Im Kino mit Merkel

13. Mai 2013, 06:37 Uhr

"Die Legende von Paul und Paula" war nicht nur ein DDR-Kultfilm über wilde Liebe, Rausch und tiefe Sehnsucht. Er ist auch Angela Merkels Lieblingsfilm. Ein Bericht von einem etwas anderen Kinobesuch. Von Sophie Albers

Angela Merkel, Kanzlerin, Die Legende von Paul und Paula, Andreas Dresen, Filmakademie, Iris Berben, Volker Kauder, Angelica Domröse, Winfried Glatzeder

Reihe sechs, Platz acht: Angela Merkel neben ihrem Mann Achim Sauer in ihrer ganz persönlich-politischen "Die Legende von Paul und Paula"-Vorführung.©

Erinnern Sie sich an das unangenehme Gefühl, wenn man mit den Eltern fernsieht, und plötzlich gibt es eine Sexszene? Und jetzt stellen Sie sich bitte mal vor, Sie gucken mit der Bundeskanzlerin den Kult-Liebesfilm "Die Legende von Paul und Paula": freie Liebe, Bäumchen-wechsel-dich und zügelloses Verlangen, bis das Hemd reißt, während Angela Merkel drei Reihen vor einem sitzt und ihren Mann anlacht, wenn Paul und Paula sich ihre Liebe zubrüllen. Es war ein, gelinde gesagt, seltsamer Kinoabend. Allerdings hat Merkel trotzdem wieder volle Punktzahl geholt.

Vor eineinhalb Jahren hat die Deutsche Filmakademie die schöne Gesprächsreihe "Mein Film" aus der Taufe gehoben: Bedeutende Vertreter aus Kultur und Gesellschaft stellen ihren Lieblingsfilm vor. Passenderweise hat ausgerechnet Merkels Herausforderer Peer Steinbrück damals den Anfang gemacht, mit dem Vietnam-Drama "Die durch die Hölle gehen". Er habe eine "intensive, stets unsentimentale Einführung" gegeben, heißt es. Das kann Merkel knapp vier Monate vor der Wahl nicht passieren.

"It's Menscheln, stupid"

Man wird den Eindruck nicht los, dass ihr Wahlkampf-Manager eine einzige Losung ausgegeben hat: "It's Menscheln, stupid!" Über Nacht scheint Merkel ihre "verstockte Uckermarkigkeit" (Merkel über Merkel) abgelegt und die ultimative Charmebolzigkeit entdeckt zu haben. Wie schon beim "Brigitte"-Talk vor zehn Tagen hat die Kanzlerin auch diesmal den Saal gerockt: 156 Gäste im Berliner Kino Filmkunst 66 hatten eine gute Zeit. Naja, 155. Der Kollege von der "Bild"-Zeitung, der den intimen Kreis nutzen wollte, um Merkel brutalstmöglich mit ihrer Kommunistenvergangenheit zu konfrontieren, wurde ausgebuht. Allerdings war Merkel so gut drauf, dass sie ihn mit lächelnder Lässigkeit "rettete". Nur hinterher sagte sie zu "Paul und Paula"-Star Winfried Glatzeder, es sei "furchtbar".

Glatzeder, der im Film den Paul gibt und 1973 zum Sexsymbol der DDR avancierte, sagte zu stern.de, dass ihn die Filmwahl der Kanzleri rühre. "Es hat sich in unser Gedächtnis eingefräst, was wir damals in der Zeit des Aufbruchs erlebt haben. Sie war 18, das heißt, sie wird den Film mit ihrem damaligen Freund gesehen habe."

Dem widerspricht Merkel später. Sie verbinde mit "Paul und Paula" keine eigene Liebeserfahrung, aber natürlich habe sie zu den drei Millionen Zuschauern gehört, die den Film damals zu einem der erfolgreichsten der DDR gemacht haben. Er habe sie begeistert, und er habe einen Nerv getroffen, weil es um das tatsächliche Leben ging, "Gefühl, Leidenschaft, Freude". Leidenschaft, Frau Merkel? Leidenschaft! Das seien Probleme, die jeder kennt. "Man hat Liebeskummer, man ist verliebt. Das ist zeitlos." Sie wirkt ein bisschen aufgeregt, als sie sagt, dass sie den Film fast 40 Jahre lang nicht mehr gesehen habe. Dann blickt sie lachend zu ihrem Mann und sagt "Mal gucken, ob wir immer noch so angerührt sind."

Angela Merkel, Kanzlerin, Die Legende von Paul und Paula, Andreas Dresen, Filmakademie, Iris Berben, Volker Kauder, Angelica Domröse, Winfried Glatzeder

Merkel zwischen den Idolen ihrer Jugend: die "Paul und Paula"-Stars Angelica Domröse und Winfried Glatzeder.

"Ich war ja Bardame"

Sie ist es! Als nach 105 Minuten das Licht wieder angeht und sie nach vorn gebeten wird, um mit Regisseur Andreas Dresen ("Sommer vom Balkon", "Wolke 9") über "Paul und Paula" zu sprechen, ist sie sichtlich gefühlsbeduselt - sagt es auch, und lächelt, lächelt, lächelt. "Das ist schon 'ne dolle Sache", entfährt ihr als erstes. Sie erzählt geradezu begeistert von ihren Kinoerfahrungen in der Studienzeit - von Frank Schöbel, Chris Doerk und Gojko Mitic.

Und gemäß ihrem vermuteten neuen Credo betont sie ungefähr fünf Mal in Folge das "Menschliche". Im Film wie in der Wiedervereinigung. So viel Politikerin muss sein. Aber natürlich könne "Paul und Paula" auch Menschen begeistern, die nicht in der DDR gelebt haben.

Ostalgisch wird es, als sie berichtet, in der Unizeit "auch Disko gemacht" zu haben, dass sie nicht DJ, sondern "Bardame" war und den Kirsch-Wodka auch besorgen musste. Klar hatte sie Jeans, die erste Beatles-Platte habe sie in Moskau gefunden und an das Kohlenschleppen erinnere sie sich auch noch. Immer wieder fällt sie Dresen ins Wort, der ihr wohlgesonnen ist und der Kanzlerin in seiner gutherzigen Art den roten Teppich zum Menscheln ausrollt.

Auf Toilette mit Domröse

Als es schließlich um den Blick des Westens auf den Osten und dessen Beurteilung geht, hat besagter "Bild"-Kollege seinen geschmähten Auftritt, an dessen Ende Merkels fulminanter Satz steht:" Ärmer ist die alte Bundesrepublik durch uns aus dem Osten nicht geworden."

Dann ist "Mein Film" mit Merkel auch schon vorbei. Sie bleibt noch ein wenig neben der Kinotür stehen und lässt sich zu dem gelungenen Abend beglückwünschen. Und dann verschwindet sie zusammen mit Angelica Domröse auf die Toilette. Das Gespräch beim Nasepudern bleibt aber leider geheim. Der BKA-Mann war größer als ich.

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