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6. März 2008, 08:05 Uhr

"Wir müssen die Notbremse ziehen"

Bei den Kommunalwahlen in Bayern musste die CSU schwere Verluste verkraften. Handelt es sich nur um eine kurze Phase der Schwäche oder kämpft die Partei tatsächlich gegen den Abstieg? Bis zur nächsten Landtagswahl müssen Huber und Beckstein viele Hürden überwinden. Von Gabriele Rettner-Halder

Der CSU-Parteivorsitzende Erwin Huber blickt düster drein© Lennart Preiss/DDP

Erwin Huber hat sich hinter seinem Stehpult aufgebaut und das schönste Lächeln aufgesetzt, zu dem er fähig ist. An diesem Montag, einen Tag nach den bayerischen Kommunalwahlen, muss der seit letzten Herbst amtierende CSU-Vorsitzende zeigen, dass er der Situation gewachsen ist. Erfolge, das hat er wenige Stunden zuvor bei der Vorstandssitzung seiner Partei erfahren müssen, wird er nicht groß verkünden können. Dafür haben das strikte Rauchverbot, der Aufstand der bayerischen Hausärzte, die Münchner Magnetschwebebahn Transrapid, Mängel in der Schulpolitik und das Finanzdesaster der bayerischen Landesbank der CSU zu viele Stimmen gekostet, wie ihm CSU-Vorstände hinter verschlossenen Türen berichtet haben.

Spannung liegt in der Luft. Huber, der Haudegen, der zuverlässige Abwehrspieler aus der Stoiber-Ära, demonstriert Stärke und zeigt sich zufrieden. Wie zum Trotz. In der Wahlnacht hatte er sich vorzeitig schon mal festgelegt: "Stimmungstest bestanden". Davon rückt er tagsdrauf nicht ab. Die Einbrüche seiner Partei in München und Nürnberg laufen bei der CSU unter Ausnahmeerscheinungen. Bloß keine Schwäche zeigen, heißt auch diesmal Hubers Devise.

Augen zu und durch

Doch die Taktik des "Augen zu und durch" funktioniert nicht mehr wie einst, als die CSU noch wegen ihrer ausgeprägten Rauflust und hierarchischen Strukturen gefürchtet war. "Wir taugen ja nicht mal mehr zum Zündeln, wir werden in Berlin überhaupt nicht mehr registriert", stellt ein führendes CSU-Mitglied fest. Aus der CSU sei eine "behäbige Landespartei" geworden.

In die Reihe aufgebrachter Kommentatoren hat sich auch Edmund Stoiber eingereiht. "Das gibt eine Katastrophe", prognostizierte er im Kreis von Vertrauten wenige Tage vor der Wahl. Groß ist der Frust bei den Landesparlamentariern in München. Die Hinteren auf den Listen kämpfen im September bei der Landtagswahl um ihr Überleben im Parlament. Die Abgeordneten mussten sich in den vergangenen Wochen oft anhören, dass ihre Partei das Ohr nicht mehr beim Wähler hat. Empörung herrscht in manchen CSU-Hochburgen auf dem flachen Land. Das Milliardenprojekt Transrapid, so wird befürchtet, könnte nötige Gelder für den Schienenverkehr binden.

"Wir müssen die Notbremse ziehen".

Die CSU-Mandatsträger berichten über "rappelvolle Versammlungen", wenn der Hausärzteverband zu Protestversammlungen aufruft und dort die mangelnde Bereitschaft der CSU anprangert, ihr bei Verhandlungen für höhere Honorare beizustehen. "Die haben das nicht ernst genommen", lautet ein Vorwurf an das Führungsduo von Huber und Ministerpräsident Günther Beckstein. Wenn die Hausärzte in ihren Praxen Zettel aushängen, nicht die CSU zu wählen, sei das eine Katastrophe.

"Das Krisenmanagement funktioniert nicht", kritisiert der Augsburger Abgeordnete Max Strehle. "Orientierungslosigkeit" macht seinem Kollegen Walter Eykmann Sorge, "große Verunsicherung" der CSU-Parlamentarierin Ursula Männle. "Wenn das so weiter geht, haben wir bald den Seehofer auf der Matte", ätzt ein CSU-Mitglied, das nicht genannt werden wollte. "Wir müssen die Notbremse ziehen".

Beim Thema Rauchverbot ist Ministerpräsident Günther Beckstein bereits beim Bremsen. Doch da droht schon neuer Streit, einige Abgeordnete halten davon gar nichts und wollen sich gegen eine Aufweichung des strikten Rauchverbots stellen: "Man kann doch ein Gesetz nicht nach zwei Monaten über den Haufen schmeißen".

Ratlosigkeit macht sich breit

Das klingt nach Ratlosigkeit. Hat die CSU ihre beste Zeiten hinter sich oder handelt es sich um eine momentane Schwächephase? Manch einer aus der Führungsspitze gibt radikale Antworten: "Wir haben niemand, der ein Bierzelt voll bringt oder eine Idee zu Papier, über die es sich lohnt, nachzudenken", beschreibt ein CSU-Häuptling das Dilemma. Den meisten sei nur daran gelegen, über den Herbst zu kommen.

Ob das Tandem Huber/Beckstein unter den erschwerten Vorzeichen nicht so strahlender Wahlergebnisse wie erwartet die Erfolgsgeschichte der CSU bei der Landtagswahl im Herbst fortzuschreiben kann? Zweifel nagen an etlichen Vorständlern. "Der Glanz ist vorbei. Huber und Beckstein schaffen es nicht, den europäischen Sonderfall Bayern zu erhalten", urteilt der Grünen-Fraktionschef Sepp Dürr. Der Mann hat allen Grund, die Kommunalwahl als Zäsur zu betrachten. Mit zweistelligen Stimmenzahlen überraschten grüne Kandidaten ihre Führung selbst in Regionen, wo die CSU vor zehn Jahren noch hätte einen Besenstiel aufstellen können, wie Dürr sagt. "Der wäre auch gewählt worden".

Strenge Führung gefordert

In Freising holte der Grünen-Kandidat für den Landratsposten Christian Magerl mit Aktionen gegen eine dritte Start- und Landebahn am Münchner Großflughafen genug Stimmen, um am übernächsten Sonntag in die Stichwahl zu gehen. Sein Gegner ist nicht von der CSU, sondern von den Freien Wählern. "Wir müssen überlegen, wie wir konservative Politik für ökologische Gesichtspunkte öffnen", schwant es nun auch so manchem Konservativen wie dem Europapolitiker Markus Ferber. Dass die Grünen zugenommen haben, sei nicht nur das Problem des Parteivorstands, verteidigt Ferber den CSU-Vorsitzenden. "Ich empfehle Huber eine strengere Führung". Die Partei sei nicht gewohnt, mitreden zu dürfen. Ferber ist einer der wenigen, die Huber die Stange halten.

Der neuen CSU-Führung stehen anhaltend schwere Zeiten bevor: Huber und Beckstein, die Stoibers Rückzug durch ihre Vernunftehe letztes Jahr beschleunigten, sind zur Disziplin verdammt. Wenn das Tandem nicht mit einer Zunge spricht, ist Krach angesagt. Als Beckstein das Votum zur Kommunalwahl kritischer kommentierte als Huber, verzogen manche heftig die Gesichter. Vor einer unberechenbaren Kraft fürchten sich beide zurecht. Es sind die Mandatsträger auf den hinteren Listenplätzen und die Nostalgiker, die sich nach Stoibers autoritären Führungsstil sehnen, den sie vorher verdammenswert fanden. Wohlmeinende aus den eigenen Reihen meinen, die CSU sei offene Diskussionen, wie sie Huber pflege, nicht gewohnt.

Der Wackel-Franke

Bei der Landtagswahl im September sind kräftige 50 Prozent angesagt, sonst wird es für Beckstein eng. Der wackere Franke stehe höchstens zwei Jahre in der neuen Amtszeit durch, heißt es schon jetzt. Seine letzte Regierungserklärung sei ein Flop gewesen. Auffallend häufig fällt in diesen Tagen ungefragt der Name des Bundeslandwirtschaftsministers Horst Seehofer. Seine Liebesaffäre habe die CSU ihm inzwischen verziehen.

Von Gabriele Rettner-Halder
 
 
KOMMENTARE (10 von 13)
 
ganzbaf (07.03.2008, 08:23 Uhr)
Haben die doofen Pauli-Mörder eins auf die Backe bekommen...

und jetzt flennen sie, wie schön... ;-Pp
Ermatrans (07.03.2008, 06:10 Uhr)
Der Stoiber-Günstling Söder
Zuerst spielte er den Öko-Söder und liess sich intensiv von Stoiber zum bayerischen Umweltminister vorschlagen. Der Widerstand gegen Söder war aber zu groß und einige befürchteten Umweltverschmutzung. Beckstein soll Söder dann im Auftrag von Stoiber zum "bayerischen Europaminister" ernannt bzw. degradiert haben. Selbst erarbeitet hat sich Söder aber die Titel "Speichellecker" und "grösster Kotzbrocken der deutschen Politszene".
DerJurist (06.03.2008, 11:32 Uhr)
Also mich freuts
Find´s gut das eine sichere schwarze Mehrheit in Bayern in Zukunft hoffentlich der Vergangenheit angehört. Mit bisschen Glück erleben wir dasselbe in BW auch.
Um ehrlich zu sein stört mich dabei gar nicht so sehr die CSU oder CDU, vielmehr stören mich die Wähler die keine Ahnung haben was sie da wählen und worum´s da wirklich geht sondern einfach wählen weil sie das Gefühl haben, dass die Schwarze Partei einfach zum guten Ton gehört und ihnen aus der Tiefe ihres Herzens spricht.
Aber, was der Bauer nicht kenn, frisst er nicht.... oder war´s der Bayer ?? - Naja, irgendwie ja dasselbe auch.....
Beste Grüße
tufang (06.03.2008, 11:21 Uhr)
@Dusty_Crossing
Wenn ARGUMENTE fehlen dann vesuch man mit der primitiven Mittel sich zu retten wie in dem Fall "Sprachkurs" dabei spricht er wahrscheinlich azußer Bayerisch nichts !! sprich erst eine richtige Fremsprache dann reden wir du Depp !!
StillerBeobachter (06.03.2008, 10:30 Uhr)
Die CSU wird langfristig verlieren, wenn sie keine Topleute mit Charakter anzubieten hat
- Beckstein ist als Mensch ja noch durchaus sympathisch, aber er hat längst nicht diese Ausstrahlung und das Selbstbewußtsein eines Edmund Stoiber oder Franz Josef Strauß.
- Erwin Huber ist ein gänzlich unsympathischer Hardliner, der sich wie ein Bauer verhält. Unter ihm als Aufsichtsratsvorsitzenden versemmelt die bayerische Landesbank so eben mal 1,9 Milliarden Euro. das Geld hätte locker für den Transrapid gereicht, wobei sich strukturschwache Schwache Regionen in Oberfranken oder der Oberpfalz sich sicher auch darüber gefreut hätten.
- Markus Söder ist der größte Dampfplauderer der Republik und völlig unseriös. Wer noch einen Funken Anstand hat, schämt sich sicher Seiner. Ein solcher Mann ist garantiert nicht mehrheitsfähig. Gleiches gilt für Joachim Herrmann und Thomas Goppel, die beide nicht allzu volkstümlich sind.
Horst Seehofer als Parteilinker wird, ohne dass es zu einem Linksrutsch in der CSU kommt, bei der Parteispitze keine Chance haben.
Am ehesten traue ich es noch Georg Schmitt ("Schüttel-Schorsch")zu, dass er die Nachfolge von Beckstein antritt. Dazu muss er sich aber erst einmal im Landtag profilieren, wozu er als Fraktionsvorsitzender ja jetzt die Möglichkeit hat.
Hinseher (06.03.2008, 09:10 Uhr)
Mit Grausen
sorry, bin da eher simpel gestrickt: Wenn ich Huber und Beckstein schon reden(!) höre (eher stammeln, grunzen, ächzen), überkommt mich das kalte Grausen. Null Ausstrahlung, null Botschaft! Die beiden sind - obwohl mir das eigentlich egal ist - der Untergang der CSU. Nein, eigentlich sind die eher lächerlich, und das ist viel schlimmer.
Clemens1964 (06.03.2008, 08:56 Uhr)
LOOOOL
nichtraucher also weiter mit giftgasen vollqualmen dürfen, betrachtet die csu also als politisch essentiell...? na das ist doch mal wirklich wertkonservativ. die sprechen nicht nur komisch, die sind auch komisch... LOL
Malt (06.03.2008, 08:41 Uhr)
Die Wähler...
...interessiert weniger das Rauchverbot als vielmehr das sie die Schnauze voll haben von einem Finanzminister Huber, unter dessen Aufsicht die bayerische LB mal eben 1 Milliarde durch den Schornstein geblasen hat, einen Huber, der gegen den Willen der Bevölkerung, auf Edmunds Geheiß hin den Transrapid, durchprügeln möchte (was das kostet!), ein Huber, dem ich letztlich nicht mal auf einem Stammtisch das Wort gestatten würde!
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Huber und Beckstein haben vor lauter Arschkriecherei einfach zuviel vom Mastdarmgeruch Stoibers an sich!
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Nur schade dass die, die am abartigsten stinken, es selbst nie zu riechen scheinen.
Jocx (06.03.2008, 08:27 Uhr)
Zum Thema Rauchverbot
Wie lächerlich die Partei doch ist: Vor der Wahl wird der Schutz der Nichtraucher größer als groß geschrieben, von wegen Gesundheit und so.
Dann verliert die Partei massiv an Stimmen, denken an die vielen rauchenden Wähler, die Ihnen eine schallende Ohrfeige verpasst haben und überdenkt auf einmal das Gesetz nochmal.
Das ist peinlich und lächerlich. Und das schlimmste: Andere Parteien sind genauso populistisch und verlogen.
Gesetze werden nur nach Gutdünken gemacht und gekippt.
Hört auf zu wählen und gründet selbst eine Partei!
Jocx
Ernst1 (06.03.2008, 08:09 Uhr)
Die CSU hatte die Möglichkeit zur Reform
Leider hat man das verscherzt. Es ist eine Landespartei und mehr nicht. Der Rest der deutschen Bevölkerung wird sich freuen wenn diese Quertreiber ruhiger werden. Ebeso trägt Beckstein als 2. Schäuble seine Schuld. Das Volk läßt sich halt nicht gerne ausspionieren
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