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3. Oktober 2008, 15:21 Uhr

Personalkriege am Grab von Strauß

In der Barockkirche von Rott am Inn trugen die CSU-Granden, die hier den 20. Todestag von Franz Josef Strauß begingen, pflichtschuldig Trauermiene. Bei einem Geheimtreffen am Rande rangen sie wieder um das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten. Vorläufiger Sieger: Horst Seehofer. Von Lutz Kinkel und Gabriele Rettner-Halder

Nachfolger: Der designierte CSU-Vorsitzende Horst Seehofer auf der Trauerfeier zum 20. Todestag von Franz Josef Strauß in Rott am Inn© Peter Kneffel/DPA

Auf Sizilien mag es mitunter ähnliche Bilder geben, aber dies ist Rott am Inn, etwa 60 Kilometer von München entfernt. Mächtige Limousinen rollen am Barockkirchlein St. Peter und Paul vor, ihnen entsteigen Männer mit todernsten Mienen: der ehemalige bayerische Ministerpäsident Edmund Stoiber, Noch-Parteichef Erwin Huber, Landwirtschaftsminister Horst Seehofer, CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer, Innenminister Joachim Hermann, Wissenschaftsminister Thomas Goppel, um nur einige zu nennen. Sie wollen hier beten und singen, zu Ehren des vor 20 Jahren verstorbenen Franz Josef Strauß. In den vergangenen Tagen hieß es bei den CSU-Anhängern: Straußens Grabplatte werde sich noch wölben, so sehr grolle der Geist des Toten angesichts der Diadochenkämpfe, die seine Partei derzeit erschüttern.

"Wir sind nicht Gott"

Reinhard Marx, der neue Erzbischof von München und Freising, der auf Wunsch der Strauß-Nachfahren die Predigt hält, belässt es bei dunklen Andeutungen. "Wir sind nicht Gott", sagt er. "Der Herr erbarme sich unser, er nehme Schuld von uns." Vor den Seitenaltären haben sich Abordnungen der Gebirgsschützen und Studentenverbindungen aufgereiht, in den Kirchbänken knien Schulter an Schulter die CSU-Granden. Das Aroma der Demut ist gleichwohl nirgends zu schmecken.

Einer ist nicht gekommen: der soeben zurückgetretene Ministerpräsident Günther Beckstein. Es heißt, er habe sich nach dem Chaos der vergangenen Tage für ein langes Wochenende zuhause entschieden. Sein Name ist dennoch präsent: Auf einer Geheimsitzung am Rande der Totenfeier ringt die CSU-Spitze abermals um Becksteins Nachfolge. Landesfraktionschef Georg Schmid hatte am Freitag seine Bewerbung zurückgezogen, also bleiben Goppel, Hermann und Seehofer. Edmund Stoiber, der "Mephisto aus Wolfratshausen", will Seehofer; die CSU-Bezirksverbände Oberbayern, Oberpfalz, Niederbayern und München sprechen sich ebenfalls für den schlitzohrigen Landwirtschaftsminister aus. Damit hat Seehofer das Spiel schon fast gewonnen. Ein offizielles Ergebnis hat das Geheimtreffen nicht.

Abbitte bei Strauß

Als die ersten die Kirche verlassen, prasselt Regen nieder. Unter hunderten Regenschirmen prozessiert die Trauergemeinde zum Friedhof, der seitlich der Kirche liegt. Vor der Gruft der Familie Strauß bildet sich eine lange Schlange. Auch die Gebirgsschützen und die Jungspunde aus den Studentenverbindungen haben die Kirche verlassen und stehen nun Spalier. Aus ihren Kleidern tropft das Wasser, ihre Gesichter sind so starr als wären sie die Schweizer Garden vor dem Vatikan. Es gilt Abitte zu leisten, bei Franz Josef Strauß, dem heiligen Vater der CSU, der es verstanden hatte, seine Partei überlebensgroß zu machen.

Unter den Schirmen wird leise parliert, der Strom der Krisengespräche reißt auch hier nicht ab. Erwin Huber seufzt. "Ich habe schon bessere Tage erlebt", sagt er zu stern.de. Dann verschwindet er mit Christine Haderthauer in einem Nebengebäude der Kirche. Der zurückgetretene Parteichef und die zurückgetretene Generalsekretärin. Die CSU hat erstmals mehr Verlierer als Gewinner in ihren Reihen. Günther Beckstein, der Franke, hat bereits wissen lassen, dass er nur noch einfacher Abgeordneter sein wird. Einer neuen Koalitionsregierung, vermutlich mit der FDP, werde er "selbstverständlich" nicht mehr angehören.

Ein "pietätloser Akt"

Die Grabplatte über dem Sarg von Franz Josef Strauß wölbt sich heuer nicht, sie hat sich auch im Januar 2004 nicht gewölbt. Damals hatte das bayerische Finanzamt die Begräbnisstätte gepfändet. Der Grund: Gegen Strauß' ältesten Sohn Max lief ein Steuerstrafverfahren in Millionenhöhe. Edmund Stoiber, damals Ministerpräsident, wusste dem Vernehmen nach von der Pfändung, schritt aber nicht ein. Erst als die Menschen protestierten, verwahrte sich die CSU-Spitze gegen den "pietätlosen Akt". Mit dem "C" im Buchstabenkürzel der CSU war es schon seinerzeit nicht weit her.

Von Lutz Kinkel und Gabriele Rettner-Halder
 
 
KOMMENTARE (10 von 13)
 
tricky_dude (04.10.2008, 12:12 Uhr)
@keinheiliger
Ich wollte nur provozieren weil ich genügend Leute kenne die dauernd jammern, aber zu faul sind zur Wahl zu gehen. Ich meine wirklich zu faul.
keinheiliger (04.10.2008, 09:43 Uhr)
@flyingfree
Genau, haben sie. Aber nun muessen sie koalieren und das haben die Herrschaften seit ueber 40 Jahren nicht gemusst, ich glaube, die wissen gar nicht wie das funktioniert.
Parteiinterne Mauschelei geht nicht mehr, die Amigo’s muessen teilen lernen. MfG
keinheiliger (04.10.2008, 09:40 Uhr)
@tricky-dude
Es waere besser, wenn sie solche merkwuerdigen Forderungen als Ironie kennzeichen wuerden, es sei denn sie meinen es ernst mit den eingeschraenkten Buergerrechten und erhoehten Steuern bei Nichtwaehlern. In diesem Fall waere ich fuer Wahlfaehigkeitsnachweise und haette in ihrem Fall aber hohe Bedenken. MfG
flyingfree (04.10.2008, 07:26 Uhr)
Lernfähig
Na da haben sie ja doch was gelernt vom Alten.
Amigos, Schattenwirtschaft und Intrigen.
Jetzt müssen sie nur noch Geld in´s Ausland schaffen, Rüstungsdeals einfädeln und Journalisten einperren. Dann ziehen sie langsam mit FJS gleich.
L.Gleichmann (03.10.2008, 22:20 Uhr)
@undueberhaupt
Geht nicht,weil, was wird da selbigen eigentlich zugemutet? Man muss bei solch verständlichen Wünschen aber bedenken: Der nímmt nicht jede(n), nicht dass er ersatzweise den (die)Wünscher)in) holt... ;-)
Reality (03.10.2008, 20:31 Uhr)
@tricky_dude
Ein merkwürdiges Demokratieverständnis welches sie hier von Ihnen bekannt machen.
Sie können sich womöglich nicht vorstellen, dass es Leute gibt, die keine der Parteien als geeignet ansehen, auf die wirklich dringenden Bedürfnisse des Volkes einzugehen und deswegen nicht zur Wahl gehen.
Ihnen fehlt wohl auch das Verständnis dafür um zu Begreifen, dass ein Nicht zur Wahl gehen auch eine Wahl ist.
Es soll aber Leute geben, die von einer demokratischen Wahl sprechen wenn nur noch 5 % der Wahlberechtigten wählen.
Was meinen sie würde das wohl aussagen ?
Diese Überlegung bedarf allerdings einer gewissen geistigen Beweglichkeit die man wohl nicht von Allen erwarten darf.
Ich hoffe sie haben verstanden was ich meinte, andernfalls kann ich nicht weiter behilflich sein.
manesse (03.10.2008, 20:28 Uhr)
@reality
Wirklich? Ich fand's in Bayern unter und nach Strauss meistens sehr lustig und entspannt. Das Gefühl, dass Sie beschreiben, hatte ich lediglich in der DDR oder sonstwo im Ostblock.
Reality (03.10.2008, 20:21 Uhr)
Merkwürdiges Gefühl...
Ich muss gestehen, dass ich als ich früher immer wieder geschäftlich nach Bayern fahren musste, also in jener Zeit als der Franz-Josef noch
in Amt und Würden, lebendig unter uns weilte.
Da überfiel mich jedesmal ein merkwürdiges Gefühl von Beklemmung und ich meinte mich ständig von wem überwacht, so las würde man sich in einer Diktatur bewegen.
Merkwürdig gell....
Nach seinem Tod war die merkwürdigerweise nicht mehr der Fall.
kette1 (03.10.2008, 19:51 Uhr)
Informelle CSU Mitarbeiter
Noch immer schreiben Leute aus der NBZ (Nichtbayrische Zone) darüber,
wie es bei uns ist. Das stört mich zunächst an diesem Artikel. Warum konnte zu diesem Sachverhalt nicht jemand aus der Bayern Kontroll-Behörde Stellung nehmen, der diese Situation selbst erlebt hat? Man könnte manchem kleinen BY verzeihen, wenn er sich zu seiner Schuld bekennen würde und sich geoutet hätte. Das sind aber nur einzelne, die den Mut hatten. Die Opfer der CSU Diktatur tragen ihr Leben lang die Folgen, sei es, dass sie als Kinder von nicht linietreuen Bürgern nicht zur Fortpflanzung zugelassen wurden und eine schlechtere Reproduktionsrate haben und damit bis zur Rente auch ein schlechteres Einkommen, seien es psychische Folgen oder (bei wenigen) Gefängnis oder Gewalt z.B. Zwangsaufenthalt auf der Wiesn. Wenn man mal schaut, sind die führenden Mitarbeiter der CVSU in der BRD meist gut gelandet, da sie in der FJSW (Franz Joseph Strauss Welt) die einflussreichen Stellen inne hatten und oft als kompetente Ansprechpartner schnell die Seite wechseln konnten.
Quelle Block www.stern.de/unterhaltung/buecher/:Stasi-Aufarbeitung-Wir-Kalten-Krieg
manesse (03.10.2008, 19:44 Uhr)
Es ist grundfalsch,
den künftigen bayerischen Ministerpräsidenten auch noch CSU-Vorsitzender sein zu lassen. Das Beispiel Beck sollte zu denken geben. Wer in Berlin nicht vorort ist, wird das Nachsehen haben. Seehofer sollte im Bundeskabinett verbleiben, auch wegen der anstehenden Europa- und Bundetagswahlen.
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