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28. September 2008, 19:51 Uhr

Der Hauptschuldige heißt Stoiber

Bayern ist in der demokratischen Normalität angekommen, die CSU leckt ihre Wunden. Natürlich muss Parteichef Huber zurücktreten. Aber er hat das Desaster nicht alleine zu verantworten. Das Erbe Stoibers, der ohne Rücksicht auf Verluste regiert hat, konnte die CSU nicht schultern. Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Machtausübung ohne Rücksicht: Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber© Wolfgang Rattay/DPA

Was Bayern erlebt hat, werden viele in der CSU als Schicksalswahl mit schrecklichem Ausgang interpretieren. Als Politik-Desaster. Als Kulturschock. In Wahrheit ereignete sich ein lobenswertes Stück demokratischer Normalität: Die Wähler haben ein in der Form der Alleinherrschaft der CSU einbetoniertes System mit dem Stimmzettel weggesprengt. Eine Botschaft ist damit verbunden, die entzückt: Auch die bayerischen Wähler lassen sich heutzutage nicht länger nach Belieben der CSU an der Nase herumführen.

Der dramatische Absturz der CSU steht für die schlichte Tatsache, dass sie in den vergangenen fünf Jahren das Vertrauen der Wähler ruiniert hat. Verantwortliche sind natürlich Erwin Huber, Günther Beckstein und die CSU-Generalsekretärin Christine Haderthauer. Personelle Konsequenzen sind unvermeidlich, zumindest CSU-Chef Huber muss die politische Mitverantwortung für das Desaster mit Rücktritt übernehmen. Beckstein kann vielleicht noch für eine gewisse Übergangszeit amtieren. Politische Zukunft kann ihm nicht mehr eingeräumt werden, zu indiskutabel war inhaltlich der Wahlkampf unter seiner Verantwortung. Die ungleich gewichtigere Konsequenz muss aber sein: Edmund Stoiber darf nicht noch einmal erlaubt werden, in der CSU als Strippenzieher mitzumischen. Er trägt nämlich die politische Hauptverantwortung für den Absturz seiner Partei aus der Höhe einer allein regierenden Zweidrittel-Mehrheit in die Tiefen des politischen Kleinkleins einer Koalitionsregierung.

Eine nicht zu schulternde Erblast

Stoibers 60 Prozent aus dem Jahr 2003 waren sowieso nie ein echter Wert des politischen Vertrauens in ihn. Manche Wähler haben ihn gewählt, um sich an der Politik Gerhard Schröders zu rächen. Und zugleich haben viele Bayern ihn damals entschädigt für vermeintlich in Berlin erlittene Unbill. Er selbst fühlte sich danach unangreifbar - und praktizierte eine Machtausübung ohne jede Rücksicht auf die Bürger. Sei es mit radikaler Sparpolitik, sei es in der Bildungspolitik , sei es die absurde Veranstaltung in Sachen Rauchverbot.

Diese Erblast konnten seine beiden Nachfolger beim besten Willen nicht schultern, zumal längst nicht alle Parteigrößen hinter ihnen standen. Horst Seehofer zum Beispiel. Oder jene anderen CSU-Größen in Berlin, die oft vor Kraft nicht laufen können, sich aber dem Münchner Spitzenduo etwa bei der absurden Quertreiberei mit der Pendlerpauschale und der Erbschaftssteuer nicht in den Weg stellten. Sie werden jetzt für die Niederlage mitbezahlen müssen. Denn dass der bundespolitische Einfluss der CSU in Berlin fortan erheblich geringer sein wird als bisher, steht fest. Der künftige Koalitionspartner wird die Kraftmeier von gestern morgen bei politischen Konflikten gewiss vorführen.

SPD war mal Volkspartei

Eine mindestens ebenso große Schlappe muss allerdings die bayerische SPD verkraften. Da zerbricht die CSU-Alleinherrschaft und die Genossen profitierten keinen Deut davon, verschlechtern ihr ohnehin schon miserables bisheriges Ergebnis. Auch die neue Parteiführung bewirkte keine Besserung im Ansehen der Genossen bei den Wählern. Die bayerische SPD kommt überwiegend links daher. Im bürgerlichen Lager kann eine so aufgestellte SPD offensichtlich nichts gewinnen, auch dann nicht, wenn die CSU dramatisch verliert. Zugleich verliert die SPD weiter an die Linkspartei, die sich mit ihrem Ergebnis in Bayern durchaus sehen lassen kann. Man kann den Absturz der CSU durchaus als Beweis dafür sehen, dass die Krise der Volksparteien auch diese Partei nach 46 Jahren Alleinregierung nicht verschont. Im Fall der SPD, vor allem der bayerischen SPD, lässt sich bereits jetzt sagen: Die war einmal eine Volkspartei.

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 23)
 
tagora-sagittara (29.09.2008, 17:35 Uhr)
Zitat:
"Wenn man sich anschaut, wie dilettantisch, wie ahnungslos, ja wie dumm diese beiden Herren teilweise agiert haben, dann muß man sich eigentlich nicht so sehr darüber wundern, dass die CSU rund 17% der Stimmen verloren hat. Vielmehr ist es erstaunlich, dass solche Politiker immer noch eine Zustimmung von gut 43% erhalten haben."
WIE WAHR,... WIE WAHR!!!
Wenn das keine Bayern gewesen wären, die gewählt haben,... hätte es noch viel schlimmer kommen können.
ml5353 (29.09.2008, 12:30 Uhr)
Zu einfach
Edmund Stoiber ist der Hauptschuldige des CSU-Debakels? Wer so denkt, der macht es sich zu einfach!
Sicherlich hatten Beckstein und Huber ein schweres, politisches Erbe von Edmund Stoiber zu übernehmen. Transrapid, Bildungsmisere usw. waren keine leicht zu lösenden Themen. Doch was wurde davon angepackt? Was wurde wirklich gelöst? Antwort: gar nichts.
Der Transrapid erledigte sich aufgrund seiner geradezu ungeheuerlichen Unwirtschaftlichkeit von selbst. Beim Thema Nichtraucherschutz kam es zu einem hochnotpeinlichen Eiertanz. Das Verhalten von Huber (und Beckstein!) zum Thema Milliardenverluste bei der BayernLB kann man getrost als Totalversagen bezeichnen und die Lösungsansätze in der bayrischen Bildungsmisere waren bestenfalls kosmetischer Natur.
Statt die Probleme anzupacken und sinnvolle Lösungen für die drängendsten Probleme zu präsentieren, hatten die beiden Herren nur höchst durchsichtige Wahlkampfmanöver zu bieten, die ihren traurigen Höhepunkt beim Thema Pendlerpauschale fanden.
Und als ob das nicht schon alles schlimm genug wäre erblödeten sich die Herren auch noch, mitten im Wahlkampf höchstgradig hirnverbrannte Äußerungen in die Welt zu setzen. Ob man nun Hubers Ansicht über Atomkraftwerke (bis zu 60 Jahren Laufzeit) oder Becksteins Aussage über Alkohol am Steuer nimmt (nach 2 Litern Bier kann man noch Auto fahren), kein Fettnäpfchen wurde ausgelassen. Und zu allem Übel mischte dann auch noch Becksteins Ehefrau Marga mit, die durch ihre Weigerung ein Dirndl auf dem Oktoberfest zu tragen, die treuesten Wähler, die Traditionalisten vergrätzte.
Wer sich so verhält darf sich nicht wundern, wenn er abgewählt wird. Das hat nur noch sehr wenig mit dem Vorgänger zu tun.
Wenn man sich anschaut, wie dilettantisch, wie ahnungslos, ja wie dumm diese beiden Herren teilweise agiert haben, dann muß man sich eigentlich nicht so sehr darüber wundern, dass die CSU rund 17% der Stimmen verloren hat. Vielmehr ist es erstaunlich, dass solche Politiker immer noch eine Zustimmung von gut 43% erhalten haben.
Zucker_Hut (29.09.2008, 12:04 Uhr)
Genau deswegen...
genau wegen dem strengen Rauchverbot hat CSU NOCH meine Stimme bekommen...
llechwedd (29.09.2008, 12:01 Uhr)
Wie bitte?
Das war doch vorauszusehen und hat sich seit zehn Jahren abgezeichnet: 1998 und 2005 erzielte die CSU in Bayern lediglich rund 47 Prozent ...
JarodRussell (29.09.2008, 11:51 Uhr)
Wahl
Ich bin schon lange der Meinung, dass die Wahl verändert werden muss. Man sollte nicht nur die Partei ankreuzen können, sondern ebenso den Koalitionswunsch und auch den Ministerpräsidenten/Kanzler.
Dann sähe man nun: CSU 43%, von diesen 43% wollen 66% eine Kolation mit der FDP, also machen wir das. Und 51% wollen jemanden anderen als Beckstein als Ministerpräsident, also sollten wir uns auch daran halten.
Und wenn man noch mehr Aufwand betreibt, könnte man sogar noch eine Begründung für die Wahlentscheidung mit einbauen. Da würden sich die arbeitslosen Statistiker freuen. ;)
Dann könnte man sich diesen ganzen Kram nach der Wahl sparen, wo dann jede Partei und jede Zeitung die Ergebnisse so interpretiert wie sie will.
fettiz (29.09.2008, 11:38 Uhr)
zu billige Analyse
Klar sind unter Stoibers Regie Transrapid, Schulpolitik und die Verluste der BayerLB entstanden.
Das Rauchverbot kann ihm aber schon nicht mehr angelastet werden - das war ein Unfall (für mich im positiven Sinne) der gesamten Fraktion (v.a. weil genau dieses Gesetz der CSU auch Symphatien der Nichtraucher gebracht hat - und deswegen mehr neutral zu sehen ist, und er schon weg).
Es ist aber zu billig auf einen Vorgänger zu schimpfen. Die Becksteinsche Huberei hatte genug Zeit zum Aufräumen. Außerdem ist deren Meuchelmord an Stoiber in der Bevölkerung sicher unvergessen. Außerdem war der Regierungswechsel absolut undemokratisch, sondern ein Zeichen der Hinterzimmerdiktatur. Und die Menschen wollen auch in Bayern wieder echte Demokratie mit einem lebendigen Landtag.
Den Beiden Bonzen war waren auch die ganze Probleme lang genug bekannt. Nur angepackt haben sie kein Thema. Sondern sind nur mit 2 Maß Bier intus rumgeeiert. Ohne Taten und ungeliebt kam dann die Schmach der Abwahl.
Asteriskina (29.09.2008, 11:32 Uhr)
Der Hauptschuldige
droht allerdings nun mit seiner Rückkehr;-)
zurgat (29.09.2008, 09:31 Uhr)
wtf
hauptschuldige ist eher bayerntrojaner, jede menge sehr fragwürdige leute in der csu und das wegsterben ihrer wählerschicht sorry aber die 50er werden langsam halt doch alt
knilch_59 (29.09.2008, 09:17 Uhr)
Analyse geht am Kern vorbei!
Selbst in Bayern organisieren die ehemaligen Volksparteien nur noch knapp 36 % der Wähler (Wahlergebnis mal Wahlbeteiligung) – fast 2/3 wählen entweder gar nicht, oder Parteien, die kein umfassendes Programm haben, das sie legitimieren könnte, auf Basis eines durchgängigen Weltbildes eine Gesellschaft zu mit zu gestalten. Wenn die Parteien auch die Gesellschaft widerspiegeln, bleibt nach diesem Wahlergebnis als Fazit: Es gibt eine ganze Menge von Sachen, die wir nicht wollen, aber was wollen wir eigentlich, und wie soll es erreicht werden?
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Die urdemokratische Aufgabe, den Wählerwillen zu bündeln, erfüllen also weder CSU noch Bayern SPD – genauso wenig wie im Bund die große Koalition. Die Dreistigkeit, mit der sich Steinmeier vor seine Genossen stellt und das Ergebnis insofern als Erfolg darstellt, als das die absolute Mehrheit der CSU gebrochen ist, zeugt von diesem demokratischen Desaster. Nur davon, dass man die CSU jetzt in eine Koalition treibt, hat man noch keine andere Politik – es fehlen die Alternativentwürfe sowohl bei den Freien Wählern (was ist das eigentlich?) und bei der FDP (wozu ist die eigentlich?)
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Die Bayern-Wahl legt Zeugnis von einer schweren Demokratie-Krise ab, sie beweist ultimativ die Handlungsunfähigkeit unserer Parteiensystems. Eine 2/3 - Mehrheit führt zu Bockmist, eine Große Koalition löst keine Probleme.
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Damit bekommt das Y-Experiment in Hessen ganz neue Brisanz: Regieren mit wechselnden Mehrheiten aus einer Minderheitsregierung heraus? Regierungschef(in) nicht mehr als Anführer, sondern als Moderator und Mediator von Entscheidungsprozessen? Aus einer solchen Konstellation heraus etwas anderes, als Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners, zu gestalten, wird DIE Herausforderung künftiger Parlamente und Regierungen.
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Auch die Medien täten gut daran, in ihren Überlegungen von den alten Blockmodellen abzurücken und die veröffentlichte Meinung dem tatsächlichen Wählerwillen anzupassen. Wir glauben nicht mehr daran, dass eine Partei alleine imstande ist, das Ei des Kolumbus zu finden. Wo sind die Schnittmengen auf der Sachebene, auch ohne dass das in eine Koalition mündet? Was sind die Reformen, die die Wähler wollen, auch wenn keine Einzelpartei das durch will und kann?
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Deutschland steuert endgültig auf eine schwere Staatskrise zu, und die wird nicht davon beantwortet, ob Horst Köhler oder Gesine Schwan Bundespräsident wird. Aber die Art und Weise, wie diese Aufgabe bewältigt wird, wird zeigen, wie sich die derzeitigen politisch Verantwortlichen den neuen Zeiten stellen!
datenbaer (29.09.2008, 09:14 Uhr)
was für ein mediales Bohei!
Ich bin auch kein Fan der CSU aber das mediale Getue, das um den gigantischen 43% Erfolg der CSU gemacht wird, ist sehr irritierend. Demokratie ist eben nicht Alleinherrschaft. Wenn die Bürgerinnen und Bürger sich dafür entschieden haben, anderen Parteien mehr Stimmen als zuvor zu geben, ist das ein völlig normaler Prozeß. Strebt hier etwa jemand nach weiteren politischen Monokulutren? Wieso? Selbst die SPD oder die Linke hat in ihren Hochburgen seit vielen Jahrzehnten nicht mehr die 40% Marke gesehen, das soll erstmal einer hinbekommen.
Und für die glanz- und kontourlosen Huber und Beckstein gilt der alte Spruch: das Volk liebt den Verräter aber nicht den Verrat. Stoiber hin oder her - so einzigartig war er nun auch wieder nicht, höchsten in der verklärten Perspektive des Rückblicks.
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