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Wer war der Mann hinter Strepp?

Welcher Parteisprecher ist so dämlich, einem Redakteur zu sagen, was er zu tun und zu lassen hat? Vieles spricht dafür, dass CSU-Mann Strepp auf Anweisung gehandelt hat.

Von Lutz Kinkel, Berlin

  Ein Fall für den bayerischen Landtag: Die Abgeordneten wollen sich heute mit der Causa Strepp befassen.

Ein Fall für den bayerischen Landtag: Die Abgeordneten wollen sich heute mit der Causa Strepp befassen.

Ja, auch ich habe in der ersten Empörung einen Tweet weitergeleitet. Er lautet: "Hat Putin einen neuen Job für Strepp?" Zu dreist schien, was da vorgefallen sein soll. CSU-Mann Hans Michael Strepp hat nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" am Sonntag in der heute-Redaktion des ZDF angerufen, um zu verhindern, dass in den Nachrichten über Horst Seehofers SPD-Konkurrent Christian Ude berichtet wird. Hallo?! Das ist ein Zensurbegehren. Und das passt zu Putins Autokratie. Aber nicht zum üblichen Umgang zwischen Regierungen, Parteien und Medien in Deutschland.

Mal abgesehen davon, dass Strepp die Darstellung des "Süddeutschen Zeitung" bestreitet - auch mir kam die Story auf den zweiten Blick seltsam vor. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen.

1.) Praktisch jeder Politikjournalist in Berlin hat dann und wann mit Strepp zu tun. Es gibt immer wieder Nachfragen zur CSU-Politik, zu Projekten wie dem Betreuungsgeld oder Personalentscheidungen. Ich habe zuletzt mit ihm telefoniert wegen des Wechsels von Ilse Aigner nach Bayern. Und Strepp war wie immer: alert, professionell, freundlich. Natürlich versucht er in Gesprächen, die CSU bestmöglich aussehen zu lassen, aber wer wollte ihm das verübeln. Dafür wird er bezahlt. Strepp ist jedenfalls weder mir noch den Kollegen hier im Hauptstadt-Büro jemals als beinharter Manipulator aufgefallen, der versucht, dreckige Geschichten abzuladen oder miese Deals zu machen. Er ist eher reaktiv als aktiv, ansprechbar, aber sich nicht aufdrängend, eigentlich ein Mann, wie man ihn sich als Parteisprecher wünscht. Kurz: Die ZDF-Nummer passt nicht zu ihm als Person.

2.) Strepp ist von der Ausbildung her Jurist, er war unter Edmund Stoiber Sprecher der Staatskanzlei, seit sechs Jahren ist er Sprecher der CSU. Der Mann kennt das Geschäft. Und er weiß, dass Journalisten, wenn sie nur zwei Gramm Aufrichtigkeit im Leib haben, gegen Zensurbegehren sofort auf die Barrikaden gehen. Aus professioneller Sicht hätte er, wenn überhaupt, bei einem konservativen Afficionado in der ZDF-Hierarchie anrufen können, um das "Problem" zu erörtern. Beim diensthabenden Redakteur anzuklingeln, den er mutmaßlich gar nicht kennt und der, wie das ZDF bestätigt, in einem Großraumbüro (!) sitzt, ist unprofessionell. Besser gesagt: Es ist unglaublich stumpf und blöde. Kurz: Die ZDF-Nummer passt nicht zum beruflichen Selbstverständnis eines Profis wie Strepp.

3.) Die CSU hat derzeit einen guten Lauf, sie ist wieder nahe an der absoluten Mehrheit, Seehofer ist, trotz interner Kritik, als Parteichef und Spitzenkandidat ohne Alternative. Auf dem Münchner Parteitag zelebrierte er sich als Staatsmann, die Wadenbeißerei überlässt er den nachgeordneten Rängen. Seinen Konkurrenten Ude muss er nicht so furchtbar ernst nehmen, die SPD liegt in den Umfragen bei 20 Prozent, sie kommt nicht aus dem Knick. Im Gegenteil: Zu viel Aufmerksamkeit würde Ude nur adeln, ihn in den Rang einer Bedrohung erheben. Dass die Medien an diesem Sonntag gleichwohl über Ude berichten würden, war klar. Immerhin hatte die Bayern-SPD einen Parteitag. Kurz: Es gab inhaltlich keinen Grund, weshalb Strepp hätte intervenieren sollen.

Dobrindt bestreitet Initiative

Unterm Strich ist es also kaum zu erklären, weshalb Strepp eine solche Aktion fahren sollte. Zumal ihm klar sein musste, dass er damit ein erhebliches Risiko eingehen würde. Schließlich lassen sich Manipulationsversuche leicht gegen den Manipulator drehen. Es ist für jedes Medium Gold wert, sich als standhaft, unbestechlich und unabhängig darstellen zu können. Deshalb war damit zu rechnen, dass der Anruf publik wird. Und ihm die ganze Nummer so auf die Füße fällt. Wie geschehen.

Ergo kann es - rein logisch - nur eine Lösung geben: Jemand muss, gleichsam mit vorgehaltener Waffe, Strepp zu diesem Anruf gezwungen habe. Los jetzt! Mach! Und die zweite Überlegung, wer die Macht dazu besitzt, führt zu zwei Namen: Horst Seehofer und CSU-General Alexander Dobrindt. Seehofer ist nach aller Erfahrung viel zu gewitzt - und übrigens auch zu selbstbewusst -, um so kleinteilige Medienmanipulationen zu versuchen. Er hat sich auch augenblicklich von Strepp distanziert und Aufklärung gefordert. Von Strepp und Dobrindt. General Dobrindt hat inzwischen erklärt, er stehe hinter Strepps Erklärung, wonach er kein Zensurbegehren ausgesprochen habe. Gegenüber stern.de bestritt er zudem, den Anruf veranlasst zu haben.

Wie nervös ist die CSU?

Strepp war am Nachmittag nicht für weitere Nachfragen zu erreichen. Das ZDF bestätigte stern.de den von der "Süddeutschen Zeitung" geschilderten Hergang - und fügte noch eine Info hinzu. Demnach saß der diensthabende Redakteur, wie gesagt, im Großraumbüro. Unmittelbar nach dem Telefonat soll er mit seinen Kollegen über den Inhalt gesprochen haben. Und es ging, nach ZDF-Angaben, zweifellos um den Ude-Parteitag. Tags darauf, am Montag, rief Elmar Theveßen bei Strepp an, um ihn in den Senkel zu stellen. Strepp retournierte einen kurzen Brief, in dem er die Vorwürfe bestritt, aber einräumte, angerufen zu haben.

Nun wird es sehr eng für Strepp, möglich, dass er seinen Job verliert. Und wer auch immer die Aktion von CSU-Seite dirigiert haben mag, hat sich ebenfalls reingeritten: Mit dem peinlichen Eingeständnis, die Hosen so gestrichen voll zu haben, dass er zu Kamikaze-Aktionen neigt. Das ZDF sieht einstweilen wie ein Sieger aus, aber die Debatte, wie die Politik Einfluss nimmt, wird wieder aufflammen, zuletzt war das der Fall beim Sturz von Chefredakteur Nikolaus Brender. Dass es Einfluss gibt, ist klar. Nur er vollzieht sich auf anderen Kanälen. Die Plumpheit des Strepp-Anrufs bewertet auch das ZDF als "sehr, sehr außergewöhnlichen Vorgang".

Lutz Kinkel leitet das Berliner Hauptstadtbüro von stern.de

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