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Wenn die Angela ruft

Wie wird ein Minister berufen? Wer war der Ober-Arroganz-Wessi bei der Wiedervereinigung? Das Buch, das Verteidigungsminister de Maizière vorgelegt hat, erlaubt erstaunliche Einblicke. Ein Best-of.

Von Hans Peter Schütz

  Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) gibt in seinem Buch Einblicke in seine politische Vergangenheit

Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) gibt in seinem Buch Einblicke in seine politische Vergangenheit

Manche Interviews sind kurz, manche lang - dieses hat XXL-Format und klebt zwischen zwei Buchdeckeln. "Damit der Staat den Menschen dient" (Siedler-Verlag, 22,99 Euro) hat 380 Seiten, es handelt sich um ein Gespräch zwischen dem Journalisten Stefan Braun und Verteidigungsminister Thomas de Maizière - aber eines, das es in sich hat, denn es erzählt viel über das Innenleben der Macht und der Mächtigen.

Wie wird man Kanzleramtsminister?

Das geht so: Man sitzt an einem Wochenende nach der Bundestagswahl 2005 gemütlich in Dresden zu Hause. Und denkt über seine politische Zukunft nach. De Maizières Frau fragt ihren Mann: Na, haben wir etwas zu erwarten? Da klingelt plötzlich das Telefon. Samstag, 11 Uhr. Angela Merkel ist dran. Was will sie? De Maizière denkt: Werde ich jetzt doch Staatsminister Ost? "Ich habe mir schon genau zurechtgelegt, ohne sie zu beleidigen, wie ich ihr sagen werde, dass ich das nicht mache." Oder bietet sie ihm zum dritten Mal den Posten des CDU-Generalsekretärs an, den er schon zweimal abgelehnt hatte?

Doch Merkel sagt zu ihrem Duz-Freund: "Ich möchte dich als Chef des Kanzleramts mit Ministerrang." Er sagte: "Wow! Ich dachte Aufbau Ost und so." Merkel: "Ach nein, da denke ich jetzt noch gar nicht dran, jetzt geht es erst einmal um die Minister." De Maizière wehrt sich: "Aber ich habe nie im Bund ein Amt gehabt." Ihre coole Antwort: "Das war bei Steinmeier [der unter Gerhard Schröder Kanzleramtschef war, Red.] auch der Fall. Aber nach ein paar Monaten war er drin."

Dann beginnt die dramatische Phase des Gesprächs. Merkels Favorit dankte der Kanzlerin: "Das ist ein sehr ehrenvolles Angebot." Aber er müsse erst noch einmal nachdenken und darüber schlafen. Und vor allem mit seiner Familie darüber sprechen, ehe er sich entscheide. Sie antwortete kühl: Nein, heute". De Maizière bettelt: "Angela, das ist so eine wichtige Entscheidung." Sie knapp und hart: "Nein, heute!" So feilschen die beiden hin und her. Er sagt schließlich: "Okay, 19 Uhr." Sie, unerbittlich: "Nein, 18 Uhr"

Also wird blitzartig der Familienrat einberufen. Für de Maizières Vater gibt es keine Frage: "Klar machst du das! Wenn die Bundeskanzlerin einen so etwas fragt, dann sagt man nicht nein."

Ein wenig menschliches Mitgefühl zeigt Merkel dann doch. "Lieber Thomas, ich akzeptiere für deine Absage keinen einzigen Grund, außer deine Familie ist dagegen."

Das fand der Umworbene für eine Frau, die keine eigenen Kinder hat, bewegend. Und gibt ihr sein Jawort.

Weshalb wäre er gerne "Sechser"?

Der heutige Verteidigungsminister schwärmt für die Kicker von Borussia Dortmund. Warum? Die waren mal fast pleite, erzählt er, und hätten daher auf den eigenen Nachwuchs gesetzt. Und nach dieser Methode der Dortmunder macht er heute Politik: "Dortmunds Trainer Jürgen Klopp hat den Jungs eingepflanzt, dass ein verlorener Ball keine Niederlage ist, sondern eine Chance, sich den Ball wieder zu erobern."

Das ist indes nur der Anfang von de Maizières politfußballerischer Philosophie. Stünde er auf dem Spielfeld, wäre er am liebsten der "moderne Sechser". "Ein guter Sechser muss langanhaltend gute Entscheidungen bringen. Ein guter Sechser steht dort, wo der Ball hinkommt, als hätte er vor fünf Minuten schon gewusst, dass der Ball genau da hinkommt." Der Sechser hieß früher mal Libero und auf dieser Position spielte ein Franz Beckenbauer. Ein Sechser ist auch Bastian Schweinsteiger von #link;www.stern.de/thema/bayern-muenchen;Bayern München#. Dazu sagt de Maizière: "Diese Sechser finde ich am besten. So einen braucht man immer."

Womit alles klar sein dürfte, wer für die Union auflaufen könnte, müsste sie, aus welchen Gründen auch immer, auf Angela Merkel verzichten. Auch die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat de Maizière schon als möglichen Merkel-Nachfolger benannt.

Was war mit de Maizière und Rühe?

So harmonisch wie mit Angela Merkel verlief das politische Leben de Maizières natürlich nicht immer. Vor allem nicht in der für ihn politisch schwersten Phase, dem Ringen um den deutsch-deutschen Vertrag zur Wiedervereinigung. Auf der einen Seite des Tischs saßen Kanzler #link;www.stern.de/thema/helmut-kohl;Helmut Kohl# und seine Getreuen, auf der anderen Seite de Maizières Vetter Lothar, der letzte Ministerpräsident der DDR. Geplant war eine Begegnung auf Augenhöhe, "obwohl wir in Wahrheit gar nicht mehr auf Augenhöhe waren."

Vor allem #link;www.stern.de/thema/volker-ruehe;Volker Rühe#, damals CDU-Generalsekretär, "war auf Sturm gebürstet", so de Maizière. Das erste Gespräch zwischen Rühe und Vetter Lothar sei "grauenhaft" gewesen. "Rühe benahm sich wie jemand, der einen dummen Schüler von oben herunter behandelt. Der hatte sowieso eine ruppige Art, die im Grunde nur Schüchternheit kompensiert, wie ich inzwischen weiß."

Kein Wunder, dass de Maizière, heute Nichtraucher, damals täglich bis zu 60 Zigaretten geraucht hat. Sein Vetter Lothar brachte es sogar auf 100.

Man kann die beiden verstehen. Sie wollten die Einheit. Und wie erlebten sie die CDU-Spitze? "Arrogant, überheblich, besserwisserisch. Mit einer Ausnahme - Wolfgang Schäuble."

Was bringt die Zukunft?

Auch die Bundeswehr-Funktionäre sollten das Interviewbuch lesen. Denn auf Seite 378 steht ein Kernsatz: "Ich möchte gerne vier weitere Jahre Verteidigungsminister bleiben." Und warum? "Weil die Mentalitätsveränderung, die ich erwarte, erst noch weiter durchgesetzt werden muss."

Oberst Ulrich Kirsch, Vorsitzender des Bundeswehrverbandes, wird das aufmerksam registrieren. Dann weiß er, dass die von ihm so oft beklagte "nie dagewesene Belastungsprobe" nicht so schnell enden wird.

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