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Der Exorzismus der Gabriele Pauli

Beckstein wird Ministerpräsident, Huber ist Parteivorsitzender, Seehofer Partei-Vize. Die Männerriege ist versorgt. Frau Gabriele Pauli hingegen wurde brutal abgekanzelt. Das zeigt, dass die CSU ein Problem hat.

Von Lutz Kinkel, München

Hastig verließ Gabriele Pauli den Parteitag. Keine Zeit mehr für Interviews, auch keine Lust dazu. Neben ihr ein Begleiter, im Tross zwei, drei Journalisten mit angeschalteten Aufnahmegeräten. Dann schlupfte sie durch die Drehtür - und weg war sie. Eine Frau, die zur Verliererin gemacht wurde. Von Männern, die ein Problem haben.

Die Niederlage, die Pauli auf dem CSU-Parteitag kassiert hatte, hätte größer nicht sein können. Sie verlor die Wahl zum Parteivorsitz, nur 24 Delegierte votierten für sie. Für den Parteivorstand war sie nicht mehr nominiert. Und ihre Anträge zum CSU-Grundsatzprogramm, mit denen sie das Familiensplitting und eine Perspektive für den EU-Beitritt der Türkei durchsetzen wollte, fielen durch. Sie konnte jeweils nur eine Stimme verbuchen - ihre eigene. Setzen, sechs, heißt das.

Männerriege zeigt Pauli die kalte Schulter

Doch die Entmachtung war nur ein Teil ihres Passionsweges. Der Umgang der CSU-Spitze mit ihr der andere. Sowohl der scheidende bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber als auch sein designierter Nachfolger Günther Beckstein, CSU-Generalsekretär Markus Söder und Partei-Vize Horst Seehofer sprachen in ihren Reden immer nur von zwei Kandidaten für den Parteivorsitz: Seehofer und Huber. Dass Pauli auch kandidierte, ignorierten sie. Und gaben der "schönen Landrätin" damit das Signal: Du zählst nicht. Du existierst für uns noch nicht mal.

Ohne Paulis Namen zu erwähnen, hackte die Männerriege dafür unisono auf ihren Vorschlag rum, die Ehe nach sieben Jahren erneut zu bestätigen. "Das ist nicht kinderfreundlich", knarrte Erwin Huber, der nach jeder Pointe merkwürdige, kleine Hüpfer machte. "Ich stehe klar zu Ehe und Familie", posaunte Seehofer, jener Mann also, der sich monatelang nicht entscheiden konnte, ob er lieber mit seiner Geliebten und dem gemeinsam Kind kuscheln oder daheim bei seiner Ehefrau bleiben will. Gleichwohl: Die Delegierten beklatschten auch Seehofers Phrasen. Und kanzelten so gleichzeitig Pauli ab.

Einen üblen Höhepunkt erreichte das Pauli-Bashing, als sie nach Becksteins Rede überraschend das Mikrofon ergriff und den designierten Ministerpräsidenten daran erinnerte, dass nicht nur sie Edmund Stoiber gestürzt habe. Sondern auch die Landtagsfraktion und Beckstein selbst. Nun aber solle nur sie die Verräterin sein - das sei nicht fair. Generalsekretär Söder hatte auf diesen Vorwurf eine klare Antwort: Er ließ Paulis Mikrophon abschalten. "Das ist nicht mehr meine Partei", stöhnte Pauli. Wechseln wolle sie aber auch nicht. "Nein, ich verlasse die CSU nicht. Mein Satz bezieht sich auf die in der ersten Reihe. Und nicht auf die, unter denen ich sitze." Mit der ersten Reihe waren die CSU-Granden gemeint. Mit den Sitznachbarn die Delegierten.

Allenfalls höfliches Klatschen

Aber Paulis Hoffnungen auf die Delegierten trogen. Immer wieder. Kurz nach Söders Stromsperre trat Pauli an, um ihre Bewerbung zum Parteivorsitz vorzutragen - obwohl ihr Gesicht verriet, dass sie schon hart angeschlagen war. "Ich habe den Reden entnommen, dass es zwei Kandidaten gibt und die Dritte im Bunde nicht wichtig ist", sagte sie stockend. Es ginge ihr aber auch gar nicht um ein Amt. Sondern um das freie Wort. Den Austausch mit der Basis. Und eine veränderte Familienpolitik. Mit 150 Euro Betreuungsgeld im Monat allein sei es nicht getan. "Wir müssen überlegen, wo die Probleme der Familien wirklich sind", sagte sie. Dogmen und vorgefertigte Vorstellungen hätten in der Familienpolitik keinen Platz. "Wir sollten das Leben der Menschen begleiten, nicht erschweren."

Pauli war zu diesem Zeitpunkt schon so geschwächt, dass ihr Zustand ihren Vortrag überlagerte. Sie wirkte unstrukturiert, versponnen, ihre Augen blickten ständig nach links oben zum Dach der Messehalle. Als würde sie von dort überirdischen Beistand erwarten. Doch von oben kam nichts. Von unten auch nicht. Allenfalls höfliches Klatschen bei ihrem Abgang. Die Strategie der Parteiführung, Pauli nicht direkt zu attackieren, sondern mit Missachtung zu strafen, war mit brutaler Konsequenz aufgegangen.

Allein Beckstein reichte ihr - nachdem er mit überwältigender Mehrheit zum Ministerpräsidenten nominiert wurde - einen kleinen Finger. Er lud Pauli zu einem persönlichen Gespräch ein. Und sagte, dass er sie mit seinen Äußerungen nicht persönlich herabsetzen wollte. Seine Äußerungen, vor dem Parteitag öffentlich kundgetan, bestanden darin, dass er Pauli empfohlen hatte, einen Psychiater aufzusuchen.

Testfall für CSU

Viele Beobachter meinen, dass Pauli vielleicht tatsächlich therapeutischen Beistand nötig habe. Nachdem sie sich mit ihrer Kritik an Stoiber in die Medien katapultiert hatte, vertänzelte sie sich mit erotischen Foto-Shootings und kuriosen Vorschlägen, wie jenem zur Sieben-Jahres-Ehe. Sie strapazierte ihre Rolle als schöne Rebellin und Freidenkerin so sehr, dass ihre politische Glaubwürdigkeit dramatisch litt. Offenbar gab es in ihrem Umfeld niemanden, der ihr geholfen hätte, ihre Eitelkeit gewinnbringender anzulegen.

Gleichwohl war ihr Auftreten auf diesem Parteitag ein Testfall für die CSU. Im Hinblick auf die Frage, wie sie mit ihren Kritikern an der Basis umgeht. Und im Hinblick auf die Frage, wie modern ihr Familienbild ist. Dass die monogame, lebenslange Ehe keine Selbstverständlichkeit ist, dürfte sich dank Seehofers Kapriolen auch in Bayern herumgesprochen haben. Wie mit den Menschen und den Familien zu verfahren ist, die von dieser Norm abweichen, konnte und wollte auf diesem Parteitag niemand beantworten. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Das ist die religiös motivierte Fundi-Position der CSU am Anfang des 21. Jahrhunderts.

Neuer Führungsstil angekündigt

Zum innerparteilichen Gedankenaustausch waren immerhin ein paar schöne Worte zu hören. Sowohl Huber als auch Beckstein ließen durchblicken, dass sie den absolutistischen Führungsstil Stoibers nicht fortführen wollen. "Ich weiß, dass ich nicht der Allerhöchste bin, sondern dem Allerhöchsten verpflichtet bin", sagte Beckstein in seiner ureigenen Mischung aus Volkstümlichkeit und Ironie. Er setze auf "Mannschaftsgeist und Mannschaftsleistung". Huber versprach, den Austausch mit der Basis zu stärken, "auch, indem wir mehr Frauen einbeziehen."

Frauen wie Pauli überschreiten die Toleranzschwelle allerdings schon. Sie wurde auf dem Parteitag nicht integriert, sondern einem Exorzismus unterzogen. Auch die Unverheirateten, Alleinerziehenden, Schwulen und Lesben haben von den Christsozialen nichts zu erwarten. Um die vielbeschworene "Geschlossenheit" der Partei zu wahren, dürfen die Anderen nicht zum Ausdruck kommen.

Die CSU, so scheint es, hat ein Problem mit der Realität.

Und mit der Demokratie.

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