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18. November 2010, 22:12 Uhr

Wie Sorge zur Hysterie wird

Der Innenminister sieht keinen Grund zur Terror-Panik, die Aufregung um ein "verdächtiges Gepäckstück" in Namibia verdeutlicht aber: Sorge droht schnell in Hysterie umzuschlagen. Von Dirk Benninghoff

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Ein Flieger von Air Berlin: Hätte die Fluggesellschaft beinahe ein Terrorpaket transportiert? So genau weiß man das nicht, die Aufregung war dennoch groß© Arno Burgi/DPA

In Deutschland geht die Angst vor einem Anschlag um - und eine Geschichte verdeutlicht wie keine zweite, wie nervös die deutschen Behörden derzeit sind. Die Karriere eines Gepäckstücks, das möglicherweise ganz harmlos war.

10:42 Uhr: Das Bundeskriminalamt (BKA) informiert: "Bei der Verladung des Gepäcks in einen Airbus der Fluggesellschaft LTU/Air Berlin von Windhuk nach München isolierte die namibische Polizei ein verdächtiges Gepäckstück. Beim anschließenden Durchleuchten wurden Batterien, die über Kabel mit einem Zünder und einer laufenden Uhr verbunden waren, sichtbar." Das Worst-Case-Szenario: Eine Bombe in einem deutschen Charterflieger. Aber so richtig klar ist zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal, ob es wirklich ein Sprengsatz ist und ob er funktioniert hätte.

11:13 Uhr: Die Nachrichtenagenturen überschlagen sich mit Eilmeldungen. Eine schreibt: "Die namibische Polizei hat einen möglichen Sprengstoffanschlag auf einem Flug nach Deutschland vereitelt."

Air Berlin greift ein

11:30 Uhr: Die Meldung ist Aufmacher auf fast allen Nachrichtensites. "Verdächtiges Gepäckstück in Flug nach München", schreibt eine. Dabei war das Paket nie im Flieger. Die Sachlage ist weiter unklar: Ob es sich um einen zündfähigen Sprengsatz handele, werde sich erst durch kriminaltechnische Untersuchungen feststellen lassen, heißt es vom BKA.

11:53 Uhr: Air Berlin gibt Entwarnung. Das Gepäckstück sei gar nicht für einen Flug nach Deutschland bestimmt gewesen. Das Objekt sei in einer Halle am Flughafen gefunden worden, in der auch - aber nicht ausschließlich - das Gepäck von Air-Berlin-Passagieren abgefertigt wurde, sagt eine Sprecherin. Es habe sich um ein undeklariertes Objekt gehandelt, das nicht an einen bestimmten Zielort adressiert war.

12:35 Uhr: Jetzt wird es richtig konfus. Bundesinnenminister Thomas de Maizière widerspricht Air Berlin. Es spreche vieles dafür, dass der Koffer für München bestimmt war, sagt er am Rande der Innenministerkonferenz in Hamburg. Beamte des Bundeskriminalamtes sollen deshalb nach Namibia reisen und das Gepäckstück vor Ort untersuchen. Ob es sich um einen zündfähigen Mechanismus handelt, ist noch immer unklar. Einzelheiten würden erst in den nächsten Tagen bekannt, sagt der Minister, "und dann auch selbstverständlich (...), wenn die Ergebnisse zuverlässig sind, der Öffentlichkeit mitgeteilt".

Ein weißer Fleck auf der Terror-Landkarte

12:59 Uhr: Die Agenturen stört das nicht. Sie kümmern sich bereits intensiv um den vermeintlichen neuen Hort des Verbrechens: das ehemalige Deutsch-Südwest, in dem bislang nur wilde Tiere gejagt wurden, aber keine Terroristen. "Namibia steht nicht auf der Terrorismus-Landkarte", lautet der Titel eines Experteninterviews.

Auf der Karte wird Namibia wohl auch nie landen. Fest steht bislang nur eins: Das verdächtige Stück war eine in Plastik eingewickelte Laptoptasche. Sonst ist nichts gewiss: Weder ist erwiesen, dass das Gepäckstück für Deutschland bestimmt war, noch, ob in der Tasche ein funktionsfähiger Sprengsatz steckte. Nach dem, was zuletzt aus Namibia verlautete, ist es sogar höchst fraglich. Aus namibischen Polizeikreisen hieß es, dass wohl kein Zünder und auch kein Sprengstoff in der Tasche waren.

Auch ist unwahrscheinlich, dass das Paket kurz davor war, an Bord zu gelangen. Die korrekte Schlagzeile müsse also lauten: "Verdächtiges Gepäckstück entdeckt, das möglicherweise für Deutschland bestimmt war". Eine vage Geschichte - die reichlich Aufregung verursacht hat. Wie sagte doch der Innenminister: "Es gibt Grund zur Sorge, aber keinen Grund zu Hysterie."

Und am Abend wurde die Geschichte nochmals kurioser: Nach ZDF-Informationen soll der Koffer keinerlei Sprengstoff enthalten haben. Es habe sich um offensichtlich um eine Art Testlauf mit einem Dummy einer Behörde gehandelt, berichtete das "heute journal" unter Berufung auf US-Sicherheitsbeamte. Auch der US-Sender CNN berichtete unter Berufung auf Ermittlungskreise, das Gepäckstück habe kein explosives Material enthalten.

Von Dirk Benninghoff
 
 
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