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6. Januar 2010, 10:35 Uhr

Seehofer braucht Merkel - nicht umgekehrt

Kurz vor der traditionellen Klausurtagung in Wildbad Kreuth steigt die Nervosität in der CSU: Die Bayernpartei steckt in der größten Krise ihrer Geschichte. Dafür gibt es Gründe. Ein Gastbeitrag von Gerd Langguth

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Hier geht's lang: Die CSU trifft sich traditionell am Jahresanfang zur Klausurtagung in Wildbad Kreuth© Oliver Lang/DDP

In der CSU geht es derzeit drunter und drüber. Kaum fordern einige CSU-Bundestagsabgeordnete, Karl-Theodor zu Guttenberg solle neben Guido Westerwelle "Vizekanzler" der Bundesrepublik werden, watscht sie der CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt im Auftrag seines Chefs ab. Mit der Formulierung des CSU-Abgeordneten Hans-Peter Uhl, zu Guttenberg würde "den bundespolitischen Anspruch der CSU überzeugend verkörpern", wird indirekt der CSU-Vorsitzende kritisiert. Auch dies zeigt: Die einst so stolze bayerische "Staatspartei" CSU, die bei allen Wahlen regelmäßig die 50-Prozent-Marke überschritt, ist in der größten Krise ihrer Geschichte. Die Bayern schienen dem Zeitgeist zu trotzen und statteten die CSU mit einem Stimmenpolster aus, von dem die Schwesterpartei CDU nur träumen konnte. Inzwischen ist die CSU in die Nähe der 40 Prozent geschrammt - Ende offen.

Vom 6. bis 8. Januar versammeln sich die Mitglieder der CSU-Landesgruppe zur traditionellen Jahresauftakt-Klausur in Wildbad Kreuth. Nach außen hin wird politische Harmonie demonstriert werden, doch Nachdenklichkeit vieler CSU-Oberen über den Zustand der eigenen Partei bestimmt diese Klausur. Vielleicht ist die CSU sogar versucht, durch kraftstrotzende Äußerungen gegenüber der Schwesterpartei CDU von ihrer selbst zu verantwortenden Schwäche abzulenken.

Eigentlich müsste sie sich in Demut üben. Nicht erst das Debakel um die Milliardenverluste der Bayerischen Landesbank hinterlässt einen geschwächten Horst Seehofer, der als CSU-Landesvorsitzender und bayerischer Ministerpräsident nicht wirklich reüssieren konnte. Er hält sich vor allem deshalb in seinen Ämtern, weil es derzeit niemanden in der CSU gibt, der einen offenen Angriff auf "den Horst" wagt. Ihn rettet das Argument, die CSU könne sich nicht schon wieder personell runderneuern, nachdem Edmund Stoiber 2007 das Vertrauen in der Landtagsfraktion verlor und nachdem mehr oder minder handstreichartig seine Nachfolger, der einstige Ministerpräsident Günther Beckstein und der Ex-CSU-Vorsitzende Erwin Huber, 2008 aus dem Amt gejagt worden sind. Allerdings stehen Kandidaten im Hintergrund schon bereit.

Kritik am Parteivorsitzenden

Zur Erinnerung: Beckstein und Huber hatten bei den Landtagswahlen im September 2008 zwar 17,3 Prozent verloren, aber immerhin noch 43,4 Prozent erzielt. Bei den Bundestagswahlen ein Jahr später - jetzt war Seehofer Parteivorsitzender und Ministerpräsident - kam die CSU in Bayern lediglich auf 42,5 Prozent. Süffisant erinnerte deshalb der einstige und von Seehofer geschasste CSU-Vorsitzende Huber daran, dass Seehofer nach seinen eigenen Maßstäben eigentlich Konsequenzen aus dem niederschmetternden Ergebnis ziehen müsste. Seehofer, der zunächst bei einer Kampfabstimmung um den CSU-Landesvorsitz unterlegen war, hatte für die Landtagswahlen "52 plus x Prozent" als Zielmarke gefordert . Einen "Seehofer-Effekt" hat es nicht gegeben.

Seehofer tut sich schwer mit seiner eigenen Partei. Deren Granden vermissen an ihm die inhaltliche Stetigkeit, die Verlässlichkeit. Der frühere Wirtschaftsminister Michael Glos, als Spötter besonders bekannt, sagte denn auch nach der Bundestagswahl, "hausgemachte Fehler" hätten die CSU schlecht abschneiden lassen, und: "Seehofer ist eben nur berechenbar in seiner Unberechenbarkeit."

Wie diesbezüglich die Kanzlerin denkt, kommt in einer scherzhaften Formulierung zum Ausdruck: Als sich Ende September letzten Jahres die gemeinsame Bundestagsfraktion aus CDU und CSU konstituierte, musste formal das Fraktionsstatut beschlossen werden, damit beide Parteien eine Fraktionsgemeinschaft bilden konnten. Als der damals noch amtierende Landesgruppenchef Peter Ramsauer sagte, die Parteivorsitzenden könnten das dann hinterher unterschreiben, riet Angela Merkel laut: "Macht es lieber, solange der Horst noch hier ist." Der Saal bebte vor Lachen.

Einfluss auf die Bundespolitik

Der neue CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich ist nicht als ein bayerischer "Haudrauf" bekannt. Er gilt als jemand, der im Verhältnis zur CDU eher ausgleichend wirkt. Umso mehr machte ein Interview der "Süddeutschen Zeitung" mit ihm Furore, in dem er gleich Anfang des neuen Jahres formulierte, Merkel müsse in der schwarz-gelben Koalition "entschlossener Linie und Kurs vorgeben" und an "zentralen Stellen klar machen, was sie möchte". In Folgeinterviews mit der "ARD" und dem "Deutschlandfunk" zeigte sich Friedrich gegenüber der Kanzlerin hingegen sehr viel zahmer.

Das einst Kraftstrotzende der CSU ist verschwunden. In der Partei dürfte sich zudem die Einsicht festgesetzt haben, dass sie - trotz der Verhandlungsführung Seehofers - kaum das Gesicht des Koalitionsvertrages der neuen Bundesregierung geprägt hat. Das war viel stärker der FDP gelungen. Manchen in der CSU dämmert inzwischen, dass ihr Einfluss in der Großen Koalition, in der sie nur zwei Minister statt wie jetzt drei stellte, vielleicht größer war als in dem jetzigen Regierungsbündnis. Merkel brauchte in der Großen Koalition die CSU für ihr Tagesgefecht mit der SPD.

Die CSU hat in der kleinen Koalition auch deshalb weniger zu sagen, weil sie jetzt, auf die Bundesebene umgerechnet, nur noch 6,5 Prozent der Zweitstimmen in Deutschland repräsentiert - 2005 waren das noch 7,4 Prozent. Hingegen konnte die FDP mit ihren 14,6 Prozent (2005: 9,8 Prozent) weit mehr als doppelt so viele Stimmen erzielen. Das Ergebnis der Bayern bei den letzten Bundestagswahlen wurde nur durch die Tatsache kaschiert, dass die CSU alle Direktmandate in Bayern erringen konnte. Die CSU-Landesgruppe hat jetzt aber nur noch genau so viele Abgeordnete wie die nordrhein-westfälische CDU-Landesgruppe.

Der Ruf nach einem zweiten "Vizekanzler"

Ein Ausdruck der CSU-Verzweiflung ist die Forderung von CSU-Abgeordneten, Karl-Theodor zu Guttenberg solle zugleich "Vizekanzler" der Bundesrepublik werden. Diesen Abgeordneten muss - wie übrigens auch der FDP - entgegengehalten werden, dass es das Amt eines "Vizekanzlers" gar nicht gibt. Im Grundgesetz ist nur von einem einzigen "Stellvertreter" des Bundeskanzlers die Rede, der aber lediglich eine Leitungsfunktion hat, wenn etwa der Bundeskanzler an der Teilnahme einer Kabinettsitzung verhindert ist. Die Umsetzung der Forderung nach einem zweiten Bundeskanzler-Stellvertreter erforderte somit eine Grundgesetzänderung. Die Überhöhung dieser Funktion in die Aufgabe eines "Vizekanzlers" wurde seltsamerweise und aus Gründen des Koalitionsfriedens von Merkel zugelassen: Sie stimmte zu, dass die Außenminister Steinmeier und Westerwelle beamtete Staatssekretäre zur Koordinierung der Innenpolitik und speziell der ihnen politisch zugeordneten Ministerien erhielten. Das entspricht aber nicht dem Geiste des Grundgesetzes. Noch schlimmer ist: Kaum jemand regt sich darüber auf.

Der eigentliche Hintergrund des Vizekanzler-Vorschlages jener CSU-Abgeordneten ist, dass der fränkische Freiherr der einzig übriggebliebene Hoffnungsträger der CSU ist. Er ist zudem Merkels Gegengewicht zu Seehofer. Der 38-Jährige ist noch zu jung, um von der amtierenden Kanzlerin als ein wirklicher Konkurrent angesehen zu werden. Es fällt auf, dass sich gelegentlich zu Guttenberg auch öffentlich in Stellung gegen Seehofer zu bringen wagt, so in seiner Kritik an der bayerischen Wahlkampfführung. Entgegen der Linie des Verteidigungsministers hatte der bayerische Parteivorsitzende in der Afghanistan-Frage vor der Aufstockung der deutschen Truppen gewarnt. In neuesten Aussagen scheint er sich zu Guttenberg anzunähern.

Ablenkungsmanöver und Absprachen

Die internen Kreuther Diskussionen werden nicht von der Schwäche der CSU ablenken können und die Einsicht verstärken, dass Seehofer Merkel mehr braucht, als Merkel Seehofer. Durch die Ereignisse um die Bayerische Landesbank wird die finanzielle Manövrierfähigkeit der bayerischen Politik zudem sehr stark begrenzt. Seehofer hat in Interviews feinsinnig für dieses Desaster vor allem Edmund Stoiber verantwortlich gemacht. Auch wenn er zu kurz Ministerpräsident ist, dass ihn persönlich ein Schuldvorwurf treffen kann, so schwächt dieses Debakel seine Position deutlich, auch seine Durchsetzungsfähigkeit gegenüber der Kanzlerin.

Klausurtagungen können gefährlich sein. Vom 14. bis 16. Januar findet nämlich auch die traditionelle Klausurtagung der CSU-Landtagsfraktion statt, die nicht minder interessant werden dürfte. Seehofer wird sich erinnern, dass die Fraktionstagung vor drei Jahren - ebenfalls in Kreuth - ein Arrangement der beiden CSU-Politiker Beckstein und Huber bewirkte und damit den Sturz Edmund Stoibers einleitete. Seehofer dürfte mit noch größerer Spannung auf dieses Ereignis blicken, denn wirkliche Schwierigkeiten kann ihm während einer Legislaturperiode nur eine aufsässige Landtagsfraktion machen.

Gerd Langguth, 63

Gerd Langguth, 63 ... lehrt Politikwissenschaft an der Universität Bonn. Er hat Biografien über Angela Merkel und Horst Köhler veröffentlicht. Zuletzt publizierte er "Kohl, Schröder, Merkel - Machtmenschen" im dtv-Verlag. Mehr Informationen unter www.gerd-langguth.de.

Ein Gastbeitrag von Gerd Langguth
 
 
KOMMENTARE (10 von 14)
 
Prologo (06.01.2010, 21:30 Uhr)
@Bayernstammler, die SPD soll Krach machen!
Ganz einfach:
Die SPD muss das öffentlich machen!
Die SPD muss das jeden Tag in die Presse bringen.
Die SPD muss sofort Stellung nehmen,
zu der CSU in Kreuth.
Die SPD muss sagen, was in Kreuth vertuscht wird.
Ja mein Gott, was muss denn noch passieren, damit die SPD endlich mal angreift?

MfG,
T.
Bayernstammler (06.01.2010, 20:30 Uhr)
@ prologo
Um auf der SPD rumzuhauen, ist nichts billig genug.
Tatsache ist doch, dass die Staatsanwälte in Scharen unterwegs sind. Diese Tage wurden zusätzliche Staatsanwälte abgestellt um die Dimensionen dieses Abgrundes an Korruption feststellen zu können
Sagen Sie uns also, was die SPD konkret machen sollte.
Tempelhofer (06.01.2010, 18:29 Uhr)
@ lampada
Dieser differenzierten Betrachtung kann ich durchaus zustimmen. Seehofer hat kein Format, keine wirkliche Bindungskraft für den Wähler.

Hier zeigt sich, dass eine Partei niemals voreilig dem äußeren Druck der Medien nachgeben sollte, auch wenn Häme und Krawall noch so hochschlagen. Hätte die CSU damals trotz Pauli an Stoiber festgehalten, stände sie heute besser da. Die Union sollte sich hüten, auf die "Ratschläge" derer zu hören, die ihr nur schaden wollen.
Prologo (06.01.2010, 17:25 Uhr)
test
test1
lampada (06.01.2010, 16:04 Uhr)
erfreulich
ich finde es hochgradig erfreulich, wie
Volkes Meinung sensibel auf populistischen Dampf reagiert. Auch wenn H. Seehofer sich selbst als Zentralgestirn sieht; er hat nicht das fachliche und persönliche Format eines Staatsmannes. Diese hyperaktive Suche nach vermeintlich relevanten Themen im Spektrum vom Linkspopulismus bis Bayern bleibt Bayern ist einfach zu offensichtlich und wird konsequenterweise vom Wähler abgestraft..
walhalla (06.01.2010, 13:49 Uhr)
Auch die Bayern sind angekommen,
im gewöhnlichen Kapitalismus.
Als zum Teil im bayrischen Wald (Nittenau) Aufgewachsener habe ich Parteiversammlungen der CSU noch in guter Erinnerung.
Hauptsache war ein guter Redner, das Ökonomische hat ja nur eine Nebenrolle gespielt, damals, mit 65% Wahlsiegen.
Die Zeiten ändern sich, heute würde auch ein Strauß nix mehr reissen. Wegen der Ökonomie.
Dabei geht es den Bayern überwiegend gut, Subventionen in Milliardenhöhe für die Bauern, fünf Weltkonzerne in Bayern. Warum eigentlich? Zumindest Siemens Manager könnten Geschichten erzählen.
Christlich und sozial, schwer heute.
Auch in Bayern, da kann man sich doch trefflich um´s Rauchverbot streiten, fällt dann nicht so auf, das man nix anderes hat.
Die Signale von Seehofer sollen wohl sagen, Bayern zählt mit zur Macht.
Wirklich? Siehe oben.
Und so sitzen Sie dann in Wildbad Kreuth, und warten auf die göttliche Botschaft.
schwarzspecht1 (06.01.2010, 13:40 Uhr)
Bayernpartei
Die CSU ist doch nicht die Bayernpartei, bestenfalls eine bayrische Partei. Die Bayernpartei gibt es trotzdem: www.bayernpartei.de
nightmare_online (06.01.2010, 12:39 Uhr)
Lieber Stern. Irgendwie vergassen Sie ...
zu erwähnen, das Gerd Langguth ehemaliger Bundesvorsitzender des RCDS, Ex-Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung und Ex-CDU-Bundestagsabgeordneter ist. Was ihn natürlich hervorragend für eine "objektive" Berichterstattung über die Probleme zwischen CDU und CSU qualifiziert.
Was einerseits sicherlich Zufall ist, und andererseits den Beifall von Tempelhofer erklärt. LOL.
undueberhaupt (06.01.2010, 12:39 Uhr)
@Sonnenschein
Ja, ja, das ist eine Kette ohne Ende. Wo soll man sich organisieren, bei den Gewerkschaften? Die kriechen den Arbeitgeber sowieso schon in den sonstwo!
Und wie soll man sich wehren?
a) Junger Mann ungelernt in Zeitarbeit für 800 Euro, der ist dann seinen Job los.
b) Verheirateter Fabrikarbeiter mit 2500 Euro, der ist froh das er Arbeit hat.
c) Hartz IV-Empfänger, verheiratet 1 Kind mit 1100 Euro Stütze plus Miete obendrauf, der wehrt sich garantiert nicht!
Wie schon gesagt, wir haben eine Finanzdiktatur, und solage der Zucker sonst wo hin geblasen wird, macht keiner was.
Prologo (06.01.2010, 12:13 Uhr)
Und wenn erst der Betrug an der bayrischen Landesbank rauskommt.........
......dann ist die CSU bei der SPD gelandet.

Es pfeiffen ja schon die Spatzen von den bayrischen Dächern, dass sich an dem Desaster der bayrischen Landesbank unter Stoiber, Huber, Beckstein und Konsorten, etliche reiche Bayern noch reicher gemacht haben.

Und was macht die bayrische SPD? Sie schläft weiter, anstatt die Staatsanwaltschaft auf die beteiligten loszujagen.

Es kann doch nicht sein, das die Bürger den Schaden bezahlen, mit dem sich offensichtlich korrupte Politiker und deren Verwandschaft bereichert haben!

Ich bin immer noch Optimist und hoffe auf Gerechtigkeit.

MfG,
T.
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