigte sich daraufhin bei der Ersten Bevollmächtigten der IG Metall, ob sich Clement eingeschaltet habe. Die ironische Antwort der Gewerkschafterin: "Es könnte möglicherweise sein, dass er in einer Unterschriften-Liste eine Solidaritätsbekundung unterschrieben hat. Mehr ist mir nicht bekannt."

Das Fass zum Überlaufen brachte Clements Kommentar in der "Welt am Sonntag" eine Woche vor der Landtagswahl in Hessen am 27. Januar: "Deshalb wäge und wähle genau, wer Verantwortung für das Land zu vergeben hat, wem er sie anvertrauen kann und wem nicht", war da zu lesen. "Das kostete uns die 3.500 Stimmen, mit der die SPD vor der CDU gewesen wäre", ist der Bochumer Ortsvereins-Kassierer Werner Heiter überzeugt. Seitdem hat Rudolf Malzahn die "Schnauze voll von Wolfgang Clement und seinem selbstherrlichen und egoistischen Verhalten". Auch ein früherer Bundesminister habe sich an die Regularien zu halten und die lauten: den eigenen Parteifreunden im Wahlkampf nicht zu schaden. Mit "Kritikverbot" habe dies nichts zu tun. "Man darf eine Woche vor einer Wahl nicht dazu aufrufen, die eigene Kandidatin nicht zu wählen." Es könne nicht sein, dass "er Fensterscheiben einschmeißt, und wir an der Basis stehen dabei und applaudieren", sagt Malzahn. "Einen Promi-Bonus gibt es bei uns nicht."

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KOMMENTARE (10 von 67)
 
Pippilotta08 (03.08.2008, 14:34 Uhr)
Sozialdemokrat?
Herr Clement mag wohl ein Demokrat sein, aber 'Sozial' sicher nicht, wobei sich, dass sollte man hinzufügen, die SPD derzeit insgesamt alles andere als sozial präsentiert. Aber Herr Clement ist noch dazu ein Lobbyist vor 'dem Herrn'. Derzeit vertritt er die Interessen von RWE, während er noch vor 3 Jahren den Ausstieg aus der Atomenergie verteidigte. Wer weiß, in welchem Aufsichtsrat er morgen sitzt? Alles in allem ist er nichts als eine Blase, die irgendwann platzt wie alle anderen auch.
Vista (03.08.2008, 11:08 Uhr)
SPD - Sonderbar Politisch Denkende
Ich reg mich gerade auf, weil ich die Berichte von Clement und Ypsilanti gelesen habe. Passend zu dem "Drama" auf der Toilette.
Man mag ja mit Clement nicht unbedingt einer Meinung sein und ob die Agenda 2010 nun ein großer Wurf war, darüber lässt sich sicher streiten.
Fakt ist aber, dass Er zu den denkenden Menschen seiner Partei, der SPD, gehört und mehr als einmal den "Karren aus dem Dreck" gezogen hat, was wohl von einer Jungemanze vom Format Ypsilantis nicht gerade behauptet werde kann.
In einer Machtgeilheit ohne Grenzen wurden da im Hessenwahlkampf erst alle Kontakte und Überlegungen einer Zusammenarbeit mit den Rattenfängern der Linke/PDS kathegorisch abglehnt, nur um dann Tage später als das Non plus Ultra der politischen Akzeptanz präsentiert zu werden. Wochenlanger Eiertanz hierzu eines pfälzischen Bauernbuben an der Spitze der SPD.
Was unter Kohl/CDU noch mit Aussitzen funktionierte, wurde hier kläglich kopiert - ohne Aussicht auf Erfolg.
Die katastrophale Führungsschwäche eines Möchtegernmachers aus der Pfalz führte zu unsäglichen Debatten und endete in der Zustimmung des Parteiobersten zu dem Linksgeplänkel von Madamme Ypsilanti.
Was interessiert die Partei der SPD die Meinung der Basis oder gar des Volkes, Hauptsache an der "Macht".
Macht nichts könnte man sagen, denn mit Selbiger können die ohnehin nicht umgehen, so zumindest des Volkes Stimme.
Seine Stimme dagegen erhob einer der erfolgreichsten Nachkriegspolitiker, Wolfgang Clement, indem Er eindeutig vor solchen Kapriolen warnte und Frau Ypsilanti ihre Grenzen vor Augen hielt.
Trotz eindeutig verlorener Wahl des Kandidaten Koch, konnte Frau Ypsilanti bis dato nicht zur Ministerpräsidentin gewählt werden, da gleich mehrere mögliche Koalitionspartner Ihr ein "NoGO" servierten.
Was lag da also näher, als den vermeintliche Urheber des Dissaters, den Kritiker Clement, vehement anzugehen und Dank politischer Ränkeschmiede zum Politkasper abzustempeln.
Der eigene Landesverband erkannte in Form einer göttlichen Eingebung das parteischädliche Verhalten des Kritikers und warf Ihn aus der Partei - theoretisch.
Wie sich nun herausstellt war Frau Ypsilanti massgeblich entgegen früherer Behauptungen daran beteiligt, aber wie es sich wohl nach Ihrem Rechtsverständnis gehört - via Mittelsmänner im Hintergrund als Kläger.
Es stellt sich die Fage nach der Auffassung von demokratischen Grundrechten, wenn Kritiker derart abgewatscht und behandelt werden.
An der Basis krachts und knallts Allerorten und die SPD währe nicht die SPD, würde man nicht sofort zurückrudern.
Führende Köpfe sprechen sich da plötzlich gegen den Beschluss des eigenen Schiedsgerichts aus und der Rauswurf soll nun verhindert werden.
Auch hier stellt sich die Fage nach demokratischem Grundverständnis, welches durch unüberlegte Handlungsweise des Kurt Beck erst eskalierte.
Solche Führungskräfte wie Beck und Ypsilanti führen die Bezeichnung "Führungskraft" geradezu ad Absurdum.
Solche "Führer" braucht keine Partei - ein ganzes Land schon garnicht.
Man muss kein Anhänger der Partei sein um Mitleid zu bekommen, und man muss kein Hellseher sein um Mitgliederschwund zu verstehen.
utospatz (02.08.2008, 15:53 Uhr)
Wenn ich dem seine scheppe Schnute seh,
tut mir das Schicksal eines jeden Zeitarbeiters weh! Muss trotzdem mir eiprägen, das Arschloch ist von der SPD!
utospatz (02.08.2008, 15:33 Uhr)
Das haben Deppen nach
fast 40Jahren festgestellt!
Pamela_1971 (01.08.2008, 14:12 Uhr)
@ vegefranz
Ich versuche es noch ein letztes Mal: Woraus entnehmen Sie in diesem Artikel a) dass das Parteiordnungsverfahren NICHT von der Bochumer SPD ausging (gerade DAS wird in diesem Beitrag ja genauestens beschrieben und ausführlichST dargestellt - haben Sie ihn überhaupt gelesen?) und b) dass es sich bei der Bochumer SPD um "Taubenzüchter" handelt? Woher haben Sie diese (Falsch-)Informationen (bitte mit genauer Quellenangabe)? Oder behaupten Sie hier einfach mal so etwas Falsches/Erlogenes/Erfundenes, in der Hoffnung, dass es schon irgendwer glauben wird? In diesem Falle hätten Sie allerdings kaum ein Recht, jemand anderem Lügen vorzuwerfen ("Lügilanti")...
sophisticated (01.08.2008, 14:08 Uhr)
vergefranz,
ihre Kommunisten-Phobie, ihre offensichlich erlebten Traumata UND (das vor allem) Ihre ständigen Wiederholungen l a n g w e i l e n. Wir versuchen hier alle zu argumentieren, und (i.d.R.) nicht zu insistieren. Nichts für ungut!
keinheiliger (01.08.2008, 13:58 Uhr)
@vergefranz,
ich frage mich manchmal, ob sie lesen koennen. Ich meine damit nicht das Erkennen einzelner Woerter, sondern das Verstehen eines Satzes oder vielleicht sogar von Zweien oder mehr und dem damit verbundenen Inhalt. Ihre staendigen Wiederholungen sprechen allerdings dagegen. MfG
vegefranz (01.08.2008, 13:28 Uhr)
pops hat natürlich Recht
pops hat natürlich Recht. Es ist auch klar, daß der Parteiausschluss nicht von den braven Taubenzüchtern in Bochum-Ost ausging, sondern - fernsteuernd - andere parteiinterne Konkurrenz dahintersteckt (die intriganten Nahles und Lügilanti?). Es ist ein Kampf um den Parteikurs im gange. Dazu werden die taubenzüchter in Bochum Ost missbraucht
nightmare_online (01.08.2008, 13:20 Uhr)
@pops
Ich schlage vor Sie suchen sich eine Zeitung ihrer Wahl, und geben dort eine Anzeige in Auftrag (groß genug sollte sie natürlich sein; und vielleicht an 2 aufeinander folgenden Samstagen), in der Sie dazu aufrufen, die Produkte des Unternehmens in dem sie arbeiten nicht zu kaufen, weil die Mist sind.
Und dann können sie mal gespannt die Nachsichtigkeit ihres Chefs abwarten, wenn der davon erfährt.
:-)
keinheiliger (01.08.2008, 12:00 Uhr)
@pops
Man waere auf Seiten der Basis mit einer Entschuldigung einverstanden gewesen. Aber Clement hat sogar noch nachgetreten. Er ist nun einmal dermassen von sich ueberzeugt, dass er glaubte sich seine mangelnde Loyalitaet leisten zu koennen.
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