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30. September 2008, 11:54 Uhr

Horst Seehofer, die politische Ich-AG

Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer soll Erwin Huber als CSU-Parteivorsitzender beerben. Damit kommt ein Mann ins Spiel, der lange auf der Ersatzbank saß - und der eher eine politische Ich-AG als ein Teamplayer ist. Damit vollzieht sich, was Edmund Stoiber von Anfang an gewollt hat. Von Hans Peter Schütz

Neuer Heilsbringer für die CSU: Parteivize Horst Seehofer will für den Parteivorsitz kandidieren© Oliver Lang/DDP

Welcher Hass trieb ihn doch um. Vor gut einem Jahr erst. Pygmäen soll Horst Seehofer Erwin Huber und Günther Beckstein genannt haben, jene, die ihn locker und ruckzuck gemeinsam ausmanövriert hatten, als es ums Erbe Edmund Stoibers ging. Sie seien keine Mitspieler in der politischen Bundesliga, allenfalls Kreisliga. Und wie hat er erst über Markus Söder gelästert, den er verdächtigte, die Medien mit Material über seine Liebesaffäre mit Annette F. gefüttert zu haben. Ausgerechnet der! Da könne er locker auch einiges auspacken, auch über viele andere in der CSU.

Horst Seehofer war draußen damals. Zerstört sein politischer Lebenstraum, nach Stoiber CSU-Chef zu werden. Ausgerechnet von denen, die er für Provinzlinge hält. Die aus seiner Sicht verantwortlich sind, dass die CSU zur Regionalpartei abgesunken ist. Naivlinge, die den Machspielen einer Kanzlerin Angela Merkel nicht gewachsen sind.

CSU braucht ein Alpha-Tier

Jetzt steht er demnächst endlich über ihnen. Er wird den Vorsitz der CSU übernehmen. Weil die Partei nach dem Wahldesaster mit Huber und Beckstein statt der Beta-Tierchen endlich mal wieder ein Alpha-Tier an der Spitze braucht, wie einer seiner engsten Mitstreiter im Machtkampf in der CSU sagt. Es gehe schließlich um die Zukunft der CSU, die im Wahljahr 2009 bei der Europawahl wie bei der Bundestagswahl auf dem Spiel stehe.

Zu besichtigen ist das Wunder der Wiederauferstehung. Möglich geworden durch Seehofers politisch eindruckvollste Fähigkeit: Im Machtkampf jede politische Position unverzüglich der jeweiligen Situation anpassen zu können. Typisch Seehofer: Wie er sich unverzüglich mit dem bisherigen Intimfeind Söder "freundschaftlich" arrangierte, als Söder den Job des CSU-Generalsekretärs aufgab und im Amt eines Staatsministers für Bundesangelegenheiten nach Berlin wechselte. Söder ist immer noch Edmund Stoibers Mann, weil der Ex-Ministerpäsident Söder für fähig hält, ihn eines Tages zu beerben. Stoiber war aber auch seit langem für einen CSU-Vorsitzenden Seehofer. Stoiber, Seehofer, Söder in einer Front - das war von vornherein ein Machtkampf, den Huber, Beckstein, Haderthauer nach der Wahlniederlage vom vergangenen Sonntag nicht mehr gewinnen konnten. Die unübersehbare CSU-Verdrossenheit war eine großartige Chance für das neue Machttrio jene an der CSU-Spitze abzuservieren, die sie gemeinsam vom ersten Tag an für glatte Fehlbesetzungen gehalten haben.

Entspannung am Wahlabend

Vor der Landtagswahl redete Seehofer gerne und oft darüber, wie viel Herzblut für die CSU in ihm pulsiere. Im Falle einer Schlappe müsse man gemeinsam und gelassen darüber reden. Und er warnte vor der neuen SPD-Führung. Ein Frank Walter Steinmeier und ein Franz Müntefering, das seien andere politische Kaliber als ein Kurt Beck. Damit war unmissverständlich gesagt, was er nicht aussprechen wollte: Auch die CSU steht mit einer provinziellen Führung da. Sehr entspannt saß Seehofer am Wahlabend zuhause in Ingolstadt. Und sehr sicher, dass er in seiner mehrfach von politischen Krisen unterbrochenen politischen Karriere eine neue Chance bekommen würde.

Der heute 59-jährige Seehofer war nie ein Mannschaftsspieler. Vielfach die Porträts, in denen er "Egomane" genannt wird oder "Ichling." Er band sich nie in Seilschaften ein. Selbst in der CSU-Landesgruppe im Bundestag lehnt ihn eine Mehrheit als unberechenbaren Kollegen ab. Ein Mann, der brillant reden kann, im Bundestag wie im Bierzelt, der jedoch zuweilen seine politischen Überzeugungen so schnell wie seine Hemden wechselt.

Auseinanersetzung mit Merkel

Weil sich CDU und CSU 2004 gegen seinen Willen, aber auf Drängen Angela Merkels, bei der geplanten Gesundheitsreform auf eine Kopfpauschale hatten, machte er die Politik der CDU-Vorsitzenden rundum madig und warf schließlich seinen Posten als stellvertretender CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender hin. Gehindert hat ihn das nicht, bei derselben Kanzlerin 2005 als Agrarminister anzuheuern, obwohl das Amt in seinen Augen eher ein Austragstübchen für Politikrentner ist. Im Koalitionsausschuss des schwarz-roten Bündnis durfte er nicht sitzen. Die Agrarpolitik war stets ein Randthema. in der politischen Prioritätenliste weit hinter Gesundheitspolitik und Arbeitsmarkt. Und noch weniger interessierte ihn der ebenfalls bei ihm angesiedelte Verbraucherschutz. Eine Mehrheit der Bundesbürger hält noch immer seine grüne Amtsvorgängerin Renate Künast für die zuständige Ressortchefin.

Dass der CSU-Landesgruppenchef Ramsauer und Bundeswirtschaftsminister Michael Glos in der Öffentlichkeit als weitaus wichtigere CSU-Politiker wahrgenommen wurde, hat ihn stets geärgert. Saß er nicht schon seit 1980 für die CSU im Bundestag? War er nicht schon 1989 Parlamentarischer Staatssekretär beim Arbeitsminister geworden? Und von Helmut Kohl 1992 zum Bundesminister für Gesundheit berufen worden? Die politische Ich-AG Seehofer fühlte sich im Kabinett Merkel erheblich unterbewertet. Dass ihm viele CSU-Kollegen vorwarfen, stets seine Person über die Partei zu stellen, hielt er für lästiges Genörgel drittklassiger Politiker. Parteifunktionäre eben, Dilettanten, die seiner stets bemerkenswerten Sachkenntnis nie gewachsen waren.

Lobbyist in eigener Sache

Seine Selbstwahrnehmung als weit über den Durchschnitt herausragende politische Begabung mit unerreichter rednerischer Brillanz wurde noch verstärkt, als ihn 2002 der bedingungslose Einsatz für den Kanzlerkandidaten Stoiber beinahe das Leben gekostet hätte. Eine verschleppte Grippe wuchs sich zu einer akuten Herzmuskelentzündung aus, die er ignorierte, bis sein Tod nur noch wenige Stunden entfernt war. Er hat sein Überleben gerne als neuen Lebensanfang verkauft, mit der es ihm jetzt möglich sei, sich von der Droge der Politik zu lösen.

Tatsächlich geändert hat das Erlebnis den Politjunkie nicht. Unbeeindruckt von den Enthüllungen über seine langjährige außereheliche Beziehung betrieb der Mann, der sich gerne als prinzipientreuer Katholik bezeichnet, weiterhin seinen politischen Aufstieg. Verspottete auf dem letzten CSU-Parteitag Huber und Beckstein offen als zweitklassige Regional-Politiker, die Angela Merkel nicht gewachsen seien. Dass er der bessere politische Darsteller und Verkäufer ist, steht fest. Für welche Inhalte er an der Spitze der CSU kämpfen wird, weiß niemand. Ein Lobbyist in eigener Sache wird er auf jeden Fall bleiben.

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 13)
 
Spocks_Kommentar (30.09.2008, 21:55 Uhr)
Ich finde Beckstein wirklich gut.......
wie er so am Sessel klebt, jetzt dann sicher gar nichts mehr entscheidet, Bayern laufen läßt......
Ich finde es schlecht, daß da Huaba und sein Trutscherl Hadestower so schnell gegangen sind.
Seehofer ist gefährlich. Er könnte es schaffen, die CSU wieder aufzurichten und das will ich doch nicht. Deshalb:
Horst, bleib in Berlin bei Frau und Kind, Huaba for President und ansonsten die CSU so schnell wie möglich auf den Misthaufen der Geschichte oder noch besser unten drunter und ein Kruzifix oben drauf und Benedikt für die Totenmesse als Ministrant für den Hohen Priester FJS......
Facti (30.09.2008, 16:32 Uhr)
NEIN! HILFE! ERBARMEN! GNADE!!
Der Pannenhorst mit seiner Endlosversagensbilanz soll es richten? Einen unfähigen Simpel gegen den Nächsten ausgetauscht? Das hat der bayerische Wähler mit Sicherheit mit seiner Stimmabgabe nicht ausdrücken wollen. Aber diese Machtgeileriche kapieren in ihrer Blödheit den Volkswillen erst, wenn si die 5% von oben kommend passiert haben. Dann reden sie sich das auch noch schön, da sie jetzt nicht mehr verantworlich sind.
Gott mit dir, du Land der Bayern,
deutsche Erde, Vaterland!
Über deinen weiten Gauen
ruhe seine Segenshand!
Er behüte deine Fluren vor Beckstein und CSU-Unverstand.
nightmare_online (30.09.2008, 16:26 Uhr)
Gestern ...
... ich glaube in Report, konnte man exemplarisch die überragenden Fähigkeiten von Herrn Seehofer anhand des von ihm verzapften Gesetzes zum Gammelfleisch sehen. Betriebe, die in Gammelfleisch-Skandale verwickelt sind, müssen offensichtlich gefragt werden, bevor man ihre Name nennt. ROTFL Verbraucherschutz a la CDU/ CSU
http://www.swr.de/report/-/id=233454/nid=233454/did=3886050/1b8v89t/index.html
llechwedd (30.09.2008, 16:09 Uhr)
Ein CSU-Vorsitzenden-Egomane ohne Rückhalt in der Fraktion ...
... na dann ist ja eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Fortsetzung des Komödienstadels erfüllt.
Seehofer als CSU-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl? Schon mal ein paar Slogans gefällig? Gern:
"Käfighühner würden Seehofer wählen"
"CSU – näher am Gen-Food"
"Die Familie ist der wichtigste Baustein unserer Gesellschaft"
"Sommer – Seehofer – Deutschland"
Na dann!
Zwickau (30.09.2008, 15:07 Uhr)
Schleim-Gloria
Huber ist nur tapsig und konnte keine Entscheidung durchziehen. Was jetzt für Bayern kommt ist eine der Ursachen, warum Bayern so gewählt hat. In Berlin so sprechen und handeln. In Bayern alles versprechen nicht handeln. Dies wird die CSU weiter nach unten in der Gunst der Wähler ziehen. Mich freud`s. Wie schon geschrieben, wenn die Ramm(pensau)er einmaschiert, gibt wenigstens wieder Stimmung.
bruddy (30.09.2008, 14:52 Uhr)
Merkwürdig
Ist Seehofer der Steinmeier der CSU?
Neuauflage der Dolchstosslegende?
tagora-sagittara (30.09.2008, 14:48 Uhr)
Lucifer mit dem Belzebub austreiben,...
da ist die CSU mehr als schlecht beraten.
Wer traut diesem Betthupferl denn überhaupt noch??
Als Verbraucherminister war er auf jedem Falle eine Niete,... Ist das jetzt Grund genug ihn an die CSU Spitze zu bringen,... nur weil man keine Alternative in petto hat??,... armes Bayern, deine goldenen Zeiten sind Geschichte!!
kaisergarten (30.09.2008, 14:29 Uhr)
Abwarten
Noch sehe ich nicht, dass Seehofer durch ist - sonst wäre Huber sofort zurückgetreten. So ist noch Zeit genug jemanden anderen zu platzieren. Seehofer ist keineswegs so beliebt und Bayern besteht nicht nur aus Oberbayern. Warum wird der Ramm(pensau)er nie in dem Zusammenhang genannt. Der würd wenigstens wieder zünftig vom Leder ziehen.
DasBertl (30.09.2008, 14:22 Uhr)
In Bayern reicht es in der CSU zu sein
dann verzeiht einem der Wähler alles; alles außer einem Königsmord oder politischer Drittklassigkeit. Schauen sie Sie sich nur die Affären in der CSU an (und ich rede nicht nur vom in fremden Betten schlafen). Ein Ministerpräsident in Bayern der nichts auf dem Kerbholz hat wird hier doch von Haus aus als "Schlappschwanz" und unfähig angesehn. So ist eben Bayern. So san mir. Mir san mir....
endbenutzer (30.09.2008, 14:16 Uhr)
Seinen Nutzen für den normalen Bürger...
...kann man ganz schnell an seinem Verhalten (oder Korruptheit?) im Zusammenhang mit der Ampelkennzeichnung für Lebensmittel und der Verfahrensweise bei Gammelfleisch-Unternehmern erkennen.
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