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3. April 2006, 18:18 Uhr

Hauptschule verkommt zur Restschule

Nach der Gewalt-Eskalation an der Berliner Rütli-Hauptschule ist eine Diskussion über die Zukunft der Hauptschule entbrannt. Politikern wie Bildungsexperten fordern die Abschaffung. Doch nicht alle wollen in den Abgesang dieser Schulform einstimmen.

Auslöser der Diskussion um die Hauptschule waren die Vorfälle an der Berliner Rütli-Oberschule© Tobias Schwarz/Reuters

Gleich von mehreren Seiten werden derzeit Forderungen nach einer Abschaffung der Hauptschule erhoben. Der Bildungsexperten Klaus Klemm, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Bildungsforschung/Bildungsplanung an der Universität Duisburg-Essen, fordert ein Nachdenken über die Hauptschule. "Grundsätzlich halte ich sie für eine völlig falsche schulpolitische Weichenstellung", so Klemm. Wenn man in Zukunft keine Aufbewahrungsanstalt für junge Menschen ohne Perspektive haben wolle, dann müsse es Veränderungen geben. "Kurzfristig müssen den Lehrern Sozialarbeiter zur Seite gestellt werden", fordert er.

Neben zahlreichen Vertretern aus der Politik empfiehlt auch der Kriminologe Christian Pfeiffer die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen. Hauptschulen seien vor allem in Norddeutschland immer stärker zu "Verliererschulen" verkommen. Allerdings könne mit einer Zusammenlegung von Schularten die Integration nicht verbessert werden. Dies könne nur erreicht werden, wenn zum Beispiel die "innerfamiliären Gewaltprobleme" türkischer Jugendlicher gelöst würden und den Jungen schon in Kindesalter klargemacht werde, dass ihre Machokultur ein Irrweg sei. An Hauptschulen gebe es nach wie vor die höchste Gewaltrate.

"Notwendig ist ein neuer Schultyp"

Perspektivlosigkeit und mangelnde Bildung verschärfen die Benachteiligung junger Menschen nach Ansicht der schulpolitischen Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Priska Hinz. Die Hauptschule habe keine Zukunft mehr. Das frühe Verteilen von Schülern auf unterschiedliche Schultypen mache keinen Sinn. "Notwendig ist ein neuer Schultyp, in dem Kinder länger gemeinsam lernen und früher individuell gefördert werden können", fordert Hinz.

Ähnlich sieht es der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Ulrich Thöne: "Die Hauptschule ist ein Auslaufmodell", sagte er der "Passauer Neuen Presse". Thöne forderte eine tief greifende Debatte über die Defizite der jetzigen Strukturen. Deutschland könne sich "ein Bildungssystem nicht länger erlauben, das weiterhin nur auf Auslese setzt". Die Hauptschule habe sich über lange Jahre zu einer Art Restschule entwickelt, kritisierte der Gewerkschaftschef. "Das muss ein Ende haben." Die Vorgänge in Berlin, wo sich die Lehrerschaft einer Neuköllner Hauptschule schriftlich über Gewalttätigkeiten und Störungen des Unterrichts beklagt hatte, seien kein Einzelfall. Er hoffe, dass der Appell des Kollegiums aufrüttele.

Defizite bei der Integration

Zu den Ursachen der Probleme sagte er: "Eine Reihe von Jugendlichen fühlen sich seit Jahr und Tag ausgegrenzt, abgestempelt und sehen für sich keine Chance in dieser Gesellschaft. Kaum ein Hauptschüler aus solchen Problemvierteln findet noch einen Ausbildungsplatz. Dadurch entsteht Frust, der sich natürlich zunächst an den Lehrern entlädt." Auch gebe es "gewaltige Defizite bei der Integration", von mangelhaften Deutschkenntnissen bis zu sozialen Problemen. Hier habe die Politik zu lange weggesehen.

Doch nicht alle Beteiligten wollen in den vorschnellen Abgesang dieser Schulform einstimmen. Es gibt aber auch Stimmen, die vor zu pauschalen Urteilen warnen und die Funktionsfähigkeit von Hauptschulen etwa im ländlichen Raum betonen. So hält der Leiter des Instituts für Schulentwicklungsforschung an der Universität Dortmund, Wilfried Bos, nichts von einer zu undifferenzierten Diskussion: "In Bayern, Baden-Württemberg und vielen Landkreisen funktioniert die Hauptschule weitgehend problemlos", sagt Bos. Hingegen sei die Hauptschule in manchen Ballungsgebieten wie in Berlin oder im Ruhrgebiet teilweise zur Restschule geworden. Maßnahmen müssten aber vom Einzelfall abhängig gemacht werden: "Es gibt genauso auch schlechte Gymnasien."

AP/DPA

 
 
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