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14. Februar 2008, 06:13 Uhr

Aufgeweichtes Stammzellenverbot

Forschungszwang oder Tabu: Stammzellen sind ein heikles Thema in Deutschland. Dennoch wird das deutsche Gesetz heute voraussichtlich aufgeweicht und der Importstichtag nach hinten verschoben. Selbst Konservative werden voraussichtlich für die Novelle stimmen - ein Fraktionszwang gilt nicht. Von Hans Peter Schütz

Auf dieser Mikroskopaufnahme sind Embryonen wenige Tage nach der Befruchtung zu sehen© Seoul National University/ AP

Wenn der Bundestag am heutigen Donnerstag seine dreistündige Debatte über eine Novellierung des Stammzellengesetzes beginnt, steht bereits fest, was das Ergebnis nach schätzungsweise zwei Dutzend Redebeiträgen im Parlament sein wird: Das Gesetz verlängert den bisherigen Stichtag für den Import von embryonalen Stammzellen vom 1.1.2002 auf den 1. 5. 2007. Es steht aber auch schon vorher fest: Viele Fragen bei diesem vielschichtigen Thema bleiben offen, weil es keine endgültigen Antworten für sie gibt.

Der Fraktionszwang ist aufgehoben. Das sensible Thema passt nicht in die Zwangsjacke von Parteipositionen. Aber seit längerem bemühen sich vier Gruppen um Zustimmung zu ihrer Position:

Pragmatische gegenüber Radikalen Reformern

1. Die Gruppe der pragmatischen Reformer. Bei ihr haben 185 Abgeordnete unterschrieben. Ihr Ziel ist eine behutsame Veränderung des Gesetzes. Statt des Stichtags 1.1.2002 soll der Stichtag 1.5.2007 ins Gesetz geschrieben werden. Die Mehrheit im Bundestag gilt als gesichert, zumal sich auch die Kanzlerin Angela Merkel und Forschungsministerin Annette Schavan dafür einsetzen.

2. Die Gruppe der radikalen Reformer. Zu ihr haben sich bisher 92 Abgeordnete bekannt. Sie treten dafür ein, die Stichtagsregelung ganz zu streichen. Zu diesen Abgeordneten gehört zum Beispiel die stellvertretende CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Katherina Reiche, die das geltende Stammzellengesetz für eine "folgenschwere Behinderung der medizinischen Forschung" hält. Diese Gruppe fordert auch, dass deutsche Forscher, die im Ausland mit embryonalen Stammzellen jüngeren Datums arbeiten, sich nicht länger strafbar machen.

Bewahrer und rigorose Gegner

3. Die Gruppe der Bewahrer. Sie umfasst 149 Abgeordnete. Sie haben ursprünglich dem ersten Stammzellen-Termin schweren Herzens zugestimmt, lehnen aber einen zeitnäheren Termin ab. Von dieser Gruppe stammt die Warnung, wenn ein neuer Zeitpunkt festgesetzt werde, verkämen die ethischen Bedenken gegen die Gewinnung von Stammzellen zu einer "ethischen Wanderdüne".

4. Die Gruppe der rigorosen Gegner des geltenden Gesetzes. Zu ihr bekennen sich 48 Abgeordnete. Sie befürworten den gänzlichen Ausstieg aus der Forschung mit embryonalen Stammzellen, da es der Forschung gelungen sei, etwa aus Hautzellen Forschungsmaterial zu gewinnen.

Nicht nur in Deutschland Beschränkungen

Im Hintergrund der Diskussion steht das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte: Gerade in Deutschland dürfe die Tötung von Embryonen, die schon menschliches Leben darstellten, nicht zugelassen werden. Katharina Reiche lässt diese Argumentation nicht gelten. Auch die Deutschen sollten endlich zur Kenntnis nehmen, dass fast alle westlichen Demokratien und Israel die Forschung mit embryonalen Stammzellen zuließen.

Das stimmt weitgehend. Polen oder Irland erlauben allerdings überhaupt keine Forschung mit embryonalen Stammzellen, Italien erlaubt nur ihren Import ohne Altersbegrenzung. In den anderen EU-Ländern, in Israel und den USA dürfen nicht nur überflüssige Zellen aus künstlicher Befruchtung verwendet, sondern auch durch Klonen hergestellt werden.

Selbst Konservative wackeln

Der Druck, der von diesen Ländern ausgeht, hat in den vergangenen Jahren besonders in der CDU/CSU Wirkung gezeigt. Mehrere Stunden rang der jüngste CDU-Parteitag in Hannover in eindrucksvoller Ernsthaftigkeit um eine gemeinsame Position in der Stammzellenfrage. Am Ende stand eine Mehrheit der Befürworter eines neuen Stichtages, die mit 323 Stimmen zu 301 Stimmen sehr knapp ausfiel.

Bemerkenswert ist dabei, dass Forschungsministerin Annette Schavan, eine profilierte konservative Katholikin, die gerne Bibelworte zitiert, für die Verschiebung des Stichtags auf 2007 eintrat und ihn als "ethisch verantwortbar" nannte. Sie sagte: "Ich bin jetzt in dem Dilemma, der Erwartung meiner Kirche nicht gerecht zu werden."

Stammzellen werden zur Loyalitätsfrage

Schavan hat damit viele konservative Gegner dieses Schrittes verärgert, da sie selbst ursprünglich gegen eine Aufweichung des Gesetzes votiert hatte. Die Ministerin verteidigt sich mit der Begründung: "Es ging mir darum, einen Kompass zu geben und zu respektieren, dass jeder Abgeordnete nur seinem Gewissen verpflichtet ist." Da jedoch in Hannover auch die Kanzlerin - zum Ärger etwa der jungen Konservativen Julia Klöckner aus Rheinland-Pfalz - für die Verschiebung eingetreten ist (und wahrscheinlich damit die knappe Mehrheit sicherte), ist die Gewissenfrage für viele in der Union zu einer Loyalitätsfrage geworden. Natürlich ist heute im Bundestag die Merkel-Linie nicht bindend für die Unionsabgeordneten, aber selbstverständlich hat das Wort der Kanzlerin Gewicht. Der CDU-Abgeordnete Hubert Hüppe klagt: "Es wäre besser gewesen, die Parteispitze hätte sich zurückgehalten."

Die Entscheidung in Hannover ist sowohl von der katholischen als auch der evangelischen Kirche massiv kritisiert worden. Aber wie das Parlament streiten sich die beiden Kirchen in der Stammzellen-Frage. Als der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber ebenfalls für eine Verschiebung des Stichtags eintrat, warf ihm der damalige Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, vor, damit werde die Ökumene belastet.

Befürworter: Vorhandene Zellen sind verunreinigt

Die Befürworter einer völligen Freigabe der Forschung mit embryonalen Stammzellen, die vor allem in der FDP zuhause sind wie die Abgeordnete Ulrike Flach, argumentieren damit, dass die vorhandenen Zellen mit Viren verunreinigt und für die Forschung teilweise unbrauchbar seien. Die einmalige Verschiebung helfe da wenig, denn in fünf Jahren stehe man wieder vor dem gleichen Problem. Diese Gruppe hält das geltende Gesetz grundsätzlich für verfassungswidrig, da es auf eine Einschränkung der im Grundgesetz geschützten Forschung hinaus laufe.

Im Bundestag dürften die Pragmatiker eine Mehrheit über die Ethiker sowie die Rigoristen einer generellen Freigabe erringen. Die pragmatische Linie nimmt die sich mehrenden drängenden Forderungen aus den Forschungslabors zur Kenntnis. Die Experten dort fordern den Import jüngerer Zellen, da nur so medizinische Erfolge möglich seien. Zwar gibt es Stimmen, die sagen, dass künftig auf jüngere Stammzellen zu verzichten sei: Wissenschaftler hätten in jüngster Zeit erfolgreich aus Hautzellen von Erwachsenen Zellen gewonnen, die so wandlungsfähig seien wie embryonale Stammzellen. Aber die Forscher widersprechen dieser Prognose. Es sei ein schwerer Denkfehler, warnt etwa das Max-Planck-Institut für Molekulare Biomedizin, zu glauben, man könne von nun an auf embryonale Stammzellen verzichten.

Debatte über Ethik des Heilens nicht zuende

Unterm Strich der heutigen Debatte wird somit zwar die Entscheidung für einen neuen Stichtag stehen. Aber die Debatte über die Ethik des Heilens und jener der Kultur des Lebens wird natürlich weitergehen. Das ist eine elementare Debatte, die zu Recht dem Fraktionszwang entzogen ist. Und ob der Traum vom ewigen Leben in guter Gesundheit sich jemals erfüllen wird, muss ohnehin offen bleiben. Über den Jungbrunnen für uns alle stimmt dieser Bundestag ganz gewiss nicht ab.

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 10)
 
Asteriskina (14.02.2008, 16:17 Uhr)
sorry...
Vertipper: Baterie sollte Materie heißen;-)
Asteriskina (14.02.2008, 16:15 Uhr)
Zellklumen
@feldsalat: Zitat"Wohlgemerkt, es geht um Zellen, die aus einem Zellklumpen entnommen werden, die für mich noch nichts greifbar ‘Menschliches’ haben"
Meine Güte, wenn man nicht einmal weiß, was diese von Ihnen so herabsetzend als Zellklumpen betitelte Baterie beinhalten, sollte man nicht mitreden.
Hier wird eine Barriere durchbrochen, zu der niemand ein Recht hat und schon gar nicht eine Legitimation. Und - wie ich schon anmerkte - es handelt sich zudem um Eigentum. Ohne Einverständnis des Besitzers wäre ohnehin nichts zu machen. Dass man es dennoch tut, ohne Rücksicht, ist so unglaublich, wie die gesamte Anmaßung, in diesen, bisher letzten geschützen Bereich, einzudringen. Die Folgen werden katastrophal sein, auch wenn versucht wird, das weitgehend zu vertuschen.
In diesme speziellen Fall gibt es von mir ein glasklares Nein und ein Abgeordneter darf sich auch im meinem Namen nicht dafür aussprechen. Es übersteigt seine von mir (und en Bürgern) erteilte Kompetenz.
testsieger2006 (14.02.2008, 11:09 Uhr)
Halbwissen UND Doppelmoral
Da kriechen wieder genau dieselben Halbgebildeten aus ihren Löchern, die sich sonst mit lauter Stimme zu Wort melden, wenn es um Zwangsverpflichtung zur Organspende geht. Lieber Personen bzw. deren Angehörige quälen und über deren Körper ethisch-moralisch verfügen wollen, als "Stammzellen" zu benutzen. .
.
Klar kann man damit auch Geschäfte machen. Das ist nun mal der Motor im Kapitalismus... Im Kommunismus war der beste Motor das Militär.
feldsalat (14.02.2008, 10:48 Uhr)
Ergänzung
Wohlgemerkt, es geht um Zellen, die aus einem Zellklumpen entnommen werden, die für mich noch nichts greifbar ‘Menschliches’ haben. Zellklumpen, die sich bis zu dem entscheidenden Entwicklungsstadium nicht wesentlich von den Stammzellen eines Molches unterscheiden, wobei die Forschung an dessen Stammzellen (natürlich!) kein Problem wäre – ebenso wenig wie bei einem Schwein, einer Kuh, einem Hund, einer Katze …
feldsalat (14.02.2008, 10:45 Uhr)
Doppelmoral
Ich mag dieses pseudo-ethische Gerede (z.B. von diversen Kirchenvertretern) nicht mehr hören, steckt darin doch eine gehörige Portion Doppelmoral und - mal wieder – die arrogante Vorstellung, dass der Mensch die Krone der Schöpfung ist.
Ist er für mich nicht. Für mich ist alles, was lebt, wunderbar, schützenswert und gut (= ‘göttlich‘), eine Rangfolge des Schützenswerten mit dem Menschen an der Spitze gibt es für mich nicht.
Und ‘Doppelmoral‘ deshalb, weil man 1. diese Zellen nur aus dem Ausland, aus den USA und Israel z.B., beziehen darf (sind die menschlichen Zellen dort weniger wertvoll??? ), und 2. weil man mit diesen Zellklumpen bedeutend sensibler umgeht, als man es mit tatsächlich geborenen Menschen oft tut. (In diesem Stadium kostet der Mensch den Staat ja auch noch kein Geld.) Doppelmoral auch deshalb, weil man an allen Ecken und Enden die Mittel streicht, Gesundheit immer unbezahlbarer gemacht hat, das Existenzminimum der Menschen nicht mehr wirklich sichert, Kinder und Jugendliche nicht so unterstützt, dass sie ohne Armut, Langeweile und wirkliche Perspektive, sinnvoll gefördert und beschäftigt aufwachsen, und weil man Alte teilweise unter menschenunwürdigen Umständen dahin vegetieren lässt.
Außerhalb des Mutterleibes lebend interessiert der einzelne Mensch unsere Politiker kaum noch wirklich, besonders dann, wenn seine sinnvolle und ausreichende Unterstützung den Staat eine Menge Geld kosten würde, (was man andererseits offenbar unfähigen Bankern aber ohne größere ethische Probleme in den Allerwertesten stopft, obwohl dabei alle Steuerzahler für die Gier einzelner Finanzmanager zu haften haben).
Bratwurstgrab (14.02.2008, 09:11 Uhr)
vielleicht
sollten wir die Medizin ansich auch gleich verbieten? Denn ob überschüssige Embryonen in Stickstoff schwimmen und irgendwann entsorgt werden oder der Forschung nutzen ist (fast) genauso wie die Nutzung von Körpern für die Anatomiestudien in der Uni. Ohne Forscher, die schon vor 1000 Jahren die damaligen Grenzen der Moral hinterfragt und gegen den Willen der Kirche Leichen seziert haben, hätten wir die ganze heutige Medizin nicht. Um es klarzustellen: ich finde auch, die Pharmakonzerne und ihre Verantwortlichen gehören großteils hinter Gitter, aber den Nutzen von dieser Forschung kann man nicht wegreden.
Der langfristige Nutzen überwiegt hier aber mMn die Bedenken bei weitem. Ich stelle mir vor, dass zukünftig schon vor der Geburt Stammzellen entnommen und eingelagert werden und bei Bedarf wenn der Mensch einen Unfall oder eine schwere Krankheit hat, aus diesen Organe gezüchtet werden und dem Menschen ein normales Leben ermöglichen.
Asteriskina (14.02.2008, 08:01 Uhr)
Unglaublich!
Es gibt Grenzen, die es einzuhalten gilt, weil es IMMER Menschen gibt, die Missbrauch betreiben. Das ganze wird zu einem gigantischen Geschäft unter dem Deckmantel der Forschung.
Wie rücksichtslos vorgegangen wird, beweist ja nicht nur das Überschreiten jeglicher ethischer Grenzen im Namen der Forschung. Vielmehr werden die Eizellenbesitzerinnen gar nicht gefragt, ob sie mit der derartigen Verwendung ihres Eigentums einverstanden sind. Wieder einmal werden Frauen degradiert und für mehr als zweifelhafte Zwecke missbraucht. Frauen sollten sich dagegen wehren, so geht das einfch nicht, bei allem Verständnis für Forschung.
pops (14.02.2008, 07:35 Uhr)
War doch von Vornherein
klar, oder? Sobald damit von den richtigen Leuten ein Haufen Kohle zu verdienen ist, wird ALLES früher oder später den Bach hinunter geschickt, oder? Schönen Tag noch: Pops
ganzbaf (14.02.2008, 07:02 Uhr)
Am besten künstliche Befruchtung gleich auch verbieten

Dann fallen die Fragen erst gar nicht an.
ganzbaf (14.02.2008, 06:59 Uhr)
"Pragmatiker"...

sind rückgratlose Umfaller, und sonst gar nichts.
.
Alle "Zellklümpchenbefürworter" sollen doch bitte mal kund tun, ab welchem Frühstadium sie ihr EIgenes(!) "Zellkümpcheleben" der Wissenschaft zum Experiemtieren hergegeben hätten........?...!
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