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13. November 2008, 17:52 Uhr

Tiefensee und die Würstchen-Theorie

Muss er denn nun gehen oder darf er bleiben? Der Bundestag debattierte am Donnerstag geschlagene zwei Stunden über das politische Schicksal von Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee. Das Ergebnis war eindeutig: Die Große Koalition hält zwar an dem SPD-Mann fest, aber das Ansehen des Bahn-Ministers ist auch im Parlament erheblich ramponiert. Von Hans Peter Schütz

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Darf Bundesverkehrsminister bleiben: Wolfgang Tiefensee© Arno Burgi/DPA

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Christian Carstensen stand am Rednerpult des Bundestags und sprach nicht zu den anderen Volksvertretern. Er blickte nach oben in die Ränge des Plenarsaals und fragte das dort versammelte Volk. "Haben Sie sich die Politik so vorgestellt?"

Ganz gewiss nicht. Wohl ein Glück für Carstensen, dass er die Kommentare der Menschen auf der Besuchertribüne nicht hören konnte. Denn als der SPD-Mann sechsmal hintereinander den Ruf ausstieß "Gut gemacht, Herr Tiefensee," tippte sich ein älterer Herr gegen die Stirn und fragte den Nebensitzer: "Sag mal, spinnt denn der?"

Vermutlich hatte dieser Bundesbürger in den vergangenen Tagen mehrfach gelesen, dass Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee, über den hier debattiert wurde, eigentlich vor dem Rauswurf aus dem Kabinett der Großen Koalition stand. Sogar den eigenen Genossen stand ihr "Flachwasser" bis zum Hals. Hatte der doch verschlafen, wie die Bahn AG ihren Managern sechsstellige Zuschüsse zuschustern wollte, seinen Staatssekretär Matthias von Randow auf Steuerzahlers Kosten zum Spazierengehen geschickt und einmal mehr bewiesen, dass er Bahn-Chef Hartmut Mehdorn nicht gewachsen ist. Und so einer wird dennoch im Parlament so hochgejubelt? Sitzt zwei Stunden auf der Ministerbank, lutscht Bonbons, schwatzt mit dem Kollegen Sigmar Gabriel und lächelt und lächelt und lächelt.

Ein Glück fürs Ansehen der Demokratie beim Volk, dass die Besucher, die Carstensen hatten lauschen müssen, nicht das Ende der zweistündigen Debatte erleben durften. Denn dann wurde über den von der FDP eingebrachten, von Linkspartei und Grünen unterstützten Antrag abgestimmt, Verkehrsminister Tiefensee zu feuern. Dagegen stimmten 414 Abgeordnete von CDU/CSU und SPD, dafür nur 156. Und blitzschnell verdrückten sich die Volksvertreter nach der namentlichen Abstimmung wieder aus dem Plenarsaal. Kanzlerin Angela Merkel hatte sich erst zum Ende der Debatte auf ihren Regierungschefin-Stuhl gesetzt, dem mit der erhöhten Lehne, und sich ganze drei Minuten vierundvierzig Sekunden im Plenarsaal aufgehalten.

Für zehn Minuten war der Bundestag vor der Abstimmung voll. Die meisten steckten nur ihre Karte in die Zählbox und weg waren sie wieder. Die Spitzen von Union wie SPD waren zu Beginn abwesend. Später plauderten Peter Struck und Volker Kauder in der hintersten Reihe über was auch immer, aber nicht über Tiefensee. Vorne durften endlich einmal die Mitglieder des Verkehrsausschusses auflaufen. Ihr Abgeordneten-Publikum zählte allerdings keine 50 Köpfe.

Es wurde über "Möhrchen" philosophiert

Ein Klaus Lippold (CDU) redete, der Chef des Verkehrsausschusses. Seine Parteifreundin Renate Blank durfte ran. Für die SPD kam ein Sören Bartol, den die eigenen Genossen kaum kennen. Dann der Genosse Uwe Beckmeyer. Kennt auch kaum einer. Es trat auf ein Enak Ferlemann (CDU), der Linkspartei-Chef Oskar Lafontaine mit einem unter Verkehrspolitikern schlimmen Verdacht anmachte: "Sie fahren vermutlich nie mit der Bahn." Der CSU-Mann Stephan Mayer wetterte darüber, dass die Linkspartei die "DDR-Schrottbahn" zu verantworten gehabt habe. Viel wurde über "Möhrchen" philosophiert, wie Mehdorn die Bonuszahlungen für den Börsengang der Bahn im stern genannt hatte. Was wiederum einen Redner zu der Überlegung anspornte, ob dieser Mehdorn sich damit nicht als Vorsitzender einen Kaninchenzuchtvereins qualifiziert habe.

Ging es tatsächlich um einen Rücktritt des Ministers Tiefensee? Natürlich nicht, rief Lippold in den Plenarsaal. Lafontaine sei doch viel schlimmer, da der sich einst bei Nacht und Nebel aus dem Finanzministerium geschlichen habe. Wir haben einen "guten Verkehrsminister", jubelte Klaas Hübner von der SPD und blickte etwas säuerlich in die Reihen der CDU/CSU, wo die erste Bankreihe hämisch kicherte. Dem Minister Tiefensee tanze man doch in seinem Hause auf der Nase herum, motzte FDP-Sprecher Patrick Döring. Tiefensee belohnte ihn nicht einmal mit einem Blick, zu sehr war er ins Geplauder mit Gabriel vertieft.

"Wir sind hinter Ihnen"

Zur Sache gab es wenig. Undiskutiert blieb, weshalb Tiefensee sich angeblich erst im September um den Börsenprospekt des Bahnverkaufs interessierte. Ungeklärt, weshalb in einer Abteilungsleiterkonferenz im August über diesen Prospekt und die geplanten Belohnungen in Anwesenheit von Tiefensee diskutiert worden war, der Minister aber angeblich nichts davon mitbekommen hat. Interessantes zum Charakter des Politikers Tiefensee wusste allerdings der Freidemokrat Horst Friedrich beizutragen: Der habe mit seiner ersten Amtshandlung als Minister energisch angeordnet, dass auf dem Briefpapier sein Titel "Bundesminister" künftig deutlich größer aufzudrucken sei. Tiefensee plauderte noch immer mit Gabriel.

Drei Höhepunkte erlebte diese tief im politische See der Verkehrspolitik hilflos herumpaddelnde Debatte. Erstens, als Klaas Hübner für die SPD dem Minister versicherte "Wir sind hinter Ihnen" und den Satz schnell umformulierte in "Wir sind bei Ihnen." Zweitens, als Fritz Kuhn für die Grünen über die Milde der Union gegenüber Tiefensee räsonierte und sagte, dass die CDU sich wohl freue auf "einen so lausig schwachen SPD-Minister im Wahlkampf." Und drittens als Lafontaine seinen einstigen Rücktritt als SPD-Finanzminister Gerhard Schröders mit dem Satz verteidigte, es gebe eben Situationen in denen ein Minister politische Verantwortung übernehmen müsse. Weshalb Tiefensee Minister bleibe sei völlig klar: "Politische Würstchen treten nicht zurück, weil sie viel zu feige sind."

Das war der einzige Augenblick, an dem Tiefensee nicht mit Gabriel schwatzte.

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
Ingenlath (15.11.2008, 10:02 Uhr)
Fräulein Gisella
Natürlich werden sie bedroht, wenn sie als Mitarbeiter die Vorgänge in Leipzig thematisieren. Ich habe in diesem Konstext mal eine Zeugenaussage in einem Strafgerichtsprozess in Leipzig gemacht und bin dann von der damaligen Amtsleiterin des Leipziger Rechtsamtes persönlich bedroht worden, ob meiner Zeugenaussage vor Gericht. Pikant daran war, dass die Dame gleichzeitig noch Mitglied des Sächsischen Verfassungsgerichtshofes war. Das ist im Übrigen ein wesentlicher Punkt bei den ganzen Skandalen in Sachsen: Die Justiz ist Teil des Parteiapparates und fungiert als verlängerter Arm der Parteipolitik.
Sie dürfen zudem nicht verkennen, dass die Parteien im Osten unseres Landes `KADERPARTEIEN´ sind: Von den Mitgliederzahlen sind SPD wie CDU eher Marginalien - von den Grünen und der FDP ganz zu schweigen. All diese Kleinstparteien fungieren lediglich als Aufzuchtbasis für Personal in Verwaltung, Justiz und Parlamenten; sie stehen jedoch nicht für irgendeine Programmatik oder gar einen demokratischen Willensbildungsprozess. Das führt dazu, dass Köpfe wie Tiefensee in der Regel über wenig inhaltliche oder fachliche Kompetenz verfügen, sich aber zu 100 Prozent auf die Partei und ihre Strukturen in den Medien und der Justiz verlassen können.
Wenn der Osten sich also nicht entwickelt - trotz der Mrd-schweren Transfers, so hat dies auch damit zu tun, dass unser Parteiensystem dazu tendiert, schwache und politisch abhängige Persönlichkeiten in höchste Ämter des Gemeinwesens zu befördern. Im Osten ist dies um ein Vielfaches stärker ausgeprägt als im Westen. Um mal ein bonmot zu bemühen: Wer im Osten der Republik nichts wird, wird hier nicht Wirt sondern geht in die Partei ... !
MfG
Ulrich Ingenlath
pitiplatsch (14.11.2008, 19:52 Uhr)
So ist die
Politmafia, diejenigen stützen die nur doof sind. Die Flachzange und seine Kollegen sollten mal auf ne normale Landstrasse gehen und den Verkehr beobachten. Da fahren die dicksten LKW durch die Gegend wegen den Mautgebühren, machen die Strassen kaputt behindern den normalen Verkehr kosten damit einen Haufen Geld und Zeit. Das wird dieser unfähige Haufen der sich Politiker nennt, nie kapiern. Vom Tiefen Seeee garnicht zu sprechen, und die Kriegskanzlerin fährt die Republik an die Wand und merkelts nicht mal. Gute Nacht Deutschland.
Gisella (14.11.2008, 15:10 Uhr)
Herr Ingenlath
Ich habe Ihren Beitrag schon mal gelesen. Wie Sie sehen, alles kann hier "regieren", eben mit einer solchen Vergangenheit.Es wundert mich, dass man Sie noch nicht "angegriffen" hat. Aber-es gibt sooooo viele "Tiefensees" hier in Deutschland, immer gibt es für solche Menschen einen anderen, neuen , besseren Posten. es ist wirklich unglaublich.
Ingenlath (14.11.2008, 14:11 Uhr)
Tiefensees Vergangenheit und Zukunft
Als ehemaliger Mitarbeiter Wolfgang Tiefensees in Leipzig, muss ich Sie doch einmal aufklären über die Hintergründe seiner Demission nach Berlin.
Als Leipziger OBM stand Tiefensee `Pate´ für eine Reihe von rechtlich und haushalterisch sehr unsauber gemanagten kommunalen Projekten (Cross-Border-Leasing, Betrieb für Beschäftingsförderung, City-Tunnel, Abriss denkmalgeschützer Häuser, Zentral-Stadion-Umbau, Olympia 2012, Kaminski und v. Hermanni-Affäre, Haushalts- und Fördermittelbetrügereien etc.). Das Ergebnis der Ära Tiefensee in Leipzig war eine völlig überschuldete und bezüglich des Image heruntergewirtschaftete Großkommune mit der höchsten Arbeitslosenquote und einer bis heute größtenteils lethargischen Bürgerschaft.
Damals war die einzige Rettung für den `Macher´ Tiefensee, ein Amt in Berlin. Für den MdB war er sich damals selber zu schade. Heute ist er dankbar, wenn er im Herbst 2009 auf den relativ sicheren Platz von MdB Gunter Weißgerber nachrücken darf, was ihm ganz nebenbei auch noch die strafrechtliche Immunität sichert.
Dass der BM Tiefensee das Vertrauen der Mehrheit des Dt. Bundestages genießt, sagt weniger etwas über ihn aus, als über die Qualität unseres Parlaments und den Zustand der Regierung.
Die Republik erlebt halt eine bleierne Zeit. Personen wie de Maiziere, Tiefensee, Jung oder auch Glos personifizieren diesen Zustand nur.
MfG
Ulrich Ingenlath
Gisella (14.11.2008, 11:39 Uhr)
an Prato
-und der war es, was uns veranlasste, nicht mehr in die Selbständigkeit -Trucker -zurückzukehren. Tiefensee, der nichts für uns tut-im Gegenteil.Warum es soweit gekommen ist- weil sich diese Branche im Gegenteil zu der "Amerikanischen" alles gefallen lässt und das schon jahrelang.
Prato61 (14.11.2008, 09:18 Uhr)
Verbrechen?
Ich frage mich schon seit Jahren, welcher Verbrechen sich die Transport- und Logistikbranche schuldig gemacht hat, dass das Verkehrsministerium regelmäßig mit den größten Blindgängern besetzt wird. Als unter der Regierung Kohl der Dauergrinser Wissmann diesen Ministersessel enterte, dachte die ganze Branche, nun ist der Punkt errreicht, wo es nicht mehr schlimmer kommen kann.
Denkste!!!!
Um die Kompetenz der Nachfolger von Wissmann hinreichend zu kommentieren, fehlen mir schlicht und ergreifend die Worte.
raskas (13.11.2008, 19:49 Uhr)
Ostquoten-Minister
Tiefensee ist ein typischer Ostguoten-Minister, ebenso wie es Manfred Stolpe war. In der Vergangenheit konnte man im Verkehrsministerium nicht viel falsch machen, doch die Zeiten haben sich geändert (Bahnprivatisierung etc.). Da ruft die Kanzlerin die einerseits die Bildungsrepublik aus und stützt gleichzeitig einen derart inkompetenten Minister. Tiefensee hätte schon lange geschasst werden müssen - und mit ihm Bahnchef Mehdorn. Es rächt sich jetzt, dass im Bundestag eigentlich nie grundsätzlich darüber diskutiert wurde, was die Bahn denn sein soll: Bezahlbarer und zuverlässiger Dienstleister für die Bürger oder Global Player. Der Börsengang wird doch seit Jahren als alternativlos propagiert, obwohl 75 Prozent der Deutschen dagegen sind. Selbst jetzt in Zeiten der Finanz- und Börsenkrise halten die Protagonisten weiter daran fest. Es ist eine Verhöhnung des Volkswillens, für die die angeblich so beliebte Angela Merkel die Hauptverantwortung trägt. Bei der sogenannten Gesundheitsreform hat sie genauso versagt. Reine Lobbypolitik: Ich frage mich, wie lange sich die Bürger das noch gefallen lassen.
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