4. Mai 2006, 11:44 Uhr

Joschka auf dem Endlos-Klassentreffen

Die Deutschen sind wieder wer in den USA und einer überstrahlt sie alle: Ex-Außenminister Joschka Fischer. Seine Biografie fasziniert, seine Reden unterhalten; er ist der Star im endlosen Klassentreffen der ganz Großen dieser Welt. Von Katja Gloger, Washington

Immer noch auf Tuchfühlung mit den Großen der Welt: Fischer und Kofi Annan©

Perfekt zelebriert er das Repertoire seiner Gesten und ist die Bühne noch so klein - Washington DC, ein strahlender Maimorgen, es geht um große politische Fragen; gut 200 Zuhörer sitzen auf unbequemen Stühlen. Eine Konferenz zum Thema Europa.

Mal verschränkt der ehemalige Außenminister distanziert die Arme überm Bauch, mal runzelt er missbilligend die Stirn, schüttelt den Kopf - und wenn es ganz ernst wird, legt er sein Haupt felsenschwer in die linke Hand. Kein Zweifel: Dieser Mann hat noch was zu sagen. Und zwar jede Menge: Europa, der Iran, Krisenherde in aller Welt, dazu die bitteren Lektionen der Geschichte aber vor allem "Peace and Stability". Frieden und Stabilität. Auf Englisch. So könnte es aussehen, das neue Leben des Joschka F., Außenminister a.D.

Es ist die Woche der Deutschen hier in Washington. Sie werden umgarnt, hofiert wie seit Jahren nicht mehr. Joschka Fischer ist da, Otto Schily auch, er soll über Terrorismusbekämpfung sprechen.

So beliebt sind diese Deutschen auf einmal wieder, dass selbst eine Delegation konservativer Abgeordneter des Europäischen Parlaments ihre Gesprächspartner im Kongress mit den Details europäischer Agrarsubventionen quälen darf.

Vor allem aber die Bundeskanzlerin räumt politische Liebesbeweise en gros ab. Geht mit Bush im Garten spazieren, nachdem man in der Iran-Frage entschlossene Einigkeit demonstriert hat. Hat sich dann beim Abendessen im "Family Dining Room" so viel zu erzählen, dass der Zeitplan ordentlich durcheinander gerät. Und mehr noch: Schon in zwei Monaten will Präsident Bush nach Mecklenburg-Vorpommern kommen, um dort vom wahren Leben im Osten zu kosten. Deutschland ist wieder so richtig obenauf im Weißen Haus. Gerhard Schröder? Wer war das noch mal?

Was kommt nach dem glanzlosen Abgang?

Viele hatten sich gefragt, was wohl aus ihnen werde nach ihrem glanzlosen Abgang aus der großen Politik - aus den drei Platzhirschen des rot-grünen Kabinetts, dem Schröder, dem Schily, dem Fischer. Keiner weinte ihnen nach, keiner jammerte. Im Gegenteil: Es hagelt Kritik an Gerhard Schröder, der sich so schäbig bei den Russen verdingt. Otto Schily sitzt im Auswärtigen Ausschuss und träumt von einer Zukunft als "Elder Statesman".

Und Joschka Fischer, frisch verheiratet, wolle vielleicht eine Gastprofessur in den USA annehmen, hatte der stern im vergangenen Januar gemeldet. Offiziell ließ er lediglich ausrichten, dass ihm die Universität Princeton das Angebot über eine Gastprofessur für ein akademisches Jahr gemacht hatte. Eine Entscheidung darüber, ob er sie annehme oder nicht, habe er nicht getroffen, sagte er damals.

Dabei scheint es ihn in diesen Wochen nahezu unermüdlich nach Westen zu ziehen. Gerade noch war er in Kalifornien, hielt einen Vortrag über die EU-Erweiterung und das transatlantische Verhältnis. Danach eine kurze Stippvisite zu Hause in Berlin und vergangenen Sonntag schon wieder über den Teich, für fünf Tage nach Washington. Jetlag? Anstrengung? Da grinst er nur: "Ich habe ja da wohl einen echten Vorteil." Fischer macht immer eine gute Figur Und er macht eine gute Figur: als Ex-Außenminister, als Deutscher mit europäischer Mission, als kluger Kopf. In Amerika mag man Menschen wie ihn. Mag seine Geschichte, die Wandlung vom steinewerfenden Revoluzzer zum Staatenlenker. Solche "Stories" liebt man in Amerika. Und neidisch guckt auch keiner.

Als ehemaligem Außenminister und derzeitigen Abgeordneten steht ihm in der US-Hauptstadt die standesgemäße Betreuung durch die Deutsche Botschaft zu: Man schreibt ihm ein Programm, stellt ihm einen jungen Diplomaten an die Seite und eine anständige Transportmöglichkeit in Form eines BMW 750 L ist natürlich auch noch drin.

Fischer hat sich zu einer Tagung bei der Brookings-Institution angesagt, einem der angesehenen "Think Tanks" der USA, deren Direktor einmal stellvertretender Außenminister unter Bill Clinton war. "Scheitert die Europäische Union?" lautet die nicht ganz überraschende Frage, die tunlichst in 90 Minuten beantwortet werden soll.

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