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24. Oktober 2009, 15:34 Uhr

Fester Stamm, dünne Äste

Was taugt das neue Kabinett? Bei der Besetzung hat Kanzlerin Merkel vor allem auf eines geachtet: ihren Machterhalt. Verlierer ist einmal mehr CSU-Chef Seehofer. Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Schwarz-Gelb, Regierung, Merkel, Westerwelle, Koalition

Die Chefs der Regierungsparteien: Horst Seehofer (CSU), Guido Westerwelle (FDP) und Angela Merkel (CDU)© Franka Bruns/AP

Fast schon entzückt bedachte die Tageszeitung "Die Welt" Angela Merkels neues Kabinett mit der Schlagzeile "Eine kleine Wundertüte." Mag sein, dass die Kanzlerin über das Kompliment lächelt. Aber ganz sicher hatte sie keine Millisekunde lang bei der Aufstellung ihrer neuen Regierungsmannschaft das Wörtchen "Wundertüte" im Sinn.

Nicht diese Merkel. Sie ist Machtpolitikerin weniger durch strikte Linientreue in programmatischen Fragen. Sie ist es durch ihre Personalpolitik, die sie konsequent stets mit dem Ziel größtmöglicher Machtsicherung betrieben hat. Diesmal ist es nicht anders.

Die neue Regierungsmannschaft präsentiert sich als respektabler Baum mit festem Stamm und einigen dünnen Ästen. Drei Männer sind die herausragenden Stützen dieser Kanzlerin. Wolfgang Schäuble, Thomas de Maizière, Guido Westerwelle.

Da die Politik der nächsten vier Jahre am schwersten von der Finanzfrage beschäftigt werden wird, konnte sie keinen besseren zum Bundesfinanzminister machen als Schäuble. Er bringt die spezielle Sachkunde für dieses Schlüsselressort mit. Wichtiger noch: Ihm, dem Mann, der als einziger Minister die Kollegen mit seinem Vetorecht vor allzu ungestümen Griffen in marode Staatskasse stoppen kann, kann keiner. Nicht in Sachen Regierungserfahrung, nicht in Sachen Rigidität bei der Verteidigung einer einmal gesetzten politischen Linie - bei gleichzeitiger Kompromissfähigkeit in der Kooperation mit dem Koalitionspartner. Hinreichend bewiesen im vergangenen Geschäft mit der SPD, neu belegt jetzt durch das Tempo, mit dem er sich mit der FDP bei Fragen der Rechtsstaatspolitik zusammen raufte.

De Maizière als Bundesinnenminister ist ebenfalls ein wichtiger Stabilitätsfaktor. Vier Jahre lang bereitete er die Politik der Kanzlerin als Kanzleramtsminister auf. Keiner kennt sie besser, und sie kennt keinen besser. Schäubles wie de Maizières bemerkenswerteste politische Eigenschaft heißt bedingungslose Loyalität nach außen, zugleich aber offene Sprache intern. Bei de Maizière kommt hinzu, dass ihn echte persönliche Freundschaft mit Merkel verbindet. Bei Schäuble ist das nicht mehr möglich, doch gegenseitiger Respekt prägt die Beziehung.

Dritter starker Mann dieser Regierung wird unbestreitbar Westerwelle sein. Seine FDP wurde mit ihrem Wunschressort Wirtschaft bedient, das Rainer Brüderle gewiss brav auf FDP-Linie publizistisch fahren wird. Und mit Philipp Rösler hat er das beste FDP-Nachwuchstalent im Gesundheitsministerium platziert, wo mit Sicherheit die strittigsten Fragen der nächsten Jahre gelöst werden müssen. Einen Dirk Niebel hätte man sich im Entwicklungshilferessort als Minister sparen können. Er wird auch dort nur das machen, was er bisher stets gemacht hat: Verkünden, was Westerwelle ihm sagt.

Was indes ein Franz-Josef Jung im Arbeitsressort zu suchen hat, ist schwer zu erkennen. Fachkenntnisse null, Führungskraft bescheiden - in einem Schlüsselministerium dieser Koalition hätte man sich einen besseren Mann gewünscht, als denjenigen, der schon von den schlichten Strukturen der Bundeswehrführung überfordert war. Rätselhaft auch, weshalb eine Regierung, die sich die Schaffung einer "Bildungsrepublik" Deutschland aufs Banner schreibt, mit einer Annette Schavan in diesen Kampf um die Zukunft der Bundesrepublik zieht. Vier Jahre lang fand Bildungspolitik nicht statt, schon gar nicht unter dem Gesichtspunkt, dass Bildung in diesem Land endlich wieder zum kostenlosen Bürgerrecht wird. Schavan hat Bildung bisher stets vorwiegend als Bevorzugung bürgerlicher Wähler betrieben.

Der zentrale Verlierer dieser Kabinettsbildung sitzt gar nicht am Tisch der Kanzlerin - Horst Seehofer. Das größte CSU-Talent, Karl-Theodor zu Guttenberg, ließ er ins Verteidigungsministerium verfrachten, reichlich weit weg von der Innenpolitik. Der CSU-Chef dürfte das ganz gerne gesehen haben, denn damit ist er die unmittelbare Konkurrenz durch den Liebling der deutschen Wähler zunächst einmal los. Die CSU als bundespolitischen Faktor hat er damit gewiss nicht stärker gemacht. Mit einer Ilse Aigner als Bauernministerin und einem Peter Ramsauer als Verkehrsminister darf die CSU zwei politisch drittklassige Häuser besetzen.

Für die CDU andererseits schickt Merkel mit Norbert Röttgen ihren besten Mann aus der Nachwuchsriege ins Umweltressort. Das ist eine Botschaft der Kanzlerin mit präzisem Blick in die Zukunft einer sich dramatisch verändernden Parteienlandschaft. In Röttgen bekommt SPD-Chef Sigmar Gabriel einen angemessenen Gegner im Bundestag vorgesetzt. Und Röttgen wird die CDU auch für grüne Wähler attraktiv machen. Merkel wäre nicht Merkel, wenn sie nicht schon heute an Zeiten denkt, in denen sie die Liberalen entweder nicht mehr braucht oder nicht mehr haben will.

 
 
KOMMENTARE (10 von 15)
 
traldors (25.10.2009, 20:00 Uhr)
Wir werden alle (...)
sterben (Fakt 1) und vorher werden wir alle leiden (Fakt 2) und ja, die derzeitige Regierung trägt Ihren Teil dazu bei (...)
oppenwehe (24.10.2009, 19:54 Uhr)
Schreiberlinge
Es stimmt: die Ministerialen schreiben vor. Das ist wie in jedem Unternehmen: die Mitarbeiter erarbeiten Konzepte, und die Führung entscheidet. Deswegen finde ich es legitim, dass Experten zu Rate gezogen werden.

Was Lobbyisten angeht: es wird oft darüber gemeckert, dass "die da oben" keine Ahnung haben und sich nicht um die Bürger scheren. Deswegen holt man Lobbyisten ein: sie bringen Expertise. Außerdem sind Lobbyisten nicht nur die bösen Buben, sondern auch Greenpeace, DGB, Tierschutzbund etc.

Bleiben die Kanzleien: in Zeiten derart komplizierter Gesetze geht es nicht mehr ohne Top-Anwälte. Aber das will die FDP ja gerade ändern...ich bin gespannt.
Sternchen2020 (24.10.2009, 19:17 Uhr)
@Johann58 (
Ich glaube, die Machtfülle wird in der BRD überschätzt. Bis ein Einzelner etwas durchsetzen kann, gibt es viele Hürden zu nehmen. Nicht einmal die Kanzlerin kann irgendetwas machen im Alleingang und auch ihre Machtfülle wird regelmäßig völlig überschätzt.

Unterschätzt hingegen wir der Einfluss der Lobbyisten. Ich meine nicht die legitimen Lobby-Arbeiter, sondern jene, die inzwischen schon mit an Gesetzen herumkritzeln.

Die vielen Anwälte sind allerdings ein wirklich ernst zu nehmendes Problem. Daher haben wir nämlich inzwischen so viele Verordnungen und Gesetze, dass niemand mehr durchblickt. Vieles ist auch unnötig für ein gedeihliches miteinander, das ja lediglich einen Rahmen schaffen soll.

Um hier abzubauen und Ordnung zu schaffen, würde es drei Legislaturperioden benötigen, in denen möglichst erst einmal wenig neue Verordnungen hinzukommen, sondern nur Altes abgeschafft wird.

Vetorecht hinsichtlich Schäuble: das würde ich als absolut legitim in einer Demokratie ansehen. Ich wundere mich durchaus schon sehr, dass mit einer solchen Vergangenheit nicht schon im Vorfeld klar ist, dass das nicht geht.

Es gibt wichtige Dinge zu tun und ich bin gespannt, ob sie endlich in unserer vermeintlichen Demokratie umgesetzt werden. Hierzu zählt die unverzügliche Abschaffung der Weisungsgebundenheit der Staatsanwälte sowie die maßvolle Einführung von Volksentscheiden auch auf Bundesebene.
Johann58 (24.10.2009, 18:54 Uhr)
@sternchen2020
sind Sie da nicht ein bischen zu blauaeugig? Dass die Berater und die Gremien einen Grossteil der Arbeit machen ist ja nichts Neues aber das was dort ausgeheckt wird ist von dem entsprechenden Minister zum einen zu initiieren und zum anderen der Oeffentlichkeit zu verkaufen und umzusetzen. Lustig ist fuer mich der Hinweis auf Anwaelte. Haben Sie sich mal ueberlegt warum jemand Jura studiert? Der hat naemlich meist nicht genug drauf um was Richtiges zu studieren! Ausserdem wie stellen Sie sich ein Veto vor? das Vetorecht hatten wir im September aber da wurde kein Gebrauch davon gemacht!
Sternchen2020 (24.10.2009, 18:46 Uhr)
@GordonBleu
Hinter den Ministern und natürlich auch der Kanzlerin stehen unzählige Mitarbeiter. Die haben das Fachwissen, sie flüstern ein.

Wechseln dürfen sie natürlich laut unserer Verfassung und insgesamt wäre es ja auch durchaus wünschenswert, wenn die Regierung - wie von der Verfassung vorgesehen - einen Querschnitt unserer Bevölkerung abbildet. Was sie natürlich nicht tut, der Übermacht an Lehrern und Anwälten sei "Dank".

Den Volksvertretern im Ministeramt können wir nur einen gewissen Vertrauensvorschuss geben, den sie entweder nutzen oder missbrauchen.

Also müssen wir alle so hinnehmen, wie es ist. Mit Ausnahme Schäuble, da bin ich der Meinung, das geht überhaupt nicht. aufgrund seiner Vergangenheit mit den Schwarzgelder und dem Waffenlobbyisten Schreiber. Ich denke in dem Fall sollte das Volk ein Vetorecht haben.

Johann58 (24.10.2009, 18:34 Uhr)
@desperados
Sie machen offensichtlich ganz bewusst den Fehler die Linke mit der DDR/SED gleichzusetzen. Genau das sollte man aber nicht tun. Ich bin kein Freund der Linken und auch davon ueberzeugt, dass es eine Zeiterscheinung ist, die in spaetestens 8 Jahren sich selbst wieder aufloest. Ich erkenne aber in Schnueefelschaeuble und FDJ Merkel mehr DDR als in anderen Parteien.

@Sternchen2020
Ich tippe eher auf schwarz/braun in 4 Jahren, ich glaube dass der Deutsche Frustwaehler in 4 Jahren massiv rechts waehlen wird und die NPD ploetzlich den Gruenen und der FDP den Rang ablaeuft.
GordonBleu (24.10.2009, 18:29 Uhr)
kompetenzen & fähigkeiten
ich bin immer erstaunt, wie schnell & unkompliziert minister und politiker allgemein ihr ämter und ressorts tauschen können. sind die so genial, daß die aus dem stand jedes amt ausüben können? oder muß ich als minister eigentlich gar nichts können und meine einzige fachliche qualifikation ist das parteibuch?
Johann58 (24.10.2009, 18:25 Uhr)
Ich kann da keinen festen Stamm erkennen!
Ein fester Stamm lebt von gesunden Wurzeln, die tief in der Erde verwurzelt sind und dem Stamm Halt und Nahrung bieten. Hier ist aber leider ein sterbendes Wurzelwerk zu erkennen, welches dem Stamm nicht genuegend Nahrung gibt und die eben bereits duennen Aeste ganz schnell entlaubt und zum Sterben bringt. Eines ist so schoen dargestellt; es geht um Merkels Machtposition, sie umgibt sich mit einer Gurkentruppe, die von ihren Ressorts, denen die einzelnen Pfeiffen vorsthen keine Ahnung haben und der Position Merkels nicht gefaehrlich werden koennen. zu Guttenberg, innerhalb weniger Tage zum Shootingstar der CSU gepuscht zum Kriegsminister degradiert. Schnueffelmeister und Schwarzgeldspezialist Schaeuble zum Hueter der Finanzen auf einen Schleudersitz positioniert und so weiter und so weiter. Natuerlich geht die Welt nicht unter und normalerweise sollte man eine neue Regierung auh mit etwas Kredit ausstatten aber der schwarz/gelbe Verein hat ja schon bevor sie angefangen haben jeglichen kredit verspielt. Ich muss ja den Waehlerwillen respektieren und die, welche an die Urne gegangen sind haben sich wenn auch mit duenner Mehrheit fuer schwarz/gelb entschieden, aber ich hoffe, dass die Opposition stark genug ist Dinge zu verhindern, die Deutschland schaden.
desperados (24.10.2009, 18:25 Uhr)
Nur Mut....
.....die vom Volk gewünschten und gewählten Vertreter werden das schon machen. Dieses Rumgeunke und Schlechtgerede hier verbessert doch absolut nichts. Eine rot-rote Regierung hätte ersteinmal lernen müssen das die Finanzen, welche sie aus vollen Händen verteilen wollte, erst einmal verdient werden müssen. Ohne Fleiß keinen Preis!
Und die ach so "schlimme und gefürchtete" schwarz-gelbe Koalition hat sich als erstes auf die Fahnen geschrieben die ungerechten Hartz 4-Gesetze zu entschärfen!
Es hat den Anschein das die hier niedergeschriebenen Kritiken auf Existenzängste aus dem Spektrum von Gewerkschafttern und sozialdemokratischen Parteifunktionären kommen, welche durch diese Maßnahmen der neuen Regierung ihre Daseinsberechtigung fürchten müssen.
Was eine Diktatur roter, bzw. sozialistischer Colleur im Stande war zu leisten haben 40 lange Jahre DDR bewiesen. Die Folgen der roten Diktatur spürt jeder Steuerzahler von uns noch heute! Das Ergebnis dafür das all unsere Vorfahren gemeinsam "HEIL" gerufen haben war nun mal die deutsche Teilung, deren Folgen wir heute noch im täglichen Leben spüren.
Jetzt den Verursachern dieser Misere, also der Nachfolgeorganisation der Unrechtspartei namens "SED" in Form der "LINKEN" , die Verantwortung zu überlassen, wäre mehr als wenn man den sprichwörtlichen "Bock zum Gärtner" macht!
Wir können gespannt sein wann der Vereinigungsparteitag zwischen "SED" und "SPD" stattfindet. Viel Zeit wird nicht mehr vergehen und dann Gnade uns Gott. Wohin eine linke Diktatur führt haben uns die letzten 40 Jahre "Projekt DDR" gezeigt!
Sternchen2020 (24.10.2009, 18:18 Uhr)
Nun ja,
der Stamm ist so dick auch nicht und es gibt noch mehr dünne Äste. Meiden müssen aber auch das größte Desaster einigermaßen Schönschreiben, sonst gibt es nachher weder Infos noch Interviews.

Niebel sollte übrigens nicht so unterschätzt werden. Er wird hoffentlich die Entwicklungsgelder an China stoppen und schon hat er sich verdient gemacht.

Er ist auch nicht der Mitläufer, als der er heute quer Beet in den Medien beschrieben wird. Ich persönlich finde es sympathisch, wie man ihm die Freude über so hohes Amt ansieht.

Hingegen wird Merkel seit Jahren völlig überschätzt und Westerwelle muss auch erst einmal beweisen, dass er mehr kann, als rethorische Geschütze aufzufahren. Er wird - nach meiner Prognose - blass bleiben, denn das Amt inklusive dem ganzen Brimbromborium ist im viel wichtiger, als jegliche Inhalte. Er wird weitgehend Merkels Schoßhündchen bleiben. so wie in den vergangenen Jahren, denn die verbalen Angriffe waren mehr Show als sonst was. Sein Ziel war sein eh und je, endlich Minister zu werden. Alles andere spielt nun keine großartige Rolle mehr.

Für die Bürger in Deutschland werden die nächsten Jahre noch einmal sehr schwierig. Mit diesem Personal wird mehr Lobby- denn Bürgerpolitik betrieben. Die Bilanz machen wir 2013. Ich tippe darauf, dass es danach ziemlich rot wird. Schwarz-gelb ist nur ein Intermezzo, das seine Chance nicht nutzen wird. Bei der geballten Front aus SPD, Linke und Grüne, die ja zusammen auch ziemlich nahe an 50 Prozent kommt, wird mit einer solchen Lobbypolitik nicht möglich werden, über 2013 hinaus zu regieren.

Auch die Tatsache, dass Schäuble Finanzminister wird, kommt nur bei den Medien gut an, nicht aber beim Volk. Das aber ist nun einmal in der Mehrzahl und wird 2013 quittieren.
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