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Randlos glücklich?

Da hatte man sich an die dicke, coole Brille im Gesicht des Ex-Bundespräsidenten gewöhnt, jetzt trägt er plötzlich wieder das unscheinbare Modell aus alten Zeiten. Was will Wulff uns damit sagen?

Von Niels Kruse

  Zwei Christian Wulffs: der eine, ganz der alte, mit feingliedrigem Gestell - der andere, schutzbedürftig hinter dickem Glas

Zwei Christian Wulffs: der eine, ganz der alte, mit feingliedrigem Gestell - der andere, schutzbedürftig hinter dickem Glas

Da ist er also wieder. Jackett aus etwas gröberem Stoff, Fischgräten-Muster aus Tweedwolle. Dazu eine leicht schimmernde Krawatte, ebenfalls steingrau - passend zur Haarfarbe, passend zum Christian Wulff, wie ihn die meisten in Erinnerung haben. Unaufdringlich durch und durch. Dass er dazu, gleichsam als Farbtupfer, eine dunkle Hose trägt - geschenkt. Die sah man hinter dem Stehpult, an dem er am Mittwochabend seine Comebackrede hielt, eh nicht. Die einzige Extravaganz, die sich der Altbundespräsident leistete, war ausgerechnet eine Unauffälligkeit: die Brille. Rand- und kantenlos wie der ganze Mann, also früher. Dabei war er doch zuletzt mit einem mächtigen wie modischem Gestell in Schwarz gesehen worden. Das thronte die letzten Monate besitzergreifend auf seinem Gesicht.

Wenn Frauen sich trennen, neigen einige dazu, sich eine neue Frisur zu gönnen. Christian Wulff hat sich als Zeichen des Neuanfangs eben eine dieser coolen, großen Brillen im Retrostil zugelegt. Schließlich ist er nach den Worten seiner Frau Bettina ohnehin nicht der biedere Steifling, als der er in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Sagte sie nicht im stern, die beiden würden den Tag herbeisehnen, an dem die Toten Hosen im Wulffschen Wohnzimmer ein Konzert geben? Eben.

Viel mehr als eine neue Brille blieb ihm nicht

Gegen Abwechslung im Gesicht ist ja auch gar nichts zu sagen. Außer natürlich, Christian Wulff wollte mit dem auffälligen Gestell von Wangen und Hals ablenken, die nach seinem Rücktritt auffällig eingefallen waren. Bewirkt hatte er nur das Gegenteil: Das Modell sog sämtliche Blicke derart an, dass das, was sich darunter befand, nur noch verhärmter wirke. Beinahe mitleiderregend. Aber letztlich nicht anders, als bei vielen Männern im besten Midlife-Crisis-Alter. Der Unterschied ist nur, dass der 53-Jährige für ein Angeberauto kein Geld hat und er mit anderen extravaganten Hobbys (Urlaube) keine guten Erfahrung gemacht hat. Blieb also nur eine neue Brille.

Wer sich etwas genauer mit Wulffs Sehhilfengeschichte beschäftigt, stellt fest, dass das wuchtige Gestell ohnehin nur der Endpunkt einer längeren Entwicklung war. Unscheinbar waren seine Brillen zwar alle, aber in den Details blitzte durchaus Mut zur Mode durch. Zum Zeitpunkt seines Rücktritts etwa trug er wie immer ein Modell mit randlosen Gläsern, aber die hornigen Bügel ließen schon ahnen, dass auf seine Nase bald ein dickes Ding zukommen würde. Kurz gesagt: Je sorgenvoller die Zeit, desto gröber das Gestell.

Wie Wulff nicht aussehen will

Nun ist er wieder zum feingliedrigen Modell aus den sorglosen Zeiten als Ministerpräsident und Neu-Bundespräsident zurückgekehrt. Was das bedeutet? Vielleicht: Der Mann ist wiedererstarkt und braucht sich nicht länger mit Panzerglas zu schützen. Was gut ist. Für ihn. Oder, er will nicht länger mit Äußerlichkeiten von dem ablenken, was er zu sagen hat, Stichwort rand- und kantenlos. Was nicht so gut ist. Für uns. Vielleicht aber will er auch nur nicht mit Guido Westerwelle oder Alexander Dobrindt verwechselt werden. Was gut wäre. Für alle Beteiligten.

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